Die psychoanalytische Desillusionierung

Rund hundert Jahre nach Freud bestätigt die neurobiologische Forschung seine zentrale These: Unser Denken, Wollen und Tun wird weitgehend von unbewussten Kräften gesteuert. Das Postulat vom freien Willen ist genauso eine Illusion wie der Glaube, dass das Weltgeschehen weitgehend rationalen Regeln folgt. Wie rational der Mensch ist, lässt sich leicht ersehen. Menschen glauben an Götter, Teufel, Engel, Dämonen, Monster, Vampire, Zombies, gute Geister, böse Geister, Hexen, Zauberer, Elfen, Zwerge und Nixen. Sie glauben an Himmel und Hölle, an die Macht der Sterne, die Kraft der Steine, an schwarze Magie, weiße Magie, an die Möglichkeit, in die Zukunft zu sehen, an das Übersinnliche, das jüngste Gericht, die Auferstehung und die Wiedergeburt. Sie glauben an Schlankheitspillen, Mittel gegen Haarausfall, UFO-Entführungen, Chemtrails, Verschwörungstheorien und an das ewige Leben. Nur an die eigene Begrenztheit und Vergänglichkeit glauben sie nicht. Politiker und Wirtschaftsmagnaten unterscheiden sich diesbezüglich nicht vom Rest der Bevölkerung. Warum auch? Die Dynamik in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft unterliegt denselben Einflüssen des Unbewussten, wie jede andere zwischenmenschliche Interaktion auch.

„Wo Es war soll Ich werden“ lautet Freuds Credo. Ein Desillusionierungsprozess der erst dann abgeschlossen ist, wenn das realitätsverleugnende infantile Wunschdenken einer realitätsgerechteren Selbst- und Weltsicht gewichen ist. Mit Hilfe psychoanalytischen Modells ist es möglich, tiefe Einsicht in die unbewusste Bedeutung individueller, gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher Vorgänge zu gewinnen und auf dieser Grundlage zuverlässige Einschätzungen und Prognosen zu treffen.

Einschätzungen und Prognosen die Menschen mit unangenehme Wahrheiten konfrontieren und daher nur selten ein offenes Ohr finden. Die menschliche Fähigkeit Realität durch Illusion zu ersetzen zeigt sich überall im Alltag. Die Selbst- und Fremdwahrnehmung unterliegen ihr genauso wie unser Alltagsverständnis von Kultur und Natur, von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Letztlich stellt sich aber doch die Frage, wie lange die Realitätsverleugnung aufrecht gehalten werden kann ohne dass das Gleichgewicht kippt. Die Welt befindet sich heute schon in bedrohlicher Schräglage und der Glaube, dass „uns nichts passieren kann“ ist ein gewaltiger Irrglaube.


Ideologien lösen keine Probleme

Gerade die Geschehnisse im vorigen Jahrhundert belegen den hohen Grad an Irrationalität gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Das 20. Jahrhundert wird als das Zeitalter der Massenideologien in die Geschichte eingehen. Die große Idee stand über allem: der Glaube an das Reich Gottes, an das Arbeiterparadies auf Erden, an den sich selbst regulierenden Markt, an den Mann der Tat, den großen Führer. Weder religiöse noch weltliche Ideologien haben die Welt besser gemacht. Im Gegenteil. Die Verbrechen, die im Glauben an die alleine selig machende Wahrheit begangen wurden, sind legendär. Keine der vorherrschenden Ideologien konnte verhindern, dass unsere Welt in eine gefährliche Schräglage geriet. Nach zwei verheerenden Weltkriegen, der Herrschaft rechts- und linksgerichteter Tyranneien, dem Ende des kalten Krieges und wachsendem Wohlstand, begannen die ideologischen Monolithe zu bröckeln. Heute leben wir nach einer längeren Phase der Stabilität, des Friedens und des Wohlstands in einer politischen Übergangsphase. Die Erosion der politischen Lager ist voll im Gange, der soziale Zusammenhalt gefährdet. Weltweit polarisiert die Stimmung zwischen irrationalem Nationalpopulismus auf der einen, Rat- und Hilflosigkeit auf der anderen Seite des politischen Spektrums.


