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Auszug aus "Kraftquelle Angst". Hoffmann, W. Ueberreuter 2007.
Vorwort
Angst ist das Signal einer biologisch verankerten Alarmanlage. Wann immer sie schrillt, besteht Handlungsbedarf. Angst ohne reale Bedrohung kann ein Hinweis auf psychische Konflikte und innere Spannungen sein. Wer das alarmierende Angstsignal zu lange ignoriert oder mit Alkohol, Beruhigungsmitteln oder Drogen betäubt, ebnet damit den Weg in die Krankheit.
Ängste entstehen nie ohne Grund. Sie haben immer eine Botschaft. Eine Botschaft, die auf den ersten Blick oft nicht verständlich ist. Vor allem dann nicht, wenn der manifeste Inhalt der Angst mit ihrer latenten Verursachung verwechselt wird. Wen beim Überqueren einer Brücke Panik befällt, fürchtet doch nicht ernsthaft, dass die Brücke einstürzt. Die Brücke ist lediglich ein Symbol, das auf einen verborgenen psychischen Zusammenhang hinweist.
Es ist meine Absicht, Sie in diesem Buch auf der Grundlage des psychoanalytischen Menschenbildes für die meist verborgene Bedeutung der Ängste zu sensibilisieren. Nicht immer ist es leicht, die verschlüsselten Botschaften zu verstehen. Sie werden erkennen, dass Ängste nicht nur für den Einzelnen von größter Bedeutung sind, sondern auch für die Kultur eine enorme Triebkraft besitzen. Ohne Übertreibung kann man Angst als eine der wichtigsten Kraftquellen der kulturellen Entwicklung bezeichnen. Ohne Angst gäbe es vermutlich weder Religion noch Wissenschaft.
Es ist das existenzielle Dilemma des Menschen, dass er als einziges Lebewesen um seine Sterblichkeit weiß, sich nach Unsterblichkeit sehnt, seinem sterblichen Schicksal aber trotzdem nicht entrinnen kann. Da es keine reale Möglichkeit gibt, diesen menschlichen Urkonflikt zu lösen, bleibt zunächst nur der Weg in die Verdrängung, die Betäubung oder die Flucht ins Wunschdenken.
Gleich wie Drogen betäuben auf Wunschdenken beruhende religiöse oder esoterische Weltbilder die existenzielle Angst des Menschen nur, bringen ihn aber um die einzigartige Chance, an seinen Ängsten über sich hinauszuwachsen.
Die psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Thema Angst stützt sich auf die größte sozialpsychologische Studie, die im deutschsprachigen Raum zum Thema Angst und Stress in den letzten Jahren durchgeführt wurde. Die Studie wurde vom ifat erstellt.
Demnach leiden von 1.796 Befragten 54,7 % an Ängsten. 32,1 % haben leichte, 14,6 % starke und 8 % sehr starke Ängste. Der Anteil der Frauen mit Ängsten ist deutlich überrepräsentiert. Auffallend ist, wie viele junge Menschen unter Ängsten leiden. Zwei Drittel der unter 25-Jährigen werden von Ängsten geplagt.
Der zunehmende Konkurrenzdruck als Folge der Globalisierung, elektronische Errungenschaften wie Handy und E-Mail tragen zusätzlich dazu bei, dass der psychische Druck immer stärker wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Leben entscheidend beschleunigt. Musste jemand Anfang der Siebziger nur alle heiligen Zeiten einen Brief beantworten, so quillt heute täglich die Mailbox über.
Kein Wunder also, dass heute nahezu jeder Zweite über hohen Stress am Arbeitsplatz klagt. Vor allem Zeitdruck, Überlastung, Erfolgsdruck und fehlende Anerkennung machen Menschen in der Arbeit zu schaffen.
Angst und Stress sind mittlerweile auch zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor geworden. Nicht nur weil die Fehlzeiten bei Betroffenen durchschnittlich um zwei Tage höher sind, sondern auch weil die Leistungseffizienz diametral zum Ausmaß der psychischen Belastung sinkt.
Angesichts der ungeheuren Angst- und Stressbelastung kaufen viele psychologische Bücher und hoffen insgeheim, bei der Lektüre auf „den Stein der Weisen“ zu stoßen, der sie von ihren Sorgen und Ängsten befreit. Der Markt hat diese Sehnsucht längst entdeckt und die Buchläden sind voll mit trivialen psychologischen Ratgebern.
Ein verhaltenstherapeutisches Therapieprogramm empfiehlt Menschen mit Prüfungsängsten, sich auf dem Weg zur Prüfung vorzusagen: „Ich brauche keine Angst zu haben, ich habe genug gelernt.“ Als ob das die Betroffenen nicht selbst am besten wüssten. An der Existenz ihrer Prüfungsängste ändert dieses Wissen aber gar nichts.
Natürlich ist es sinnvoller, den Ängsten auf den Grund zu gehen und ihre verborgenen Botschaften besser verstehen zu lernen. Nur dass dieser Weg nicht unbedingt im Trend der Zeit liegt. Wer heute Erfolg haben will, muss auf das Wunschdenken setzen. Nicht ohne Grund heißt es in Verkaufsseminaren: „Verkaufe den Menschen niemals die Realität, sondern immer nur ihre Sehnsüchte, wenn du Erfolg haben willst.“
Trotzdem habe ich in diesem Buch davon Abstand genommen, das Wunschdenken zu bedienen. Aus meiner langjährigen psychoanalytischen Erfahrung weiß ich, dass erst die Realitätsanerkennung und die aus ihr hervorgehenden realen Veränderungen im Leben zu einer Linderung des Leidens führen. Nicht Wunscherfüllung, sondern Wunschverzicht ist angesagt.
Die meisten von uns hoffen auf eine Lösung ihrer Probleme, ohne sich selbst verändern zu müssen. „Irgendetwas muss es doch geben ...“ Glauben Sie mir, es gibt nichts. Nichts, was Ihnen eine reale Änderung Ihrer Lebensumstände ersparen könnte, sobald Sie die Ursachen Ihrer Ängste erkannt haben.
Eine Frau, die herausfindet, dass ihre Angstzustände von einem unbewussten Trennungswunsch als Folge fehlender sexueller Erfüllung hervorgerufen werden, muss sich entscheiden. Entweder verzichtet sie im künftigen Leben auf die Befriedigung, die ihr der gegenwärtige Partner nicht bieten kann, oder sie trennt sich. Diese Entscheidung wird ihr niemand abnehmen. Sie wird auch immer gleich schwer sein.
Wenn Sie also unter Ängsten leiden, stellen Sie sich mutig der Gefahr, was immer es auch sein mag. Machen Sie sich nicht vor, dass jemand anderer Ihre Probleme zum Verschwinden bringen könnte. Nur Sie selbst können sich heilen. Auch wenn es um Ihre Ängste geht, gibt es keinen besseren Experten als Sie. Keiner sonst kann wissen, wodurch Ihre Ängste hervorgerufen werden. Auch wenn dieses Wissen vielleicht durch die Verdrängung dem Bewusstsein entzogen und nur schwer zugänglich ist. Lassen Sie sich nicht entmutigen.
Erkunden Sie mit Hilfe dieses Buches die verbotenen Regionen Ihrer Psyche. Lassen Sie während des Lesens Ihre Gedanken schweifen und schieben Sie keinen Einfall weg. Auch dann nicht, wenn sein Inhalt anstößig ist. Kommen Sie dabei ruhig vom Hundertsten ins Tausendste. Achten Sie aber auch darauf, wohin Sie Ihre Tagträume führen und wie Ihre Einfälle mit Ihren Ängsten zusammenhängen. Dabei erfahren Sie mehr über sich selbst.
Lernen Sie auf dem Streifzug durch die bewussten und unbewussten Bereiche der menschlichen Seelenlandschaft auch Ihre eigenen Ängste besser kennen. Stellen Sie sich den verborgenen Abgründen Ihrer Seele. Sie werden entdecken, dass das Dämonische genauso ein Teil von Ihnen ist wie das Erhabene. Sie können der Begrenztheit Ihres Daseins zwar nicht entkommen, aber Sie können Ihr Schicksal mutig annehmen. Wenigstens diese Freiheit haben Sie.
ANGST, WUNSCHDENKEN UND MAGIE
Angst ist uncool
Jeder hat Angst. Aber nur die wenigsten sprechen darüber. In einer Welt, die sich Coolness auf ihr Banner geheftet hat, haben Ängste nichts verloren. Heute leben wir in einer Kultur, in der die Authentizität dem Künstlichen, Unechten, Scheinbaren den Platz abgetreten hat. Immer mehr Menschen verwechseln das wirklichkeitsfremde, seichte Zerrbild der Welt in der Werbung mit der wirklichen Welt.
Das Leben in der Werbung verläuft in sterilen Superlativen. Alles muss ganz einfach irre, cool, wahnsinnig, super, klasse, sensationell, unübertroffen, einzigartig, brandneu und natürlich sofort erreichbar sein. Auf etwas zu warten, ist uncool. Das Leben ist ein Hit und die ganze Welt ein Sonderangebot. Haben Sie keine Angst, greifen Sie zu. Der Ausverkauf hat längst begonnen.
Nur wer strahlend, schön, jung, dynamisch ist, hat in dieser Welt eine Existenzberechtigung. „Don’t worry, be happy.“ Was aber am Wichtigsten ist: Glück muss käuflich sein. Für jeden Wunsch das passende Produkt.
Nein, Ängste haben in einer coolen Welt, in der das oberste Gebot der Konsum ist, wirklich nichts verloren. So wurde alles, was Angst machen könnte, aus dieser Welt verbannt. Allem voran Alter und Tod. Die Kehrseite des glitzernden Konsumparadieses sind Entfremdung und wunschloses Unglück.
Dass Angst in einer Welt, die auf Konsum aufgebaut ist, nicht vorkommen darf, hat einen Grund. Angst würde Menschen zum Nachdenken veranlassen. Eingefleischte Konsum-Junkies könnten durch sie plötzlich wachgerüttelt werden und die Sinnhaftigkeit ihrer Lebensweise in Frage stellen. Überlegen, ob sich ihr Lebensglück wirklich darin erschöpft, Konsumgüter „einzuziehen“, oder ob es über die Befriedigung ihrer simpelsten Bedürfnisse hinaus vielleicht noch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt.
Doch auch auf solche beunruhigende Fragen gibt es sofort die passende Antwort. „Nicht nach den Ursachen forschen, nicht verstehen, nicht verändern, sondern einfach positiv denken. Wenn man nur fest daran glaubt, passiert es auch. Tatsächlich haben die Menschen im Konsumzeitalter wieder den Glauben entdeckt.
Die Ansicht, dass die Talibanisierung der Welt von finsteren Mullahs aus irgendwelchen entlegenen Winkeln dieser Erde betrieben würde und nur rückständige Dritte-Welt-Staaten dafür anfällig seien, ist falsch. Das Epizentrum dieser neuen realitätsfernen fundamentalistischen und wissenschaftsfeindlichen Bewegung befindet sich paradoxerweise in den Vereinigten Staaten, dem rigorosesten Vertreter des Konsumdenkens, und zeigt, dass die USA in ihrer Einstellung zu Realität und Wissenschaft ein gespaltenes Land sind.
Traut man den Umfragen, sind mehr als die Hälfte der Amerikaner wissenschaftliche Analphabeten. Das erstaunt, sind doch die Vereinigten Staaten gleichzeitig weltweit die führende Kraft im Bereich von Wissenschaft und Forschung. Dennoch betrachten laut einer im amerikanischen Wissenschaftsjournal „Science“ (8/2006) zitierten Umfrage mehr als 60 Prozent der Amerikaner Charles Darwins Evolutionstheorie als unbewiesen. Nur in der Türkei ist die Skepsis noch größer. Aus Gründen der Fairness ist aber festzuhalten, dass nicht alle in den Vereinigten Staaten ein Leben im neu aufkeimenden religiösen Wahn führen. Lediglich deren damaliger Präsident G. W. Bush und ziemlich genau die Hälfte ihrer Bevölkerung.
Weltweit ist in der Welt des Konsums der Irrationalismus auf dem Vormarsch. Religiöser Fundamentalismus, New Age, Esoterik, UFO- und Sektenwahn sind mittlerweile zu einer ernsthaften Herausforderung für die aufgeklärte, laizistische Gesellschaft geworden. Wenn der Erwerb geiler neuer Produkte nicht mehr genügt, um die Ängste des Menschen zu betäuben, warum dann nicht wieder bei magischen Weltbildern Zuflucht nehmen?
Überall in der westlichen Gesellschaft blüht das Geschäft mit der Seele. Gurus, Therapeuten, Trainer, Coaches, Berater, Familienaufsteller, Kartenleger und Wahrsager, sie alle fühlen sich berufen, Menschen das Heil zu bringen. Um zu geringe Nachfrage brauchen sie sich nicht sorgen. So unseriös können die Heilsversprechen gar nicht sein, dass zahlungswillige Interessenten ausblieben.
Als Reaktion auf die radikalen, angstmachenden Erkenntnisse der Psychoanalyse kam es in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu einer psychologischen Gegenreformation. Eine Vielzahl naiver psychologischer und psychotherapeutischer Konzepte überschwemmte den Markt.
Während sich die Psychoanalyse unmissverständlich von religiösen und magischen Weltbildern abgrenzte, bestehen zwischen den neuen Psychotherapien, Religion und Esoterik nur mehr unscharfe Grenzen. Heute legen Psychotherapeuten genauso Karten und erstellen Horoskope, wie Astrologen sich in psychologischer Beratung üben. Es gibt auch Psychotherapeuten, die ihre Patienten zum Beten auffordern und ihre religiöse Sichtweise in die Behandlung einfließen lassen.
Viele Heiler, Berater und Coaches geben vor zu wissen, wie man in der Arbeit oder im Beruf zu Reichtum und Glückseligkeit gelangen kann. Warum sie ihr grandioses Wissen nicht gleich selbst in die Realität umsetzen und so erfolgreich werden, wie sie es anderen in Aussicht stellen, bleibt ein Rätsel.
Einigermaßen entwaffnend sind auch die geistigen Ergüsse, die aus dieser Szene kommen: „Glück macht froh!“ – so die gar nicht unfrohe Erkenntnis eines Coaches für Führungskräfte, die er immerhin fünf Millionen Mal aufgelegt hat. Dieser Erfolg wirft nicht nur ein bezeichnendes Licht auf den aktuellen Zustand der breiten Masse, sondern auch auf die psychische Befindlichkeit von Führungskräften, die sich von solchen Weisheiten beeindrucken lassen. Wer denkt, dass verantwortungsvolle Manager oder Politiker gegenüber einer derart unseriösen und noch dazu hochgradig infantilen Coaching- und Beratungsszene immun seien, wird rasch eines Besseren belehrt.
Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ schneidern Beratungsgurus bis heute ihrer Klientel ungeniert unsichtbare Kleider. Gleichgültig, ob Coaches mit Führungskräften für teures Geld Pfadfinderspiele spielen oder sie mit psychologischen Plattheiten füttern: Immer noch fällt es vielen Führungskräften nicht auf, wie sehr sie sich vor aller Welt gerade dadurch entblößen, weil sie diese Peinlichkeiten mit sich geschehen lassen und darüber hinaus noch ernst nehmen. Die Zeit schreit förmlich nach einem Kind, das endlich den erlösenden Satz ausspricht: „Die sind ja alle nackt!“
Gemessen am Zustand unserer Kultur drängt sich der Verdacht auf, dass die Betäubung der Angst durch Konsum bei vielen den Verstand außer Kraft gesetzt hat. Mühelos halten magische Weltbilder heute den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stand. Wer sein Heil nicht mehr in der traditionellen Religion findet, sucht es eben bei New Age, in der Esoterik, religiösen Sekten oder sektenähnlichen psychotherapeutischen Glaubensgemeinschaften. Tatsächlich scheint es kaum etwas zu geben, was Menschen nicht glauben: angefangen beim ewigen Leben im Paradies bis hin zur Wirksamkeit von Schlankheitspillen oder heilenden Steinen. Nur an die eigene Begrenztheit und Vergänglichkeit, an die will niemand so recht glauben. Denn das macht Angst.
