WER NICHTS WEIß MUSS ALLES GLAUBEN

Gekürzte Fassung: http://derstandard.at/2000010339412/Wer-nichts-weiss-muss-alles-glauben

Die Anschläge von Paris sind Geschichte. Die Opfer begraben, die Täter tot. Was bleibt sind die Angst vor weiteren Anschlägen und die Diskussion über bessere Überwachung. Was unterbleibt ist die Analyse des Nährbodens, auf dem solche Gewaltakte gedeihen. Die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Religion, sozialem Elend und fehlender Bildung.

Im Umgang mit Religionen tut sich unsere aufgeklärte Gesellschaft schwer. Auf der einen Seite wollen wir tolerant und politisch korrekt sein, auf der anderen Seite konfrontieren uns Religionen mit einem Gesellschaftsentwurf, der nicht in unser Multikulti-Bild passt. Um den Spagat zu schaffen, sprechen wir von den guten Religionen Judentum, Christentum und Islam, deren Glaubenswahrheiten von Islamisten, christliche Fundamentalisten und jüdisch Orthodoxen lediglich missbraucht würden.

Wer so denkt, hat weder das Alte Testament noch den Koran gelesen. Die feudalistische Ideologie, die uns in den heiligen Schriften offenbart wird, ist mit dem westlichen Ideal einer offenen, toleranten, demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar. Die heiligen Bücher sind die ideologischen und programmatischen Schriften des Patriarchats. Sie rechtfertigen die feudale Ordnung, die sich im Zuge der neolithischen Revolution herausgebildet hat, als eine Gott gewollte.

Während in der vorangegangenen Kultur der Jäger und Sammler noch alle Gruppenmitglieder mehr oder weniger gleichrangig waren, bildeten sich in Pflanzer- und Viehzüchterkulturen allmählich autoritäre gesellschaftliche Strukturen und Hierarchien aus. Die Einsicht in die Natur der Fortpflanzung und die für urzeitliche Verhältnisse umwälzende Erkenntnis, dass der Mann und nicht eine geheimnisvolle Kraft für die Zeugung eines Kindes verantwortlich war, führte zur „welthistorischen Niederlage“ (ENGELS) der Frau.  An der dramatischen Machtverschiebung im Verhältnis der Geschlechter hat sich bis heute nicht viel geändert. Dort, wo die patriarchalische Ideologie ihren Herrschaftsanspruch ungebrochen ausüben kann, werden Frauen entrechtet und brutal unterdrückt.

Zumindest in diesem Punkt, wenn es um die Ächtung von Frauen (und auch von Kindern) geht, sind sich die monotheistischen Religionen erstaunlich einig. Den Mut, offen auszusprechen, "unser Gott will, dass das Weib dem Mann untertan sei (Epheser 5, 22)" haben sie nicht. Statt ehrlicher Worte peinliches Winden. Die Stellung der Frau in einer Gesellschaft ist daher ein untrüglicher Gradmesser für deren Entwicklungsniveau.

Wenn heute zwischen Religion und Fundamentalismus unterschieden wird, ist das  Realitätsverleugnung. Religionen sind fundamentalistisch. Sie müssen fundamentalistisch sein, Im streng religiösen Sinn sind Islamisten, Fundamentalisten und Orthodoxe, die „wahrhaft“ Gläubigen. Sie befolgen Gottes Wort noch so, wie es geschrieben steht.

Es waren auch nicht irregeleitete Islamisten, die in Saudi-Arabien einen kritisch denkenden Journalisten zu 1000 Peitschenhieben, 10 Jahren Gefängnis und 191.000,- Euro Geldstrafe verurteilt haben, sondern das religiöse Establishment. Genauso wenig wie es nur islamistische Terroristen sind, die Frauen am Genitale verstümmeln oder steinigen, weil ihnen Ehebruch unterstellt wurde. Machen wir uns keine Illusionen über das aufgeklärte Christentum. Hätte die katholische Kirche bei uns noch die Macht, würden vermutlich heute nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch bei uns wieder ungehorsame Schafe, die vom Glauben abgefallen sind, auf den rechten Weg zurück geprügelt werden.