Die alte Ordnung bröckelt

Wir erleben eine Phase des politischen Umbruchs: Zerfall der Klassen, Zerfall der politischen Kollektive, Zerfall der klassischen Zielgruppen, Entstehung neuer, kurzlebiger politischer Gruppierungen. Der politische Ist-Zustand lässt sich zur Zeit am besten mit „Lähmung“, „Stagnation“, „Stillstand“, „Auflösung“, beschreiben. Die alte Ordnung zerbröckelt. Die Menschen sehnen sich nach einer neuen Ära. Der Ruf nach dem starken Mann wird wieder lauter. Viele wollen einfach nur, dass Bewegung in die politische Landschaft kommt. Die Sehnsucht nach Aufbruch und Erneuerung ist groß. Alles Neue weckt Hoffnung. Neue Parteien erreichen aus dem Stand heraus zweistellige Ergebnisse. Der Zerfall der traditionellen politischen Lager erhöht zwar die Chancen für neue Parteien, da es sich bei diesen politischen Gruppierungen aber um keine gewachsenen Kollektive handelt, haben die meisten ein kurzes Ablaufdatum.


Rechte Hetze und Wutbürger

Von der Polit- zur Demokratieverdrossenheit ist es nur ein kleiner Schritt. Während die „Altparteien“ implodieren, gewinnt das Sammelbecken für „Wutbürger“ an Macht. Ähnlich wie in der Zwischenkriegszeit beherrscht das Thema Politverdrossenheit den politischen Diskurs. Durch gezielte Provokationen und konsequente Tabubrüche bringen Rechtspopulisten überall in Europa Dämme zum Einstürzen. Die Schwäche der Regierungsparteien, fehlender Gestaltungswille, Anbiederung an das vermeintlich gesunde Volksempfinden, Angst vor Reformen, der Kniefall vor Lobbies und Konzernen, Korruptionsaffären und nicht zuletzt auch die Flüchtlingsströme spielen ihnen dabei in die Hände.

Von rechten Hetzern geschürte Emotionen und Irrationalität erschweren seriöse Politik. Auf der einen Seite geht es um Stimmenmaximierung, auf der anderen um Machterhalt. Inhalte und längst notwendige Reformen bleiben in diesem Klima auf der Strecke. Die Politverdrossenheit droht in Demokratieverdrossenheit umzuschlagen. Wutbürgern scheint es keine Rolle zu spielen, dass populistische Scharfmacher weder moralischer sind noch die ihnen anvertraute Macht verantwortungsvoller ausüben würden als die derzeit Regierenden - im Gegenteil.


Ochlokratische Verwilderung

Das politische Vakuum erhöht die Gefahr rechtspopulistischer Machtergreifung. Hitler ist nicht vom Himmel gefallen, er wurde gewählt. Als er am 30. 1. 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, hielt seine NSDAP bei 33,1%, annähernd derselbe Stimmenanteil der FPÖ heute. Als der Spuk 1945 vorbei war, haben die meisten seiner braunen Wähler von damals "das alles nicht wissen können". Mittlerweile können aber alle wissen, welche Konsequenzen mit einer Stimmabgabe für diese Geisteshaltung verbunden sind. Doch diese scheinen viele nicht zu stören. Fast mühelos gelingt es Vertretern des ewiggestrigen Gedankengutes, heute Rechtspoulisten genannt, sich auf den Seiten des Boulevards einen Selektionsvorteil zu verschaffen. Tabubrüche, provokante Sager, Hetz- und Hasstiraden, Verhöhnung Andersdenkender, sind hervorragende Vehikel um auf die Titelseite dieser Gazetten zu kommen. Alleine schon deswegen weil sie sich bei der Zielgruppe besser verkaufen als die Darstellung komplexer politischer oder wirtschaftlicher Zusammenhänge. Verhetzende Politiker sind für verhetzende Medien kongeniale Partner.