Esther hat Angst
Esther hatte einen Traum: Sie saß gerade beim Frühstück und las die Morgenzeitung. Mit dicken Lettern sprang ihr dieSchlagzeile ins Auge. Ein spanischer Wissenschaftler hatte eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und dafür den Nobelpreis erhalten. Es war diesem Wissenschaftler gemeinsam mit seinem Team gelungen, mit Hilfe der Gentechnik den Alterungsprozess nicht nur aufzuhalten, sondern sogar gänzlich umzukehren. Als erstem Lebewesen in der Geschichte der Erde war es dem Menschen gelungen, den Tod zu überwinden.
Schweißgebadet wälzte sich Esther in ihrem Bett. Seit Stunden quälte sie sich, den erlösenden Schlaf zu finden. Vergebens, ihr Nachthemd klebte auf ihrer Haut und im Brustkorb hämmerte ihr Herz wie eine Maschine, die jeden Augenblick außer Kontrolle zu geraten drohte. Mit jedem Pulsschlag näherte sie sich dem düsteren Schleier, vor dem ihr seit Kindestagen graute. Der unerbittlichen Grenze des Nichtseins, die sie von einer Sekunde auf die andere von dem trennen würde, was ihr bisher vertraut war. Sie würde alles hinter sich lassen, einschließlich sich selbst. Die erbarmungslose Schwärze des Todes würde sie umfangen und in Dunkel hüllen. Ihr Bewusstsein würde erlöschen wie ein Meteor. Dann würde Stille sein. Alles andere würde seinen gewohnten Lauf nehmen, nur sie würde in dieser Geschichte nicht mehr vorkommen, nicht als Handelnde, nicht als Beobachterin. Genau genommen würde sie in keiner Geschichte mehr vorkommen, nie wieder lachen, nie wieder weinen, nie wieder lieben. Es war dieses verdammte „Nie wieder“, das sie verzweifeln ließ.
Obwohl das Schlafzimmerfenster weit geöffnet war, hatte Esther das Gefühl zu ersticken. Es war aber nicht die drückende Hitze dieser Sommernacht, sondern allein der Gedanke an den eigenen Tod. Ein Satz fräste sich durch ihre Gehirnwindungen: „Du wirst sterben.“ Eine Realität, die ihr den kalten Schweiß aus den Poren trieb. „Du wirst sterben.“ Nicht heute Nacht. Auch nicht morgen. Dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal in den nächsten Jahren, aber: „Du wirst sterben.“ Keine andere Begebenheit in ihrem Leben war sicherer als ihr Tod.
Noch lag schützend ein Zeitpolster zwischen ihr und ihrem besiegelten Untergang. Doch welcher Verlass war schon auf die Zeit? Wie zum Hohn machten ihr die Schläge einer fernen Kirchturmuhr einmal mehr bewusst, wie flüchtig die Zeit war. Esther begann zu zählen. Nur noch wenige Sekunden, dann würde der kommende Glockenschlag bereits der vergangene sein. Erbarmungslos wies der Zeitpfeil immer in dieselbe Richtung. Was er berührte, wurde zur Geschichte.
In ihrer Vorstellung nahm Esther die Zeit vorweg. Sie sah sich in einem Spitalszimmer liegen, dessen karge Einrichtung – ein zweites unbelegtes Bett, ein Tisch, zwei Stühle – von der Neonbeleuchtung in kaltes Licht getaucht wurde. Nächtlicher Großstadtlärm, überlagert vom belanglosen Geschwätz der diensthabenden Schwestern in der Teeküche, würde die Geräuschkulisse abgeben, wenn ihr Vorhang zum letzten Akt aufging.
Allein mit einem Karzinom im Endstadium würde sie den heutigen Tag als den Tag erinnern, wo sie den Schrecken des Todes nicht mehr länger von ihrem Bewusstsein fernhalten konnte. Noch während sie dieses Tages gedachte, würde ihr die von den Zehen aufsteigende Kälte ankündigen, dass die Jahrzehnte dauernde Wartezeit nun zu Ende gehen sollte. Die zweite der beiden Türen im Wartesaal auf den Tod würde sich auftun und das Nichts offenbaren, welches sich hinter ihr verbarg.
Der Nächste bitte. Einige Minuten noch, dann würde sie nur mehr der Vergangenheit angehören. War sie bisher immer nur entfernte Beobachterin des Sterbens anderer gewesen, bot sich ihr nun die einmalige Chance, in vorderster Reihe dem eigenen Abgesang beizuwohnen. Ein Angebot, dem sie sich nicht entziehen konnte. Während ihr Licht verlöschte, würde ihr die sterile Leere des frisch bezogenen Nachbarbettes als treffende Metapher erscheinen – für eine, die sich gerade anschickte, spurlos im Nichts zu verschwinden, um einem anderen Platz zu machen: auf dem Fließband zum Tod.
Erneut wurde Esther von einem heftigen Angstanfall geschüttelt. Nein, sie wollte nicht sterben, heute nicht, morgen nicht, zu keiner Zeit. Sie wollte leben, ewig leben. Wie gerne hätte sie die Zeit angehalten, bevor sie sie in den Abgrund katapultierte. Dieses Fließband konnte man aber weder anhalten, noch konnte man von ihm abspringen. An der Realität der Zeit war nicht zu rütteln.
Esther begann zu beten. Was aber, wenn es doch ein Leben nach dem Tod gab? Woran so viele glaubten, konnte doch nicht einfach falsch sein. Esther fasste Hoffnung. Wäre der Tod wirklich nur das Tor zu einem anderen, unbekannten Seinszustand, könnte sie sich ab sofort entspannt zurücklehnen und ihrer Zukunft gelassen entgegenblicken. Hatte sie nicht erst kürzlich von schwarzen Löchern gelesen, wie sie beim Kollaps massereicher Sterne entstehen? Aufgrund ihrer ernormen Anziehungskraft verschlucken schwarze Löcher jegliche Form von Materie, die eine kritische Distanz zu ihnen unterschreitet – einschließlich Licht. Manche Physiker hielten es sogar für möglich, dass schwarze Löcher in direkter Verbindung mit weißen Löchern standen, die Materie ausspuckten.
Warum konnte es sich mit dem menschlichen Bewusstsein nicht ähnlich verhalten? Während ihr Bewusstsein im Diesseits zu einem schwarzen Loch kollabierte, wurde es im Jenseits dank eines weißen Loches neu erschaffen. Verzweifelt mühte sie sich ab, den Tod als eine Art Wurmloch der menschlichen Seele zu betrachten. Doch ihre Vernunft sperrte sich gegen diese Vorstellung. Die einen glauben an die Auferstehung, die anderen an die Wiedergeburt und jetzt sollte sie an Wurmlöcher glauben? Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Esther verwarf diese Idee wieder. Zu unwahrscheinlich erschien sie ihr, zu trivial, als dass sie sich mit ihr hätte trösten können.
Ihr Bewusstsein wurde doch von ihrem Gehirn hervorgebracht und würde schwinden, sobald dieses seine Funktion nicht mehr aufrechterhalten konnte. Oder vielleicht doch nicht? Es musste doch eine Methode geben, welche die Überprüfung eines vom Gehirn unabhängigen Bewusstseins erlaubte. Ihr kam ein wissenschaftliches Gedankenexperiment in den Sinn, bei dem im Gehirn ein Neuron nach dem anderen durch ein künstliches ersetzt wurde. Was würde dann mit ihrem Bewusstsein geschehen? Würde es verschwinden – wenn ja, ab welcher Zahl ausgetauschter Neuronen? Bliebe alles beim Alten, wäre das nicht der Beweis für künstliche Intelligenz, somit auch für das Fehlen einer vom Gehirn unabhängigen menschlichen Seele?
Sie erinnerte sich an eine Vollnarkose, die ihr vor vielen Jahren anlässlich eines chirurgischen Eingriffs verabreicht worden war. Sie hatte damals das Gefühl gehabt, als hätte jemand ihr Licht ausgelöscht. Genau so musste es sein, wenn man stirbt. Das empfand sie weiter nicht als schlimm. Wirklich schlimm war, dass sie im Gegensatz zur Vollnarkose vom Tod nie wieder erwachen würde, sie aber schon von Kindheit an wusste, auf welche Katastrophe sie unerbittlich zusteuerte, ohne sich davor schützen zu können. Jetzt, wo sie dieses furchtbare Wissen nicht mehr länger verdrängen konnte, würde es alle kommenden Glücksmomente überschatten. Nichts in dieser Welt war von Bestand, alles war der Vergänglichkeit unterworfen. Der Untergang war ihre eigentliche Bestimmung und dem kam sie mit jedem Atemzug näher.
Erschöpft drehte sich Esther auf die Seite. Ihr war klar, dass es so mit ihr nicht mehr weitergehen konnte. Gleich morgen würde sie sich nach Hilfe umsehen. Irgendetwas musste es doch gegen ihre Angstzustände geben. So stellte sie sich ihr Leben jedenfalls nicht vor.
Ohne Tod keine Evolution
Der Tod ist den meisten Menschen so selbstverständlich, allgegenwärtig, dass sie ihn als Gegebenheit hinzunehmen scheinen, ohne sich über seine Notwendigkeit weitere Gedanken zu machen. „Warum soll ich mir heute schon darüber den Kopf zerbrechen; ich werde es noch früh genug erfahren ...“ Der Tod ist eine Tatsache und es ist das Schicksal des Menschen, sterblich zu sein. Gleichzeitig dürfte es wohl nichts geben, was der Mensch mehr fürchtet als den eigenen Tod. Ganze Wissenschaftszweige verfolgen lediglich ein Ziel: den Tod möglichst lange aufzuschieben.
Milliarden werden weltweit investiert, um die Lebenszeit des Menschen zu verlängern. Nicht ohne Erfolg, noch in diesem Jahrhundert werden die Menschen in den westlichen Industriestaaten mit einer Lebenserwartung von bis zu 120 Jahren rechnen können. Gentechnik, Medizin, Anti-Aging-Industrie werden in einigen Jahrzehnten die faktische Lebenszeit des Menschen bis zu seiner genetisch vorgegebenen Grenze ausgereizt haben. Theoretisch könnte es sogar möglich sein, die Lebenszeit mit Hilfe der Gentechnik auf einen noch viel längeren Zeitraum auszudehnen. Letzten Endes muss der Mensch doch sterben.
Natürliche Selektion. Die Tatsache, dass alles Leben dem Tod unterworfen ist, steht in einem unauflöslichen Zusammenhang mit dem Prinzip der Evolution, wie es von Charles Darwin im 19. Jahrhundert formuliert wurde. Der darwinistische Evolutionsalgorithmus ist denkbar einfach. Er besteht aus drei Schritten: der natürlichen Selektion, der Variation und der Vererbung. Sämtliche Lebensformen, die wir auf unserem Planeten kennen, sind das Ergebnis des Zusammenspiels dieser drei Komponenten.
Wie ein Organismus letztlich beschaffen ist, steht in der Bauanleitung für Proteine, die in den Genen – das sind Abschnitte der DNA – codiert ist. Die DNA ist eine Doppelhelix, ein fadenartiges Makromolekül, das den genetischen Buchstabencode enthält. Die Gene werden beim Fortpflanzungsvorgang kopiert und sind potenziell unsterblich. Die natürliche Auslese sorgt dafür, dass sich erfolgreiche Gene ausbreiten, während nicht erfolgreiche untergehen.
Für alle, die sich unter dem darwinistischen Algorithmus nichts Konkretes vorstellen können, zur Veranschaulichung ein Beispiel aus dem Alltag: In einer Schulklasse wird den Kindern die Aufgabe gestellt, ein Gedicht korrekt von der Tafel ins Heft zu übertragen. Dem Vorgang des Abschreibens entspricht in der Evolution die Vererbung der Gene. Diese können auf zweierlei Weise kopiert werden. Bei einfachen Organismen wie den Bakterien durch Zellteilung, bei höher entwickelten Lebensformen durch geschlechtliche Vererbung. Bei der Zellteilung teilt sich die Zelle in eine Mutter- und eine Tochterzelle. Die DNA wird bei diesem Vorgang in der Zelle von kleinen, aus Protein bestehenden Kopiermaschinen abgeschrieben.
Für die geschlechtliche Fortpflanzung wie beim Menschen sind besondere Zellen verantwortlich: bei der Frau die Eizelle und beim Mann die Samenzelle. Die Gene von Mutter und Vater werden bei der geschlechtlichen Vererbung im sogenannten Cross-over neu gemischt. Die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle bringt dann einen neuen Menschen hervor, der die Hälfte seiner Gene von der Mutter, die andere Hälfte vom Vater erhält.
So wie die Kopiermaschinen in den Zellen werden auch die Kinder in der Schule beim Abschreiben Fehler machen. Sie werden Buchstaben auslassen oder hinzufügen, vielleicht auch Zeichenfolgen verdrehen oder ganze Zeilen überspringen. Die „Kopierfehler“, welche Kindern beim Abschreiben unterlaufen, heißen bei Genen Mutationen. Sie erfolgen zufällig, sorgen für Variation und sind die eigentlichen Schöpfer des Neuen.
Wenn nun bestimmt wird, dass nur jene Kinder, die den Text richtig von der Tafel abgeschrieben haben, in die nächste Klasse aufsteigen dürfen, kommt die Selektion ins Spiel. Viele Genmutationen fallen der natürlichen Selektion zum Opfer, weil sie für das betroffene Lebewesen einen Nachteil, zum Beispiel eine Behinderung, mit sich bringen. Manche erweisen sich jedoch als vorteilhaft und erhöhen die Erfolgschancen des Individuums. Das wäre in unserem Beispiel dann der Fall, wenn die Mutation des ursprünglichen Textes – zum Beispiel durch eine originelle Wortverdrehung – zu einer entscheidenden Verbesserung seines Inhaltes führen würde.
Oft wird unterstellt, dass Erfolg im darwinistischen Sinn bedeute, dass „der Stärkere den Schwächeren frisst“. Diese Primitivauslegung des Darwinismus haben sich auch die Nationalsozialisten im Dritten Reich zunutze gemacht, um so ihren Rassenwahn und ihre Verdrängungskriege pseudowissenschaftlich zu rechtfertigen. Eine solche Fehlinterpretation des Darwinismus beweist lediglich, dass die Nazis besser daran getan hätten, die Bücher zu lesen, statt sie zu verbrennen.
Ganz entgegen der mörderischen Herrenmenschenideologie der Nationalsozialisten, „alles Schwache gehört ausgerottet“, gibt es in der Natur genügend Beispiele, wo Stärkere und Schwächere zum gegenseitigen Vorteil miteinander kooperieren. Doch auch diese altruistischen Verhaltensweisen wie Brutpflege, Fürsorge, Opferbereitschaft sind als Ergebnis der natürlichen Auslese entstanden. Zu Unrecht werten Religiöse den Altruismus als Beweis für die Manifestation des Göttlichen im Menschen. Aus darwinistischer Sicht hängt der Erfolg eines Gens ausschließlich von seinem Fortpflanzungserfolg ab.
Wenn altruistisches Verhalten den Replikationserfolg der ihm zugrunde liegenden Gene erhöht, wird es sich auch ohne göttliches Zutun verbreiten. Mit der wissenschaftlichen Theorie des Darwinismus lassen sich die von den Nationalsozialisten begangenen Gräuel jedenfalls nicht rechtfertigen.
Überlebensvehikel der Gene. Lange Zeit herrschte unter Biologen Uneinigkeit, ob es bei der Evolution auf den Erfolg der Gruppe oder des Individuums ankomme. Nobelpreisträger Konrad Lorenz hielt, wie viele andere auch, an der Theorie der Gruppenselektion fest, wie sie von Wynne-Edwards formuliert wurde. Verkürzt ausgedrückt besagt diese Theorie, dass die Erhaltung der eigenen Art wichtiger sei als das Überleben des Individuums. Nur das Prinzip von der Erhaltung der Art könne erklären, warum altruistisches Verhalten, zum Beispiel die Brutpflege, von der Evolution selektiert wurde.
