In einem berühmt gewordenen Couplet von 1833 prophezeit Nestroy der bornierten, verworfenen Menschheit den nahenden Weltuntergang. Seit jeher  gibt es immer wieder Menschen, die wissen wollen, dass „die Welt auf kein´ Fall mehr lang“ stehen würde. Markante Jahreszahlen, Zeitenwechsel, wie die Jahrtausendwende von 1999 auf 2000, oder Daten, die sich vermeintlich aus der Bibel oder anderen heiligen Schriften ableiten lassen, stehen bei Weltuntergangspropheten hoch im Kurs.

Mittlerweile warnen nicht nur bizarre Sternedeuter, Wahrsager oder Kartenleger vor einem bevorstehenden Supergau, sondern renommierte Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Fachgebieten. Wie schon Nestroy machen Sie die Dummheit und hemmungslose Gier des Menschen für die unterschiedlichen Bedrohungsszenarien verantwortlich. Umweltkatastrophen, Klimaerwärmung, Finanz- und Wirtschaftskrise, Kriegselend und Flüchtlingskatastrophen, gehen alle auf das Konto eines Wesens, das sich selbst als die „Krönung der Schöpfung“ und das Ebenbild Gottes preist.

Wir sehen unseren Platz außerhalb der Natur, wollen die Naturkräfte zähmen und übersehen, dass wir mit den Affen auf dem selben Ast der Evolution sitzen. Die Kräfte, die die Evolution vorantreiben, machen uns zu Getriebenen. Auf der biologischen wie auf der kulturellen Ebene. Zwischen den beiden Evolutionsebenen besteht allerdings ein großer Unterschied: Während der menschlichen Gier auf der biologischen Ebene nach oben hin Grenzen gesetzt sind, fehlen diese auf der kulturellen. Warum?  Ein Lebewesen, dass unentwegt frisst, wird immer fetter und dadurch zu einer leichten Beute für seine natürlichen Feinde. Wenn es nicht schon vorher als Folge seiner Überfettung von alleine stirbt. Die Gattung der Überfresser würde bald aussterben. Anders verhält es sich bei menschlichen „Geldfressern“ in der Wirtschaft. Je mehr Geld sie einnehmen, umso mächtiger werden sie. Anders als in der Welt der Kalorien, fehlt in der Welt des Geldes das natürliche Korrektiv.

Die Evolution kennt keine freiwillige Selbstbeschränkung. Auch beim Menschen nicht. Unser Verhalten steuert der Lust-Unlust-Algorithmus. Ziel ist die Lustmaximierung (=Maximierung des eigenen Vorteils). Kein Mensch würde freiwillig auf einen Vorteil verzichten, es sein denn, der Verzicht stellte einen größeren Vorteil in Aussicht.

Es stimmt. Wir sind Vernunft begabte Wesen, ausgestattet mit der Fähigkeit, die Konsequenzen unserer Handlungen kognitiv einzuschätzen. Wir scheitern jedoch häufig an der Unmöglichkeit, dieses Wissen in die Realität umzusetzen. Vor allem dann, wenn die Konsequenzen mit Unlust einhergehen. Der Mensch denkt vernünftig, handelt aber wider besseres Wissen oft unvernünftig. Im Kleinen wie im Großen.

Von Churchill stammt das Zitat, dass „die Demokratie die schlechteste aller Staatsformen sei, ausgenommen alle anderen“.  Die größte Stärke der parlamentarischen Demokratie, dass Regierungen abgewählt werden können, ist zugleich ihre größte Schwäche, dann, wenn es um die Verordnung unpopulärer Maßnahmen geht. Schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren viele Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, bekannt: Thema Umweltverschmutzung, Treibhauseffekt, Abfallentsorgung, abgesehen von der unfairen Verteilung der Vermögen. Es wurde geredet, aber zu wenig getan. Ganz zu schweigen, dass die parlamentarische Demokratie ohne flankierende Maßnahmen die Möglichkeit beinhaltet, auf demokratischen Weg abgeschafft zu werden. Wie leicht das geht, zeigen die politischen Veränderungen in der Türkei, Polen und Ungarn. Doch auch sonst besteht zur Zeit überall in der westlichen Welt die Gefahr, dass autoritäre Systeme auf demokratischen Weg an die Macht gelangen.