Der Zeitgeist fördert somit nicht nur die Renaissance rechtspopulistischen Gedankenguts sondern auch die Verbreitung des dazugehörigen Politikertypus. Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion entdeckte im Laufe seiner gruppenanalytischen Forschung, dass die von der Gruppe gesuchten und gefundenen Führer meist deutliche psychopathologische Defekte erkennen ließen. Die „auserwählten Führer“ waren oft die kränksten Mitglieder der Gruppe: paranoid, hochgradig hysterisch oder mit anderen Persönlichkeitsdefekten behaftet. Rechtspopulistische Hetzer passen gut ins Bild. Häufig handelt es sich bei ihnen um narzisstisch gestörte Persönlichkeiten, die gerne in der Menge baden und die von ihnen hervorgerufene Massenhysterie als Beweis für ihre Überlegenheit werten. Mit den Wahlerfolgen schnappt dann irgendwann die narzisstische Falle zu und der Größenwunsch mutiert zum Größenwahn. Mit einem Mal halten sie sich wirklich für eine von der Vorsehung auserwählte Lichtgestalt. Beispiele vom kometenhaften Aufstieg und Untergang solcher „charismatischen“ Persönlichkeiten finden sich überall in der Geschichte – in der älteren genauso wie in der jüngeren.

Man denke nur an den unaufhaltsamen Aufstieg Adolf Hitlers vom Insassen eines Männerheims zum Reichskanzler einer Kulturnation innerhalb weniger Jahre oder den enthusiastischen Zuspruch für Jörg Haider und seinen fulminanten Untergang bei einem Autounfall, alkoholisiert mit Tempo 142 im Ortsgebiet, an Persönlichkeiten wie Putin, Trump, Erdogan, Berlusconi oder an die rechtspopulistische Elite in Europa.

Das Gemeinsame dieser Entwicklungen liegt auf der Hand: Immer wieder gelingt es psychisch gestörten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, Menschen mühelos für sich zu begeistern und zu instrumentalisieren. Ihr Aufstieg ist ebenso rasant wie unaufhaltsam. Nichts und niemand scheint sie bremsen zu können. Sobald sie an der Macht sind, machen sie von ihr totalitär Gebrauch. Sie entziehen sich der Kontrolle. Widerspruch wird nicht geduldet. Obwohl sie von Sieg zu Sieg eilen, umgibt sie von Anfang an der Geruch des Unterganges. Wie Spielsüchtige können sie sich mit dem Erreichten nie zufrieden geben. Von einem geheimnisvollen Zwang getrieben, hasardieren sie mit immer höherem Einsatz, bis sich ihr Schicksal im unbewusst selbst inszenierten Untergang erfüllt. Spätestens dieser morbide Hang zur Selbstzerstörung macht klar, dass die Faszination, die von diesen schillernden Persönlichkeiten ausgeht, gleichzeitig Ausdruck ihrer psychischen Störung ist. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch das Wirken neurotischer Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik entsteht, ist enorm. Alleine das von Haider und Co verursachte Hypo-Debakel in Kärnten kostet dem Steuerzahler 12,5 Milliarden Euro.

Wie leicht es rechten Demagogen ist, die Demokratie auf demokratischen Weg zu schwächen oder durch ochlokratische Verwilderung sogar gänzlich zu beseitigen, beweisen das „The Third Wave“- und das „Milligram“-Experiment“. Die Hilflosigkeit der seriösen Politik gegenüber populistischen Hetzern erhöht die Gefahr neuer totalitärer Regime zusätzlich. Vor allem bei weniger gut gebildeten „wütenden“ jungen Männern wird der Ruf nach dem „starken Mann“ lauter.