Dass die Theorie der Gruppenselektion falsch ist, zeigt ein einfaches Gedankenexperiment. Nehmen wir an, auf einer Autobahn würde die Höchstgeschwindigkeit für einen sehr befahrenen Streckenabschnitt aus Umweltschutzgründen auf 80 km/h herabgesetzt. Gleichzeitig fehlten die finanziellen Mittel, um diese Teilstrecke zu überwachen. Altruistische Autofahrer würden sich der Umwelt zuliebe trotzdem an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten und in Kauf nehmen, dass sie ihr Fahrziel etwas später erreichen.
Wie lange aber dauerte es, bis der erste Egoist aus der Kolonne der 80 km/h fahrenden Altruisten ausbricht, um sie zu überholen? Seinem Beispiel folgten bald andere Egoisten, die sich mit ihrem rücksichtslosen Verhalten gegenüber den Verantwortungsbewussten einen Vorteil herausschlagen – eben dass sie ihr Ziel früher erreichen. In Minuten gemessen wären die Egoisten den Altruisten bald haushoch überlegen. Es würde nicht lange dauern und die Altruisten, die sich weiterhin an die 80-km/h-Beschränkung halten, wären hoffnungslos in der Minderzahl. In einer Gruppe von Altruisten hätte doch jeder Egoist größere Chancen, seinen Vorteil auf Kosten der anderen zu vermehren.
Mit der Theorie der Gruppenselektion lässt sich die Verbreitung der Selbstbeschränker in der Natur jedenfalls nicht erklären. Selbst wenn es in einer altruistischen Gruppe nur ganz wenige eigennützige Dissidenten gäbe, würden sie im Laufe der nächsten Generationen mehr Nachkommen hervorbringen als die selbstaufopfernden Altruisten. Eine stabile evolutionäre Strategie lässt sich mit der Theorie der Gruppenselektion nur schwer belegen. Von den meisten Evolutionsbiologen wird sie daher heute auch nicht mehr ernst genommen. Für die Ausbreitung altruistischer Verhaltensweisen muss es also eine andere Erklärung geben.
Richard Dawkins, ein Vertreter des Genselektionismus, lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es in der Evolution wirklich geht – auch wenn es sich dabei aus menschlicher Sicht um schwer verdauliche Kost handelt. „Ich werde zeigen, dass die fundamentale Einheit für die Selektion und damit für das Eigeninteresse nicht die Art, nicht die Gruppe und – streng genommen – nicht einmal das Individuum ist. Es ist das Gen.“ (Dawkins, 1994)
Gene sind die Träger der Evolution, die eigentlichen Hauptdarsteller. In der Evolution geht es um die Genselektion. Nicht das Überleben der Gruppe oder des Individuums ist entscheidend, sondern das Überleben der Gene. Organismen sind lediglich Überlebensvehikel der Gene. Erfolgreiche Gene bauen erfolgreiche Überlebensvehikel. Erfolgreiche Überlebensvehikel wiederum fördern die Verbreitung der Gene, die sie gebaut haben. Sobald ihre Gene erfolgreich vererbt wurden, haben die Überlebensvehikel ihre Aufgabe erfüllt und sind eigentlich überflüssig.
Aus evolutionärer Sicht können sie nicht nur, sondern müssen sie sogar sterben. Entgegen allen religiösen Verheißungen sind auch wir Menschen nichts anderes als sterbliche Überlebensvehikel der Gene. Zufällig entstandene, vergängliche biochemische Roboter also, deren einziger Sinn darin besteht, die Gene, die uns erschaffen haben, an die nächste Generation weiterzugeben. Weit davon entfernt, der Höhepunkt der Schöpfung oder gar das Ebenbild Gottes zu sein, sitzen wir mit allen Lebewesen im selben Boot, mit den anderen Primaten sogar auf demselben Ast der Evolution. Immerhin teilen wir mit den Schimpansen 98 % unserer Gene.
Was uns allerdings von den anderen Primaten grundlegend unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, die Zukunft gedanklich vorwegzunehmen. Von früh an quält uns die Todesangst. Spätestens mit fünf, sechs Jahren weiß ein jedes Kind, wo sein Lebensweg endet. Es ist ihm bewusst, dass es einmal alles verlieren wird, einschließlich sich selbst.
Traum vom ewigen Leben. Unsterblichkeit und ewige Jugend zählen daher zu den ältesten Träumen der Menschheit. Der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen bedarf keiner Erklärung. Eine Mutter, deren Kind stirbt, würde alles darum geben, einen solchen Verlust rückgängig zu machen. Umgekehrt fürchten Kinder nichts mehr als den Tod ihrer Eltern. Wenn es nach unseren Träumen ginge, gäbe es weder Tod noch Zeit. Allein die sentimentale Wehmut, die viele beim Durchblättern eines Familienfotoalbums befällt, lässt keinen Zweifel aufkommen, wonach wir uns am meisten sehnen.
Erstaunlicherweise sind viele Träume, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte hervorgebracht hat, im Nachhinein von Wissenschaft und Technik erfüllt worden. Dabei handelt es sich um keinen Zufall. Die aus den Ängsten und Nöten des Menschen resultierenden Sehnsüchte und Wunschträume sind wichtige, wenn nicht gar die wichtigsten Kraftquellen für seinen Forschungsdrang. Der Traum vom Fliegen währte jahrtausendelang, bis er im 19. und 20. Jahrhundert dank wissenschaftlicher Forschung und Technik endlich Wirklichkeit wurde. Im 21. Jahrhundert macht sich die Wissenschaft daran, das Rätsel des Todes zu lösen.
Werden wir also in absehbarer Zeit frei von Todesangst leben können? Was wäre, wenn es Gentechnikern, Molekularbiologen, Biochemikern und Medizinern tatsächlich gelänge, den Alterungsprozess nicht nur aufzuhalten, sondern sogar gänzlich umzukehren? Tödliche Verletzungen und Krankheiten mit Hilfe neuer Behandlungstechniken zu heilen, so dass die Entscheidung über Alter, Leben und Tod im Ermessen eines jeden Einzelnen läge?
Der Traum von ewiger Jugend wäre damit Wirklichkeit. Würde sich die Entdeckung eines solchen Jungbrunnens auf das Schicksal des Menschen positiv auswirken? Wären wir dann wirklich von all unseren Ängsten und Sorgen befreit, wie wir es uns insgeheim in unseren Unsterblichkeitsfantasien ausmalen?
Ich glaube nicht, dass mit der Überwindung des Todes das goldene Zeitalter anbräche. Die ungebremste Vermehrung würde sehr schnell zu einer Verknappung der Ressourcen führen. Kriege und mörderische Konkurrenz auch zwischen Eltern und Kindern wären unvermeidlich. Um Chaos zu vermeiden, müssten die Regierungen bald einschneidende Gesetze erlassen. Gesetze, die zum Beispiel festlegten, dass sich nur noch diejenigen vermehren dürfen, die sich für ein sterbliches Schicksal entschieden haben. Der Rest müsste kinderlos bleiben.
Mit einem Mal gäbe es zwei Sorten von Mensch: Sterbliche und Unsterbliche. Welche Krankheiten dürften bei den Sterblichen dann noch behandelt werden und bis zu welchem Alter? Müsste zum Beispiel einer krebskranken jungen Mutter – die sich ja für Sterblichkeit entschieden hat – die medizinische Behandlung verweigert werden? Welche Lebensaltersgrenze würde für die Sterblichen festgelegt – und was passierte mit denen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht auf natürliche Weise gestorben sind?
Freilich würden sich nicht alle an die gesetzlichen Bestimmungen halten. Sterbliche könnten es sich plötzlich anders überlegen. Unsterbliche könnten heimlich Kinder in die Welt setzen. Im Falle einer Entdeckung bliebe der Gesellschaft dann aber keine andere Wahl, als die Betroffenen oder deren Nachwuchs zu töten.
Natürlich würde es auch Menschen geben, die nach ein paar Hundert Jahren ihres Lebens überdrüssig wären. Eine Art Quotenregelung müsste dafür Sorge tragen, wie diese frei gewordenen „Lebensplätze“ nachbesetzt würden. Doch selbst die besten gesetzlichen Bestimmungen könnten nicht verhindern, dass es zu grausamen Verdrängungskriegen um neuen Lebensraum käme. Die Konsequenzen für die Entwicklungsländer lägen auf der Hand. Wer militärisch zu schwach ist, seine Interessen zu verteidigen, ginge unter.
Vermutlich dauerte es nicht lange, bis die Idee vom „unwerten“ Leben eine neue Hochblüten erlebte. Früher oder später bildeten sich aller Wahrscheinlichkeit nach militärisch abgesicherte Eliten, die nicht nur das Privileg der Unsterblichkeit, sondern auch der limitierten Vermehrung für sich in Anspruch nähmen. Von da an würde nicht mehr der Zufall, sondern der Mensch selbst die für seine Art gültigen Selektionskriterien vorgeben.
Ohne Zweifel gerieten die Weltreligionen durch eine solche Entwicklung in eine arge Zwickmühle. Würden die geistlichen Würdenträger den Gläubigen dann noch mit gutem Beispiel voran in den Tod gehen? Oder wäre ihr Gottesglaube doch nicht stark genug, um sich gegen die nunmehr unbegrenzte irdische Existenz für ein Leben im jenseitigen Paradies zu entscheiden? Angesichts ihrer bisherigen Geschichte würden die Glaubensgemeinschaften vermutlich pragmatisch reagieren und diese neue Entwicklung mit all ihren Konsequenzen als von Gott gewollt gutheißen.
Auch unabhängig von diesen Spekulationen lässt sich leicht nachvollziehen, warum „Unsterblichkeitsgene“, sofern es überhaupt welche gab, der natürlichen Auslese zum Opfer fallen mussten. Die Verknappung der Energiereserven als Folge der Unsterblichkeit eines sich selbst fortpflanzenden Organismus muss früher oder später zur Übervölkerung und damit zum Aussterben der ganzen Population geführt haben. Mit ihr starben auch jene Gene aus, die diese „unsterbliche“ Population hervorgebracht hatten, darunter auch das „Unsterblichkeitsgen“.
Bei der geschlechtlichen Vermehrung genügt eine Generation, um die Gene an die nächste weiterzugeben. Alle vorhergehenden Generationen sind lediglich unnötige Konkurrenten um die Ressourcen, die das Überleben der jüngsten Generation gefährden. Erst der Tod der jeweils älteren Generation sichert das Überleben der jüngeren und ist aus evolutionärer Sicht ein entscheidender Vorteil. Gene, die sterbliche Überlebensvehikel bauten, haben sich im Laufe der Evolution als die erfolgreicheren erwiesen.
Trotzdem schließen sich beim Menschen biologische Unsterblichkeit und Evolution nicht zwangsläufig aus. In seinem großartigen Werk „Das egoistische Gen“ (1994) führt Richard Dawkins ein – allerdings nur für den Menschen gültiges – zweites, von den Genen unabhängiges, Replikatorsystem ein: das memetische. Meme sind nach Dawkins charakteristische sich selbst replizierende neuronale Muster im Gehirn, die sämtlichen Gedanken, Einstellungen, Erinnerungen, Theorien, Bildern, Melodien zugrunde liegen. Die memetische Evolution verläuft parallel zur genetischen auf der mentalen Ebene. Während Gene sich von Generation zu Generation vererben, kopieren sich Meme durch Imitation von Gehirn zu Gehirn. Das menschliche Gehirn ist damit die „Umwelt“, welche für die natürliche Auslese der Meme verantwortlich ist.
Bewusstwerdungsprozess. Um Bewusstsein zu ermöglichen, muss sich das Gehirn in seiner Entwicklung bereits deutlich vom Reflexapparat des Tieres unterschieden haben. Während das Tier auf Reize hauptsächlich mit angeborenen Verhaltensmustern reagiert, vergrößerte sich die Reaktionspalette beim Menschen, nachdem das feste Reiz-Reaktions-Schema bei ihm im Laufe der Evolution einmal aufgebrochen war, um ein Vielfaches. Erst der Wegfall der festen Verknüpfung von Reiz und Reaktion ermöglichte die Entwicklung von menschlicher Kultur, wie wir sie heute kennen.
Das Sprengen der angeborenen Reiz-Reaktionsketten war jedoch nur eine von mehreren Voraussetzungen, die beim Bewusstwerdungsprozess des Menschen eine entscheidende Rolle spielten. Darüber hinaus musste das Gehirn bereits zwischen innen und außen, früher und später unterscheiden können und es muss auch in der Lage gewesen sein, sich selbst zum Objekt seiner Beobachtung zu machen. Indem es einen Teil seiner Innenwelt wie ein Objekt der Außenwelt behandelte und in seiner Wahrnehmung zwischen innerer und äußerer Welt hin und her pendelte, schuf es die Grundlagen für die Introspektion und die Ausbildung eines Ich-Bewusstseins.
Von diesem Zeitpunkt an konnte das Gehirn erfolgreiches Verhalten, das es zufällig hervorbrachte, von sich selbst kopieren. Diese neu erworbene Fähigkeit zur Selbstimitation spielt vor allem beim Versuchs-Irrtums-Lernen eine wichtige Rolle.
Die Erkenntnis, dass alle beobachtbaren Ereignisse in ihrer Abfolge der Richtung eines Zeitpfeiles folgten, dass die Ursache stets der Wirkung voranging und nie umgekehrt, läutete das Zeitalter des kausalen Denkens ein. Jedes Ereignis hatte eine Geschichte. Nichts passierte ohne Grund. Nichts war umkehrbar. Niemals wurden aus welken Blättern frische, grüne. Nie wurden Menschen jünger. Stets wies der Zeitpfeil von der Geburt in Richtung Tod.
Nachdem der Urmensch nicht mehr auf angeborene Verhaltensschemata zurückgreifen konnte, wurde der „Reflexapparat“ des Tieres beim Menschen im Laufe der Evolution durch ein erlebnisfähiges Gehirn ersetzt. Eine neuronale Maschine, die auf Reize mit emotionalen Signalen reagierte, die sie auch selbst wahrnehmen und verarbeiten konnte. Diese emotionalen Reaktionen stimmten das Gehirn zwar auf ein bestimmtes Verhalten ein, riefen aber keine unbedingte Verhaltensreaktion mehr hervor. Auf diese Weise blieb genügend Raum, um auch kognitive Information in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.
Angst, ein Trick der Evolution
Bei allen höheren Lebensformen löst eine lebensbedrohliche Situation einen emotionalen Stresszustand aus. Während Tiere in einer solchen Gefahrensituation eben mit angeborenen Verhaltensweisen reagieren, ruft eine gleichartige Bedrohung beim Menschen zunächst Angst hervor. Vergleichbar mit dem schrillenden Ton einer Alarmanlage durchdringt die Angst das Bewusstsein. Sie ist ein unmissverständlicher Hinweis, dass Gefahr im Verzug ist und unmittelbarer Handlungsbedarf besteht. Die Intensität der Angst hängt beim Menschen proportional vom Ausmaß der Bedrohung ab. Extreme Gefahrensituationen rufen Panik hervor, geringe Gefahr führt zu milder Angstentwicklung. Gleichzeitig werden im Körper die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, die den Organismus veranlassen – je nachdem wie die Gefahr eingestuft wird –, um sein Leben zu kämpfen oder das Heil in der Flucht zu suchen.
