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2019

Juni - August

 

 

NEUE SERIE: "ÄNGSTE, ZWÄNGE, DEPRESSIONEN, SÜCHTE..."

12. 6.

Sie interessieren sich für den Hintergrund von Angst-, Zwangsstörungen, Depressionen, Sucht, narzisstische Persönlichkeiten oder die Borderlinestörung?

Hier finden Sie Informationen aus der psychoanalytischen Perspektive.

Wöchentlich eine neue Folge

Professionelle psychotherapeutische Hilfestellung unter: E-Mail: office@ifat.at; Fon: +43 699 17170264

12. 6.

FOLGE 1 | EINLEITUNG

Angst ist das Signal einer biologisch verankerten Alarmanlage. Wann immer sie schrillt, besteht Handlungsbedarf. Angst ohne reale Bedrohung kann ein Hinweis auf psychische Konflikte und innere Spannungen sein. Wer das alarmierende Angstsignal zu lange ignoriert oder mit Alkohol, Beruhigungsmitteln oder Drogen betäubt, ebnet damit den Weg in die Krankheit.


Ängste entstehen nie ohne Grund. Sie haben immer eine Botschaft. Eine Botschaft, die auf den ersten Blick oft nicht verständlich ist. Vor allem dann nicht, wenn der manifeste (erkennbare) Inhalt der Angst mit ihrer latenten (nicht bewussten) Verursachung verwechselt wird. Wen beim Überqueren einer  Brücke Panik befällt, fürchtet doch nicht ernsthaft, dass die Brücke einstürzt. Die Brücke ist lediglich ein Symbol, das auf einen verborgenen psychischen Hintergrund deutet. Jedoch ist es nicht immer leicht, die verschlüsselten Botschaften zu verstehen.


Ängste sind nicht nur für den Einzelnen von größter Bedeutung. Ohne Übertreibung kann man Angst als einen wichtigen Antrieb der kulturellen Entwicklung bezeichnen. Ohne Angst gäbe es vermutlich weder Religion noch Wissenschaft. Es ist das existenzielle Dilemma des Menschen, dass er als einziges Lebewesen um seine Sterblichkeit weiß, sich nach Unsterblichkeit sehnt, seinem sterblichen Schicksal aber trotzdem nicht entrinnen kann. Da es keine reale Möglichkeit gibt, diesen menschlichen Urkonflikt zu lösen, bleibt zunächst nur der Weg in die Verdrängung, die Betäubung oder die Flucht ins Wunschdenken. Gleich wie Drogen betäuben auf Wunschdenken beruhende religiöse oder esoterische Weltbilder die existenzielle Angst des Menschen nur, bringen ihn aber um die einzigartige Chance, an seinen Ängsten über sich hinauszuwachsen.


Wer unter Angstzuständen leidet, ist auf der Suche nach schneller Hilfe. Der Markt hat diese Sehnsucht längst entdeckt und die Buchläden sind voll mit trivialen psychologischen Ratgebern. So empfiehlt ein verhaltenstherapeutisches Therapieprogramm* Menschen mit Prüfungsängsten, sich auf dem Weg zur Prüfung vorzusagen: „Ich brauche keine Angst zu haben, ich habe genug gelernt.“ Als ob das die Betroffenen nicht selbst am besten wüssten. An der Existenz ihrer Prüfungsängste ändert dieses Wissen aber gar nichts. Natürlich ist es sinnvoller, den Ängsten auf den Grund zu gehen und ihre verborgenen Botschaften verstehen zu lernen. Nur dass dieser Weg nicht unbedingt im Trend der Zeit liegt. Wer heute Erfolg haben will, muss auf das Wunschdenken setzen. Nicht ohne Grund heißt es in Verkaufsseminaren: „Verkaufe den Menschen niemals die Realität, sondern immer nur ihre Sehnsüchte, wenn du Erfolg haben willst.“


Viele hoffen auf eine Lösung ihrer Probleme, ohne sich selbst verändern zu müssen. „Irgendetwas muss es doch geben ...“ Doch es gibt nichts. Nichts, was reale Veränderungen im Leben ersparen könnte, sobald die Ursachen der Ängste offen liegen. Eine Frau, die herausfindet, dass ihre Angstzustände von einem unbewussten Trennungswunsch als Folge fehlender sexueller Erfüllung hervorgerufen werden, muss sich entscheiden. Entweder verzichtet sie im künftigen Leben auf die Befriedigung, die ihr der gegenwärtige Partner nicht bieten kann, oder sie trennt sich. Diese Entscheidung wird ihr niemand abnehmen. Sie wird auch immer gleich schwer sein. Wer unter Ängsten leidet, muss sich mutig der Bedrohung stellen, was immer sie auch beinhalten mag. Niemand anderer, nur wir selbst können uns „heilen“.


Wenn Sie Interesse haben können Sie in den nächsten Wochen auf dieser Seite bei einem Streifzug durch die menschlichen Seelenlandschaft den Hintergrund von unbegründeten Ängsten, Zwängen, Depressionen, Süchten, etc. besser verstehen lernen. Sie werden entdecken, dass das Dämonische genauso ein Teil von Ihnen ist wie das Erhabene. Sie können der Begrenztheit Ihres Daseins zwar nicht entkommen, aber Sie können Ihr Schicksal mutig annehmen. Wenigstens diese Freiheit haben Sie.

*In Zimbardo, P. (1995)

Fortsetzung am 21. 6. 2019. Sie erfahren mehr über das Thema "Hemmungen und Phobien".

22. 6.

FOLGE 2 |  HEMMUNGEN

Daniel hatte unbeschreibliches Glück. Fast könnte man es schon Bestimmung nennen. Die Frau, die mit ihm seit Wochen um dieselbe Zeit in der U-Bahn fuhr, saß wieder im Waggon. Vor freudiger Erregung begann sein Herz schneller zu schlagen. Schräg gegenüber von ihr war sogar noch ein Platz frei. Als er sich setzte, blickte sie kurz auf und musterte ihn ...

Stunden später lag er auf der Couch seiner Analytikerin und schwieg. Es gibt in der Analyse viele Arten zu schweigen. Sein Schweigen aber war gespannt und feindselig. Erneut hatte er es nicht geschafft, die Frau in der U-Bahn anzusprechen. Schon letzte Woche hatte ihn beim Versuch, sie kennenzulernen, der Mut verlassen. Enttäuscht, wie er jetzt war, gab er der Analyse die Schuld für sein Scheitern. Warum half ihm seine Analytikerin nicht bei der Überwindung seiner Hemmungen? Er hatte auch das Gefühl, sich vor beiden Frauen bis auf die Knochen blamiert zu haben. Gegen Ende der Stunde begründete er sein Unvermögen mit der Angst vor Zurückweisung. Das hörte sich zwar überzeugend an, ging nach Ansicht seiner Analytikerin aber am eigentlichen Problem vorbei.

Natürlich ist es dem Narzissmus eines Mannes nicht gerade zuträglich, wenn er von einer Frau einen Korb erhält. Aber um eine Körperreaktion zu verstehen, wie sie Daniel hervorbrachte, als er versuchte die Frau in der U-Bahn anzusprechen, greift diese Erklärung jedenfalls viel zu kurz. Immerhin schlug sein Herz wie wild im Brustkorb und seine Knie wurden weich. Im selben Atemzug trocknete sein Gaumen aus und seine Kehle war wie zugeschnürt. Er spürte, wie seine Nackenmuskulatur zu zittern begann. Voll Panik senkte er darauf seinen Blick und ließ es bleiben.

Daniels Analytikerin war klar, dass eine solche körperliche Reaktion Folge eines gewaltigen Adrenalinausstoßes war. Rein biologisch wird das Hormon Adrenalin ausgeschüttet, um einen Organismus in einer lebensbedrohlichen Situation auf Kampf oder Flucht einzustellen und die notwendigen Energien dafür bereitzustellen. Daniel hat in der U-Bahn nicht gekämpft. Er ist geflüchtet. Nur, worin bestand die lebensbedrohliche Gefahr, vor der er flüchtete? Welchem gefährlichen Gegner hätte er sich stellen müssen? Real war weit und breit kein Rivale in Sicht, der ihm die Frau streitig machte. Also konnte der angsteinflößende Gegner nur in seiner Fantasie existieren. Im Unbewussten, wo innere, imaginierte und äußere, beobachtbare Realität noch nicht getrennt sind, muss Daniel der an und für sich harmlosen Situation des Ansprechens eine lebensbedrohliche Bedeutung zugeschrieben haben.

Seiner Analytikerin ging ein Buch über Schimpansen durch den Kopf. Schimpansen sind die nächsten Verwandten des Menschen. Sie leben in losen Gruppen mit strenger sozialer Rangordnung. Bei ihnen ist die Paarung ausschließlich dem Alpha-Männchen, dem ranghöchsten Affen, vorbehalten. Bevor sich ein männliches Jungtier paaren kann, muss es zuerst den Alpha-Affen im Kampf besiegen. Dazu braucht es viel Mut. Denn wenn das Jungtier im Kampf unterliegt, wird es aus der Gruppe gejagt oder brutal getötet. Mit einem Mal verstand sie das Verhalten ihres Schützlings. In der realen Welt ging es bloß ums Ansprechen. In seinem Unbewussten bedeutete die Werbung jedoch, dass er dem Alpha-Affen sein Revier streitig machte und ihn zu einem tödlichen Zweikampf herausforderte.

Menschen werden wie Affen in Gruppen sozialisiert. Innerhalb der menschlichen Primärgruppe, der Familie, heißt das Alphatier „Vater“ und das dominante Weibchen wird „Mutter“ genannt. Wie bei allen Primaten rivalisieren die Geschwister um die Ressourcen der Eltern. Geschwisterrivalität kennt wohl jeder. Ältere Geschwister fühlen sich von jüngeren verdrängt, jüngere von älteren unterdrückt und bevormundet. Letztlich geht es immer um die Rolle des Lieblingskindes. Schon Kain erschlug Abel, weil er es nicht ertragen konnte, dass „Gott“ Vater den Rivalen bevorzugte.

Wie alle männlichen Kinder machte auch Daniel dem väterlichen Alphatier seine privilegierte Position streitig. Solange er noch nicht in der Lage war, das Kräfteverhältnis realistisch einzuschätzen, warb er sogar offen und ungeniert um die sexuelle Gunst der weiblichen Familienmitglieder. Er schlief bei der Mutter im Bett und rieb sein erigiertes Glied gerne an ihrem Körper, was sie lange Zeit mit sich geschehen ließ, so als wäre ihr die Bedeutung seines Verhaltens nicht einsichtig.

Der König ist tot. Es lebe der König. Sobald Daniel die Machtverhältnisse in der Familie jedoch verstand, gab er aus Furcht vor der Rache des Vaters, einem einfachen Mann und unberechenbaren Choleriker, seinen offenen Anspruch auf die Alpha-Position auf. Das heißt aber nicht, dass er gänzlich auf seine rivalisierenden Wünsche verzichtete. Im Unbewussten bestand die ursprüngliche Rivalität bis in die Gegenwart fort. Insgeheim wartete er noch immer auf den Augenblick, wo er den „Alten“ vom Thron stürzen und seine Position einnehmen konnte. Sobald der Augenblick der Entscheidung aber in der mit Fantasie durchsetzten Realität herannahte, machte sich die ursprüngliche Panik vor dem übermächtigen Gegner breit und er unterwarf sich – so wie in der U-Bahn.

Anders als bei Affen spielen sich die Machtkämpfe beim Menschen nur selten auf der körperlichen Ebene ab. Bei der Überwindung des Vaters handelt es sich gewöhnlich um einen innerpsychischen Reifungsprozess, bei dem der Heranwachsende die Überlegenheit des väterlichen „Alphatieres“ zuerst einmal anerkennt und sich mit seinen hervorstechenden Eigenschaften – Stärke, Mut, Schläue, Imponiergehabe – identifiziert. Später wird er diese Eigenschaften auf der sozialen Ebene erfolgreich gegen seine Rivalen im Kampf um die gesellschaftlichen Ressourcen einsetzen. Bis die Machtfrage geklärt ist, bleiben der Sohn der Herausforderer und der Vater der Revierverteidiger. Sobald ein „Vater“ zu schwach ist, sein Revier erfolgreich zu verteidigen, fällt es an denjenigen Sohn, der sich im Kampf um die Nachfolge nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die Rivalen aus der eigenen Generation erfolgreich durchsetzen kann. Um zu verhindern, dass sich die Söhne bei blutigen Nachfolgekämpfen zerfleischen, wurde die Erbfolge beim Menschen gesetzlich festgelegt. In vielen Kulturen tritt bis heute noch der älteste Sohn die Nachfolge des Vaters an. Der König ist tot, es lebe der König.

Auch die Reviere haben sich im Laufe des menschlichen Zivilisationsprozesses gewandelt. An den Revierkämpfen selbst hat sich hingegen wenig geändert, gleichgültig ob diese in den Wäldern und Savannen Afrikas oder in den Chefetagen von Industrieunternehmen ausgetragen werden. Damals wie heute geht es um dieselben Ziele: Nahrung und Fortpflanzungserfolg. Auch in der menschlichen Gesellschaft verfügen Alpha-Männchen über mehr „Nahrung“ – Macht, Geld, Sicherheit – und sind für Frauen als Paarungspartner wesentlich interessanter als devote Männchen.