Hetze und Renaissance der patriarchalischen Denkungsart auf der einen Seite, Realitätsverleugnung und naives Wunschdenken auf der anderen erschweren rationale Lösungen. Mehr denn je braucht die Demokratie starke couragierte Persönlichkeiten, die bereit sind, der wachsenden Destruktivität eine positive Vision entgegenzusetzen und für diese auch einstehen.

 

Rich gets richer

Für zusätzliche Schräglage sorgt die extrem unfaire Verteilung der Vermögen dar. Die Argumentation mit dem Neidkomplex verleugnet das Problem, löst es aber nicht. Die Ungleichheit einer Verteilung wird durch Ungleichverteilungsmaße angegeben. Am häufigsten wird hierfür der Gini-Koeffizient verwendet. Er wird als Zahl zwischen 0 und 1 angegeben. Ein Gini-Koeffizient von 1 repräsentiert die absolute Ungleichverteilung (1 Person besitzt alles, alle anderen nichts), 0 bedeutet eine absolute Gleichverteilung (alle Personen besitzen das gleiche Vermögen). Einer Studie zufolge betrug im Jahr 2000 der Gini-Koeffizient weltweit 0,892. Demnach besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung 40 % des Weltvermögens. Die reichsten 10 % besaßen zusammen 85 % des Weltvermögens, die ärmeren 50 % zusammen nur 1 %. Der Ungleichheitswert von 0,892 entspricht annähernd einer Situation, in der von 100 Personen eine Person 90 % besitzt, während die anderen 99 Personen sich die übrigen 10 Prozent teilen. Nach Berechnungen von Oxfam aus dem Jahr 2014 verfügen die reichsten 85 Menschen über denselben Reichtum wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung zusammen.

Die Verteilung des Sachvermögens in Österreich weist einen Gini-Koeffizient von 0,77 auf, die Verteilung des Geldvermögens einen Gini-Koeffizienten von 0,74. Netto weisen Sach- und Geldvermögen gemeinsam einen Gini-Koeffizient von 0,76 auf. Die Österreichische Nationalbank stellte für 2010 eine ausgeprägte Ungleichheit der Verteilung der Nettovermögen in Österreich fest. Die reichsten 5 Prozent besaßen etwa 45 % des Vermögens, die ärmeren 50 % etwa 4 Prozent.

Bewegungen wie „Attac“, „Occupy“ sind erst erst der Anfang. Sollte der extrem ungleichen Verteilung der Vermögen nicht bald entgegengewirkt werden, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Stimmung kippt und es zu sozialen Unruhen und Instabilität kommt.


Unsere Arbeitswelt in Veränderung

Die Art der Erwerbstätigkeit ändert sich, die Mittelschicht verbreitert sich so sehr, dass man gar nicht mehr von einer Mittelschicht reden kann. Durch Automation gehen immer mehr Jobs verloren. Der Dienstleistungssektor kann die Arbeitssuchenden nicht mehr aufnehmen. Nicht nur im Produktions-, auch im Dienstleistungsbereich wird in Zukunft die Arbeit vermehrt von Maschinen geleistet werden (IBM-Projekt „Dr. Watson“, „intelligente“ Roboter, etc.). Die Rationalisierungsmaßnahmen betreffen nicht mehr „nur“ die Arbeiterschicht, sondern auch die Arbeitsplätze der gebildeteren klassischen Mittelschicht (z.B. in den Banken, Versicherungen und in der Verwaltung) und die der Freiberufler (Ärzte, Anwälte, Notare, Steuerberater, Psychologen...).