Letztlich lassen sich alle Gefühle in ein Lust-Unlust-Schema einordnen. Gefühle, die der Unlustseite zuzurechnen sind, weisen stets auf einen Mangelzustand im Organismus hin, der sich im Bewusstsein als Wunsch bemerkbar macht. Der Anstieg der sexuellen Bedürfnisspannung kann sich in Form von erotischen Fantasien, zarten Liebesgefühlen, leidenschaftlichem Begehren oder sehnsüchtigem Dahinschmachten bemerkbar machen. Interessenskonflikte rufen Aggressionen hervor. Was immer auch den eigenen Interessen im Wege steht, soll möglichst schnell zum Verschwinden gebracht werden. Die erfolgreiche Auflösung des Mangelzustandes signalisieren Lustgefühle – zum Beispiel der Orgasmus und die daran anschließende sexuelle Entspannung, das Gefühl der Sättigung oder des Triumphes.
Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass die Entwicklung von Menschen- und Schimpansenkindern bis zum Ende des zweiten Lebensjahres sehr ähnlich verläuft. Danach erst erfolgt die Weichenstellung. Das Kind bildet abrufbare Erinnerungsspuren aus, es erkennt sich selbst im Spiegel und es entwickelt allmählich die Fähigkeit, zwischen Innen- und Außenwelt, Gegenwart und Vergangenheit zu unterscheiden. Dieser Entwicklungsschritt muss auch phylogenetisch von Bedeutung gewesen sein. Denn von dem Zeitpunkt an, wo sich der Mensch Schritt für Schritt seiner selbst bewusst wurde, zunehmend besser zwischen Ich und Nicht-Ich, vorher und jetzt, Ursache und Wirkung unterscheiden konnte, müssen zirkuläre Phänomene wie der Tages- und Nachtrhythmus, das Einschlafen, Träumen und Erwachen, die Nahrungsaufnahme und Ausscheidung, später natürlich auch die existenziellen Fragen der Geburt und des Todes in das Zentrum seines Interesses gerückt sein. (Vielleicht haben zirkuläre Abläufe auch die Arbeitsweise seines Gehirns geprägt.)
„Der Tod als existenzielle Grenzerfahrung konfrontiert den Menschen am deutlichsten mit der Sinnfrage“, schreibt Weninger (2001), und „Menschen haben eine enorme Vielfalt von Ritualen und Vorstellungen in Verbindung mit dem Tod entwickelt. Daher sind Spuren der Totenbehandlung besonders geeignete Kriterien, um im archäologisch-anthropologischen Kontext Hinweise auf religiöses Denken zu erkennen.“
Unbestritten gehören die Vorstellungen und Handlungen im Zusammenhang mit dem Tod zu den ältesten, verbreitetsten und damit auch erfolgreichsten Memen in der Geschichte der kulturellen Evolution. Das „Gottes-Mem“, das Mem von einem „Leben nach dem Tod“ oder das „Jenseits-Mem“ haben ihre Anziehungskraft auf das menschliche Gehirn bis heute nicht eingebüßt.
Todesbewusstsein. Damit der Tod für den Menschen aber überhaupt zu einem persönlichen Problem werden konnte, muss sein Gehirn bereits in der Lage gewesen sein, zukünftige Ereignisse zu antizipieren und Erfahrungen aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu übertragen. Vielleicht erinnerte ihn das Fell eines erlegten Bären an den Tötungsakt und die vorangegangene Jagd. Möglicherweise wunderte er sich auch über die Veränderung, die damals mit dem Bären vor sich ging, als dieser sich gerade noch brüllend aufrichtete, um im selben Atemzug, von mehreren Speeren durchbohrt, zusammenzubrechen und mit weit aufgerissenem Maul offenen Auges regungslos am Boden liegen zu bleiben. Irgendetwas war in diesem Augenblick mit dem Bären geschehen – nur was? Stand ihm selbst das gleiche Schicksal bevor?
Eine ganz ähnliche Frage muss sich dem Menschen angesichts eines Todesfalles in seiner Gruppe, zum Beispiel als Folge einer Krankheit oder eines Unfalls, gestellt haben. Noch dazu, wo am Körper des Toten bald unheimliche Veränderungen vor sich gingen. Nicht nur, dass sein Gesichtsausdruck plötzlich fremd wirkte, verfärbte sich auch seine Haut und nach einigen Stunden wurden auf dem fahlen Körper sogar seltsame Flecken sichtbar. Nach spätestens zwei bis drei Tage verströmte der Verstorbene einen unerträglichen Gestank.
Noch furchteinflößender muss der in fortgeschrittener Verwesung befindliche Leichnam eines nahen Angehörigen auf den Urmenschen gewirkt haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der tote menschliche Körper in Gestalt wandelnder Skelette, halb verwester Leichen, Zombies, Mumien oder blutsaugender Vampire auch heute noch so furchterregend wirkt. Wie sonst ließe sich das häufige Vorkommen dieser Schreckgestalten im cineastischen Bereich oder in den Gruselkabinetts, Geisterbahnen und Spukschlössern der Vergnügungsparks erklären?
Vermutlich waren in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung weniger „religiöse“ Überlegungen als Motiv für die Bestattung ausschlaggebend als die Furcht vor der „dämonischen“ Leiche sowie der Verwesungsgestank, den sie verbreitete. Erst recht, wenn eine Gruppe gezwungen war, sich für einen längeren Zeitraum in unmittelbarer Umgebung des verwesenden Körpers aufzuhalten.
Die ältesten von Menschenhand ausgehobenen Gräber in Le Moustier und La Chapelle-aux-Saints (Frankreich) oder Kebara (Israel) fallen in die Zeit des Neandertalers. Die Begrabungsstätten erlauben jedoch keine gesicherte Aussage darüber, ob das Todesproblem bereits ins Bewusstsein des Neandertalers gedrungen war. Genauso gut wie sich die Gräberfunde als Hinweis auf frühe Bestattungsrituale deuten lassen, könnte es sich dabei um ganz gewöhnliche Müllgruben gehandelt haben, in denen damals neben Tierkadavern auch menschliche Leichen entsorgt wurden.
Nach Campbell (1991) sprechen der Skelettfund in Le Moustier, ein etwa 16-jähriger Junge in schlafender Pose, den Kopf auf den rechten Unterarm gestützt, oder die Ost-West-Ausrichtung der Gräber in La Chapelle-aux-Saints – vielleicht ein Hinweis auf eine frühe Sonnensymbolik – eher für eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod.
Bedeutung des Todes. Im Grunde ist es nicht so wichtig, ab welchem Zeitpunkt sich der Mensch zum ersten Mal gedanklich mit seiner Vergänglichkeit beschäftigte. Entscheidend ist allein die Tatsache, dass er die Bedeutung des Todes als einziges Lebewesen auf diesem Planeten antizipierte. Von nun an genügte die bloße Vorstellung des eigenen Todes, um Angst auszulösen. Natürlich war die Verarbeitung dieser angstmachenden Erkenntnis für die weitere Entwicklung des Menschen von größter Bedeutung.
Eine mögliche Deutung des Todeserlebens findet sich bei Campbell. „Das Geheimnis des Todes war also erlebt und verarbeitet worden, und zwar bei den auf der Jagd getöteten Tieren ebenso wie beim Menschen. Und die Antwort, die man dafür fand, hat seit jener Zeit allen Trostsuchenden Trost gespendet und lautet: Nichts stirbt, Tod und Geburt sind nur ein Hinübergehen und Wiederkehren wie durch einen Schleier.“ (Campbell, 1991)
Diese archaische Deutung von Tod und Geburt als sichtbarem Zeichen eines zirkulären Wandlungsprozesses liegt bis heute noch allen magischen Weltbildern zugrunde. Ob sie allerdings wirklich ein Beweis für die frühe Religiosität des Neandertalers oder des Homo sapiens ist, muss bezweifelt werden. Vielmehr scheint es sich dabei um die ersten „wissenschaftlichen“ Gehversuche des Menschen gehandelt zu haben, die Welt, in der er lebte, auf der Höhe seines damaligen Wissensstandes zu erklären.
Er erkannte, dass jedem Tag die Nacht und jeder Nacht der Tag folgte, Sonne und Mond, warme und kalte Jahreszeiten einander abwechselten. Dass die Natur im Frühjahr aufblühte und im Herbst erstarb. Verwundert musste er feststellen, dass der Schlaf – dem stets das Erwachen folgte – den Zugang zu einer Durchgangswelt, dem Traum, eröffnete. Er spürte, wie Hunger und Sättigung, Ausscheidung, sexuelles Begehren und Befriedigung einen immerwährenden rhythmisch an- und abschwellenden Kreislauf bildeten, den er nicht zu verstehen und erst recht nicht zu beeinflussen vermochte.
Aus der Beobachtung der Natur lernte er, dass der Höhlenbär, mit dem er gelegentlich sogar die Behausung teilte, zu Beginn der kalten Jahreszeit in einen todesähnlichen Schlaf fiel, aus dem er erst wieder erwachte, wenn die wärmere Jahreszeit anbrach. Wohin der Mensch auch blickte, bot sich ihm das Bild eines in sich geschlossenen Kreislaufes der Natur. Nichts lag also näher, als die Grenzerfahrungen der Geburt und des Todes ebenfalls in diesem Sinn als Ausdruck eines zirkulären Prozesses zu deuten.
Noch dazu, wo der Zustand des Nichtseins für den Menschen ohnedies nicht vorstellbar ist. Selbst wenn wir daran denken, nicht zu sein, bleiben wir als Vorstellende weiter anwesend. Nach Freud ist der Tod im Unbewussten daher auch nicht repräsentiert. Ein Kleinkind kann sich unter Tod zunächst einmal gar nichts vorstellen. Von seinem Grundgefühl her ist es unsterblich. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit erwirbt es erst später als Folge äußerer Erfahrungen.
Mit Religion, wie wir sie heute verstehen, hatte das frühe Wirklichkeitsverständnis freilich recht wenig zu tun. Eher schon mit den ersten wissenschaftlichen Gehversuchen des Menschen in seinem Bemühen, die Vorgänge in der Welt rund um ihn zu verstehen. Umso erstaunlicher, dass religiöse magische Weltbilder sich immer noch auf die primitiven Erklärungsmodelle des Urmenschen stützen, „mit ihrem Glauben an Übernatürliches aber jämmerlich daran scheitern, der erhabenen Größe der wirklichen Welt gerecht zu werden“, wie Dawkins es in einem Interview auf den Punkt bringt. Der Siegeszug der auf magischem Denken und Realitätsverleugnung beruhenden religiösen Meme lässt nur eine Deutung zu: Sie haben Lebewesen, die sich ihrer Sterblichkeit zunehmend bewusster wurden, einen gewaltigen Selektionsvorteil verschafft.
Selbsterhaltungsfunktion. Der Tod ist eine evolutionäre Notwendigkeit, das steht außer Frage. Gleichzeitig verfügen alle höher entwickelten Lebewesen aber auch über die angeborene Fähigkeit, auf lebensbedrohliche Situationen entweder aggressiv, mit Kampfverhalten, oder defensiv, mit Flucht, zu reagieren. Beim Menschen wird diese Reaktion von bewusst erlebter Angst eingeleitet. Durch diese genetisch verankerte Selbsterhaltungsfunktion erhöht sich die Chance eines Individuums, dem Tod zumindest so lange zu entkommen, bis es seine Gene erfolgreich weitergegeben hat. Der Alterungsprozess nach erfolgter Fortpflanzung sorgt schließlich dafür, dass Lebewesen für ihre Feinde zu einer immer leichteren Beute werden. Letztlich vollendet der natürliche Tod das Werk, indem er die verbliebenen unnötigen Konkurrenten um die Nahrungsressourcen aussiebt.
Tod und Selbsterhaltungsfunktion, diese ist beim Menschen gleichbedeutend mit Todesangst, sind beide durch natürliche Auslese entstanden. Ohne diese Antagonisten würde es keine höheren Lebensformen geben. Anders als das Tier, das nur auf unmittelbar gegebene Gefahren reagieren kann, verfügt der Mensch über ein Bewusstsein, das es ihm ermöglicht, auch zukünftige Bedrohungen gedanklich vorwegzunehmen. Evolutionär betrachtet ist das natürlich ein gewaltiger Selektionsvorteil. Aufgrund dieser Fähigkeit kann sich der Mensch schon viel früher auf Gefahren einstellen, sogar auf solche, die erst in ferner Zukunft auf ihn lauern. Angesichts der Unabwendbarkeit des eigenen Todes aber wird diese Fähigkeit zum Bumerang.
Worin unterscheidet sich denn unser Schicksal von dem eines Häftlings in der Todeszelle? Gewiss, die Zellenausmaße sind außerhalb der Gefängnismauern größer und auch das Leben draußen verläuft vielleicht abwechslungsreicher. Der Ausgang der Geschichte ist aber in beiden Fällen der Gleiche. Von Geburt an ist der Mensch zum Tod verurteilt. Seit der frühen Kindheit ist er sich dieser Tatsache sogar bewusst. Obwohl er sich nach Unsterblichkeit sehnt, gibt es vor dem Tod kein Entrinnen. Paradoxerweise scheint sich jedoch kaum jemand daran zu stoßen.
Die meisten leben so, als würde der Tod nur die anderen betreffen. Verräterische Redewendungen wie „Sollte ich einmal sterben ...“ unterstreichen dieses Phänomen. Die Unbestimmbarkeit des Todeszeitpunktes scheint es dem Gehirn zu ermöglichen, den eigenen Tod so zu behandeln, als würde er nie eintreten: „Natürlich werde ich einmal sterben, aber doch noch nicht jetzt ...“
Die Verleugnung des Todes
Aufschlussreich sind auch die Reaktionen auf einen Todesfall im Bekanntenkreis. Selten wird der Tod als ein natürliches Ereignis akzeptiert. Fast immer suchen die Angehörigen nach Schuldigen, die für den Tod des Verstorbenen verantwortlich sind. Entweder ist der Betroffene selbst daran schuld, weil er zu spät zum Arzt gegangen ist, oder die Ärzte haben seinen Tod auf dem Gewissen. Die Conclusio ist immer die Gleiche: Unter anderen Umständen wäre der Betroffene noch am Leben.
In „Das egoistische Gen“ äußert Richard Dawkins über die Kritiker an seinen Überlegungen zum Gottes-Mem: „Es reicht ihnen nicht, wenn ich sage, dass die Idee von der Existenz eines Gottes große psychologische Anziehungskraft besitzt. Sie wollen wissen, warum das so ist. Psychologische Anziehungskraft bedeutet Anziehungskraft für Gehirne, und Gehirne werden durch die natürliche Auslese von Genen im Genpool geformt.“ Ich meine, dass sich die Ausbildung von Gottes- und Jenseits-Memen evolutionär betrachtet sehr wohl bezahlt gemacht hat.
Selektionsvorteil. Vergleichen wir zwei fiktive menschliche Populationen. Bei beiden ist der Bewusstwerdungsprozess so weit fortgeschritten, dass ihre Individuen um die eigene Sterblichkeit wissen. Die erste Population lässt sich ausschließlich von ihrer Ratio leiten. Die Realität wird so genommen, wie sie ist. Nur das zählt, was überprüfbar ist. Über Dinge, die nicht erfahrbar sind, wird nicht spekuliert.
Die andere hingegen verfügt über eine hohe Fantasiebegabung. Bei ihr sind die Grenzen zwischen Realität und Fantasie fließend. Ihre Einbildungskraft macht es dieser Population möglich, unerklärliche Phänomene wie auch die unlustvollen Seiten der Realität im Sinne ihrer Wünsche umzudeuten.
Bei der ersten Population müssen die realistische Einschätzung des Todes und die daraus resultierende Angst den Kampf ums tägliche Dasein nachhaltig beeinflussen. Eine Population, die sich über den Tod keine Illusionen machen kann, wird es sich sehr gut überlegen, ob sie sich auf eine kriegerische Auseinandersetzung einlässt oder nicht. Vor die Wahl gestellt, ihr Revier zu verteidigen und dabei den sofortigen Tod zu riskieren oder es aufzugeben – was unter Umständen zu einer Verschlechterung der Lebensumstände führt, dafür aber die unmittelbare Todesgefahr abwendet –, wird sie sich mit höchster Wahrscheinlichkeit für die zweite Möglichkeit entscheiden.