Wir verhalten uns im Grunde nicht anders wie die Passagiere auf der Titanic. Während der Untergang seinen Lauf nimmt, stimmt die Kapelle im luxuriösen Ballsaal Walzer an und vermittelt so den Eindruck, das ohnedies alles in bester Ordnung sei. Das ist möglich, weil unser Gehirn über die einmalige Fähigkeit verfügt, Realität durch Fantasie zu ersetzen. Immer dann, wenn in der Realität nichts mehr geht, kommt das Wunschdenken ins Spiel. Die Unerbittlichkeit des Todes entschärfen wir durch den Glauben ans ewige Leben im Paradies. Dem Schrecken des Lebens, das uns jederzeit alles passieren kann, begegnen wir mit Realitätsverleugnung.

Welche Regierung auch immer ihren Wählern Einschränkungen oder gar Verzicht abverlangte, sähe sich sofort einem skrupellosen Populismus gegenüber, dem es ein Leichtes wäre, die Emotionen der Massen hochzuschaukeln, indem primitiv auf deren Wunschdenken gesetzt wird. Für komplexe Probleme werden einfache Lösungen suggeriert.

Niemand kann es Politikern verdenken, dass sie wieder gewählt werden wollen. Warum sollten Politiker dann schon heute Kredite bedienen, die erst in einigen Jahrzehnten fällig gestellt werden, wenn sie vielleicht gar nicht mehr am Leben sind. Wir sind immer erst nachher klüger, wenn die Katastrophe stattgefunden hat, und stellen dann die unvermeidliche Frage, wie es denn so weit hat kommen können und warum niemand etwas dagegen getan hat, als noch Zeit dazu war.

Doch selbst wenn wir psychisch in der Lage wären, auf die anstehenden Probleme realitätsgerecht zu reagieren, ist die Welt zu komplex geworden, um mit Schnellschüssen etwas Positives bewirken zu können. Stellen wir uns vor, welche Konsequenzen es hätte, beschränkten sich die Massen von heute auf morgen darauf, nur Produkte zu erwerben, die fürs tägliche Leben benötigt werden. Allen Ernstes würde dieser Verhaltensänderung wegen des plötzlichen Konsumeinbruches zur schwersten Krise des Systems überhaupt führen.

Besteht angesichts der Komplexität überhaupt eine Möglichkeit zur Kursänderung? Aus meiner Sicht ja. Angesichts der Tatsache, dass beim Menschen keine freiwillige Selbstbeschränkung zu erwarten ist, müssen der ungezügelten Gier von außen her Schranken gesetzt werden. Konkret heißt das, dass die Politik wieder stärker regulierend in den Markt eingreifen muss. Mehr denn je braucht die Marktwirtschaft Regulative.

Regulative dürfen vor den Kosten für Arbeit nicht halt machen. Während die Kosten für Energie und Rohstoffe überall am Weltmarkt gleich sind, gibt es im Bereich der Arbeitskosten erhebliche Unterschiede. Für die kleinen und mittleren Betriebe hat das Lohngefälle zwischen erster und dritter Welt schwerwiegende Konsequenzen.

Stellen Sie sich zwei Unternehmen A und B vor. Die in einem europäischen Land produzieren und verkaufen. A wäre ein großes internationales und B ein nationales Unternehmen. Auf Grund der niedrigeren Arbeitskosten verlegte das internationale Unternehmen A seine ganze Produktion in ein dritte Welt Land. Danach kann es seine Produkte wesentlich billiger auf den Markt bringen als das Unternehmen B. Mit der Konsequenz, dass das Unternehmen B zusperren muss und seine Mitarbeiter arbeitslos werden. Welche Vorteile die unterschiedlichen Kosten für Arbeit internationalen Leasingfirmen von Arbeitskräften bringen, liegt auf der Hand. Aber ebenso die Nachteile für Staaten, die das Arbeitslosenproblem im eigenen Haus bewältigen müssen.