In den westlichen Industrienationen vollzieht sich gerade der Wandel von der Voll- zur Zweidrittel- und dann zur Eindrittel-Beschäftigung. Über die Hälfte der Arbeitsplätze sind schon heute durch intelligente Maschinen gefährdet. Diese Entwicklung wird nicht ohne Folgen bleiben. Der Verlust der Arbeitsplätze wirkt sich ja nicht nur auf die Einkommen sondern auch auf die Nachfrage aus. Während die großen internationalen Konzerne in Zukunft ihre Profite auf den expandierenden Märkten der Schwellenländer erzielen, würde die heimische Wirtschaft von der sinkenden Nachfrage schwer in Mitleidenschaft gezogen. Was diese Entwicklung für die Staatseinnahmen bedeutete, liegt auf der Hand. Schließlich sind Umsatz- und Einkommenssteuer die aufkommensstärksten Steuern. Zusammen liegt ihr Anteil bei über 60%. Um zu verhindern, dass unser Sozialsystem durch den Rückgang der Steuereinnahmen unfinanzierbar wird, brauchen wir neue, sozial ausgewogene Steuermodelle. Zur Finanzierung unseres Wohlfahrtsstaates werden wir um die Einführung einer Wertschöpfungsabgabe und Finanztransaktionssteuer, bei gleichzeitiger Reduktion der Lohnnebenkosten, nicht herumkommen.

Darüber hinaus stellt sich auch die Frage nach neuen Lebensinhalten, wenn die Arbeit für immer mehr Menschen wegfällt. Was werden sie mit der vielen Freizeit anfangen? Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus einer solchen Entwicklung?

Es ist hoch an der Zeit in der Wirtschaftspolitik die Weichen zu stellen. Parallel zur globalisierten Wirtschaft, die von Produktion und Konsum abhängt und zwangsläufig zu einer „Wegwerfgesellschaft“ führt, muss der Bereich der autonomen, nachhaltigen Alternativwirtschaft in Zukunft stärker gefördert werden. Warum? Weil in der globalisierten Wirtschaft kontinuierlich Arbeitsplätze abgebaut werden, während lokal abgegrenzte weitgehend autonome Wirtschaftsverbände nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch nachhaltiger und Ressourcen schonender produzieren können. Die Verzahnung von globalisierter und alternativer Wirtschaft kommt auch dem Zeitgeist entgegen, da gerade gebildete junge Menschen an alternativen Lebensmodellen großes Interesse zeigen.

Es ist naheliegend, dass die Stärkung alternativ-wirtschaftlicher Produktionsformen vor allem im Förderungssektor Umdenken verlangt. Ein Teil der Konzernförderung sollte Projekten der autonomen Parallelwirtschaft zu gute kommen. Darüber hinaus sind Kooperationen mit etablierten Unternehmen anzustreben, um die Zahl der „Remote-Arbeitsplätze“ zu erhöhen.

Mit Remote-Arbeitsplätzen im Rahmen des autonomen, alternativen „parallwirtschaftlichen“ Ansatzes kann nicht nur der Arbeitslosigkeit sondern auch dem Kaufkraftverlust im ländlichen Bereich (als Folge der Landflucht) entgegengewirkt werden.


Umfassende Bildungsreform

In unserer Welt ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Um eine Schubumkehr zu erreichen, werden Regulative alleine nicht genügen. Die Gier wohnt uns allen inne, auch wenn wir das bei uns selbst gerne übersehen. Unersättlich sind immer nur die anderen. Auch bei Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik kann die persönliche Entwicklung mit der intellektuellen Bildung nicht immer mithalten. Dafür ist nicht zuletzt auch unser Bildungssystem verantwortlich. Unsere Kindergärten, Schulen und Universitäten sind auf Wissensvermittlung spezialisiert. Die Kinder lernen Lesen, Schreiben, Rechnen, später auch komplexere Wissensinhalte. Die Persönlichkeitsbildung bleibt bei dieser einseitigen Ausrichtung jedoch auf der Strecke.

Was wir brauchen ist Unterricht in Kleingruppen bis maximal 12 SchülerInnen pro Gruppe. Die neue Schule muss parallel zur Wissensvermittlung auch die Integration, Übernahme von Verantwortung und Vermittlung gesellschaftlicher Spielregeln fördern. Eine grundlegende Reform des Bildungssystems längst überfällig. Diese darf sich jedoch nicht nur auf die Frage der Ganztagsschule oder der gemeinsamen Schule für die 6 bis 14-Jährigen beschränken. Parallel zur Wissensvermittlung muss die Persönlichkeitsbildung als zweite gleichwertige Säule im Bildungssystem verankert werden. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder ausfallen, müssen unsere Bildungseinrichtungen dafür Sorge tragen, dass nach Abschluss der Ausbildung nicht nur gebildete, sondern auch selbstreflektierte, reife, verantwortungsbewusste Menschen das Ruder in die Hand nehmen.