Im Vergleich zu der anderen Population werden ihre Individuen ängstlicher, unsicherer und aggressionsgehemmter agieren. Sie werden Persönlichkeitseigenschaften aufweisen, wie wir sie heute von depressiven oder phobischen Menschen kennen. Nicht von ungefähr gehen diese psychischen Störungen mit verminderter sexueller Appetenz einher. Die geringere Kampfbereitschaft gepaart mit schwächerem Sexualverlangen muss den Fortpflanzungserfolg dieser Generation nachhaltig negativ beeinflussen.
Betrachten wir nun die zweite Population. Ihre Fähigkeit zur Fantasiebildung erlaubt es ihr, die Realität des Todes so weit zu entschärfen, dass die Angst davor zwar nicht gänzlich verschwindet, aber zumindest so weit entschärft wird, dass sie sich im Alltag nicht mehr störend bemerkbar macht: „Ich muss den Tod nicht fürchten, er ist ja nur das Tor zu einer anderen Welt.“
Eine Population, deren Individuen fähig sind, den unvermeidlichen Schrecken des Todes im Sinne ihres Wunschdenkens umzudeuten, aber eben nur so weit, dass realitätsgerechtes Handeln trotzdem noch möglich ist, erwirbt sich aus meiner Sicht einen gewaltigen Selektionsvorteil. Während die erste Population ausschließlich realitätsgerecht reagiert, schafft sich die zweite eine Realität, die mit der tatsächlich gegebenen nur mehr in loser Verbindung steht.
Existenzielles Dilemma. Die Ausbildung des Bewusstseins stürzte den Menschen in ein arges existenzielles Dilemma. Als ihn die Evolution vom Baum der Erkenntnis naschen ließ, wurde ihm mehr bewusst als bloß seine Nacktheit. Mit einem Schlag konnte er in seiner Vorstellung die eigene Zukunft bis zum bitteren Ende vorwegnehmen. Von nun an wusste er, was seine Bestimmung war. Das wäre an und für sich noch keine Katastrophe gewesen, hätte nicht gleichzeitig die Selbsterhaltungsfunktion dafür gesorgt, dass der Mensch im Leben nichts mehr fürchtete als den eigenen Tod.
Wie alle anderen Lebewesen verbrachte auch er sein ganzes Leben damit, ihm zu entkommen. Eben weil er über ein Bewusstsein verfügte, muss er früher oder später eingesehen haben, dass gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen war. Wenn er aber ohnedies sterben musste, warum brachte er sich dann nicht gleich um, sondern nahm die ganze Last des Daseins auf sich? Noch dazu, wo die unlustvollen Augenblicke im Leben bei Weitem überwogen. Warum tat er sich all die Qualen an, ertrug Hunger, Durst, Kälte, Schmerz, wenn er denselben Lohn, der ihm am Ende seiner Tage winkte, früher, bequemer und schmerzfreier haben konnte? Dieser Umstand ist ohne Zweifel auf den Einfluss der Selbsterhaltungsfunktion zurückzuführen. Die Paradoxie des Menschen ist nur schwer zu überbieten. Frei von Todesangst beginge er ab einer gewissen Schmerzintensität Selbstmord, mit ungeminderter Todesangst im Bewusstsein liefe er Gefahr, unter der Last seiner Angst zusammenzubrechen.
Nie wäre das Bewusstsein zu einer solchen Erfolgsgeschichte geworden, hätte nicht die Evolution zur Ausbildung von Mechanismen geführt, die es dem Gehirn erlaubten, die angstmachenden Seiten der Realität vom Bewusstsein entweder gänzlich fernzuhalten oder zumindest so weit umzuformen, dass sie dort keine Bedrohung mehr hervorriefen. Es klingt zwar reichlich absurd, aber die natürliche Auslese hat dafür gesorgt, dass wir heute über ein Gehirn verfügen, das sich selbst hinters Licht führen kann, sobald reale Lösungsmöglichkeiten versagen. Nachdem sich dieser Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismus bewährt hatte, wurde er auf alle psychischen Inhalte ausgedehnt, die im Bewusstsein Konflikte hervorrufen.
Überall in der menschlichen Kultur finden sich heute Bereiche, wo unliebsame Aspekte der Realität verleugnet und durch Fantasiegebilde ersetzt werden. Menschen sehen die Welt schon längst nicht mehr so, wie sie ist, sondern stets auch so, wie sie in ihren Vorstellungen sein sollte. Religion, New Age und Esoterik verdanken ihre Entstehung nicht irgendeiner göttlichen Energie, sondern der Angst, die der Mensch vor dem Tod empfindet, und seiner daraus resultierenden Fähigkeit zur Realitätsverleugnung.
Wäre die Existenz des Menschen nicht begrenzt und wäre er sich seiner unvermeidlichen Selbstauslöschung nicht bewusst, bräuchte er weder Gott noch Glauben. Magische Weltbilder erfüllen in letzter Konsequenz nur ein Ziel: die Realität des Todes zu entschärfen und die Begrenztheit der menschlichen Existenz zu verleugnen. Sie sind ein geradezu idealer Kompromiss zwischen der lebenserhaltenden Todesangst und der Tatsache, dass der Mensch dem Tod nicht entkommen kann. Nachdem die Realität die Erfüllung seiner Ewigkeitssehnsüchte im Diesseits verweigert, schuf er kraft seines Vorstellungsvermögens ein Jenseits. In diesem Paradies soll nun all das erfüllt werden, wonach sich der Mensch auf Erden vergebens sehnt.
Obwohl diese Lösung seines existenziellen Konfliktes nahezu perfekt ist, ahnt der Mensch trotzdem, dass an seiner Art der Realitätsbewältigung etwas faul ist. Sein Gehirn spürt, dass es sich selbst betrügt. Bis heute noch ist es in manchen Ländern unter strenger Strafandrohung verboten, Gott den Allmächtigen in Frage zu stellen oder an Glaubenswahrheiten zu zweifeln. Das ergibt doch nur dann einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass das Gehirn sehr wohl weiß, dass seine Konstruktionen einer kritischen Hinterfragung nicht standhalten würden, und es deswegen einen Riegel vorschiebt.
Eine Behauptung, die beweisbar ist, kann getrost hinterfragt werden. Welche Möglichkeit gibt es aber, beim Glauben herauszufinden, welcher wahr ist und welcher nicht? Hier ist die Antwort denkbar einfach und durch die Geschichte unzählige Male belegt: Wer die Macht hat, den anderen seinen Glauben aufzuzwingen, ist im Besitz der „Wahrheit“. In der Wissenschaft zählen die Argumente, beim Glauben die Gewalt.
Wünsche – Treibstoff für die Seele
Jasche lag lange Zeit schweigend auf der Couch seines Analytikers. Er dachte an alles Mögliche. Eigentlich sollte er aussprechen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Die psychoanalytische Grundregel der „freien Assoziation“ kannte weder Zurückhaltung noch Zensur. Der Fluss der Gedanken sollte durch nichts eingeschränkt werden. Zwischen bedeutenden und unbedeutenden Einfällen wurde nicht unterschieden. Alles war gleich wichtig. Das hörte sich leichter an, als es war. Nicht einmal seine intimsten Vorstellungen waren von der Grundregel ausgenommen. Die peinlichsten Inhalte seines Seelenlebens sollten ans Tageslicht gezerrt und analysiert werden. Tat er es nicht, deutete ihm sein Analytiker das als Widerstand. Aber nicht einmal dann wurde dieser Kerl von sich aus aktiv. Er übte keinen Druck aus, bohrte nicht, stellte keine unangenehmen Fragen, sondern ließ es einfach dabei bewenden. Er wies lediglich darauf hin, dass Jasche die Bedeutung seiner Widerstände erst besser verstehen müsse, bevor er sie auflösen könne. Abermals war er auf sich selbst zurückgeworfen.
Ihm wäre es lieber gewesen, sein Analytiker hätte ihm Gesprächsthemen vorgeschlagen oder konkrete Fragen gestellt, mit denen er sich in der Stunde auseinandersetzen hätte können. Von anderen Therapierichtungen wusste er, dass man Hilfesuchende nicht so in der Luft hängen ließ. Dort wurden Verhaltenspläne geschmiedet, kreative Mittel in die Arbeit einbezogen, Lebenspanoramen zu Papier gebracht, Rollenspiele angeregt oder hitzige Auseinandersetzungen mit Polstern geführt, die Mutter, Vater oder andere wichtige Bezugspersonen symbolisierten. Neuere Therapieansätze bedienten sich sogenannter Familienaufstellungen auf Familienbrettern oder in natura, legten Karten – die verblüffend an die Tarotkarten der Wahrsager erinnerten – oder zogen die Sterne zurate. In der Psychoanalyse hingegen gab es nichts, woran man sich halten konnte. Keine Gedankenanstöße, keine Vorgaben, keine helfende Hand, die einen führte, weil sie wusste, wo es langgeht. Immer musste man das Feld selbst bestellen. Das machte die Sache ja so ungemein schwierig.
Jasche träumte vor sich hin. Was wäre, wenn die Regierungen aller Staaten in einer gemeinsamen Deklaration die psychoanalytische Grundregel zur Maxime des menschlichen Zusammenlebens machten. Mit dem einen Unterschied jedoch, dass durch diesen Beschluss nicht nur Gedanken-, sondern auch Handlungsfreiheit garantiert wäre. Von einem bestimmten Zeitpunkt an – zum Beispiel Schlag Mitternacht des kommenden Tages – dürfte jeder Mensch tun und lassen, wonach ihm gerade war, ohne dass er für sein Handeln irgendwelche Konsequenzen zu befürchten hätte. Anfangs kam ihm sein Einfall widersinnig vor. Keine ernst zu nehmende Staatsmacht auf der ganzen Welt würde eine derart verrückte Entscheidung treffen. Trotzdem reizte ihn dieses Gedankenspiel und er fing an, es weiterzuentwickeln. Was änderte sich am Zusammenleben der Menschen durch die Aufhebung aller Gesetze? Würde sich überhaupt etwas ändern? Was bedeutete diese neue Situation für ihn persönlich? Würde ihn die Beseitigung aller bisher auferlegten Einschränkungen freier machen?
Jasche spürte, wie alleine schon die Vorstellung, seine Wohnung am Morgen nach Inkrafttreten des gesetzlosen Zustandes zu verlassen, bei ihm Unbehagen hervorrief. Wovor fürchtete er sich? Vielleicht würde er auf die Straße treten und feststellen, dass alles seinen gewohnten Lauf nahm. Nein, so sehr konnte Jasche seinen Glauben an das Gute im Menschen nicht strapazieren, als dass er dieser naiven Hypothese hätte folgen können. Das Chaos würde ausbrechen, so schnell könnte man gar nicht schauen. Wohin Gesetzlosigkeit führte, wusste jeder vernünftige Mensch aus der Geschichte. Bilder von vergangenen Kriegsschauplätzen gingen ihm durch den Kopf. Unter der Gesetzlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen kam vieles zum Vorschein, was sonst in den Abgründen der menschlichen Seele nur rumorte.
Das beste Beispiel in der jüngeren Vergangenheit war die Tragödie von New Orleans. Kurz nachdem der Hurrikan „Katrina“ über die Stadt gefegt war, Gesetz und Ordnung mit den Gebäuden in den Fluten versunken waren, marodierten bewaffnete Banden durch die untergehende Stadt. Diese beschränkten sich bei Weitem nicht nur auf Plünderungen. Sie mordeten aus reiner Lust am Töten und machten systematisch Jagd auf Frauen, um sie zu vergewaltigen. Jasche gab sich keinen Illusionen hin. Ein gesetzloser Zustand würde eher früher als später zu Chaos und offener Gewalt führen. Anfangs käme es wahrscheinlich zu Plünderungen. Einige Schwachköpfe würden sogar die Tresore der Banken ausräumen, weil sie noch nicht realisiert hätten, dass Geld zu diesem Zeitpunkt keinen Wert mehr hatte. Für Güter, die man sich einfach aneignen konnte, brauchte man nicht zu bezahlen. Nur, wer würde dann überhaupt noch Güter herstellen oder sonst irgendwelche Arbeiten verrichten? Eines war sicher, Wirtschaft und Verkehr kämen nach kurzer Zeit zum Erliegen. Wie lange würde es dauern, bis noch Schlimmeres zur Selbstverständlichkeit würde?
Selbst die Anständigen, Vernünftigen müssten sich bald dem Druck der Realität beugen. Auch ihnen bliebe keine andere Wahl, als ihr Leben, ihre Lieben, ihr Hab und Gut mit Gewalt zu verteidigen. Es dauerte nicht lange und das Faustrecht ersetzte die Paragrafen. Das öffentliche Leben, die gesellschaftlichen Strukturen würden zusammenbrechen. Gleichgesinnte rotteten sich zusammen. Bandenkriege wären unvermeidlich. Nur ein Gesetz behielte Gültigkeit: das Recht des Stärkeren. Nötigung, Sklaverei, Raub, Mord und Vergewaltigung stünden an der Tagesordnung, dessen war sich Jasche sicher.
Zu seiner Verblüffung machte ihn sein Analytiker darauf aufmerksam, dass in seinem Gedankenspiel immer nur die anderen die Schandtaten begingen, während seine Weste blütenweiß blieb. Warum? War er etwa besser als die anderen Menschen, stand er gar auf der Seite der „Engel“? Ob es ihm gefiel oder nicht, musste er zugeben, dass er die ganze Zeit über etwas Essenzielles verleugnet hatte. Es fiel ihm schwer, sich dieser Wahrheit zu stellen: Natürlich wäre er zu genau denselben Handlungen fähig, die er seinen Mitmenschen unterstellte. Dieser Gedanke missfiel ihm sehr, passte er doch überhaupt nicht in das Bild, das er von sich entworfen hatte. Es war viel leichter, sich über die Gräuel von Nazimördern schockiert zu zeigen, als anzuerkennen, dass es etwas gab, was einen mit diesen auf dieselbe Stufe stellte. Nur, was war das?
Sein Analytiker erinnerte ihn daran, dass Gesetze im Laufe der Geschichte überall dort entstanden, wo sie etwas verboten oder regelten, was Menschen im anderen Fall ungehemmt ausgelebt hätten. Gesetze richteten sich immer gegen Begierden oder schränkten sie zumindest ein. Dabei handelte es sich jedoch nicht um harmlose Wünsche, wie im Winter Melonen essen, sondern um Triebwünsche, auf deren Erfüllung der Mensch im Laufe seines Zivilisationsprozesses verzichten musste, weil sie mit dem Leben in einer Gruppe unvereinbar waren. Ihre Nähe zur Sexualität und Gewalt erübrigte jeden Zweifel, dass es sich dabei um Abkömmlinge egoistischer, asozialer Triebregungen handeln musste. Im Alltag merkte man nicht viel von diesen Wünschen, weil etwas im menschlichen Gehirn es ermöglichte, diese Wünsche vom Bewusstsein weitgehend fernzuhalten. Nur in Witzen, Tagträumen und in den nächtlichen Träumen machten sie sich gelegentlich bemerkbar. Ihre mangelnde Präsenz im Bewusstsein war auch der Grund, warum so viele Menschen den Zustand nach der Verdrängung ihrer asozialen Triebregungen mit ihrem eigentlichen verwechselten. Weil sie von diesen verpönten Regungen keine Kenntnis mehr hatten, lebten sie so, als wären diese gar nicht vorhanden. Nicht bei ihnen selbst und auch nicht bei anderen. Ein gefährlicher Trugschluss, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Jasche musste seinem Analytiker recht geben, dass unterdrücktes Verlangen jederzeit zum Vorschein kommen kann, sofern es die Umstände erlauben. Um sich die Existenz dieser abgewehrten Triebwünsche zu bestätigen, brauchte er sich bloß seine Tagträume vor Augen zu führen. Jasche erschrak. Wollte er wirklich all das, was er sich allein in seinen sexuellen Fantasien ausmalte? Von der Illusion, dass er auf der Seite der Guten stand, konnte er sich in diesem Fall jedenfalls getrost verabschieden.