Ein erster wichtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit für Unternehmen am Weltmarkt ist daher die schrittweise Vereinheitlichung des Kostenfaktors Arbeit. Nur wenn die Kosten für Arbeit, Energie und Rohstoffe weltweit annähernd gleich sind, haben kleine oder mittlere Unternehmen am Markt wieder bessere Chancen. Während die großen Konzerne nicht zuletzt durch den Abbau von Arbeitskräften satte Profite einfahren, raufen viele KMU ums Überleben. Hier ist die Politik gefordert, ausgleichend in den Markt einzugreifen und die Profite der Großen stärker zu besteuern und sie in Form von Förderungen auf jene Unternehmen umzuverteilen, die Arbeitsplätze schaffen.

Natürlich lässt sich mit Bildung und der Herstellung hochwertigerer Produkten dieser Entwicklung eine Zeitlang gegensteuern, aber irgendwann gibt es Grenzen. Je anspruchsvoller und bildungsabhängiger die Arbeitsleistungen sind, umso weniger Menschen wird es geben, die diese Kriterien erfüllen. Das Ergebnis ist wieder das gleiche: Einer Minderheit von gut bezahlten, hoch spezialisierten Arbeitskräften wird eine Masse von Arbeitssuchenden gegenüber stehen, die dem hohen Anforderungsprofil der Wirtschaft nicht mehr gerecht wird. Längst haben sich die großen Konzerne und das Großkapital die Vorteile der Globalisierung zu Nutze gemacht, während die Arbeitnehmervertretungen diesbezüglich nachhinken.

Folgt man renommierten Volkswirtschaftlern, so führt an der Besteuerung von Spekulationsgeschäften und der Einführung der Maschinensteuer kein Weg vorbei, soll die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates nicht gefährdet werden. Alleine wenn man internationale Finanztransaktionen mit nur 0,1% besteuerte, käme eine gewaltige Summe zusammen, mit der eine Homogenisierung der Märkte finanziert werden könnte. Auf diese Weise könnten globale Verschiebungen z.B. im Bereich der Arbeits-  und Dienstleistungsmärkte eingeschränkt werden. Eine solche Finanztransaktionssteuer wurde unlängst in einem von Attac verfassten und an die G20 adressierten offenen Brief gefordert. Im Brief heißt es: „Die Zeit für die Steuer ist reif. Die Finanzkrise hat uns die Gefahren eines deregulierten Finanzwesens gezeigt. Das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und einem Finanzsektor, der dieser eigentlich dienen sollte, wurde ins Gegenteil verkehrt. Nun ist es an der Zeit, dieses Verhältnis wieder zurechtzurücken, und dafür zu sorgen, dass der Finanzsektor der Gesellschaft etwas zurückgibt.“ Neben einer großen Zahl prominenter Ökonomen, haben sich die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz für eine solche Finanztransaktionssteuer ausgesprochen.

Um in der globalisierten Welt die wirtschaftliche Vielfalt zu erhalten, müssen zusätzlich Umsatzobergrenzen für Unternehmen eingeführt werden, genauso wie Einkommensobergrenzen für Individuen. Was darüber hinaus geht, muss zur Gänze besteuert werden. Auf diese Weise wird die Unternehmensgröße, damit die Macht von Unternehmen und Individuen begrenzt, weil es dann keinen Anreiz mehr gibt, mehr zu „wachsen“ oder mehr zu verdienen. Solange es solche Regulative nicht gibt, darf man sich nicht wundern, wenn das Biotop Raubtierkapitalismus Raubtiere hervorbringt, deren hemmungslose Gier das System trägt, weil sie selbst am meisten davon profitieren.