Seit jeher beanspruchen Religionen das Recht für sich, ihre Glaubenswahrheiten unter Tabu zu stellen. Aus religiöser Sicht macht das Sinn. Dort wo Religionen überprüfbare Aussagen machen, stehen sie im krassen Widerspruch zur Realität. Abgesehen davon, dass die meisten Glaubenswahrheiten nicht überprüfbar sind, genügen sie nicht einmal der primitivsten Form der Realitätsprüfung, dem intuitiven „für wahr halten“. Welche Möglichkeiten bleiben da noch, Andersdenkende von der Richtigkeit des eigenen Glaubens zu „überzeugen“, wenn nicht Gewalt und Denkverbote? Eine aufgeklärte, laizistische Gesellschaft darf es keiner Religion zugestehen, ihre Glaubensinhalte außer Diskussion zu stellen. Vor allem dann nicht, wenn diese gesellschaftliche Relevanz haben.

Werden bei zwei gleichgestimmten Gitarren in einem Raum die Saiten der einen angeschlagen, schwingen die entsprechenden Saiten der anderen mit. Kein Wunder also, dass der islamische Faschismus die rechtsextremen Töne auch in unserer Gesellschaft immer stärker zum Klingen bringt. Es ist nicht klar, ob die sich abzeichnende Dynamik, die wachsende Radikalisierung beider Seiten, überhaupt noch zu stoppen ist. Wenn, dann sicher nicht mit polizeilichen Maßnahmen alleine. Genauso wichtig, wie gute Polizeiarbeit, ist eine Repolitisierung vor allem der Jugend. Es fehlt in unserer Gesellschaft das Bewusstsein, dass es über die Befriedigung der simpelsten Konsumbedürfnisse hinaus noch etwas gibt, für das es sich zu leben und was sich zu verteidigen lohnt.

Die westliche Demokratie wurde in den letzten Jahrzehnten zu sehr von wirtschaftlichen Lobbys korrumpiert. Der Niedergang der politischen Moral spiegelt sich in der Politikverdrossenheit wider, die immer mehr zu einer Demokratieverdrossenheit wird. Es bedarf daher einer grundlegenden Demokratiereform, die sicher stellt, dass möglichst viele Menschen sich wieder am Prozess der politischen Willensbildung beteiligen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass es besser gewesen wäre, die Nationalsozialisten hätten die Bücher gelesen, statt sie zu verbrennen. Der Welt wäre dadurch viel Leid erspart geblieben. Auch der Krieg gegen den Terror wird nur mit Büchern zu gewinnen sein. Wissen ist die stärkste Waffe. Es ist nicht verwunderlich, dass die Terrororganisation IS sozial deprivierte Jugendliche ohne Bildung und ohne Zukunftschancen anspricht, weil diese sich im neuen Umfeld wieder bedeutend fühlen können. "Was ist nur in euch alle gefahren, dass ihr den Totschläger spielen müsst" lässt Jean Paul SARTRE im Drama "Die schmutzigen Hände" Hoederer den jungen Hugo fragen, der gekommen ist, um ihn zu töten. "Das sind doch Kerle ohne Phantasie; denen ist es ganz gleich, ob sie töten, weil sie gar keine Vorstellung haben, was Leben ist. Mir sind Leute lieber, die Angst vor dem Tode haben; es ist ein Beweis, dass sie zu leben wissen."

Auch in unserem Land dürfen wir es nicht zulassen, dass junge Menschen als Folge ihres sozialen oder kulturellen Hintergrunds Opfer einer „Laissez-faire“ Politik werden. Daran sollten die politisch Verantwortlichen denken, wenn es um die Verteilung der Budgetmittel geht. Der beste Schutz gegen Terror sind Investitionen in Bildung und Integration. Wie mit Jugendlichen, die gefährdet sind, in die Terrorszene abzugleiten, auch umgegangen werden kann, zeigt der Dialog, den Erich Fried mit dem damaligen Führer der „Aktionsfront_Nationaler_Sozialisten/Nationale_Aktivisten", Michael Kühnen, im Gefängnis führte.