Umgekehrt war er im Alltag alles andere als ein Monster. Er hatte gute Umgangsformen und war wegen seiner freundlichen, entgegenkommenden Art bei den meisten Menschen beliebt. Bisher hatte er sich auch nichts zuschulden kommen lassen, sieht man von den wöchentlichen Diebstählen der Sonntagszeitung ab. In der Sexualität verhielt er sich, ganz im Gegenteil zu seinen sexuellen Fantasien, einfühlsam und rücksichtsvoll. Jasche war verwirrt. Wer war er nun wirklich, Dr. Jekyll, Mr. Hyde oder beides zusammen?
Geburtsstunde der Psychoanalyse.
1895 war für Freud ein denkwürdiges Jahr. Er verbrachte die Sommerferien mit seiner Familie in der Villa Bellevue, in der Nähe des Wiener Kahlenberges. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli hatte Freud einen eigenartigen Traum. Unter dem Titel „Irmas Injektion“ sollte dieser Traum später in die Annalen der Psychoanalyse eingehen. Warum? Weil es Freud zum ersten Mal gelungen war, mit seiner psychologischen Technik der „freien Einfälle“ einen Traum restlos zu entschlüsseln und dessen verborgenen Sinn freizulegen. Noch fünf Jahre später, im gleichen Jahr, in dem die „Traumdeutung“ veröffentlicht wurde, fragte er seinen Freund Fließ voll Stolz: „Glaubst Du eigentlich, dass an dem Haus (Villa Bellevue) dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: ,Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigmund Freud das Geheimnis des Traumes?‘“ (Gay, 1989) Der ersten gelungenen Traumanalyse folgten zahllose weitere. Der Wiener Seelenarzt schätzte, in seinem Leben weit über tausend Träume gedeutet zu haben. Eigene und solche von Patienten. Die Analyse all dieser Träume führte Freud zu dem überraschenden Schluss: Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Grund genug, um mehr über die Hintergründe in Erfahrung zu bringen, die Freud zu diesem erstaunlichen Schluss veranlassten. Seine psychologische Technik der Traumanalyse besteht im Wesentlichen darin, den Traum in einzelne Stücke zu zerlegen und zu jedem Traumstück frei assoziieren zu lassen. Nicht die logische Denkarbeit, sondern die spontanen Einfälle zu den einzelnen Traumstücken – gleichgültig, ob sie nun passend scheinen oder nicht – ermöglichen das Verständnis von Träumen. Damit ist auch klargestellt, dass ein Traum ohne die persönlichen Einfälle des Träumers nicht einmal ansatzweise richtig verstanden werden kann. Hierin unterscheidet sich das psychoanalytische Traumverständnis grundlegend von dem magisch-religiöser Auslegungen, die Träume bis heute noch als Manifestation einer transzendenten Welt verstehen.
Schlaf und Tod. Seit Urzeiten ist der Schlaf eine der gebräuchlichsten Metaphern für den Tod. Redewendungen wie „die letzte Ruhe“ oder „ewiger Schlaf“ unterstreichen diesen Zusammenhang. In der Hauptsache ist die äußerliche Ähnlichkeit von Schlafenden und Toten für diese Gleichsetzung verantwortlich. Doch sind in der Welt, die sich dem Menschen im Schlaf offenbart, auch die Grenzen zwischen Leben und Tod aufgehoben. In diesem Schattenreich kann man Personen begegnen, die schon vor langer Zeit begraben wurden. Andere wiederum kommen zu Tode, obwohl sie sich in Wirklichkeit bester Gesundheit erfreuen. Wenn es ganz arg hergeht, kann man sogar seinem eigenen Tod beiwohnen. Wie Kindern muss es auch dem Urmenschen schwer gefallen sein, zwischen der Traumwirklichkeit und der Realität im Wachzustand zu unterscheiden.
Traum und Jenseits. Kein Wunder also, dass der Traum im Altertum als Schnittstelle der diesseitigen mit einer geheimnisvoll anmutenden realen jenseitigen Welt verstanden wurde. Was lag näher, als die Ereignisse im Traum mit den Vorgängen im Wachen zu verknüpfen? Die älteste schriftlich festgehaltene Traumdeutung findet sich, in Stein gemeißelt, im Gilgameschepos. Ea, Gott des Süßwasserozeans, schenkte Gilgamesch die Träume, damit der die Wünsche und Absichten der Götter erkennen konnte.
Um die Sprache der Götter in die Sprache der Menschen zu übersetzen, bedurfte es jedoch einer besonderen Begabung. Nur wer zum Propheten berufen war, konnte Träume richtig auslegen. In den frühen Hochkulturen des alten Orients hatten Propheten, Astrologen, Traumdeuter eine ähnliche Funktion wie Regierungsberater heute. Sie waren sehr einflussreich und wurden vor wichtigen Entscheidungen regelmäßig von den antiken Herrschern konsultiert. Ihre Traumauslegungen beruhten auf einfachen Analogien zwischen den Traumbildern und Vorkommnissen in der realen Welt. Im Laufe der Zeit entwickelten sich aus diesen Analogien regelrechte Symbolsysteme, die in Traumbüchern festgehalten wurden. Das älteste Traumbuch stammt aus Ägypten. Doch auch heute finden sich im einschlägigen Buchhandel noch jede Menge Traumbücher, deren Symbolik auf dem antiken Traumverständnis beruht.
Die gängige Praxis, Träume auf der Grundlage eines Wörterbuches für Traumsymbole zu deuten, hat auch vor der Psychologie nicht haltgemacht. C. G. Jung, Gründer der analytischen Psychologie, einer psychologischen Schule, die religiöse, psychologische und mythologische Aspekte verbindet, misst den Traumsymbolen für das Verständnis des Traumes sogar einen zentralen Stellenwert bei. In Übereinstimmung mit dem esoterischen und religiösen Traumverständnis betont Jung die Bedeutung der übersinnlichen geistigen Welt für den Traum. Eingekleidet in Ursymbole, von Jung Archetypen genannt, und archetypische Bilder würde sich diese dem Träumer offenbaren.
Eine andere Disziplin, die Parapsychologie, beschäftigt sich ebenfalls mit dem Phänomen des Traumes. Vertreter der Parapsychologie glauben, dass sich bedeutende Ereignisse wie Todesfälle oder Katastrophen in Träumen vorankündigen. Auch telepathische Botschaften sollen in die Träume Eingang finden. Wissenschaftlich belegt sind weder Wahrträume noch telepathische Träume. Das liegt vor allem daran, dass in den meisten Fällen erst die Erfüllung des vermeintlichen Wahrtraumes den Trauminhalt beim Träumer in Erinnerung ruft. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Glaube an übersinnliche Dinge deren Auftrittswahrscheinlichkeit signifikant erhöht.
Paradoxer Schlaf. Während viele Menschen ihren Träumen eine wichtige, ja sogar transzendente Bedeutung beimessen, gibt es andere, die behaupten, überhaupt nicht zu träumen. Das ist allerdings ein Trugschluss. Denn ein bis eineinhalb Stunden, nachdem ein Mensch eingeschlafen ist, hebt sich der Vorhang zum nächtlichen Traumtheater, das sehr treffend als „paradoxer Schlaf“ bezeichnet wird.
Treffend deswegen, weil es wirklich ausgesprochen paradox ist, wenn mitten im Schlaf plötzlich eine Periode höchster Gehirnaktivität einsetzt. Diese Periode wird von schnellen Augenbewegungen begleitet. Wegen der schnellen Augenbewegungen heißt dieses Stadium auch REM-Stadium – von rapid eye movement. Das Gehirn befindet sich nun in jenem geheimnisvollen Zustand, in dem die Träume entstehen. Werden Menschen außerhalb der REM-Phasen geweckt, berichten sie zwar auch von traumähnlichen Vorgängen, die aber mehr dem Denken im Wachzustand ähneln. In der REM-Phase hingegen sind die Träume bildhaft und bunt.
Im Gegensatz zum Tiefschlaf verlaufen in der Traumphase Herzschlag, Blutdruck und Atmung unregelmäßig. Das Gehirn wird jetzt sogar besser als im Wachzustand durchblutet. Dadurch steigt auch die Gehirntemperatur. Gelegentlich kommt es zu Zuckungen im Gesichts- oder Körperbereich. Die Gliedmaßen sind völlig schlaff und zeigen keinerlei Reflexe. Dagegen sind bei Frauen die Klitoris und bei Männern der Penis hochgradig erregt. Die körperlichen Vorgänge in der Traumphase scheinen Freud recht zu geben, der Träume vorwiegend als Ausdruck sexueller Wünsche deutete.
Anfängliche Vermutungen, dass Menschen, die am Träumen gehindert werden, sich nach einigen Tagen psychisch verändern würden, ließen sich experimentell bisher nicht bestätigen. Vorübergehender Entzug des paradoxen Schlafes durch Psychopharmaka, Alkohol oder Drogen führt zu einer Intensivierung bzw. Verlängerung der REM-Phasen, sobald das Gehirn wieder unbeeinträchtigt ist. Die einzelnen Schlafstadien werden pro Nacht ca. viermal durchlaufen und dauern im Durchschnitt etwa eineinhalb Stunden, wobei der Anteil des Paradoxen Schlafes bei ca. 20 bis 25 % liegt. Die erste REM-Phase, die etwa nach einer Stunde Schlaf erreicht wird, ist eher kurz. Mit zunehmender Schlafdauer werden die REM-Phasen länger. Im Laufe des Lebens verkürzt sich die Traumzeit des Menschen.
Während ein Säugling unmittelbar nach der Geburt am längsten träumt, nimmt die Traumzeit bei alten Menschen deutlich ab. Interessanterweise ist der Anteil des paradoxen Schlafes nicht nur bei alten Menschen, sondern auch bei Psychotikern deutlich niedriger. Nach wie vor gibt es seitens der Schlafforschung noch keine überzeugende Theorie über die Funktion des Schlafes. Was jedoch die psychologische Deutung der Träume anbelangt, ist Freuds „Traumdeutung“ noch immer ein wegweisendes Werk, dessen Hypothesen durch die moderne Schlafforschung nach und nach Bestätigung erfahren haben.
Der Traum ist eine Wunscherfüllung
Freud unterscheidet beim Traum zwischen dem manifesten Inhalt und den latenten Traumgedanken. Der manifeste, erinnerbare Trauminhalt ist nach seiner Theorie nur die Oberfläche des Traumes. Er lässt sich stets auf tiefer liegende Vorstellungen zurückführen, die durch verdrängte Wünsche hervorgerufen werden. Diese unbewussten Vorstellungen bezeichnet Freud als „latente Traumgedanken“. Im weitesten Sinne versteht Freud den Traum als eine Art assoziativer Bildersprache, in der die seelischen Abläufe während des paradoxen Schlafes zur Darstellung gelangen. Unerfüllte Wünsche, die als erfüllt dargestellt werden, sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Der im Wachzustand erinnerbare Inhalt ist das Kleid, zu dem sie verarbeitet wurden.
Was aber berechtigte Freud dazu, Träume durchwegs als versteckte Wunscherfüllungen zu deuten? Und ist es nicht vollkommen widersinnig, ja sogar lachhaft, einen Albtraum als erfüllten Wunsch zu werten? Lassen Sie sich überraschen und denken Sie vorerst einmal an die Träume von Kindern. Denn es sind vor allem Kinderträume, die den wunscherfüllenden Charakter des Traumes am deutlichsten hervorkehren.
Ein vierjähriger Bub sollte mit seinen Eltern die Ferien auf einer Insel im Mittelmeer verbringen. Er wusste, dass ein Teil der Reise mit dem Schiff erfolgen würde. Wegen der bevorstehenden Schiffsreise war er schon Wochen vorher völlig aus dem Häuschen und konnte den Tag der Abreise kaum erwarten. Eines Morgens kam er ins Schlafzimmer seiner Eltern gerannt und erzählte aufgeregt, dass er in der Nacht mit einem riesigen weißen Schiff zu dieser Insel gefahren sei. Ein anderes Mal träumte er, seine Spielzeugtruhe sei bis oben voll mit aufgeladenen Batterien. Tatsächlich musste er sich immer wieder darüber ärgern, dass er sein batteriebetriebenes Spielzeug nicht verwenden konnte, weil die Batterien leer waren. Das Lieblingsgericht einer Fünfjährigen war Pudding. Einmal hatte ihre Mutter beim Einkauf auf den Pudding vergessen, sodass es zur Jause keinen gab. In der nachfolgenden Nacht träumte das Mädchen von einer riesigen Schüssel Vanillepudding, in der sie schwamm.
Es ist bei Kinderträumen wirklich nicht schwer, den wunscherfüllenden Charakter nachzuweisen. Doch auch in den Träumen Erwachsener werden Wünsche – manchmal sogar völlig ungeniert – als erfüllt dargestellt. Zum Beispiel dann, wenn man im Traum ein WC aufsucht, um seine Notdurft zu verrichten, unmittelbar darauf aber mit heftigem Harndrang erwacht. Oder wenn man abends etwas Salziges gegessen hat und in der Nacht von kalten Getränken träumt, die den Durst löschen. Gewiss hat auch Ihr Wecker schon einmal vergeblich geläutet, weil Sie im Traum schon längst aufgestanden sind. Träume dieser Art kennt ein jeder von uns.
Schlafstörende physische Spannungen – Hunger, Durst, Schmerz, Harndrang, sexuelles Verlangen – oder äußere Reize – laute Geräusche, Licht- und Temperaturveränderungen, Berührungen etc. – werden häufig in den Trauminhalt eingebaut. Und zwar so, dass sie entweder als erfüllt, beseitigt oder als belanglos und unerheblich dargestellt werden. Es besteht danach kein Grund mehr zu erwachen. Nicht ohne Grund bezeichnete Freud den Traum deswegen als „Hüter des Schlafes“. Über die allgemeinen körperlichen Bedürfnisse hinaus werden im Traum Wünsche verschiedenster Art erfüllt, die sonst die nächtliche Ruhe stören würden.
Ein verheirateter Mann hatte sich einen schlimmen Fehltritt geleistet. Nach einer Firmenfeier ließ er sich zu einem Seitensprung mit seiner attraktiven Assistentin hinreißen. Statt nach der offiziellen Feier nach Hause zu gehen, zogen die beiden durch mehrere Bars. Sie waren schon ziemlich alkoholisiert, als sie im Morgengrauen in ihrer Wohnung landeten. Im Liebesrausch machte er ihr alle möglichen Zugeständnisse, von denen er am nächsten Tag allerdings nichts mehr wusste und vermutlich auch nichts mehr wissen wollte. Die junge Frau, die sich bei ihm Chancen ausgerechnet hatte, reagierte auf seine distanzierte, abweisende Haltung mit kaum gebändigter Wut. Natürlich kam sie sich ausgenützt vor. In ihrer Verbitterung kündigte sie und drohte, seiner Ehefrau alles zu erzählen. Er hatte entsetzliche Angst vor den Folgen und hoffte inständig, sie würde ihr Vorhaben nicht wahr machen.
In den Tagen darauf träumte er wiederholt denselben Traum: Zufällig traf er sie auf der Straße. Zu seiner Überraschung war sie freundlich und umgänglich und, was ihn noch viel mehr freute, sie war ihm wohlgesonnen. Endlich hatte er Gelegenheit, ihr zu sagen, wie leid ihm das alles täte. Lachend fuhr sie ihm durchs Haar und tröstete ihn. Wortlos drückte sie aus, dass sie die leidige Angelegenheit längst vergessen hätte. Im Traum fällt ihm dabei ein großer Stein vom Herzen.