Wenn Psychologen heute oft von Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen als positiven menschlichen Eigenschaften sprechen, ist ihnen die aggressive, mitunter sogar tödliche Bedeutung dieser Eigenschaften oft nicht bewusst. In keiner Gruppe wird einem Männchen die Alpha-Rolle kampflos zugestanden. Ein Mann, der sich in seiner Gruppe durchsetzt, kann dies nur auf Kosten seiner Rivalen tun, indem er sie geschickt ausbootet, einschüchtert oder unterwirft. Nur mutige, risikobereite Männer, die sich auch von einer möglichen Niederlage nicht abschrecken lassen, haben Chancen, in einer Gruppe die Alpha-Position zu erobern.

Wovon aber hängt es ab, ob jemand im Leben mutig seinen Mann stellt oder ängstlich verunsichert Revierkämpfen ausweicht, um sich dem jeweils Stärkeren zu unterwerfen? Darüber entscheidet beim Menschen nicht nur seine genetische Ausstattung. Genauso wichtig ist die psychosoziale Prägung durch die Dynamik in der Primärgruppe. Daniels Vater, ein einfacher Mensch und gewaltbereiter Choleriker schüchterte seinen Sohn nicht nur ein, sondern verstärkte gleichzeitig auch dessen feindselige Impulse ihm gegenüber. Je unerbittlicher und grausamer der Vater seine Macht gebrauchte, umso intensiver wurde er von seinem kindlichen Widersacher gehasst. Wäre Daniel als Kleinkind dazu in der Lage gewesen, hätte er seinen Vater genauso vertrieben oder getötet, wie es herangewachsene Jungaffen mit einem alternden Alphatier tun, wenn sie es im Kampf besiegt haben.

In Ermangelung der realen Machtmöglichkeiten unterdrückte er seine Hassimpulse gegenüber dem Vater nicht nur, sondern verkehrte sie aus Angst vor Entdeckung und der befürchteten Rache ins Gegenteil. Damals gab er vordergründig seine männliche Identität auf und verhielt sich dem Vater gegenüber so, als wäre er geschlechtsneutral. Gleichzeitig spaltete er die sexuelle, weibliche Komponente von der Mutter ab und idealisierte sie zu einer asexuellen Heiligen.

Unterwürfiges, devotes Verhalten bei Männern entspringt immer einer Aggressionshemmung. Eine starke Hemmung weist auf starken Hass. Es kommt nicht von ungefähr, dass gehemmte Menschen Blickkontakt vermeiden. Auch viele Tiere tragen, um Verletzungen zu vermeiden, ihre Revierkämpfe durch beharrliches gegenseitiges Anstarren aus. Wer als Erster den Blick senkt und sich zurückzieht, hat den Kampf ums Revier verloren. Auch unter Menschen wird der direkte Blickkontakt oft noch als offene Herausforderung gewertet und das Vermeiden als Zeichen von Unsicherheit und Schwäche. Gerade beim Paarungsverhalten des Menschen spielt der Blickkontakt, der wortlose Flirt mit den Augen, eine entscheidende Rolle.

Ein Mann wie Daniel, der Hemmungen hat, einer Frau offen in die Augen zu blicken, hat das Werbungsspiel meist schon verloren, noch ehe es richtig begonnen hat. Indem er den Blick zu Boden richtet, unterwirft er sich dem imaginären väterlichen Rivalen aus der Kindheit. Dieser lebt im Unbewussten der begehrten Frau genauso fort wie in seinem.
Ein Mann, dem es hingegen gelungen ist, seine Angst vor dem Vater zu überwinden, wird es im späteren Leben leichter fallen, um die Rolle des Alphatieres zu konkurrieren. Er wird Mut an den Tag legen und unvermeidlichen Rivalitätskämpfen nicht ausweichen. Die Art und Weise, wie er sein Revier verteidigt oder das seiner Widersacher angreift, wird potenziellen weiblichen Sexualpartnern imponieren. Er signalisiert damit seine Bereitschaft, seine Frau und ihren gemeinsamen Nachwuchs gegenüber Feinden zu verteidigen.
Das, was einem Mann das Erobern einer Frau erschwert, ist seine Urangst, in der Rivalität um das Sexualobjekt von einem anderen Mann unterworfen zu werden. Dieser Unterwerfungsakt wird von den meisten Männern als Kastration erlebt. „Fuck or get fucked“, heißt die Devise nicht nur in amerikanischen Gefängnissen. Männer, die sich zur Wehr setzen und sich von einem männlichen Artgenossen nicht zur „Frau“ machen lassen, haben beim anderen Geschlecht einfach die besseren Karten. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, sind Männer, die weinen statt zu kämpfen, selbst bei Frauen unten durch, die lieber pfeifen, statt mit Puppen zu spielen.

Grundsätzlich lassen sich zwei Gruppen von Hemmungen unterscheiden: sexuelle Hemmungen und Aggressionshemmungen. Aggressionshemmungen äußern sich meist in Form von sozialen Ängsten, Kontaktängsten, Schüchternheit, erhöhter Neigung zu Erröten und betont aggressionsloser Sexualität. Sie können die gesamte Persönlichkeit (dann spricht man von einer gehemmten Persönlichkeit) oder nur einzelne Verhaltensweisen, zum Beispiel die Kontaktaufnahme oder die Fähigkeit, Nein zu sagen, betreffen. Sexuelle Hemmungen sind meist Folge einer sexuellen Fixierung an frühkindliche Bezugspersonen, die im späteren Leben mit dem Inzesttabu belegt wurden. (Daher erlebt jedes Kind seine Eltern als asexuell.) Beim Mann führen Hemmungen oft zu Erektions- oder Potenzstörungen, bei Frauen können sie die Orgasmusfähigkeit wesentlich beeinträchtigen. Auch sexuelle Lustlosigkeit – die beide Geschlechter in gleicher Weise betrifft – kann Ausdruck einer Hemmung sein. Allen Hemmungen ist eines gemeinsam: Die Hemmung einer psychischen Funktion weist auf einen unbewussten Wunsch, dessen Befriedigung durch den Hemmungsvorgang unterbunden wird.

Zulassen oder kontrollieren? Markus, 34, ist seit sieben Jahren verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes. In den letzten Jahren war das sexuelle Interesse in ihrer Beziehung zwar abgeflaut, aber Markus fand trotzdem, dass er und seine Frau eine gute Ehe führten. Markus war durch und durch ein glücklicher Familienvater. Bis er eines Tages von seiner Firma zu einer einwöchigen Fortbildung geschickt wurde. Dort lernte er Sabine kennen, in die er sich auf der Stelle verliebte. Sabine war einem Flirt mit Markus durchaus nicht abgeneigt. Das machte die Sache für ihn nicht gerade leichter.

Seit er mit seiner Frau zusammen war, hatte er sie noch kein einziges Mal betrogen. Jetzt aber wusste er nicht, wie er der unglaublichen Anziehung von Sabine widerstehen konnte. Im Laufe der Tage kamen sich die beiden immer näher. Bis zum vorletzten Abend hielt Markus tapfer durch, dann aber war es um seine Standhaftigkeit geschehen. Er verbrachte die ganze Nacht mit Sabine. Aber es war alles andere als eine rauschende Liebesnacht. Schon das gemeinsame Abendessen verlief schweigsamer als sonst. Als Markus kurz darauf Sabines Zimmer betrat, machte sich bei ihm ein mulmiges Gefühl im Bauch bemerkbar. Seine Finger und Zehen wurden eiskalt. Obwohl Sabine eine außergewöhnlich attraktive Frau war, fühlte er sich plötzlich nicht mehr zu ihr hingezogen. Stattdessen verspürte er Heimweh, nicht anders wie mit neun Jahren auf einem Schulskikurs.

Mechanisch entledigte er sich seiner Kleidung. In den Tagen davor konnte er es gar nicht erwarten, mit Sabine intim zu werden. Jetzt aber, wo es gleich so weit war, schien sie ihn nicht mehr zu interessieren. Mit einem Mal fühlte er sich unendlich einsam. Hastig leerte Markus ein Glas Rotwein und goss sofort wieder nach. Der Wein verfehlte seine Wirkung nicht. Schon nach wenigen Minuten fühlte Markus, wie die Erregung zurückkam und sein Blut in Wallung geriet. Es folgten leidenschaftliche Umarmungen. Doch als sich ihre nackten Körper endlich rhythmisch aneinanderschmiegten und Markus in Sabine eindringen wollte, passierte für ihn etwas Unvorstellbares.
Von einem Augenblick auf den anderen erschlaffte seine prall gespannte Männlichkeit wie ein Luftballon, dem man die Luft ausgelassen hatte. So sehr sich Sabine auch bemühte, sein Ding wieder hochzubekommen, es ging nicht. Ein weiterer Versuch nach einigen Stunden scheiterte genauso wie der am darauffolgenden Morgen. Sobald Markus sich mit Sabine vereinigen wollte, schwand seine Erektion.

Es bedarf keiner psychologischen Meisterleistung, um den Konflikt zu erkennen, der durch Markus’ widersprüchliche Wünsche hervorgerufen wurde. Auf der einen Seite begehrte er Sabine leidenschaftlich, auf der anderen wollte er seiner Frau treu bleiben. Ohne es bewusst angestrebt zu haben, wurde er so zum Diener zweier Herrinnen. Die Hemmung seiner Sexualfunktion entspricht der Kompromissbildung, wie sie für neurotische Symptome typisch ist. Er hat sich auf das sexuelle Abenteuer mit Sabine eingelassen und seiner Frau die Treue gehalten. Niemand kann es Markus verdenken, dass er mit dieser Lösung nur wenig Freude hatte.

29. 6.

FOLGE 3 |  UNBESTIMMTE ÄNGSTE

Solche Angstzustände entstehen scheinbar völlig unabhängig von realen Auslösersituationen. Sie haben keine bestimmten Inhalte, werden vielmehr als diffuse, nicht näher bestimmte Angstzustände wahrgenommen und machen sich oft über einen längeren Zeitraum hin bemerkbar. Oft gehen sie mit Ein- oder Durchschlafstörungen einher, führen zu Muskelverspannungen und Ruhelosigkeit und beeinträchtigen die Aufmerksamkeitsfähigkeit. Ängstliche Menschen wirken oft fahrig und unkonzentriert. Üblicherweise treten diese Ängste als Reaktion auf belastende Lebensumstände auf oder sind ein Hinweis auf ungelöste, verdrängte psychische Konflikte. Das Ausmaß der Angst kann aber auch ein Gradmesser für den Schweregrad einer psychischen Störung sein. So beginnen Psychosen oft mit schweren Angstzuständen, Verfolgungs- oder Weltuntergangsängsten.

Beatrix wird von unbestimmten Ängsten geplagt. Sie hat sich trotz einer schweren Kindheit vom Leben nicht unterkriegen lassen. Ihre Mutter war eine psychisch kranke Frau, ihr Vater Alkoholiker. Seit dem 17. Lebensjahr steht sie mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Die Matura absolvierte sie mit Auszeichnung, danach wandte sie sich mit Elan dem Medizinstudium zu. Alles in allem war sie eine junge, lebenslustige Studentin. Zu Beginn des zweiten Studienabschnittes lernte sie Paul kennen, der gerade mit dem Turnus begonnen hatte. Schon nach kurzer Zeit heirateten sie und bald darauf stellte sich Nachwuchs ein. Neben der Kinderbetreuung fand Beatrix genug Zeit, um ihr Studium fortzusetzen. Als ihre Tochter fünf Jahre alt war, schloss sie es erfolgreich ab.

Obwohl ihre Ehe harmonisch verlief – Beatrix stellte ihrem Mann ein hervorragendes Zeugnis aus, er sei ihr Mutter und Vater in einer Person gewesen –, traten bei ihr knapp vor Studienende zum ersten Mal unerklärliche Angstsymptome auf. Die Angstzustände hatten keinen bestimmten Inhalt, waren eher diffus und fühlten sich dumpf an. Es dauerte nicht lange und Beatrix zog sich immer mehr zurück. Am liebsten war es ihr, wenn sie sich zu Hause mit einem Buch in ihrem Ohrenfauteuil vergraben und die Welt rund um sich vergessen konnte. Es fiel ihr immer schwerer, die Wohnung zu verlassen. Bald ging sie nur mehr außer Haus, um ihre Tochter vom Kindergarten abzuholen und notwendige Einkäufe zu erledigen.

Beatrix fiel auf, dass ihre Ängste immer dann nachließen, wenn ihr Mann anwesend war. In seiner Begleitung konnte sie auch problemlos das Haus verlassen. Gleichzeitig hatte sie Träume, die sie beunruhigten. Sie träumte von einem nächtlichen Friedhofsbesuch mit ihrem Mann. Andächtig verweilten sie eine Zeit lang vor einem unbekannten Grab. Dann entfernte sie sich ein paar Schritte und stand plötzlich vor einem verwilderten Kindergrab. Auf dem verwitterten Holzkreuz war ein Name eingraviert, der sie an einen Kosenamen ihrer Tochter erinnerte, als diese noch ein Kleinkind war. Sie schreckte hoch. Im Aufwachen verspürte sie, wie ihr Herz heftig klopfte. In einem anderen Traum befand sie sich wieder im Sezierkurs. Sie musste einen Unterschenkel sezieren. Dabei fiel ihr eine große Narbe auf, so wie auch ihr Mann als Folge eines Motorradunfalls eine hatte.