Letztlich ist auch die bestehende Lehrausbildung zu hinterfragen und neu auszurichten. Analog zur psychotherapeutischen Ausbildung sollte persönlichkeitsbildende Selbsterfahrung in die Lehrerausbildung integriert werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass im Unterrichtsalltag hauptsächlich reife, selbstreflektierte Persönlichkeiten mit den Kindern arbeiten. Die Schule muss wirklich zu einer Schule fürs Leben werden. Heute wird selbstverständlich erwartet, dass Familie, Beruf und Selbstverwirklichung parallel ablaufen, durch die Verschiebung in der Gesellschaft, muss die Schule von morgen überall dort einspringen, wo die Familie ausfällt.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass in Zukunft ein immer kleiner werdender Teil der Bildung in traditionellen Einrichtungen stattfindet. Die informelle Wissensvermittlung findet immer öfter über das Internet statt. Die Art und Weise Wissen zu vermitteln und zu lernen hat sich mit dem Internet grundlegend verändert. Heute kann es sich niemand mehr leisten, auf lebenslanges Lernen zu verzichten, ohne sich dabei in eine berufliche und soziale Sackgasse zu begeben. Bildungsinhalte müssen so aufbereitet werden, dass sich jeder Bürger zu jeder Zeit via Smartphone, Internet, entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz abrufen kann.


Die Suche nach einer neuen Welt

Heute deutet alles auf einen Paradigmenwechsel. In Zukunft wird die politische Willensbildung vermehrt außerhalb der traditionellen politischen Parteien erfolgen. Die Revolution im Telekommunikations- und IT-Bereich seit der Jahrtausendwende hat die Möglichkeiten der politischen Willensbildung von Grund auf verändert. Durch das Internet können sich Interessierte heute jede Information besorgen. Das Informationsangebot ermöglicht es dem Einzelnen, ein breites Spektrum an Meinungen wahrzunehmen und daraus einen persönlichen Standpunkt abzuleiten.

Die Zeit ist reif für das Modell der »deliberativen Demokratie« - nach Habermas eine Form der Demokratie, bei der sich alle Bürger aktiv am demokratischen Geschehen beteiligen. Heute ist niemand mehr an Interessenvertreter, politische Parteien und deren Repräsentanten gebunden. Jeder kann mit seiner Stimme und seinem Wissen direkt am demokratischen Entscheidungsprozess teilhaben. Der politische Diskurs und der Prozess der Entscheidungsfindung wird auf diese Weise transparenter, weil die gesellschaftspolitischen Themen und die ihnen zugrunde liegenden Werthaltungen öffentlich im Internet abgewickelt werden Die Möglichkeit, aktiv an der politischen Willensbildung teilzuhaben, sollte die Politik für viele wieder interessanter machen.

Um Missbrauch vorzubeugen, bedarf es umfassender Aufklärung und Information. Diese muss durch ein Expertenboard (Wissenschaftler, Experten, etc.) so differenziert und vielschichtig aufbereitet werden, dass sowohl einfache Menschen als auch Gebildete mit ihr etwas anfangen könnten. Unter diesen Voraussetzungen können sich alle politisch betätigen und dazu beitragen, dass die Welt besser wird. Eigene politischen Projekte starten und sie erfolgreich umsetzen. Projekte anderer kommentieren und bewerten. Sich aktiv am politischen Geschehen beteiligen, dazu beitragen, dass die Politik transparenter wird, sich oder andere in politische Gremien, Gemeinderat, Landtag, Nationalrat wählen oder wählen lassen.

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