Unschwer lässt sich der Wunsch des Träumers erkennen, von seiner Schuld erlöst zu werden. Aus leicht verständlichen Gründen wollte er der peinlichen Enthüllung und den befürchteten Konsequenzen entgehen. Die Aussöhnung mit seiner ehemaligen Mitarbeiterin hätte mit einem Schlag alle seine Probleme gelöst. Hier besagt der Traum: Du musst dir keine Sorgen machen. Sie wird dich schon nicht verraten. Sie ist ja gar nicht mehr böse auf dich. Im Gegenteil, sie versteht dich und tröstet dich sogar.
Nicht immer ist die wunscherfüllende Tendenz so offensichtlich wie im letzten Traum. Doch auch für die undurchsichtigen, verworrenen Träume gilt: „Dass ein Wunsch der Erreger des Traumes ist, die Erfüllung dieses Wunsches der Inhalt des Traumes, das ist der eine Hauptcharakter des Traumes. Der andere ebenso konstante ist, dass der Traum nicht einfach einen Gedanken zum Ausdruck bringt, sondern als halluzinatorisches Erlebnis diesen Wunsch als erfüllt darstellt.“ (Freud, 1916, 142)
Bestimmte halluzinatorische Geisteskrankheiten, wie das Delirium beim Alkoholiker, aber auch Formen der Wahnkrankheit können durchaus als Wachträume bezeichnet werden. Bei EEG-Untersuchungen wiesen delirante Patienten ähnliche Hirnstrombilder auf wie Normale in der Phase des paradoxen Schlafes, der Traumphase.
Wenn Träume stets Wunscherfüllungen zum Inhalt haben, wie Freud behauptete, wie erklärt es sich, dass diese so selten auf den ersten Blick zu erkennen sind? Das liegt einerseits am Charakter der Wünsche, anderseits an den vielschichtigen Prozessen, die an der Traumbildung beteiligt sind. So entsprechen die Denkvorgänge im Traum keinesfalls dem logisch-abstrakten Denken im Wachzustand. Während des Traumes erfolgt das Denken auf einer entwicklungsgeschichtlich sehr frühen Ebene. Auf dieser werden die bildhaften Vorstellungen nicht logisch in Beziehung gesetzt, sondern im Sinne der Gleichheit bzw. Gleichzeitigkeit, Ähnlichkeit, Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit vernetzt, verschmolzen, ersetzt oder durch geeignete Symbole vertreten. Ein Vorgang, der dem frühkindlichen Denken sehr ähnlich ist:
Ein Fünfjähriger wohnte mit seiner Familie direkt neben einem Gymnasium. Beim nachmittäglichen Spaziergang mit seiner Mutter begegneten sie hin und wieder dem Schulwart dieser Schule. Dieser hieß König und war Alkoholiker. Deswegen roch er immer nach Fusel und wirkte ziemlich ungepflegt. Immer, wenn seine Mutter sagte, „schau, da kommt der Herr König“, kam der Junge aus dem Staunen nicht heraus. Er verstand nicht, wie jemand, der so herabgekommen aussah, ein König sein konnte. Warum ein König die Schulgänge kehrte, statt in einem prunkvollen Schloss zu herrschen. Noch unglaublicher erschien ihm, dass in ihrer Stadt nicht nur ein König, sondern mehrere lebten.
Bildersprache. Ein Kind in diesem Alter kann sich einfach noch nicht vorstellen, dass ein Mann König heißen kann, ohne ein König zu sein. Sein Denken verläuft noch nicht logisch-abstrakt, sondern anschaulich-bildhaft. Wie eben das Denken im Traum. Die unterschwelligen Gedanken, die den Träumen zugrunde liegen, sind in eine Art Bildersprache gefasst. Freud vergleicht die Übersetzung der Traumsprache mit der Auflösung von Bilderrätseln. Ein Boot auf dem Dach eines Hauses könnte in der Sprache des Traumes zum Beispiel „Hausboot“ bedeuten.
Die besondere Bildersprache, in der die Traumgedanken Ausdruck finden, ist ein Grund, warum Träume nach dem Aufwachen so unverständlich erscheinen. Ein weiterer liegt in der besonderen Natur der Wünsche, die als Traumerreger in Erscheinung treten. Nur selten sind es Wünsche, die mit unserer sozialen Gesinnung im Wachzustand vereinbar sind. Nicht nur das Denken verläuft im Traum auf einer archaischen Stufe. Es kommen im Traum auch jene frühen egoistischen, aggressiven, sexuellen Triebregungen zum Vorschein, auf deren Befriedigung die Menschheit im Laufe ihres mühevollen und lange dauernden Zivilisationsprozesses zu verzichten gelernt hat. Zumindest im Wachzustand.
Jeder Mensch durchläuft nicht nur in seiner körperlichen, sondern auch in seiner seelischen Entwicklung sämtliche Stufen der Evolution. Diametral zu ihrem Lebensalter sind Kinder umso egoistischer und triebhafter. Erst durch die Sozialisation werden sie zu gemeinschaftsfähigen Wesen. Jede Nacht kehren wir im Traum aber auf diese archaischen, frühkindlichen Entwicklungsebenen zurück. Dementsprechend egoistisch und hemmungslos nehmen sich auch die unbewussten Wünsche aus, die in unseren Träumen Erfüllung finden.
Zensur im Traum. Aus leicht verständlichen Gründen können diese Wünsche nicht direkt und unentstellt in den Traum eingehen. Das hätte, wie das Beispiel der Albträume zeigt, bei denen die Wunscherfüllung missglückt, ein sofortiges Erwachen zur Folge. Daher unterliegen Träume einer beschönigenden Bearbeitung. So wie im Wachzustand gibt es auch im Schlaf eine Zensur – von Freud „Traumzensur“ genannt –, die darüber wacht, welche unbewussten Wünsche Zugang zum Traumbewusstsein finden und welche – selbst im Traum – abgewiesen werden.
Die Entstellung der Traumwünsche ist nichts anderes als der Versuch, diese innere Zensur und damit uns selbst zu täuschen. Einen Vorgang, den wir auch im Wachen anwenden: Im Witz oder in verneinter Form kann man ungefährdet die ärgsten Gemeinheiten aussprechen. So wie der Vorgesetzte, der seinem Mitarbeiter erklärt: „Ich möchte damit nicht sagen, dass Sie ein Vollidiot sind ...“ Nur, wenn er ihn nicht für einen Vollidioten hält, warum fällt ihm dieser Vergleich überhaupt ein? Auch hier ist die Verneinung eine leicht zu durchschauende Entstellung dessen, was der Vorgesetzte wirklich sagen wollte. Solchen und ähnlichen Veränderungen unterliegen auch die Wünsche im Traum.
An der Entstehung des manifesten Traums sind auch noch andere Mechanismen wie Verschiebungen und Verdichtungen beteiligt, die das Verständnis des Trauminhaltes erschweren. Bei der Verschiebung wird zum Beispiel ein wesentliches Detail von einer Person auf eine andere verschoben, um eine Ähnlichkeit zwischen diesen beiden anzudeuten. Bei der Verdichtung werden zwei oder mehrere Bilder überlagert. Ein ähnliches Ergebnis erhält man in der Fotografie, wenn dieselbe Stelle des Filmes mehrfach belichtet wird. Im folgenden Traum geht es um eine Verdichtung.
Eine Frau litt seit neun Jahren unter schwerer Migräne. Fünf Jahre lang verwendete sie die Spirale als Verhütungsmethode. Auf Anraten ihres Arztes wechselte sie zur Pille, der sie aber skeptisch gegenüberstand. Als sie die Pille zum ersten Mal gekauft hatte, träumte sie in derselben Nacht, dass sie den Beipackzettel las, auf dem stand: Diese Pille wirkt „antimigrid“. Ganz offensichtlich ist „antimigrid“ eine Verdichtung aus anti = gegen, gravid = schwanger und Migräne = anfallsartig auftretende Kopfschmerzen, die häufig von Sehstörungen und Übelkeit begleitet werden. Hier scheint die Träumerin gedacht zu haben: Wenn ich schon zur Verhütung die Pille verwende, soll diese zumindest meine Migräne beseitigen.
Typische Träume. Neben Träumen, die nur für eine bestimmte Person charakteristisch sind, gibt es andere, die vermutlich ein jeder von uns schon einmal geträumt hat. Freud bezeichnet diese Träume daher als typische Träume. Darunter fallen nach Freud Verlegenheitsträume der Nacktheit, Träume vom Tod geliebter Personen, Fallträume und Prüfungsträume. Die typischen Träume verwenden eine Symbolsprache, die auch in anderem Zusammenhang von Bedeutung ist. Alle Mythen und Märchen, aber auch bestimmte Redensarten oder Witze erhalten erst unter Berücksichtigung der Symbolsprache ihren Sinn. So werden zum Beispiel Vater und Mutter gerne als mächtige Persönlichkeiten wie König und Königin dargestellt. Das weibliche Geschlecht symbolisieren alle Arten von Gefäßen, Kästchen, Schachteln, Zimmern, aber auch Höhlen und Schiffen. Der Ausdruck „Frauenzimmer“ als Synonym für Frau wird gewiss genauso bekannt sein wie die abfällige Bemerkung „die alte Schachtel“.
Lange, spitze oder dehnbare Gegenstände – Würstel, Zigarren, Schirme, Stöcke, Keulen, Hämmer, Messer, Schwerter, Pfeile, Speere, Lanzen, Revolver, Gewehre sowie Motorräder, Autos, Flugzeuge, Türme etc. – stehen hingegen häufig für das männliche Genitale. Solche „Phallussymbole“ finden auch in einschlägigen Witzen oder Liedern breite Anwendung.
Wasser symbolisiert oft die Geburt – daher der Mythos vom Storch – oder den Tod, indem wir dorthin zurückkehren, von wo wir unseren Ausgang genommen haben. Doch auch Abreisen stehen im Traum häufig für den Tod – dazu existiert ebenfalls eine passende Redewendung: die letzte Reise antreten.
Der Geschlechtsakt wird im Traum häufig durch Stiegensteigen – Schritt um Schritt emporsteigen, sich rhythmisch dem Höhepunkt nähern –, durch Bergsteigen, Überrollt-, Überfahren- oder Überflutetwerden dargestellt. Hier ist die Analogie zur „Woge der Erregung“, die uns beim Orgasmus von innen her überrollt, nicht von der Hand zu weisen. So lassen sich auch die meisten Verfolgungsträume als tief sitzende Angst vor dem Kontrollverlust deuten. Wenn der Erregungspegel steigt, nähert er sich dem „point of no return“ immer stärker an. Ist die Erregung eine Folge sexueller oder aggressiver Triebregungen, wird verständlich, warum diese im Traum als bedrohliche Verfolger bildhaft in Szene gesetzt werden. Nicht einmal im Traum wollen wir mit diesen gefährlichen Erregern etwas zu tun haben.
So träumte ein junger Mann eines Nachts, dass er am Bahnsteig steht und auf einen Zug wartet. Plötzlich ist er nicht mehr sicher, in welcher Tasche sich seine Fahrkarte befindet. Während er noch in seinen Hosentaschen kramt, bemerkt er, wie ein zerknülltes, schmuddeliges Papier – im Traum ist das seine Fahrkarte – vom Wind aufs Gleis geweht wird. Obwohl er weiß, dass es „gefährlich und verboten“ ist, steigt er „auf den Bahnkörper“ hinunter. Im selben Augenblick hört er den Zug herannahen. Mit der Fahrkarte in der Hand beeilt er sich, wieder den Bahnsteig zu erreichen. Er zieht sich hoch, so als „wollte er ein Schwimmbecken“ über den Beckenrand verlassen. Doch seine Beine sind wie aus Blei. Mit aufgestützten gestreckten Armen, leicht vornübergebeugt, gelingt es ihm zwar, seinen Oberkörper in Sicherheit zu bringen, aber sein Unterleib bleibt in der Gefahrenzone. Nun packt ihn entsetzliche Panik. Er spürt, dass es kein Entrinnen gibt.
Dieser Fahrkartentraum ist einer jener typischen Träume, die unverblümt die Angst des Träumers vor der unkontrollierten Sexualerregung zum Inhalt haben. Sein Oberkörper befindet sich schon in Sicherheit, während sich sein Unterleib, seine Beine – die hier für das männliche Genitale stehen – noch in der Gefahrenzone, im „weiblichen“ Becken , befinden. So wie dieser sind die meisten Albträume als Angst vor dem Kontrollverlust zu verstehen. Unabhängig davon, ob es sich um aggressive oder sexuelle Wünsche handelt, die außer Kontrolle zu geraten drohen. Häufig sind es Fallträume oder Träume von gefährlichen wilden Tieren, die diese Angst zum Ausdruck bringen. Tiere eignen sich aufgrund ihrer Unberechenbarkeit überhaupt gut zur Darstellung verdrängter Triebwünsche. Verdrängte homosexuelle, sadomasochistische und inzestuöse Wünsche treten in diesem Zusammenhang vielfach als Traumerreger in Erscheinung. Die Erfüllung dieser unterdrückten Wünsche ist nicht einmal im Traum möglich, dafür sorgt schon die Traumzensur.
Nacktheitsträume. Weitere typische Träume sind die Nacktheits- und Prüfungsträume. Unter Nacktheitsträumen versteht man Träume, in denen der Träumer in völlig unpassender Umgebung – zum Beispiel im Theater – spärlich bekleidet oder auch gänzlich nackt in Erscheinung tritt. Diese Bilder werden regelmäßig von heftigen Peinlichkeitsgefühlen begleitet. Zur Überraschung des Träumers nehmen die Anwesenden im Traum von seiner Nacktheit jedoch überhaupt keine Notiz. Freud stellt zwischen diesen Träumen und entsprechenden Wünschen aus der Kindheit eine direkte Verbindung her. Menschen, die sich im Traum entblößt zeigen, erfüllen sich dadurch meist unbewältigte exhibitionistische Wünsche aus der Kindheit. Die Scham, die gleichzeitig die ursprüngliche Lust am Zeigen hemmt, ist wiederum auf den Einfluss der kulturbedingten Zensur zurückzuführen. Kleine Kinder, die sich auf den Homevideos ihrer Eltern noch ungeniert exhibitionistisch präsentieren, schämen sich einige Jahre später beim Betrachten dieser Videos für ihr damaliges Tun.
Eine Schauspielerin hatte folgenden Traum. Um 20 Uhr ist die Premiere eines Stückes angesetzt, bei dem sie die Hauptrolle spielt. Es ist Nachmittag, sie ist zu Hause und ruht sich auf ihrem Sofa aus. Dabei muss sie eingeschlafen sein. Als sie aufwacht, bemerkt sie zu ihrem Entsetzen, wie spät es schon ist. So wie sie ist, läuft sie zum Theater. Als sie dort ankommt, drängt sich bereits eine große Menschenmenge im Foyer. Sie muss sich durchkämpfen. Noch bevor sie die Bühne erreicht, auf der das Stück längst begonnen hat, fällt ihr auf, dass sie außer einem kurzen Leibchen nichts anhat. Am liebsten würde sie vor Scham im Boden versinken. Aber keiner der Anwesenden scheint von ihrer Blöße Notiz zu nehmen.
Unschwer lassen sich die Themen erkennen, die im Traum berührt werden: Pünktlichkeit, exhibitionistische Wünsche nach Bewunderung und Scham. Es gibt eine Phase im menschlichen Leben, in der das „Zuspätkommen“ fast immer von heftigen Schamgefühlen begleitet wird, nämlich dann, wenn das Kind gerade die Kontrolle über seine Ausscheidungsfunktionen erlangt – die erste große Leistung in seinem Leben, gleichsam eine Premiere.