Im Laufe der Analyse, die Beatrix wegen ihrer Angstzustände begann, wurde klar, dass sie sich mit ihrem Mann zwar von jeher gut verstanden, ihn aber nie wirklich geliebt hatte. Ihr Sexualleben bezeichnete sie als durchschnittlich. Zum Orgasmus wäre sie bei ihrem Mann noch nie gekommen, doch sei ihr Sexualität nicht so wichtig. Viel wichtiger sei ihr das Kuscheln und das könne sie mit ihm nach Herzenslust. Tatsächlich unterhielt sie zu ihrem Mann mehr eine freundschaftliche als eine Liebesbeziehung. Ihre sexuellen Zusammenkünfte empfand sie als Pflichterfüllung. Noch bevor sich die Angstzustände bei Beatrix bemerkbar machten, hatte sie eine Zeit lang das Gefühl, dass ihr nach Beendigung des Studiums die Welt offen stünde. Umso bewusster nahm sie die Einschränkungen wahr, die ihr aus Ehe und Familie erwuchsen. Doch maß sie diesem Umstand keine besondere Bedeutung bei. Im Gegenteil, so schnell es ging verscheuchte sie diese Gedanken aus ihrem Kopf.

Es dauerte lange, bis sich Beatrix die Bedeutung ihrer Träume eingestehen konnte. Nach und nach fiel ihr ein, dass sie schon bald nach der Geburt ihrer Tochter immer wieder daran denken musste, wie traurig es wäre, wenn ihr etwas zustoßen würde. Aus der Kinderheilkunde wusste sie, an welch gefährlichen Krankheiten Kinder erkranken konnten. Immer wieder vermeinte sie an ihrer Tochter bedrohliche Symptome wahrzunehmen, die sich bald danach zum Glück als haltlos herausstellten.Nach und nach wurde Beatrix bewusst, dass es in ihr einen Teil gab, der sich von der familiären Verpflichtung, die sie sich schon früh aufgebürdet hatte, erdrückt und überfordert fühlte. Beatrix liebte ihren Partner und ihre Tochter, aber gleichzeitig sehnte sie sich auch danach, frei zu sein und für niemanden mehr Verantwortung übernehmen zu müssen.

Ohne dass es ihr bewusst war, wuchsen gleichzeitig mit ihrem Freiheitsdrang die Aggressionen gegen ihre Familie. In ihren Träumen löste Beatrix diesen Ambivalenzkonflikt auf sehr direkte Art, indem sie Mann und Tochter sterben ließ. Allerdings hätte Beatrix die Traumlösung im Wachen niemals akzeptiert und schon gar nicht herbeigesehnt. Trotzdem wies ihr das Traumverständnis den richtigen Weg, indem es sie an ihre unterdrückten Aggressionen heranführte. Sobald Beatrix die widersprüchlichen Wünsche hinter ihren Angstzuständen erkennen konnte, war es ihr auch möglich, reale Änderungen in der Beziehung durchzuführen, die zu einer Entspannung ihrer Lebenssituation beitrugen.

Dort wo Menschen bereit sind, sich ihren Ängsten und Befürchtungen zu stellen, sind ihre Inhalte ein ausgezeichneter Wegweiser zu den verdrängten Wünschen. Natürlich ist es nicht leicht anzuerkennen, dass Sorgen um das Wohl eines Menschen Ausdruck einer Reaktionsbildung auf unbewusste Todeswünsche sein können, die diesem gelten. Da der Hintergrund der Angstzustände meist im Verborgenen liegt, ist die Aufdeckung der am Konflikt beteiligten Kräfte der erste und wichtigste Schritt bei der Behandlung von unbestimmten Angststörungen. Immer wieder machen sich Angstkranke die angstreduzierende, spannungslösende Wirkung von Alkohol oder anderen Substanzen zunutze. Solche Selbstheilungsversuche bergen allerdings ein hohes Suchtrisiko. Nicht selten ist die Angstneurose Ursache für Alkoholismus, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit.

 

6. 7.

FOLGE 4 |  PANIKATTACKEN

Panikattacken treten meist unerwartet, ohne erkennbaren Auslöser auf. Die Anfälle können zwischen wenigen Minuten und bis zu zwei Stunden dauern. Sie werden oft als Gefühl innerer Überschwemmung beschrieben, das sich von der Magengegend ausgehend über den Brustraum und in weiterer Folge über den ganzen Körper ausbreitet. Panikattacken werden meist von Herzrasen, leicht erhöhtem Blutdruck, Unruhe, Atemnot, Zittern, Schweißausbrüchen, Übelkeit, mitunter auch von heftigem Harndrang begleitet. Der Anfall selbst geht meist mit Todesangst einher. Sobald ein Arzt zugegen ist bzw. eine Einlieferung in ein Krankenhaus erfolgt, flaut der Anfall ab.


– Laut einer älteren ifat-Studie aus dem Jahr 2011 treten bei jedem Zehnten im deutschsprachigen Raum Panikattacken auf. Davon 12,4 % Frauen und 8,2 % Männer.
– Pflichtschulabsolventen haben häufiger Panikattacken (18,4 %).
– Es besteht ein gesicherter statistischer Zusammenhang zwischen Panikattacken, unbestimmten Ängsten, unbegründeten Krankheitsängsten und der Angst vor engen Räumen.
– Wer unter Panikattacken leidet, führt diese vermehrt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück.

Es war ein drückend heißer Sommertag im Juli. Maria hatte sich schon früh von ihrem langjährigen Lebensgefährten verabschiedet, um zu einem Maturajubiläum in jene Stadt zu reisen, in der sie ihre Schulzeit verbrachte. Die lange Zugfahrt setzte ihr ziemlich zu und die brütende Hitze tat ein Übriges. Jetzt war sie froh, im schattigen Garten eines Cafés Erholung zu finden. Es war vereinbart, dass Georg, ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit, sie mit dem Auto von dort abholen und zum Maturatreffen bringen sollte. Doch Georg verspätete sich. Plötzlich, aus heiterem Himmel, begann ihr Herz wie wild zu rasen. Sie glaubte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen. Voll Panik schlug sie Alarm. Wenig später befand sie sich in einem High-Tech-Untersuchungsraum auf der Intensivstation der Universitätsklinik. Schon im Rettungswagen hatte sie gespürt, wie die Symptome nachließen. Jetzt, wo sie an die Geräte angeschlossen war, fühlte sie sich wieder völlig sicher und ruhig. Zu Marias Überraschung stellten die Ärzte fest, dass ihr körperlich nichts fehlte.

Maria ist ihren Ängsten auf den Grund gegangen. Der Weg, bis Maria den Sinn ihrer Angstanfälle verstand, war lang und beschwerlich. Zu ihrem Lebensgefährten unterhielt sie damals eine enge und vertraute Beziehung. Sie verstanden sich blind. Doch sexuell lief zwischen ihnen beiden schon lange nichts mehr. Auslösend für ihre erste Panikattacke war Georgs Verspätung. Die Aussicht, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, verstärkte bei ihr die alte Leidenschaft aus der Schulzeit. Ihr unerfülltes Liebesleben, ihre neu belebte Sehnsucht in Verbindung mit seiner Verspätung führten deswegen zum Angstanfall, weil sie sich den Gedanken, „wenn ich mich nicht bald von meinem Partner trenne, wird es für mich zu spät sein“, damals noch nicht eingestehen konnte. Unbewusst war er aber schon längst vorhanden. Je stärker ihr unterdrückter Trennungswunsch wurde, desto stärker wurden ihre unterschwelligen Aggressionen und die daraus resultierenden Trennungsängste. Schließlich war Maria ihr Partner schon sehr vertraut und sie wollte ihn nicht verlieren.

Oft treten Panikattacken als Reaktion auf unterdrückte Aggressionen auf, bei Maria galten sie ihrem Partner, den sie trotz aller Vertrautheit, im wahrsten Sinne des Wortes „nicht mehr riechen konnte“. Sie können aber auch Folge einer Verlustsituation oder Liebesenttäuschung sein. Gelegentlich ist die Ursache eine psychische Überlastung. Vor allem bei längerer Dauer der Angststörung entwickeln Betroffene leicht eine ängstliche Erwartungshaltung (die Angst vor der Angst). Auf ihre unmittelbare Umgebung reagieren sie oft dysphorisch. Bei besonders krassen Verläufen kommt es sogar zu einem völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit, was die Betroffenen zu Gefangenen in den eigenen vier Wänden macht.

Da Panikattacken gehäuft bei Menschen mit unfreiwilliger sexueller Abstinenz, einem unbefriedigenden Sexualleben oder unterdrückten Aggressionen auftreten, liegt die Vermutung nahe, dass es bei der Panikattacke zu einer Entladung der aufgestauten physiologischen Triebspannung kommt. Da die Spannungsabfuhr sich der bewussten Kontrolle entzieht und auch nicht von sexuellen oder aggressiven Empfindungen begleitet wird, ist die Angstreaktion auf den unerklärlichen körperlichen Entladungsvorgang leicht nachvollziehbar.

Die überwiegende Mehrzahl der Angstkranken mit Panikattacken nimmt vorerst eine organische Ursache für die Anfälle an. Am häufigsten werden Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems befürchtet. Selbst wiederholte Versicherungen von medizinischer Seite, dass körperlich alles in Ordnung sei, ändern nichts an der Überzeugung der Betroffenen. Der ärztliche Ratschlag, es doch einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen, ruft beim Kranken meist Widerstände hervor. Viele fühlen sich von ihrem Arzt nicht mehr ernst genommen und wechseln zu einem anderen. Es ist daher schwer, Angstkranke mit Panikattacken für eine Psychotherapie zu motivieren. Dabei wäre eine rasche Aufnahme einer Psychotherapie – wenn möglich, gleich nach dem ersten Anfall – wichtig. Denn mit zunehmender Dauer der Störung verschlechtert sich die Behandlungsprognose.

Abhängig vom Schweregrad und der spezifischen Symptomatik ist eine aufdeckende psychoanalytische Psychotherapie sinnvoll. Zu Beginn der Psychotherapie kann eine unterstützende medikamentöse Behandlung sehr hilfreich sein. Bei Beruhigungsmitteln (Tranquilizern) ist wegen der Suchtgefahr allerdings Vorsicht geboten. Bei der Behandlung von Panikattacken haben sich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) gut bewährt.

13. 7.

FOLGE 5 | PHOBIEN | ALLGEMEIN  

Anders als bei diffusen, unbestimmten Angststörungen oder Panikattacken ist die Angst bei phobischen Angstzuständen an äußere Objekte (Insekten, Spinnen, Ratten, Schlangen, Hunde etc.), Örtlichkeiten oder Situationen gebunden (enge Räume, öffentliche Plätze, Höhe etc.). So sehr sich die einzelnen Krankheitsbilder nach außen hin unterscheiden, ist allen Phobien eines gemeinsam: die Angst vor dem Kontrollverlust. Dieser phobische Kern lässt sich für Höhenängste (bei der sich die Angst vor dem Kontrollverlust hinter der Angst vor dem Abstürzen verbirgt) genauso nachweisen wie für die Angst vor Tieren (bei der das bedrohliche Unkontrollierte vom Selbst ins Tier verlegt wird).


Kein Wunder also, dass phobische Ängste immer dann auftreten, wenn sich eine Person einer vermeintlichen Gefahr „ausgeliefert“ fühlt und die Situation, in der sie sich befindet, nicht mehr kontrollieren kann, wie es zum Beispiel bei Liftfahrten, in der U-Bahn oder im Flugzeug, wo die Ausstiegsmöglichkeiten eingeschränkt sind, der Fall ist.


Es sind vor allem zwei psychische Mechanismen an der Entstehung phobischer Angstattacken beteiligt: die Verschiebung und die Projektion. Zuerst wird eine innere Gefahrenquelle auf eine geeignete Ersatzvorstellung verschoben, danach wird sie nach außen projiziert. Die ursprünglich innere Gefahr wird durch diesen Vorgang in eine äußere umgewandelt. Zwar ist die Flucht vor der inneren Gefahrenquelle auch dann noch nicht möglich, aber durch die Projektion der Bedrohung nach außen kann sie nunmehr real vermieden werden.

21. 7.

FOLGE 6 | KLAUSTROPHOBIE - DIE FURCHT VOR ENGEN RÄUMEN UND EINGESCHLOSSENSEIN

Das menschliche Gehirn ist ein außergewöhnliches Organ. Es verfügt sogar über die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten. Durch den Vorgang der Introspektion wird der beobachtete Bereich der inneren Welt zu einem Stück Außenwelt. Inhalte aus der inneren Welt können so problemlos auf Objekte der äußeren übertragen werden. In Anlehnung an das frühkindliche Schema - was ihm schmeckt, schluckt es, was nicht, spuckt es aus - wird auch auf der psychischen Ebene alles was mit unserer Integrität nicht vereinbar ist (etwa anstößige sexuelle oder aggressive Triebregungen) ausgelagert. Äußere Objekte werden auf diese Weise zur Projektionsfläche für Teile der Innenwelt. Nicht anders wie im Kino, wo die Leinwand ebenfalls bloß Träger der auf sie geworfenen Bilder ist. Solange die Kontrollmechanismen die ausgelagerten und unterdrückten bedrohlichen Impulse vom Bewusstsein fernhalten, besteht keine Gefahr. Bewusst sind nach dem Verdrängungsakt nur mehr sozial akzeptable Triebwünsche oder solche, die zwar Unlust hervorrufen, mit denen wir uns im Laufe des Lebens aber arrangiert haben.

