Mit der Entdeckung des dynamischen Unbewussten, der Relativierung des freien Willens und der Erkenntnis, dass erwachsenes Verhalten weitgehend von kindlichen Wünschen und Emotionen gesteuert wird, revolutionierte Sigmund Freud vor mehr als hundert Jahren das vorherrschende Menschenbild. Der Widerstand gegen seine psychoanalytische Theorie ist bis heute ungebrochen.

Die narzisstische Kränkung, die Freud der Menschheit nicht einmal fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionstheorie zugefügt hatte, war groß. Kein psychologisches Verfahren hat den Menschen bislang stärker verunsichert, als die Psychoanalyse. Ihre ernüchternden Erkenntnisse ließen keinen Raum für kindliches Wunschdenken. Der Traum von der unsterblichen Seele war genauso ausgeträumt, wie die Illusion vom freien Willen. Hatte Darwin den Menschen mit dem Affen auf denselben Ast der Evolution gesetzt, war er nach Freud nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus. Mit dem Anspruch, auch Dogmen zu hinterfragen, machte sich die Psychoanalyse von Beginn an viele Feinde. Kein Wunder, dass sie in allen totalitären Ideologien auf der Verbotsliste steht.

Nach wie vor ist das psychoanalytische Menschenbild so weit vom subjektiven Empfinden entfernt, dass selbst Interessierte es nur schwer nachvollziehen können. Die unbewussten Kräfte, die den Menschen steuern sind weder direkt erlebbar noch frei zugänglich. Sie lassen sich lediglich aus Fehlleistungen, Träumen, neurotischen Symptomen erschließen oder mit Hilfe der psychoanalytischen Technik der freien Assoziation bewusst machen.

Wie sehr die Psychoanalyse mit ihrer neuen Sicht vom Menschen ins Schwarze getroffen hat, lässt sich aus den heftigen Reaktionen auf ihre Erkenntnisse schließen. Selbst von wissenschaftlicher Seite erfolgt die Kritik an den psychoanalytischen Konstrukten polemisch, oft genug mit sachlich unbegründeter Heftigkeit. Warum diese Aufgeregtheit, wenn die psychoanalytischen Erkenntnisse ohnedies falsch sind? "Und niemand lügt soviel als der Entrüstete" formulierte schon Friedrich Nietzsche überaus treffend. In der Psychoanalyse bezeichnet man solche irrationalen Gefühlsreaktionen als Widerstand. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, das sich in der psychoanalytischen Behandlung genauso wie im Alltag der Aufdeckung verdrängter (peinlicher) Inhalte entgegenstellt.

Ein Großteil der gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Kritik ist als Widerstand gegen ihre enthüllenden, desillusionierenden Einsichten zu deuten. Das idealisierende Selbstbild, das der Mensch von sich entworfen hat, verleugnet seine wahre Identität. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, auch nicht das Ebenbild Gottes, sondern sitzen gemeinsam mit den Schimpansen auf irgendeinem‚ Ästchen der Evolution. Wer diesen Selbstbetrug in Frage stellt, erntet nur wenig Applaus.

Kein menschliches Verhalten, keine zwischenmenschliche Interaktion, ist frei von unbewussten Anteilen. Menschen, denen die Beweggründe ihres Verhaltens nicht bewusst sind, laufen Gefahr, sich selbst und andere in irrationale Konflikte zu verstricken. Nur vordergründig geht es bei solchen Auseinandersetzungen um sachlich begründete Anliegen. Dahinter verbergen sich unbewusste Motive, infantile Machtansprüche, Neid, Missgunst, Eifersucht, die das Arbeitsklima vergiften und auch im zwischenmenschlichen Bereich für Schräglagen sorgen.

Die Psychoanalyse ist eine Erkenntnismethode und keine Behandlungsmethode im engeren Sinn. Sie eignet sich vor allem für Menschen, die einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen, auf den Puppenspieler im Hintergrund, der im Dunkel des Unbewussten die Fäden zieht und auf der Bühne des Bewusstseins die Puppen zum Tanzen bringt.