Gerade weil die monotheistischen Religionen seit je her eine autoritäre, patriarchalische  Weltordnung anstreben, ist die kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten bitter nötig. Unter Berufung auf Gottes Willen ist Religiösen alles erlaubt. Und Gott will erstaunlicher Weise immer das, was die Gläubigen wollen. Kein Rechtsstaat darf es religiösen Menschen gestatten, „göttliches“ Recht über staatliches zu stellen. Solange Religion Privatangelegenheit bleibt, ist ein konfliktfreies Nebeneinander problemlos möglich. Erst wenn Religionen den Anspruch erheben, ihre Gesetze zur Maxime der allgemeinen Rechtsprechung zu machen, wird es kritisch. Gerade weil ihre heiligen Schriften oft in einem krassen Gegensatz zu unserem geltenden Recht stehen. Es ist wichtig, dass auch nicht religiöse Menschen wissen, welche Ziele Religionen tatsächlich verfolgen und was im Falle einer Machtübernahme auf uns alle zukäme. Die Vertreter der etablierten Religionsgemeinschaften werden sich hüten zuzugeben, dass sie im Grunde dieselben Ziele verfolgen wie Islamisten, Fundamentalisten oder Orthodoxe. Der Wolf frisst solange Kreide, als er es für notwendig hält. Dann erst offenbart er sein wirkliches Gesicht.

Wir haben die kritische Auseinandersetzung mit den etablierten Religionsgemeinschaften bisher gescheut. Vor allem aus Respekt vor religiösen Gefühlen. Um die Gefühle Nichtreligiöser machen wir uns erstaunlicher Weise weniger Sorgen. Satiriker und Kabarettisten dürfen ihren beißenden Spott über Politiker, Künstler, Wissenschaftler ergießen. Nicht aber über Religionen. So als würden wir spüren, dass mit Religiösen etwas nicht stimmt und wir sie besser nicht provozieren sollten. 

Was ist eigentlich so kränkend daran, wenn jemand den Glauben eines anderen nicht ernst nimmt? Wer sich heute auf die Straße stellt und lauthals verkündet, er sei ein Prophet Gottes, müsste bald feststellen, dass die Leute über ihn lachen. Wahrscheinlich würde er sich in seinem Glauben gekränkt fühlen. Aber wen würde das scheren? Die meisten würden sich denken, „ein Verrückter halt!“. Warum machen wir aber bei den Anhängern traditioneller Religionsgemeinschaften eine Ausnahme? Warum beugen wir uns ihrem Anspruch, ihre Glaubenswahrheiten einer kritischen Auseinandersetzung auszunehmen?

Im Gegensatz zu individuellen Wahnstörungen behandeln wir kollektive so, als hätten sie mit Wahn nichts zu tun. Aber womit dann? Wissenschaftlich betrachtet gelten für religiöse Gedankengebäude dieselben Kriterien wie für den Wahn: subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit, Widerspruch zur Realität und die fehlende Bereitschaft, die Glaubensinhalte einer Realitätsprüfung zu unterziehen.

Wie nahe Wahn und Fanatismus, Fanatismus und Terror beisammen liegen, haben nicht zuletzt die Attentate von Paris unter Beweis gestellt. Optimisten mutmaßen, dass der islamische Terror das letzte Aufbäumen des patriarchalischen Weltbildes vor seinem Untergang ist. So wie sich manche Sterne noch einmal zu roten Riesen aufblähen, bevor sie für immer in sich zusammenstürzen und als weißer Zwerg enden Es liegt im Interesse aller, dass die Ära der ideologischen Weltbilder endlich zu Ende geht und eine neue anbricht, in der ein rationales Weltbild vorherrscht, bei dem Einsicht und Wissen im Vordergrund stehen und dessen Annahmen auf Überprüfbarkeit beruhen. Dann endlich wird sich das Leitmotiv der Science Busters „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ erübrigt haben.