Bei der Klaustrophobie (wie auch bei allen anderen Phobien) werden die anstößigen Inhalte samt ihrer emotionalen Besetzung nach außen projiziert und mit geeigneten Objekten der Außenwelt identifiziert. Diese Objekte sind assoziativ immer mit der ursprünglichen (Angst hervorrufenden und daher verdrängten) Vorstellung verbunden. Als Ersatzvorstellungen eignen sich in diesem Fall enge oder abgeschlossene Räume, oder Situationen, in denen die Kontrollmöglichkeit aufgehoben ist. Wie in der U-Bahn zum Beispiel, wenn sich die Türen schließen und ein unmittelbares Aussteigen nicht mehr möglich ist. Ein Individuum ist dann der Situation, in der es sich befindet, ohne „Fluchtmöglichkeit“ ausgeliefert. Dasselbe gilt für Fahrten mit Zügen, Flüge, Lift- und Sesselliftfahrten, MRT-Röhren, etc. Um sich eine „Fluchtmöglichkeit“ zu erhalten (die Kontrolle nicht aus der Hand geben zu müssen) werden im Kino und Theater von Klaustrophobikern Randplätze bevorzugt. Den auslösenden Situationen ist gemeinsam, dass die Panik immer dann entsteht, wenn den Betroffenen die Kontrolle entzogen wird und sie sich einer fremdbestimmten Situation übergeben, „los lassen“, müssen. Der daraus resultierende Angstanfall wird auf der unbewussten Ebene von der verdrängten (nun mehr mit der Auslösersituation identifizierten) Triebregung hervorgerufen. Der befürchtete Kontrollverlust bezieht sich daher immer auf ein innerpsychisches Geschehen.

Ulrich ist gerade 22 Jahre alt, als er mit dem Bachelor sein erstes Studienziel erreicht hatte. Etwa ein Jahr davor verspürte er beim Einsteigen in die U-Bahn zum ersten Mal eine Beklommenheit. Plötzlich fiel ihm ein, wie tief unter der Erde er eigentlich war. Als sich die Wagontüren schlossen, machte sich Panik bemerkbar. In den Monaten danach nahmen die Symptome an Stärke zu und Ulrich war bald nicht mehr in der Lage, die U-Bahn oder andere öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Später mied er auch Fahrten mit Aufzügen, Seilbahnen, Sessel- und Skiliften.

Ulrich kommt aus einer streng religiösen Familie. Auch wenn er selbst nicht mehr an Gott glaubte, fühlte er sich den moralischen Ansprüchen seiner Familie weiter verpflichtet. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass Ulrich von Kindheit an von homosexuellen Vorstellungen „gepeinigt“ wurde. Vor allem in der Pubertät kämpfte er mit aller Macht gegen sein Verlangen an. Alleine schon deswegen, weil niemand in seiner Familie Homosexualität toleriert hätte. Ein Outing, so Ulrichs Befürchtung, hätte Schande über sie gebracht und ihn vollkommen isoliert. Mit der Zeit legten sich jedoch die Triebstürme und sein seelisches Gleichgewicht stabilisierte sich. In diesen Jahren hielt er sich für weitgehend asexuell, interessierte sich weder für Frauen noch für Männer. Die Situation änderte sich erst, als auf der Uni ein junger Mann sein Interesse weckte. Ein paar Wochen später traten anlässlich der U-Bahnfahrt zum ersten Mal die Symptome auf. Was war geschehen?

Wenn verdrängte Begierden (bei Ulrich seine unausgelebte Homosexualität) durch einen geeigneten Auslöser Verstärkung erfahren (das Interesse an seinem Studienkollegen), führt das zu einem Erregungsanstieg. Dieser Vorgang lässt sich gut mit der Ausdehnung eines Gases vergleichen, das in einem geschlossenen Behälter erhitzt wird. Der Wegfall jeglicher Abfuhrmöglichkeit steigert auch beim Menschen den inneren Druck und engt den psychischen Raum ein. Sobald man sich den inneren Vorgang der Triebverstärkung und inneren Enge nach außen projiziert vorstellt, ergibt sich das Bild der Klaustrophobie. In besonders schlimmen Fällen kann sich die Beklemmung bis zur Panik steigern.

Umgekehrt kann das psychische Gleichgewicht aber auch durch den drohenden Wegfall der Kontrolle gestört werden. Die Triebregung behält in diesem Fall ihre ursprüngliche Stärke bei, aber die psychische Abwehr wird dadurch destabilisiert. Damit Sie den Vorgang besser verstehen können, stellen Sie sich einen Raubtierkäfig vor, in dem sich ein hungriger Tiger befindet. Sie stehen unmittelbar vor der Käfigtür. Diese ist fest verriegelt. Solange Sie den Riegel unter Kontrolle haben, fühlen Sie sich sicher. Was aber, wenn Ihnen die Kontrolle plötzlich entzogen wird und sich ein Kind daran macht, den Riegel zu öffnen? Nichts wäre naheliegender, als dass Sie in Panik geraten. Sie brauchen jetzt nur für den Tiger die abgewehrten Triebwünsche und für den Türriegel die psychische Abwehr einsetzen und Sie werden die tiefere Bedeutung der Klaustrophobie besser verstehen.

28. 7.

FOLGE 7 | HÖHENANGST

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der vom Dach eines Wolkenkratzers in die Tiefe schauen kann, ohne dabei ein mulmiges Gefühl zu empfinden. Menschen sind eben für ein Leben auf der Erde und nicht zum Fliegen bestimmt. Wer aber beim Betreten eines Balkons im zweiten Erdgeschoss in Panik verfällt, sollte diese Angstreaktion nicht mehr so selbstverständlich hinnehmen.


Das Angstgefühl, das manche angesichts großer Höhenunterschiede (im Gebirge, auf Aussichtswarten, Türmen, Wolkenkratzern) empfinden, geht meist mit starkem Schwindel einher. Manche fühlen sich wie durch einen unheimlichen Zwang in die Tiefe gezogen, sobald sie aus größerer Höhe irgendwo hinunterschauen. Manche verspüren sogar einen regelrechten Impuls zu springen. Andere wiederum werden von Panik geschüttelt, sobald sich jemand anderer (in erster Linie Kinder) einem hoch gelegenen Balkongeländer nähert, weil sie fürchten, dieser könnte impulsiv springen. Daran ändert das Wissen, dass in Wirklichkeit keine Gefahr besteht, nicht das Geringste.


– Von allen Ängsten kommen Höhenängste laut einer ifat-Studie aus dem Jahre 2007 am häufigsten vor. Jeder Vierte leidet darunter. 28,3 % der Betroffenen sind Frauen, 21,4 % Männer.
– Bei den Höhenängsten besteht ein starker altersspezifischer Einfluss. Vor allem junge Menschen unter 25 haben solche Ängste. Mit zunehmendem Alter werden sie kontinuierlich geringer.
– Interessanterweise lässt sich der bildungsspezifische Effekt bei den Höhenängsten nicht nachweisen.
– Im Beruf fühlen sich Menschen, die zu Höhenängsten neigen, vermehrt unter Zeitdruck und überlastet.
– In der Partnerschaft neigen sie zur Eifersucht.


Bevor Werner seine langjährige Lebensgefährtin heiratete, führte er ein unstetes Leben. Alkoholexzesse und wilde sexuelle Abenteuer in einschlägigen Fetisch und BDSM-Clubs waren ganz nach seinem Geschmack. Nach der Eheschließung wurde Werner ein anderer. Er hörte zu trinken auf. Ohne die entsprechende Promillanzahl schaffte er es auch, sein impulsives Verlangen nach sexuellen Exzessen und spielerischer Gewalt unter Kontrolle zu bringen. Mit fortschreitender Abstinenz traten bei ihm jedoch unerklärliche Höhenängste auf. Bald konnte er nicht einmal eine niedrige Aussichtswarte besteigen. Fahrten mit Aufzügen, Sesselliften oder gar Flüge wurden für ihn zum Horrortrip. Stand er auf einem Balkon und schaute in die Tiefe, verspürte er den fast unwiderstehlichen Zwang, auf der Stelle hinabzuspringen. Er konnte es aber auch nicht ertragen, wenn ein anderer sich über das Balkongeländer beugte. Noch im selben Augenblick erfasste ihn die Panik, die andere Person könnte aus einem Impuls heraus das Gleichgewicht verlieren und in die Tiefe stürzen.


Über die Assoziationskette abstürzen, stürzen, fallen, sich fallen lassen, loslassen, nachgeben, sich hingeben, keine Kontrolle mehr über das zu haben, was mit einem passiert, gewann Werner zunehmend Einsicht in die Hintergründe seiner Höhenangst. Im Unbewussten war die Höhe ein Äquivalent für seine aufgestaute Spannung. Hinter dem Zwang zu springen steckte nichts anderes als der Wunsch, endlich die Impulskontrolle aufzugeben, sich fallen zu lassen (loszulassen, sich gehen zu lassen) und sich ungehemmt – im freien Fall – den Begierden zu überlassen, die er unterdrückte, um seine Ehe nicht zu gefährden. Werner ist kein Einzelfall. Viele Männer leiden an einer Angststörung, weil sie Triebimpulse kontrollieren müssen, die mit den gesellschaftlichen Anforderungen nicht kompatibel sind. Die Versuchung loszulassen, zu springen, besteht also wirklich. Wenn auch nur im übertragenen Sinn und in der inneren Realität. Die Höhe ist demnach ein Äquivalent für das Ausmaß der Spannung, die vom verdrängten Impuls hervorgerufen wird. Hinter der Angst vor dem Fallen /Springen verbirgt sich in Wirklichkeit die Angst vor dem Impulsdurchbruch.


Es gibt aber auch noch andere Motive für die Entstehung der Höhenangst. Jeder kennt die Redewendung, „den Boden unter den Füßen verlieren“. Ein Patient mit Höhenängsten hatte einen stets wiederkehrenden Alptraum: Im Traum war er wieder ein kleines Kind. Es war Nacht und er lag in seinem alten Bett im Kinderzimmer, als er dringend „auf die kleine Seite“ musste. Der Weg auf die Toilette führte ihn am Schlafzimmer seiner Eltern vorbei. Am Rückweg merkte er, dass durch den Türspalt aus dem Schlafzimmer warmes, gelbes Licht drang. Doch als er die Schlafzimmertür freudig aufriss, erlosch das Licht auf der Stelle. Die mysteriöse Angelegenheit wiederholte sich dreimal. Als er die Schlafzimmertür zum dritten Mal öffnete, war der Raum gleißend hell erleuchtet. Gleichzeitig verlor er den Boden unter den Füßen und stürzte in einen endlosen Schacht. Sein Sturz wurde von teuflischem Gebrüll begleitet. Noch im Fallen verspürte er eine starke sexuelle Erregung und die Gewissheit, dass ihn der Teufel geholt hatte.


Dieser Traum ermöglicht einen Einblick in die tiefe Konflikthaftigkeit, die sich hinter so mancher Höhenangst verbirgt. Bei dem Ereignis, das dem Kind „den Boden unter den Füßen weggerissen hat“, handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den Geschlechtsverkehr der Eltern, den der Junge damals vermutlich wirklich gestört hatte, und die Gefühle, die bei ihm durch das aufwühlende Schauspiel hervorgerufen wurden: eine Mischung höchster sexueller Erregung und bodenloser Angst.

3.8.

FOLGE 8 | TIERPHOBIEN

Furcht vor Tieren
Menschen als angstkrank zu bezeichnen, weil sie angesichts eines Kampfhundes, der nicht angeleint und ohne Beißkorb frei auf der Straße herumläuft, Furcht empfinden, hieße, das Wesen der Angststörung gründlich zu verkennen. Eine solche Einschränkung gilt jedoch nicht für Personen, die panisch werden, bloß weil sich ein Nachtfalter in ihr Zimmer verirrt hat. Wem allein schon der Anblick einer Spinne, einer Schlange, einer Maus oder einer Ratte den Schweiß aus den Poren treibt, muss davon ausgehen, an einer Tierphobie zu leiden. Doch auch übertriebene Angst vor Hunden, Katzen, Pferden kann ein Hinweis auf eine Angststörung sein.


– Tierphobien haben insgesamt 15 % der Befragten. Jede fünfte Frau leidet darunter, aber nur jeder zehnte Mann.
– Jüngere Menschen sind signifikant häufiger davon betroffen.
– Tierphobien treten häufiger bei Menschen auf, die sich von bestimmten sexuellen Wünschen bedroht fühlen.
– Frauen mit Tierphobien leiden vermehrt unter Orgasmusstörungen.
– Betroffene leiden signifikant häufiger unter Verspannungen und erhöhtem inneren Antrieb.


Bei kleinen Kindern ist es selbstverständlich, dass sie Mensch und Tier noch auf dieselbe Stufe stellen. Auch in der Welt der Märchen und Mythen denken, fühlen und handeln Tiere oft wie Menschen. Was liegt also näher, als davon auszugehen, dass auch bei der Tierphobie Tiere dafür verwendet werden, Menschen bzw. personifizierte menschliche Organe darzustellen. Dass sich die Schlange für die Repräsentation des männlichen Phallus gut eignet, ist mittlerweile schon zum psychologischen Allgemeingut geworden.


Auch die in der Karikatur bis zum Überdruss dargestellte, vermeintliche Reaktion einer Frau auf den Anblick einer Maus oder einer Ratte (das Zusammenpressen der Oberschenkel) verweist auf die assoziative Verknüpfung mit dem männlichen Sexualorgan. Weniger bekannt ist vielleicht die Beziehung der Spinne zur verschlingenden Mutter oder zum dem als „verschlingend“ fantasierten weiblichen Genitale. (So fressen manche Spinnenweibchen ihren Sexualpartner noch während oder nach dem Koitus). Hunde, Pferde stehen im Unbewussten oft für den aggressiven, unberechenbaren, bedrohlichen Vater.


Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich Tiere hervorragend als Projektionsfläche eigener verdrängter Triebimpulse eignen. Die Gefahr, die scheinbar vom Tier ausgeht, entspricht der Triebgefahr, die den Angstkranken von innen her bedroht. Bewusst wollen sie nicht mit dem Nachtfalter, unbewusst aber nicht mit der abgewehrten Erregung, die durch das „flatternde“ Tier (oder die „kribbelnde“ Spinne) repräsentiert wird, in Berührung kommen. Im Ekel zeigt sich die sexuelle Lust – nur mit umgekehrten Vorzeichen, in abgewehrter Form.

 

12. 8.

FOLGE 9 | SOZIALPHOBIEN

Furcht vor sozialen Situationen

Zu Unrecht hat sich in der psychologischen Fachwelt die Überzeugung breitgemacht, Sozialphobien entstünden als Folge übertriebener Unsicherheit, der Angst sich vor anderen zu blamieren oder lächerlich zu machen. Das ist genau so, würde man Menschen mit Höhenangst unterstellen, sie würden tatsächlich fürchten, der Balkon auf dem sie stehen, der Aufzug mit dem sie fahren, könne einstürzen. Tatsächlich unterscheidet sich die Sozialphobie nicht von den anderen Phobien. Auch bei ihr bildet die Angst vor dem Kontrollverlust in Verbindung mit dem Wegfall einer Fluchtmöglichkeit den Kern der Störung.

– Unter sozialen Ängsten leiden 16,4 % der Befragten.
– Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist ausgewogen.
– Menschen mit geringer Bildung (22,4 %) leiden häufiger darunter.
– Soziale Ängste treten oft in Verbindung mit Depressionen auf. Verständlicherweise ist die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen stark herabgesetzt.
– Sie haben häufiger Schweißausbrüche und nervöse Unruhezustände. Im Leben verhalten sie sich eher passiv.

In der Regel fürchten sozialphobische Personen die Spannung, die naturgemäß in sozialen Interaktionen entsteht. Vor allem dann, wenn es sich um fremde Menschen handelt. In Gesprächs- oder Gruppensituation, in denen Schweigepausen entstehen, wird der Spannungszuwachs als besonders belastend empfunden. Bei einigen führt das zum Zwang, irgendetwas von sich geben zu müssen, nur um den Redefluss wieder in Gang zu bringen. Denn ab einem gewissen Punkt droht die Spannung außer Kontrolle zu geraten – was in weiterer Konsequenz zu einer panischen und verständlicherweise auch peinlichen Fluchtreaktion führen würde. Betroffene erleben diesen Zustand höchster innerer Panik als eine Art Ich-Auflösung.


Sozialphobien liegen verdrängte Aggressionen oder sadistische Impulse zugrunde, die im Zuge der sozialen Interaktion auf das Umfeld projiziert werden. Krankhafte Schüchternheit ist daher die Folge einer Agressionshemmung in Verbindung mit der Projektion aggressiv feindseliger Impulse auf die soziale Situation, die dadurch Furcht einflößend wirkt.


Sozialphobische Menschen mit aktiven Bewältigungsstrategien verfallen meist in einen ungehemmten Redefluss. Dieser „Rededurchfall“ hat mit normaler Kommunikation nicht viel zu tun. Der Wortschwall und die vielen Fragen, mit denen Phobiker ihr Gegenüber eindecken, dienen nur dazu, die bedrohliche Situation und den Gesprächsverlauf unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig wird durch die „Wortwand“ auch die Distanz zum Gesprächspartner gewahrt.


Die passive Bewältigungsstrategie besteht darin, soziale Situationen zu meiden. Ein solches Verhalten führt zwangsläufig zur Vereinsamung. Wird die soziale Isolation einmal durch einen zufälligen zwischenmenschlichen Kontakt durchbrochen, reagieren Betroffene schüchtern, gehemmt und büßen so einen Gutteil ihrer Attraktivität ein.

26. 8.

FOLGE 10 | HYPOCHONDRIE

Unangemessene Furcht vor Krankheiten

Menschen mit hypochondrischen Ängsten haben es nicht leicht. Trotz ihres hohen Leidensdrucks werden ihre Beschwerden kaum ernst genommen. Wenn sie mit ihren körperlichen Symptomen in der ärztlichen Praxis vorsprechen, heißt es meist nur lapidar: „Ihnen fehlt nichts.“ Das stimmt und es stimmt auch wieder nicht. Hypochondrischen Menschen fehlt rein organisch wirklich nichts. Ihre Störung liegt im psychischen Bereich. Doch davon wollen sie meist nichts wissen. Sie beharren auf einer körperlichen Verursachung und fühlen sich paradoxerweise nur von jenen Ärzten ernst genommen, die sie falsch, nämlich körperlich behandeln. Die Kunst besteht wohl darin, einem hypochondrischen Menschen die psychische Verursachung seiner Symptome vor Augen zu führen, ohne ihm dabei das Gefühl zu geben, dass er nicht ernst genommen wird und sich seine Symptome nur einbildet.


– 13,5 % im deutschsprachigen Raum haben unbegründete Krankheitsängste. Der Anteil der Frauen ist mit 15,4 % leicht überrepräsentiert.
– Ungebildete Menschen werden häufiger von hypochondrischen Ängsten geplagt.
– Krankheitsängste treten in der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen mit 16,5 % vermehrt auf.
– Betroffene finden schwerer Anschluss und sind im Sozialkontakt eher vorsichtig bis ängstlich.


Bei der Hypochondrie steht die unbegründete Überzeugung im Vordergrund, krank zu werden oder eine schwere Krankheit zu haben, wobei diese Überzeugung aus einer andauernden Beschäftigung mit körperlichen Missempfindungen erwächst. Die Hypochondrie zählt zu den somatoformen Störungen, deren wesentliches Merkmal körperliche Beschwerden sind, die eine körperliche Krankheit nahelegen, für die sich jedoch in den medizinischen Befunden kein Beleg finden lässt.

In der Regel besteht bei den Betroffenen ein erhebliches Misstrauen gegenüber ärztlichen Befunden, die ihnen hervorragende organische Gesundheit attestieren. Aus diesem Grund sind hypochondrische Menschen insgeheim davon überzeugt, nicht richtig behandelt zu werden. Kein Wunder also, dass es bei dieser Störung früher oder später zum „Doctor Shopping“ kommt. Dabei laufen sie von Arzt zu Arzt, bis sie einen finden, der ihre Beschwerden tatsächlich als Ausdruck einer körperlichen Erkrankung diagnostiziert.


Von psychoanalytischer Seite wird Hypochondrie als Ausdruck narzisstischer Selbstbezogenheit verstanden. Die psychoanalytische Arbeit zeigt, dass hinter der Symptomatik oft unterschwellige Feindseligkeit lauert, zu der die Patienten selbst aber keinen Zugang haben. Manchmal hat es den Anschein, als wollten sie mit der Symptomatik Zuwendung erzwingen. Unbegründete Herzängste stehen häufig in Verbindung mit unterdrückter sexueller Erregung.


Ein, wie sich in der Analyse später herausstellte, homosexueller Kirchenmann mit pädophilen Neigungen begab sich wegen einer Herzphobie in Behandlung. Immer dann, wenn er das Folgetonhorn eines Einsatzwagens vernahm, löste der durchdringende Ton bei ihm einen heftigen Angstanfall aus. Das anschwellende Signal stellte sich später als Symbol für seine sexuelle Erregung heraus, der Herzinfarkt, den er mit dem rasenden Rettungswagen in Verbindung brachte, als Ausdruck der Gefahr, die von seinen sexuellen Wünschen ausging. Es dauerte Jahre, bis er sich dazu durchringen konnte, seinen homosexuellen Neigungen auf eine sozial akzeptierte Weise nachzugeben. Erst dann verschwanden seine Herzsymptome endgültig.


Da sexuelle Erregung das Herz von Natur aus höher schlagen lässt, treten Herzängste bevorzugt in Verbindung mit oft sogar bewussten unterdrückten sexuellen Wünschen auf, die wegen ihres asozialen Charakters nicht ausgelebt werden können (wie bei der Pädophilie). Die Unterdrückung der sexuellen Wünsche führt regelmäßig zu einem Erregungsstau. Die vegetative Symptomatik führt zwar im Angstanfall zur Entladung, nur dass dabei die Lust gegen eine andere Währung getauscht wird – die Angst.


In einem anderen Fall führten verdrängte sadistische Wünsche zu schweren Krebsängsten. Ein junger Mann verspürte einen ziehenden Schmerz im linken Hoden, der von Zeit zu Zeit auf den rechten überging und wieder verschwand. Sofort entwickelte er die Panik, an Hodenkrebs erkrankt zu sein. Er suchte eine ganze Reihe von Urologen auf, doch keiner konnte eine organische Verursachung für sein Leiden feststellen. Der psychoanalytischen Behandlung stand er ursprünglich sehr skeptisch gegenüber, weil er von einer organischen Verursachung seiner Schmerzen überzeugt war.


Im Laufe der Behandlung stellte sich heraus, dass seine Ehefrau ihm schon seit Jahren den Geschlechtsverkehr verweigerte. Als Folge ihrer Zurückweisung stellten sich bei ihm grausame Vergewaltigungsfantasien ein. Allerdings schämte er sich für diese Gedanken so sehr, dass er sie sofort wieder unterdrückte. Bald danach traten die ersten Symptome auf. Erst als er nach der Scheidung von seiner Frau eine sexuell erfüllende Ehe mit einer anderen einging, gab sich die Krebsangst.


Der Kern aller Phobien, die Angst vor dem Kontrollverlust, lässt sich auch bei der Hypochondrie nachweisen. Als Ergebnis einer Vorsorgeuntersuchung erfuhr einer meiner Patienten, dass bei ihm alles in bester Ordnung sei. Meine Feststellung, dass das doch eine erfreuliche Nachricht wäre, wies er mit den Worten zurück, dass „man ja nicht wissen könne, ob nicht schon beim Verlassen der Ordination eine bösartige Krankheit ihren Anfang genommen hätte.“ Tatsächlich vollzieht sich die Ausbildung von Tumoren im Anfangsstadium unbemerkt. Auch Herzinfarkte und Insulte entziehen sich unserer Kontrolle. Gegen den Tod ist eben kein Kräutlein gewachsen.


26. 9.

FOLGE 11 | ZWANGSSTÖRUNG

Die Zwangsstörung
Wie alle anderen Fantasieprodukte werden auch Zwangsgedanken durch Wünsche hervorgerufen. In der Regel verfolgen diese Wünsche niedere, mitunter sogar grausame Ziele, mit denen sich die Betroffenen bewusst nicht identifizieren, ja die sie sogar entschieden ablehnen. Oft handelt es sich dabei um Wünsche, die feindselige Regungen gegenüber geliebten Personen oder sexuelle Gewalthandlungen zum Inhalt haben. Ist die Triebregung zu stark, kann sie nicht einfach aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Vielmehr besteht die psychische Abwehr darin, die inkriminierte Wunschvorstellung vom übrigen Denken zu isolieren. Beim Vorgang der Isolierung wird die Vernetzung von Gedanken, Triebregungen, Wünschen mit anderen psychischen Inhalten im neuronalen Netz unseres Gehirns unterbunden. Danach führen sie im Unbewussten eine Art Eigenleben. Wann immer es einem isolierten Triebimpuls gelingt, sich Zugang ins Bewusstsein zu verschaffen, ruft er denselben Konflikt hervor, der schon einmal zu seiner Abspaltung und Isolation geführt hat, und er muss daher durch eine entgegengesetzte Vorstellung neutralisiert oder ungeschehen gemacht werden.
Allen Zwangsstörungen liegt eine hochgradige Ambivalenz gegenüber einer wichtigen Bezugsperson aus der Kindheit zugrunde: der Wunsch, eine Handlung zu setzen und sie im gleichen Atemzug wieder rückgängig zu machen. Im Aberglauben finden sich viele Beispiele, die diesen Zusammenhang unterstreichen. Eines davon ist die Redewendung „Verschrei es nicht“, um eine voreilig ausgesprochene Behauptung zurückzunehmen. Wie sich ersehen lässt, haben Zwangsgedanken dieselbe Grundlage wie der Glaube an die Wirksamkeit von Flüchen oder Zaubersprüchen: das magische Denken. Im magischen Denken eines Kindes wird zwischen Gedanken und Taten, zwischen Fantasie und Wirklichkeit noch nicht unterschieden. Böse Wünsche haben nur dann keine Folgen, wenn sie durch einen entsprechenden Gegenzauber aufgehoben oder ungeschehen gemacht werden. Dieser Vorgang der Verhinderung bzw. des Ungeschehenmachens liegt den meisten Formen der Zwangsstörung zugrunde. Die ganze Palette der Zwangsrituale sowie der zwanghaften Gedankenformeln lässt sich auf dieser Basis verstehen.
Auch übertriebene Sorgen um das Wohlergehen eines nahe stehenden Menschen können ein Hinweis auf die Existenz verborgener feindseliger Wünsche sein. Man spricht in diesem Fall von einer Reaktionsbildung. Dabei wird der ursprüngliche Impuls im Sinne des psychischen Abwehrvorganges durch das entgegengesetzte Bestreben ersetzt. Philosemitismus ist häufig eine Reaktionsbildung auf unterschwelligen Antisemitismus, die Idealisierung von Andersfarbigen oder Ausländern oft ein Hinweis auf latenten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Beim Ungeschehenmachen verhält sich eine Person in ihrem gesamten Verhalten so, als hätte ein bestimmtes Ereignis nie stattgefunden. Angstauslösende Gedanken sollen durch magische Formeln oder Handlungen ungeschehen gemacht werden. Allein die Formulierung „Seine Hände in Unschuld waschen“ genügt, um den tieferen Sinn des Waschzwanges zu begreifen: Jemand, der seine Hände „schmutzig“ gemacht hat, möchte damit die Schuld von seinen Händen waschen, um auf diese Weise die böse Tat ungeschehen zu machen.
Der Ordnungszwang, bei dem schon der kleinste Schritt in Richtung Unordnung rückgängig gemacht werden muss, kann der Vergewisserung dienen, dass alles wieder unter Kontrolle, das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Stets verhindert die eine Hand, was die andere tut, oder nimmt es wieder zurück. Die anstößigen Wunschvorstellungen, die für die innere Spannung verantwortlich sind, bleiben unbewusst. Sie lassen sich aber leicht aus dem jeweiligen Abwehrvorgang erraten. Kognitiv wissen die Betroffenen zwar genau, dass es sich bei ihren Vorstellungen bloß um Einbildungen handelt. Emotional verhalten sie sich aber so, als wären diese real begründet.
Wer Zwänge hat, leidet signifikant häufiger unter unbestimmten Angstzuständen, einem erhöhten Kontrollbedürfnis, Pessimismus und einer verstärkten Suchtneigung. Bei Süchtigen wechseln sich Phasen der hemmungslosen Gier und der zwanghaften Abstinenz ab. Auch die Magersucht lässt sich aus dieser Warte als zwanghafte Abwehr der oralen Aggression und Gier deuten. So gesehen weisen Menschen, die zu Zwängen neigen, meist eine schwere Störung ihrer Trieb- und Impulsregulation auf.
Ein höherer Beamter stöberte gerne in Buchläden. Als er sich wieder einmal in einem aufhielt, kam ihm plötzlich der Gedanke an einen Ladendiebstahl. Er überlegte, wie er es anstellen könnte, Waren durch die elektronische Diebstahlssicherung beim Ausgang zu schmuggeln. Das erschien ihm als eine intellektuelle Herausforderung. Es vergingen Monate und der flüchtige Gedanke war längst in Vergessenheit geraten. Eines Tages suchte er zufällig dieselbe Buchhandlung auf. Völlig unvermutet fürchtete er, jemand könnte ihm unbemerkt ein Buch oder eine CD in seine Tasche gesteckt haben, sodass die Alarmanlage beim Hinausgehen anschlagen würde. Wie sollte er dann der Kassiererin erklären, dass er kein Ladendieb war? Sie würde ihm unmöglich Glauben schenken. Um sicherzugehen, kontrollierte er seine Tragtasche, bevor er den Laden verließ.
In den darauffolgenden Wochen wurden seine Ängste immer stärker. Er vermied es nach Tunlichkeit, Geschäfte mit elektronischer Diebstahlssicherung zu betreten. War er dennoch gezwungen, in einem solchen einzukaufen, überlegte er lange hin und her, ob er vor dem Passieren der Diebstahlsschranke nicht die Kassiererin über die Möglichkeit, dass ihm jemand ohne sein Wissen einen Artikel zugesteckt haben könnte, in Kenntnis setzen sollte. In weiterer Folge dauerte es immer länger, bis er es wagte, durch die elektronische Schranke zu gehen, weil er fürchtete, der Alarm könnte allein schon durch seine Angstspannung ausgelöst werden.
Dem Mann war natürlich die Absurdität seiner Befürchtungen bewusst. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf die Idee kam, gerade ihm und noch dazu unbemerkt ein Buch zuzustecken, war verschwindend klein. Trotzdem schützte ihn dieses Wissen nicht. Sobald er sich der elektronischen Diebstahlssicherung näherte, reagierte er gefühlsmäßig so, als würde er Sekunden später vor der ganzen Welt als Ladendieb entlarvt sein. Dieses und auch die nächsten Beispiele zeigen, dass unsere Realitätssicht weniger vom kognitiven Wissen als von unserem Empfinden abhängt. In vielen Bereichen sehen wir die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sie sehen wollen oder aus einer unbewussten Bedingtheit heraus sehen müssen. Dem Geschehen auf der realen Handlungsebene liegt dabei stets eine unbewusste Dynamik zugrunde, die sich der Kenntnis des Betroffenen üblicherweise entzieht. Auch die nächsten Beispiele handeln von Menschen, bei denen unbewusst motivierte Fantasien Realitätscharakter erhalten und Angstzustände hervorrufen.
Eine Studentin, deren Vater aus beruflichen Gründen oft fliegen musste, kam eines Tages der Gedanke, dass sein Flugzeug abstürzen könnte. Bald wurde die Vorstellung zur fixen Idee. Gleichzeitig kämpfte sie gegen ihre Befürchtungen an, weil sie davon überzeugt war, erst der Gedanke an den Absturz würde die Katastrophe herbeiführen. Jedes Mal, wenn sie die Geräusche eines Flugzeuges am Himmel vernahm und zwangsläufig an den Absturz des Flugzeuges dachte, wurde sie von panischer Angst ergriffen, dass sie die Schuld träfe, wenn ihr Vater nun wirklich verunglückte.
Ein junger Vater brachte seinen siebenjährigen Sohn zu einer befreundeten Familie, mit der das Kind aufs Land fahren sollte. Er half beim Verstauen der Gepäcksstücke und bedankte sich noch einmal recht herzlich dafür, dass seine Freunde den Jungen über das Wochenende mitnahmen. Als das Auto wegfuhr, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er sich von seinem Sohn nicht „richtig“ verabschiedet hatte. Mit einem Mal überfiel ihn die Panik, sein Versäumnis könnte dazu führen, dass er seinen Sohn nie wieder sehen werde. Schreckliche Dinge gingen ihm durch den Kopf. Einmal sah er das Kind bei einem Autounfall tödlich verunglücken, dann wieder ertrank es beim Baden in einem Teich. Das ganze Wochenende plagten ihn schwere Ängste und Schuldgefühle. Er gelobte, für den Fall, dass die erwartete Katastrophe ausbliebe, seinem Sohn nie wieder zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken.
Eine im realen Leben äußerst liebevolle Mutter wiederum überfiel panische Angst, sobald sich ihre Vierjährige einem Brücken- oder Balkongeländer näherte. Sie fürchtete stets, das Geländer könnte nachgeben und ihre Tochter zu Tode stürzen. Das kognitive Wissen um die Irrationalität ihrer Befürchtungen half ihr nicht im Geringsten.

Paranoia
Bei vielen Menschen gehen Fantasien mit einem Gefühl der subjektiven Gewissheit einher, ohne dass ihre Inhalte durch die Realität begründet wären. Man spricht in diesem Zusammenhang von Einbildungen. Gelegentlich organisieren sich Fantasien sogar zu komplexen, nicht korrigierbaren Wahnsystemen mit unplausiblen Inhalten, ein Umstand, der für die Ausbildung von Glaubenssystemen nicht unerheblich ist.
Eine alleinstehende, enthaltsam lebende Frau Mitte vierzig engagierte sich seit vielen Jahren in ihrer Pfarrgemeinde. Nachdem der alte Pfarrer von einem jungen, gut aussehenden Priester abgelöst wurde, kamen ihr plötzlich Bedenken, ob ihr Engagement nicht missverstanden werden könnte. Die Befürchtung wurde allmählich zur fixen Idee. Wo immer sie hinkam, fühlte sie die Blicke auf sich gerichtet. Sie glaubte zu spüren, dass die Leute die Unterhaltung einstellten, sobald sie in die Nähe kam. Der Gesichtsausdruck anderer erschien ihr mit einem Mal höhnisch und verächtlich. Es dauerte nicht lange und sie war davon überzeugt, dass hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wurde, weil man ihr ein Verhältnis mit dem neuen Pfarrer nachsagte. Als Reaktion zog sie sich immer mehr zurück, um dem vermeintlichen Gerede zu entgehen. Besorgte Anfragen, was mit ihr los sei, quittierte sie mit einem überlegenen, wissenden Lächeln, was so viel hieß wie: „Mir könnt ihr nichts vormachen, ich habe euch durchschaut.“
In ihren Tagträumen beschäftigte sie sich fortwährend mit den vermeintlichen Unterstellungen, um diese „ungeheuren Verdächtigungen“ im selben Atemzug entrüstet von sich zu weisen. Als sie einmal nach der Sonntagsmesse an einer Gruppe von Kirchgängern vorbeiging, war sie sich sicher, die Beschimpfung „Pfarrershure“ vernommen zu haben. Nun geriet sie vollends in Panik. Sie traute sich oft tagelang nicht aus dem Haus. Überall witterte sie Feinde. Sogar in den Gebüschen rund um die Kirche schienen sich ihre Verfolger zu verstecken, um sie beim Vorbeigehen zu beschimpfen. Die Stimmen, die sie mit Obszönitäten bedachten, wurden dabei immer dreister und aufdringlicher. Zu guter Letzt höhnten sie sogar schon aus den Wänden ihrer Wohnung. Das Wahnsystem uferte aus.
Es gehört nicht viel dazu, um den Hintergrund dieses Wahnsystems zu erraten. Es ist keine Seltenheit, dass sich einsame, sexuell unbefriedigte Frauen in Pfarrer verlieben. Solche Dinge passieren einfach im kirchlichen Dunstkreis. Noch dazu, wo in der katholischen Kirche die hochwürdigen Herren den Nimbus der Unerreichbarkeit vor sich her tragen.
In diesem Fall führte die Verliebtheit der Frau zu einem argen Konflikt zwischen ihren Triebwünschen und ihrem jungfräulichen Ideal. Sie konnte sich unmöglich eingestehen, dass sie den jungen Geistlichen sexuell anziehend fand und mehr von ihm wollte als bloß religiösen Beistand. Ihr sexuelles Verlangen stand diametral zu ihrem moralischen Anspruch. Als sie dem inneren Druck nicht mehr standhalten konnte, wurden die Pfarrmitglieder zur Projektionsfläche ihrer Schuld- und Schamgefühle. All das, was sie sich selbst vorwarf, vermeinte sie nun aus dem Munde anderer zu hören. Ihr Umfeld wurde für sie zur Personifikation ihres schlechten Gewissens, das sie auf diesem Wege unerbittlich verfolgte.
Der Umstand, dass sie einen Priester begehrte, war ihr so unerträglich, dass sie diese Realität auf keinen Fall anerkennen konnte. Umgekehrt war es ihr aber auch nicht möglich, ihr Verlangen zum Verstummen zu bringen. Blieb also nur noch die Möglichkeit, es vor sich selbst zu leugnen. Im selben Maße änderte sich ihr Realitätsbezug. In ihrer Realität war nicht mehr sie es, die so schmutzige Dinge wollte, sondern es waren die anderen, die sie ihr unterstellten. Die ursprüngliche Verfolgerin, die dem Priester mit ihren Wünschen heimlich nachstellte, wurde durch die Verleugnung und Projektion ihres Begehrens selbst zur Verfolgten. Mit einem Mal war sie nicht mehr „Täterin“, sondern Opfer. Die Scheinwelt, die sie unbewusst errichtete, diente lediglich dazu, sie vor der schmerzhaften Wahrheit zu schützen, dass sie dieselben Wünsche hatte wie die von ihr so verachteten „Huren“, die sich Männern an den Hals schmissen.

Allmacht der Gedanken
Nicht nur, dass beim Menschen die Grenzen zwischen Fantasie und Realität mitunter verschwimmen, versteht er sich oft genug auch als Urheber der Realität. Wir stoßen hier auf ein Phänomen, dass in der Psychoanalyse unter der Bezeichnung „Allmacht der Gedanken“ bekannt ist. Schon weiter oben war vom magischen Denken des Kindes die Rede.
Tatsächlich unterscheidet sich der Weltbezug eines Kindes grundlegend von dem eines Erwachsenen. Aus der Sicht des Kindes war es schon immer da. Es existierte schon lange bevor sich sein Bewusstsein bildete und auch lange bevor sich seine Innen- von der Außenwelt differenzierte. Im Mutterleib und unmittelbar nach der Geburt besteht für den Fötus bzw. das Neugeborene nichts, außer ihm selbst.
Es und die Welt sind zu diesem Zeitpunkt noch eins. Nach und nach erfährt der Säugling jedoch, dass nicht er selbst es ist, der seinen Hunger stillt, sondern irgendetwas vage Empfundenes, das immer dann auftaucht, wenn bei ihm die Not am größten ist. Seine frühkindlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Pflegeverhalten führen allmählich zu einem Paradigmenwechsel.
Zu welcher Überzeugung sollte er denn gelangen, wenn nicht zu der, dass die Welt seinen Wünschen gehorcht? Das Verhältnis zwischen Säugling und Mutter ist in diesem Stadium noch höchst einseitig ausgerichtet. Was der Säugling braucht, geschieht. Ist er hungrig, kommt Nahrung, ist er nass, wird er trockengelegt, fühlt er sich einsam, wird er in den Arm genommen.
In der Frühzeit der kindlichen Entwicklung bildet sich die Vorstellung von der Allmacht der eigenen Wünsche und Gedanken aus. Im Laufe des Lebens relativiert sich die infantile Überzeugung zwar, dass alles möglich ist, wenn „man es nur ganz fest will“. Gänzlich überwunden wird sie aber nie. Im Wunschdenken des Erwachsenen ist noch immer das Bestreben, durch Leugnung der Realität an der ursprünglich empfundenen Allmacht festzuhalten, sichtbar.
Während die liebevolle Fürsorge beim Säugling ein Hochgefühl hervorruft, führen übermäßige Entbehrungen zu Stress und Hilflosigkeit. Die positiven Erfahrungen in dieser Zeit sind die Grundlage für die spätere Liebesfähigkeit. Hunger und Vernachlässigung fördern hingegen die Zunahme von Hass und Zerstörungswünschen. In Anlehnung an die lustvollen und unlustvollen Affekte spaltet sich auch die Welt des Säuglings in eine der „guten“ und eine der „bösen“ Mächte. In diesem frühen Lebensstadium ist die äußere Welt aufgrund der fehlenden Grenzen zwischen Subjekt und Objekt noch ein Spiegel der emotionalen Befindlichkeit des Kleinstkindes. Befindet es sich in einer Hochstimmung, gleicht die Welt einem Paradies. Ist es voll Wut, wandelt sich das Paradies zur Hölle.
Hand in Hand mit der allmählichen Spaltung des frühkindlichen Universums in eine innere und eine äußere Welt differenzieren sich auch die Affekte nach dem Lust-Unlust-Schema. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich in der Frühphase der kindlichen Entwicklung die Grenzen der inneren Welt noch nicht mit den Körpergrenzen decken. Zunächst sind das Kind und das Universum – sämtliche Objekte, mit denen es in Beziehung steht – identisch.
Außen- und Innenwelt fallen zu diesem frühen Zeitpunkt noch zusammen. Die Mutter ist zugleich Objekt der äußeren und inneren Welt des Kindes. Der ganze Kosmos ist von den Eindrücken und Empfindungen des Kindes beseelt. Vom Subjekt abgegrenzte äußere Objekte gibt es noch keine. Erst allmählich bildet sich die Innenwelt durch Verinnerlichung der lustvollen Empfindungen aus, während die unlustvollen Empfindungen durch Abspaltung und Projektion zur Außenwelt werden.
Ganz nach dem Prinzip „die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen“. Selbst im Erwachsenenalter empfinden viele Menschen das von außen kommende Fremde als Bedrohung. Im Zuge des Reifungsprozesses erfolgt zwar eine Differenzierung zwischen inneren und äußeren Objekten sowie eine Integration der unlustvollen Affekte, aber die ursprüngliche Gleichsetzung zwischen Innen- und Außenwelt prägt auch noch das Welterleben des Erwachsenen.
Der tief verwurzelte Glaube an die Allmacht der eigenen Wünsche ist ein Ergebnis dieser frühesten Lebensphase. Im Optimismus des Erwachsenen spiegelt sich dieses kindliche Vertrauen in die nährenden, wohlwollenden und unterstützenden Kräfte aus der Frühzeit der eigenen Entwicklung. Umgekehrt ist eine allzu pessimistische Einstellung gegenüber der Welt meist ein Hinweis auf übermäßige Entbehrungen in dieser frühen Lebensphase.
Wenn Erwachsene Überlegungen über kleinkindhafte Wünsche anstellen, denken sie als Erstes an die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Natürlich sehnen sich Kinder nach einem wohligen, geborgenen Zustand. Doch heißt das noch lange nicht, dass sich die kindliche Emotionalität auf „unschuldige“ Gefühlsregungen beschränkt. Man braucht bloß den Gesichtsausdruck eines rasenden, wild um sich schlagenden Säuglings zu betrachten, um das Ausmaß des Hasses und der Zerstörungswut zu erahnen, die in seinem Inneren toben. Ein Erwachsener in einem vergleichbaren Affektzustand würde für seine Umgebung eine akute Gefahr bedeuten.
Allmachtsfantasien, die sich auf gute Wünsche beziehen, führen zu keinem psychischen Konflikt. Was aber, wenn ein Dreijähriger seine Mutter anbrüllt: „Ich hab dich nicht mehr lieb. Ich möchte, dass du gehst, dass du für immer fort bist!“ Solange er von seiner Wut beherrscht wird, wird ihn sein Wunsch nicht sonderlich aufregen. Sobald der Zorn aber verraucht, wird der hasserfüllte Wunsch Schuldgefühle hervorrufen. Das Kind hat seine Mami doch lieb. Würde jetzt wirklich das eintreten, was es in seiner Wut gewünscht hat, liefe es Gefahr, seine Mami für immer zu verlieren. Verständlich, dass ein Kind in einer so prekären Situation alles daransetzt, um seinen bösen Wunsch ungeschehen zu machen.
Frei nach dem Motto: Gift und Gegengift, Zauber und Gegenzauber. Je stärker die Beziehung zu einer wichtigen Bezugsperson aus der frühen Kindheit von widersprüchlichen Gefühlen – Liebe und Hass – geprägt ist, umso eher wird ein Kind auch als Erwachsener am magischen Denken festhalten.
Ein elfjähriger Junge litt unter der panischen Angst, dass seine Eltern sterben könnten. Jeden Abend vor dem Schlafengehen kniete er im Kinderzimmer vor seinem Bett und sprach ein Schutzgebet für seine Eltern. Immer wenn er bei der Stelle angelangt war: „Lieber Gott, beschütze Mama und Papa und mach, dass sie recht lange leben“, ging ihm ein „schlimmer“ Gedanke durch den Kopf.
Nach einiger Zeit stellte sich bei ihm die Befürchtung ein, dass die störenden Gedanken seine Gebete unwirksam machten, ja sogar die Gefahr erhöhten, dass den Eltern etwas zustoßen könnte. Um dem entgegenzuwirken, beschloss er, Gebete, die durch „schlechte“ Gedanken entweiht wurden, zu wiederholen. Aber nicht einmal, sondern zweimal. Das erste Mal, um die besudelten Gebete ungeschehen zu machen, das zweite Mal, damit der Schutz für die Eltern wirksam würde. Bald kniete der Verzweifelte jede Nacht bis drei, vier Uhr morgens vor seinem Bett, um die drohende Gefahr von seinen Eltern abzuwenden, bis er dann irgendwann erschöpft in den Schlaf fiel.
Für ihn ging es nicht bloß darum, Gott um ein langes Leben für seine Eltern zu bitten. Der Junge fühlte sich höchstpersönlich für deren Wohlergehen verantwortlich. Er fürchtete, durch seine „schlechten“ Gebete das Unheil, welches er von ihnen abwenden wollte, erst recht heraufzubeschwören. In seiner Vorstellung hing das Schicksal seiner Eltern allein von ihm ab. Nicht Gott, sondern er war der Herr über deren Leben und Tod. Ein schlechter Gedanke, ein nicht gesühntes Gebet und schon war es um seine Eltern geschehen.
Seine Aggressionen gegen die Eltern, welche die störenden Gedanken hervorriefen, waren dem Jungen nicht zugänglich. Obwohl sie ein Außenstehender leicht nachvollziehen konnte. Seine Eltern gerieten häufig aneinander und das Familienklima war dementsprechend gespannt. Er erfüllte in der Familie die Rolle eines Blitzableiters, an dem beide Elternteile ihre Frustrationen abreagierten. Je stärker er seine Eltern hasste, umso mehr fürchtete er, sie zu verlieren. Er befand sich immer im Kampf mit sich selbst. Jeder böse Gedanke musste durch ein gutes Gebet ungeschehen gemacht werden.

Zwangsimpulse
Zwanghafte Impulse führen zwar ebenfalls zu Handlungen, sind aber trotzdem noch keine Zwangshandlungen im engeren Sinn, weil der „Befehl“ zur Handlung stets unbewusst erfolgt. Die Grenzen zum Tick sind fließend. Menschen, die unter zwanghaften Impulsen leiden, merken immer erst im Nachhinein, dass sie dem Impuls nachgegeben haben.
Einem Patienten, der am Tourette-Syndrom litt, rutschten zum Beispiel während eines Gespräches immer wieder peinliche Schimpfwörter über die Lippen, die mit dem Inhalt des Gespräches in keinerlei Zusammenhang standen. Ein anderer wiederum musste sein Gegenüber während des Gespräches anspucken. Obwohl sich beide der Symptomatik bewusst waren, gelang es ihnen nicht, sie unter Kontrolle zu bringen. Im Gegenteil, je stärker sie versuchten, die Symptome zu unterdrücken, umso heftiger traten sie in Erscheinung.

Zwangshandlungen
Zum besseren Verständnis der Zwangshandlungen empfiehlt sich der Vergleich mit einem beliebten Gesellschaftsspiel, bei dem komplexe Handlungen mit Hilfe von Gebärden dargestellt werden müssen. Im Grunde ist eine Zwangshandlung nichts anderes als die (verdichtete) pantomimische Darstellung eines unbewussten Konfliktes. Eine Rückübersetzung des szenischen Ausdruckes in die abgewehrten Inhalte, die ihm zugrunde liegen, ist in den meisten Fällen ohne größeren Aufwand möglich. Ein einfaches Beispiel für eine Zwangshandlung ist das dreimalige Auf-Holz-Klopfen, damit Unheil vermieden wird.
Der Waschzwang ist ein Hinweis, dass die betroffene Person in ihrer Fantasie mit „schmutzigen“ Dingen in Berührung gekommen ist. Allein die Redewendung, sich nach einem Bad wie „neugeboren“ (daher auch unschuldig) zu fühlen, beweist, dass es dabei nicht nur um die körperliche Reinigung geht.
Ein Patient litt unter dem Zwang, dass er auf einem Zebrastreifen immer nur die weißen Flächen, niemals aber die schwarzen betreten durfte. War er sich nicht vollkommen sicher, dass er seinen Fuß im weißen Bereich aufgesetzt hatte, musste er umkehren und die ganze Prozedur von Anfang an wiederholen. Es war keine Seltenheit, dass er zur Überquerung eines Fußgängerüberganges auf diese Weise mehrere Stunden benötigte.
Erst als die Analyse die unbewusste Bedeutung des „Fehltrittes“ enthüllte, gab sich die Symptomatik allmählich. Anhand dieses Beispiels lässt sich auch erkennen, wie sehr Zwangsgestörte bemüht sind, die „dunkle“ Seite ihrer Psyche (symbolisiert durch die schwarzen Streifen) von der unschuldigen (die weißen Flächen) zu isolieren. Die Zwangsneurose wird demnach stets vom „Alles-oder-nichts“-System beherrscht, aber niemals vom reiferen „Sowohl als auch“.

Zwanghaftes Zweifeln
Unentschlossenheit und Zweifeln gehören zu den durchgängigen Symptomen der Zwangsstörung. Sie sind Ausdruck der Ambivalenz, die dieser Störung eigen ist. Es wurde schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Mechanismen der analsadistischen Phase das Bild der Zwangsstörung prägen. Für diesen Entwicklungsabschnitt ist charakteristisch, dass er von Gegensätzen beherrscht wird: Hass – Liebe, Macht – Ohnmacht, Aktivität – Passivität etc. Diese grundlegende Gegensätzlichkeit ist auch für die notorischen Zweifel Zwangskranker verantwortlich. Vereinfacht ausgedrückt kann sich der Zwangskranke nicht entscheiden, ob er das Objekt lieben und bewahren oder hassen und zerstören möchte. In besonders schweren Fällen kann dieses Symptom bis zur völligen Entscheidungsunfähigkeit führen, weil jeder Versuch, eine Entscheidung zu treffen, von heftigen Zweifeln begleitet wird, ob diese auch die richtige ist.

Zwanghaftes Grübeln
Grübler haben ein strengeres Gewissen (in der Psychoanalyse „Über-Ich“) als die meisten und sind daher auch selbstkritischer. Sie sind natürlich alles andere als leichtlebig. Im Gegenteil, der Zwang zum Grübeln führt eher zur Antriebslosigkeit und Lustlosigkeit.
Zwanghaftes Grübeln und die damit in Verbindung stehenden Selbstvorwürfe sind meist die Folge von Schuldgefühlen, die schon früh in der Kindheit als Reaktion auf feindselige Wünsche gegenüber einem Elternteil (meist der Vater) entstanden sind. Tatsächlich lassen sich solche frühkindlichen Todeswünsche bei den meisten Zwangsgestörten nachweisen. Diese Schuldgefühle und Selbstbezichtigungen gehen in schweren Fällen manchmal so weit, dass Zwangskranke sich schwerer Verbrechen bezichtigen, die sie nachweislich gar nicht begangen haben können.

Unordnung ist hier gleichbedeutend mit Kontrollverlust, Triebdurchbruch.


26. 10.

FOLGE 12 | DEPRESSION

Im Alltag wird bald jemand als „depressiv“ bezeichnet, nur weil er einmal nicht gut „drauf“ ist. Auch gelegentliche Lustlosigkeit oder Traurigkeit, wenn einem das Leben wieder einmal so richtig übel mitgespielt hat, sollten mit dem klinischen Krankheitsbild der Depression nicht verwechselt werden. Im Gegensatz zu anderen psychischen Störungen verändern Depressionen die gesamte Persönlichkeit. Sie wirken sich auf das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen aus.


Im Bereich der Emotionalität rufen Depressionen Gefühle der Traurigkeit, Leere, Leblosigkeit, aber auch der existenziellen Auslöschung hervor. Angstzustände, allen voran Zukunftsängste bzw. Existenzängste gehören ebenfalls zum Bild der Depression. Was ihren Antrieb anbelangt, so fühlen sich Depressive oft völlig kraftlos, passiv, lustlos, desinteressiert und zu keiner Entscheidung fähig. In schweren Fällen wird der Selbstmord als einzige Lösung fantasiert. Zu den klassischen depressiven Symptomen gehören die Neigung zu erhöhter Selbstkritik, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, die Neigung zum Grübeln sowie Denk- und Konzentrationsstörungen. Im vegetativen Bereich führen Depressionen zu Schlafstörungen (vor allem zu Durchschlafstörungen) und Appetitlosigkeit. Vor allem bei endogenen Depressionen leiden Patienten am Morgen oft unter Mundtrockenheit. Die Stimmung ist am Morgen am schlechtesten und bessert sich im Laufe des Tages. Viele Patienten berichten, dass es ihnen nach Einbruch der Dunkelheit besser geht. In besonders schweren Fällen kann es auch zu depressiven Wahnvorstellungen kommen.


– 27,4 % der Befragten geben an, unter Depressionen zu leiden. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Begriff „Depression“ oft missbräuchlich für depressiv gefärbte Missstimmungen verwendet wird, ist der Prozentsatz dennoch beachtlich.
– Von Depressionen sind Männer und Frauen in gleicher Weise betroffen.
– Mit dem Alter nehmen auch die Depressionen zu. In der Pension leiden bereits 36 % der Menschen daran.
– Erschreckend hoch ist der Anteil der Menschen, die sich als depressiv bezeichnen, unter den Pflichtschulabsolventen (42,1 %).
– Depressive geben signifikant häufiger an, antriebslos zu sein und Lustlosigkeit und Langeweile zu verspüren. Sie leiden häufiger unter diffusen körperlichen Beschwerden und Durchschlafstörungen.
– In der Sexualität leiden Depressive oft unter chronischer Unlust.

Es gibt unterschiedliche Einteilungen der Depressionen. Am verbreitetsten ist noch immer die, die zwischen endogener und neurotischer Depression unterscheidet. Lange Zeit galt die endogene Depression als angeboren, die neurotische als erworben. Allerdings konnte die Ursache für die Entstehung einer Depression bis heute nicht genau geklärt werden. Vermutlich handelt es sich dabei um ein multikausales Geschehen, bei dem genetische und lebensgeschichtliche Faktoren zu einer Störung des Gehirnstoffwechseln führen, an der hauptsächlich die Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin beteiligt sind.


Endogene (unipolare) Depressionen unterscheiden sich von neurotischen vor allem durch ihren phasenhaften Verlauf. Die depressiven Phasen sind zeitlich begrenzt und gehen manchmal in manische Phasen über. In diesem Fall spricht man von einem bipolaren Verlauf. Weiters kommt es bei endogenen Depressionen zu Verschiebungen des Tagesrhythmus (Schlafen am Tag und Wachzustände in der Nacht), zu morgendlichen Stimmungseinbrüchen, schwacher oder fehlender emotionaler Resonanz auf andere, Hemmungszuständen und vegetativen Symptomen: Mundtrockenheit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen.

Bei der neurotischen Depression steht eine neurotische Persönlichkeitsstruktur im Vordergrund, Gefühle der Traurigkeit, Ängstlichkeit (hypochondrische Tendenzen), Lustlosigkeit. Heute gilt diese Unterscheidung allerdings als überholt. Unterschieden wird nur mehr zwischen primären Depressionen und sekundären Depressionen. Die sekundäre Depression ist ein Folgesymptom auf eine schwere körperliche oder psychische Erkrankung. Primäre Depressionen entstehen unabhängig von psychischen oder somatischen Erkrankungen.

Als Ursache der Depression werden Traumatisierungen (fehlende Zuwendung, Lieblosigkeit, Gewalt, Verwahrlosung) in den ersten Lebensjahren angenommen. Die Welt, in die das Kind hineingeboren wurde, ist reizarm, düster und leer, mitunter sogar ablehnend und feindselig. Die Menschen in ihr verhalten sich so, dass das Kind keine stabile Liebesbeziehung zu ihnen aufbauen kann. Vielmehr beginnt es sie auch zu hassen. Über den Prozess der Verinnerlichung wird der Hass zum Selbsthass, die Aggression zur Depression.

Depressionen können in jedem Alter entstehen. Der Vererbungsfaktor spielt eine erhebliche Rolle. Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Manche Studien sprechen auch von einem Geschlechterverhältnis von 3:1. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass Frauen einfach offener über ihre seelischen Probleme sprechen. Es können aber auch hormonelle Faktoren dafür verantwortlich sein. Sehr wahrscheinlich verbergen sich bei Männern Depressionen auch hinter hohem Alkoholkonsum.

Alleinstehende und Menschen ohne soziale Unterstützung erkranken ebenfalls öfter an Depressionen. Darüber hinaus erscheinen aber auch bestimmte Lebensereignisse (Tod einer geliebten Person) oder Lebensphasen (Midlife-Crisis) geeignet, eine Depression hervorzurufen. Man geht davon aus, dass insgesamt 10 bis 15 % der Gesamtbevölkerung an depressiven Symptomen leiden. Von Depressionen im engeren Sinn sind ca. 4 % der Männer und 8 % der Frauen betroffen.

Depressionen können unipolar oder bipolar verlaufen. Unter bipolar versteht man einen Wechsel von depressiven und manischen Phasen, deren Dauer meist zeitlich beschränkt ist. Depressive Phasen können in regelmäßigen Abständen immer wieder auftreten. Neurotische Depressionen haben meist keinen phasenhaften Verlauf. Sie bestehen so lange, als der ihnen zugrunde liegende psychische Konflikt ungelöst bleibt.

Was die Behandlung anbelangt, so hat eine besonders umfangreiche Studie des amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH) gezeigt, dass depressive Symptome am besten auf eine medikamentöse Behandlung ansprechen. Was die psychotherapeutische Behandlung anbelangt, so schnitt die psychoanalytische Therapie besser ab als die kognitive Therapie.

Sollte die Lebensqualität unter der depressiven Symptomatik leiden, ist professionelle Hilfe angezeigt. Vor allem dann, wenn Selbstgefährdung besteht, ist dringend eine medikamentöse Behandlung angeraten. (Achtung: Antidepressiva, die zuerst antriebssteigernd und erst danach antidepressiv wirken, können die Selbstmordgefahr erhöhen.) Eine Kombination von psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung hat sich am wirkungsvollsten erwiesen.

 

 

 

2018

Februar  
7. 2.

MEDIENZENTRUM STEIERMARK IN GRAZ

UNSERE GEHEIME WELT IM SCHLAF


Ein Buch, das unser Denken auf den Kopf stellt. Ausgehend von den Träumen und Tagträumen wirft der Autor Fragen auf, die an unserem Selbstverständnis rühren. Wie frei ist unser Wille? Was ist wirklich? Ist unser Bild von der Realität eine Konstruktion unseres Gehirns so wie unsere Träume? Welche Rolle spielt das Unbewusste beim Entscheidungsprozess und warum sehen wir uns nie so wie wir sind, sondern immer auch so, wie wir sein wollen?
Der Traum ist der Hüter des Schlafes. Schlafen ist lebenswichtig und ohne die Fähigkeit des Traums, Wünsche als erfüllt darzustellen, würde der Schlaf empfindlich gestört werden. Im Gegensatz zum Traum findet die Wunscherfüllung im Wachen nicht mehr auf der Vorstellungs- sondern auf der Handlungsebene statt. Allerdings so, dass wie im Traum die bewusste Kontrolle getäuscht wird und die rationalen Motive die irrationalen maskieren. Ohne es zu merken biegen wir die Realität, bis sie mit unseren Wünschen in Einklang steht. So schützen wir uns zwar vor den angstmachenden Seiten der Realität, im Negativen erklärt diese Realitätsverleugnung, warum unsere Welt bedrohlich in Schräglage geraten ist.
Vom Autor wird die provokante These vertreten, dass wir keineswegs so bewusst und rational entscheiden, wie wir uns selbst glauben machen, sondern dass unser Verhalten weitgehend von Kräften aus einer geheimen Welt in unserem Kopf gesteuert wird, in der die Wünsche das Sagen haben.

Statements aus dem Buch "UNSERE GEHEIME WELT IM SCHLAF".

Jänner  
31. 1.

LESUNG IM DUNKELN

in der CAFE KORB ART LOUNGE

A-1010 Wien, Brandstätte 9 (Ecke Tuchlauben)

am 31. 1. 2018 um 19:30h (Einlass: 19h)

Ein Buch, das unser Denken auf den Kopf stellt. Ausgehend von den Träumen und Tagträumen wirft der Autor Fragen auf, die an unserem Selbstverständnis rühren. Wie frei ist unser Wille? Was ist wirklich? Ist unser Bild von der Realität eine Konstruktion unseres Gehirns so wie unsere Träume? Welche Rolle spielt das Unbewusste beim Entscheidungsprozess und warum sehen wir uns nie so wie wir sind, sondern immer auch so, wie wir sein wollen?
Der Traum ist der Hüter des Schlafes. Schlafen ist lebenswichtig und ohne die Fähigkeit des Traums, Wünsche als erfüllt darzustellen, würde der Schlaf empfindlich gestört werden. Im Gegensatz zum Traum findet die Wunscherfüllung im Wachen nicht mehr auf der Vorstellungs- sondern auf der Handlungsebene statt. Allerdings so, dass wie im Traum die bewusste Kontrolle getäuscht wird und die rationalen Motive die irrationalen maskieren. Ohne es zu merken biegen wir die Realität, bis sie mit unseren Wünschen in Einklang steht. So schützen wir uns zwar vor den angstmachenden Seiten der Realität, im Negativen erklärt diese Realitätsverleugnung, warum unsere Welt bedrohlich in Schräglage geraten ist.
Vom Autor wird die provokante These vertreten, dass wir keineswegs so bewusst und rational entscheiden, wie wir uns selbst glauben machen, sondern dass unser Verhalten weitgehend von den Kräften aus einer geheimen Welt in unserem Kopf gesteuert wird, in der die Gier das Sagen hat.

DER AUTOR
Dr. Walter Hoffmann, geboren 1953 in Wien; Studium der Psychologie, Psychiatrie und Psychopathologie in Wien und Salzburg.
Psychoanalytiker, Gruppenpsychoanalytiker, Klinischer Psychologe, Gesundheits-, Wirtschafts- und Arbeitspsychologe.
Leiter des Institutes für Angewandte Tiefenpsychologie (http://www.ifat.at) , mit der Zielsetzung, die psychoanalytische Erkenntnismethode auf gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Fragestellungen anzuwenden.

Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher (darunter der prämierte Titel "Die Garfield Jugend", "Kraftquelle Angst", "Arbeit ohne Angst und Stress", "Schrä
glage, etc.)

   
  2017
Dezember  
23. 12. KLEINE ZEITUNG "Warum wir träumen und was Träume bedeuten"
10. 12. DIE PRESSE "Ich rate niemanden, sich mit sich selbst zu beschäftigen"
8. 12. Veröffentlichung der Studie "So schlafen wir, so träumen wir"
7. 12. Präsentation des Buches 'UNSERE GEHEIME WELT IM SCHLAF' im 'DIALOG IM DUNKELN'
November  
22. 11. 'UNSERE GEHEIME WELT IM SCHLAF' Stapellauf in der Thalia