Welches Kind will nicht dafür überschwänglich bewundert werden, wenn es zeitgerecht sein Geschäft erledigt. Hin und wieder passiert es ihm aber dann doch, dass es zu spät aufwacht und bemerkt, dass es ins Bett gemacht hat. Die (Menschen)„Menge“ und das „Drängen“ im Theatersaal – vielleicht der Bauchraum – deuten diesen Zusammenhang an. Wenn es einmal heftig drängt, dann ist verständlicherweise Eile geboten – sonst ist es zu spät. Die Träumerin würde zwar auch dann im Mittelpunkt stehen – und auf der Bühne des Lebens die Hauptrolle spielen –, aber statt der ersehnten Bewunderung fürchtete sie dann, Spott und Hohn als unerwünschten Lohn für die peinliche Darbietung zu ernten. In diesem Traum geht es vermutlich um ehrgeizige Absichten der Träumerin, deren Fehlschlagen sie in eine genauso peinliche Situation bringen würden wie zu der Zeit, als sie noch als Kind gelegentlich ins Höschen machte.
Prüfungsträume. Auch der folgende Traum ist ein typischer Traum. Er fällt unter die Rubrik Prüfungsträume. Im Traum befindet sich der Träumer in einer riesigen Hotelhalle unter unzähligen Kollegen. Wie ihm scheint, handelt es sich um einen internationalen Kongress. Eine ihm nicht bekannte „Amtsperson“ teilt ihm mit, dass seine Lateinmatura für ungültig erklärt wurde. Nur wenn er in diesem Gegenstand noch einmal maturiere, dürfe er seinen akademischen Titel weiter tragen. Er wendet ein, dass er doch rechtmäßig sein Abitur gemacht und promoviert habe. Ja, dass er beim Kongress am Nachmittag sogar einen wichtigen Vortrag halten solle. Seine Einwände werden jedoch ignoriert. Es kommt zum Szenenwechsel und er befindet sich wieder in der achten Klasse, unter lauter 17- bis 18-Jährigen. Mit Erschrecken stellt er fest, dass er schon am Nachmittag Maturatermin hat. Es bleibt ihm keine Zeit mehr, sich vorzubereiten. Er weiß nicht, wie er der Blamage entgehen soll.
Prüfungsträume treten fast immer nur im Zusammenhang mit bestandenen Prüfungen auf. Wie alle Träume werden auch sie durch unverarbeitete Tagesreste ausgelöst. Bei den Tagesresten handelt es sich zumeist um Befürchtungen in Verbindung mit kommenden äußeren Ereignissen. Im Traumbeispiel handelte es sich um reales Lampenfieber vor einem öffentlichen Auftritt – der Vortrag auf dem Kongress.
Freud spricht den Prüfungsträumen tröstenden Charakter zu. „Fürchte dich doch nicht vor morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast, und es ist dir doch nichts geschehen.“ (Freud, 1900, 278) Es ist sicher kein Zufall, dass Prüfungsträume vorwiegend Fächer betreffen, in denen die Träumer zwar nicht durchgefallen sind, jedoch auch nicht unbedingt geglänzt haben. Viele, die von solchen Träumen heimgesucht werden, verdankten ihren Prüfungserfolg tatsächlich mehr der Gunst des Prüfers als dem eigenen Wissen.
Es ist fast so, als würde der Träumer sein schlechtes Gewissen endlich durch ein Geständnis erleichtern wollen. Seht her, ich habe zwar die Lateinmatura erfolgreich bestanden, aber im Grunde steht sie mir gar nicht zu. Ich hab sie mir erschlichen. In diesem Fall könnten Prüfungsträume auch die Folge unbewusster Selbstbestrafungswünsche sein, die vorwiegend dann auftreten, wenn der Träumer neue, aber unentdeckte Schuld auf sich geladen hat. Wenn er sich für seinen Vortrag zum Beispiel genauso oberflächlich vorbereitet hat wie für die Lateinmatura.
Todesträume. Bleiben zum Schluss noch die Träume vom Tod geliebter Personen. Meist sind diese Träume als Ausdruck zwiespältiger Gefühlsregungen gegen geliebte Menschen zu deuten. Keine Beziehung ist frei von Ambivalenz . Am stärksten sind die Verhältnisse zu den nächsten Angehörigen – Vater, Mutter, Geschwister, Partner, Kinder usw. – von ambivalenten Strebungen betroffen.
Nicht zufällig passieren die meisten Morde in der Familie. Im Wachzustand unterliegen die feindseligen Tendenzen gegenüber nahen Bezugspersonen natürlich der Verdrängung. Während des Schlafes, wenn die Verdrängung wesentlich herabgesetzt ist, können sich diese „bösen“ Wünsche den Weg zum Bewusstsein bahnen.
Allerdings müssen auch sie sich den Bedingungen der Zensur anpassen. Ihre ursprüngliche Absicht kommt im Traum daher nur mehr in Form eines Kompromisses zum Ausdruck. Der Todeswunsch wird zwar als erfüllt dargestellt, die begleitenden Affekte müssen aus Gründen der Pietät jedoch unterbleiben oder durch andere, meist gegenteilige, ersetzt werden.
Ein Mann träumt, dass er sich in einem dunklen Raum befindet. Wie auf einer Bühne. Die einzigen Möbel in diesem Raum sind zwei alte Rohrstühle. Auf einem sitzt sein Vater, ein grobschlächtiger Wüterich. Er ist nur mit einem weißen gerippten Unterhemd und einer weißen Unterhose bekleidet. Lange graue Haarsträhnen hängen ihm unordentlich ins Gesicht. Seine Gesichtszüge sind vor Wut verzerrt. Er merkt, dass sein Vater betrunken ist.
Von einer Sekunde auf die andere verspürt er, wie im Wachzustand nie, unvorstellbaren Schmerz. Denn ihm fällt ein, dass sein Vater, obwohl er noch lebt, schon gestorben ist. Der scheint sich dieser Tatsache allerdings nicht bewusst zu sein. Plötzlich kommt sein Vater noch einmal zur Tür herein. Er ist elegant gekleidet, schlanker und sieht jetzt viel jünger und freundlicher aus als der erste Vater, der sich aber noch immer auf der Bühne befindet. Mit unbewegtem Gesichtsausdruck blickt der freundliche Vater in die Ferne. Seinen Sohn scheint er nicht wahrzunehmen. Der betrunkene Vater stützt den Kopf auf seine Hände und beginnt zu schluchzen. Auch der Träumer kann sich nun nicht mehr halten und weint ebenfalls hemmungslos.
Beim Vater des Träumers handelte es sich um einen Alkoholiker. Wie viele Alkoholiker scheint auch er zwei Gesichter gehabt zu haben. Eines, wenn er nüchtern, das andere wenn er betrunken war. Dem betrunkenen Vater gelten die Hassgefühle des Träumers. Ihm wünscht er heimlich den Tod. Nach all dem, was er ihm angetan hat, ist er für ihn gestorben. Daher weiß auch nur er, dass der Vater bereits tot ist. Gleichzeitig scheint er sich nach einem nüchternen, freundlichen Vater – vielleicht eine Reminiszenz aus der Kindheit, bevor sein Vater mit dem Trinken begonnen hat – zu sehnen.
Eine junge Mutter träumt, dass sie ihre Sommerferien mit ihren zwei Kindern im Haus ihrer Eltern verbringt. Während sie in der Nacht schlief, muss die jüngere Tochter, der Liebling der Großeltern, aufs Fenster geklettert und abgestürzt sein. Als sie am Morgen ins Freie geht, sieht sie nur noch den leblosen Körper ihrer Tochter vor dem Fenster ihrer Eltern liegen. Sobald diese aufwachen, würden sie den Tod des Enkelkindes bemerken. Dann setzte es für die Träumerin Vorwürfe, weil sie nicht einmal in der Lage war, auf ihr Kind aufzupassen.
Wie sich herausstellte, war die Frau eifersüchtig und wollte sich mit dem Tod der Tochter im Traum an ihren Eltern rächen. Viele Großeltern behandeln ihre Enkelkinder besser als die eigenen. In diesem Fall war die tote Tochter, die sie den Eltern vor ihr Fenster, gleichsam in die Auslage legt, ein makaberes Geschenk. „Da ist sie, wenn ihr sie schon lieber habt als mich. Wenn ihr mich nicht liebt, sollt ihr sie auch nicht mehr lieben können.“ Selbstverständlich sind die feindseligen Wünsche der Träumerin lediglich Ausdruck ihrer infantilen Eifersucht und haben nichts mit ihrer erwachsenen Einstellung dem Kind gegenüber zu tun. In Wirklichkeit liebt sie ihre Tochter über alles und hätte ihren Tod als schrecklichen Verlust erlebt.
Die Wünsche, die als Traumerreger in Erscheinung treten, entziehen sich wegen ihres anstößigen, asozialen Charakters meist der bewussten Kenntnis. Der Einfluss der Traumzensur ähnelt der Funktion des Über-Ichs und der Abwehrmechanismen im Wachen. Das Traumdenken ist mit den bewussten, logischen Denkvorgängen nicht zu vergleichen. Es ist nur eine assoziative Verknüpfung von Erinnerungen und Gefühlen.
Um Träume zu entschlüsseln, ist es daher nötig, die Bildersprache – analog zu Bildrätseln – in unser logisches Sprachsystem zu übersetzen. Nicht der manifeste Trauminhalt, der erinnerte Traum wird gedeutet, sondern die latenten Traumgedanken. Dazu wird der erinnerte Trauminhalt in einzelne Stücke zerlegt. Die freien Einfälle zu den Traumelementen verweisen direkt auf die latenten Traumgedanken. In jedem Traum findet sich auch ein Tagesrest, an den die verdrängten Wünsche, die im Traum als erfüllt dargestellt werden, anknüpfen.
Fehlleistungen – in Szene gesetzte Wunscherfüllungen
Neben den Träumen waren es vor allem die Fehlleistungen wie Versprechen, Vergessen, Verlegen, die Freud zur Annahme einer zweiten, unbewussten psychischen Motivationsebene veranlasst haben. Die von der Psychologie so gering geschätzten Fehlleistungen erweisen sich in der Tat als ungewollte Manifestation des Unbewussten. „Das Vergessen von Vorsätzen lässt sich ganz allgemein auf eine gegensätzliche Strömung zurückführen, welche den Vorsatz nicht ausführen will.“ (Freud, 1916, 74)
Selbst wenn der Verlust einen sehr wertvollen Gegenstand betrifft, steckt in der Regel eine unbewusste Absicht dahinter. „Allen Fällen gemeinsam ist, dass man etwas verlieren wollte, verschieden aber, aus welchem Grund und zu welchem Zweck. Man verliert eine Sache, wenn sie schadhaft geworden ist, wenn man die Absicht hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, wenn sie aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie von einer Person herrührt, zu der sich die Beziehungen verschlechtert haben, oder wenn sie unter Umständen erworben wurde, denen man nicht mehr gedenken will. Denselben Zweck kann auch das Fallenlassen, Beschädigen, Zerbrechen der Sache dienen.“ (Freud, 1916, 96)
Die Analyse der Fehlleistungen führte Freud zu der Erkenntnis, dass der realen, bewussten Handlungsebene eine zweite, unbewusste Bedeutungsebene zugrunde liegt. Während die bewussten Handlungsmotive dem Menschen jederzeit zugänglich sind, liegt die unbewusste Bedeutung seines Denkens und Tuns meist im Dunkeln. Kein psychischer Vorgang ist frei von unbewussten Anteilen. Das Gehirn verfügt über vielfältige Möglichkeiten, dem Bewusstsein seine eigentlichen Beweggründe vorzuenthalten.
In einem Sketch hat der legendäre österreichische Kabarettist Karl Farkas vorgeführt, wie eine Party verliefe, auf der die Gastgeber ihren Gästen eine „Wahrheitsdroge“ verabreichten, die deren unbewusste Wünsche und Absichten offenlegte. Weil plötzlich alle sagen, was sie sich wirklich denken und wollen, mündet die Gesellschaft bald in heilloses Chaos. Die Fähigkeit, unsere wahren Verhaltensmotive auch vor uns selbst zu verschleiern, erspart uns in der Tat viele Schuldgefühle und Konflikte mit unseren Mitmenschen.
Ebenso wie Träume werden Fehlleistungen durch unbewusste Wünsche hervorgerufen. Während Träume lediglich halluzinierte Wunscherfüllungen sind, wird der unbewusste Impuls (der Wunsch) bei den Fehlleistungen ausgelebt, wie das Beispiel eines Lehrers zeigt.
Dieser befand sich auf dem Rückflug von einem Kongress, bei dem er einen Vortrag gehalten hatte. Entspannt blätterte er in einer Tageszeitung. Dabei stieß er auf eine Anzeige, mit der ein neu auf den Markt gekommenes Notebook beworben wurde. Dieser Computer gefiel ihm wesentlich besser als seiner, den er erst vor zwei Monaten im Ausverkauf erstanden hatte. Es ärgerte ihn jetzt, dass er sich mit dem Kauf nicht länger Zeit gelassen hatte. Wohl oder übel musste er die nächsten Jahre mit seinem ungeliebten Gerät im Handgepäck vorlieb nehmen.
Die Strecke vom Flughafen ins Stadtzentrum legte er mit dem Taxi zurück. Er dachte längst nicht mehr an die Werbung, sondern freute sich schon auf seine Familie. Das Aussteigen aus dem Taxi gestaltete sich ziemlich umständlich, da er in jeder Hand mehrere Plastiktüten mit Geschenken für seine Frau und die Kinder trug. Als er endlich im Freien stand und das Taxi abfahren sah, bemerkte er plötzlich voll Entsetzen, dass er die Tasche mit seinem Notebook im Taxi vergessen hatte. Trotz sofortiger Bemühungen, den Taxifahrer ausfindig zu machen, blieb das Gerät verschwunden.
Der Schaden, der ihm aus dieser Fehlleistung entstand, war beträchtlich. Trotzdem lässt sich die unbewusste Absicht, die zum Vergessen führte, nicht leugnen. Sein Unbewusstes suggerierte ihm: „Lass die Notebooktasche ganz einfach im Taxi stehen. Dann brauchst du einen neuen Computer und kannst dir mit gutem Gewissen den aus der Zeitung kaufen.“ Bewusst hätte er seiner Gier, sich einen neuen Computer anzuschaffen, nicht nachgegeben. Hier hätte ihm die Vernunft einen Riegel vorgeschoben. Über den Umweg der Fehlleistung konnte der unbewusste Impuls jedoch die rationalen Hürden umschiffen. Da sich Fehlleistungen stets der vernünftigen Kontrolle entziehen, richten sie – auf der bewussten Ebene zum Ärger des Leidtragenden – mitunter großen Schaden an.
Die dunklen Wünsche
Die meisten Menschen verbinden mit Wünschen im Allgemeinen positive Vorstellungen. Wir wünschen uns und unseren Lieben Gesundheit, ein langes Leben, Wohlergehen, Erfolg, Ansehen, Reichtum und Macht. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wünsche wie diese unterliegen daher auch nicht der Verdrängung. Im Gegenteil, nichts wird sehnlicher begehrt, als dass sie in Erfüllung gehen. Doch gibt es genügend Wünsche, deren Befriedigung nicht so unproblematisch ist. Asoziale, triebhafte Wünsche, die dazu führen, dass Menschen schreckliche Dinge tun. Allein der eifersüchtige Wunsch, „wenn ich dich schon nicht haben kann, dann soll dich auch niemand anderer besitzen“, hat schon vielen Menschen das Leben gekostet.
Wer würde sich nicht entrüstet dagegen zur Wehr setzen, unterstellte man ihm die gleichen habgierigen, egoistischen, aggressiven Wünsche, wie sie Kriminelle auf der ganzen Welt tagtäglich ausleben. Das überrascht nicht. Verwechseln die meisten doch den Zustand nach der Verdrängung ihrer asozialen, infantilen, triebhaften Begierden mit ihrem eigentlichen und sehen sich auf der Seite der „Engel“. Kein Wunder also, dass die dunklen Wünsche, die ein jeder in sich trägt, so häufig geleugnet werden. „Die anderen schon, ich nicht ...“ Doch die Verleugnung ändert nichts an der Realität. Keiner von uns ist frei von asozialen Regungen.
Warum? Weil wir alle einmal Kinder waren und kindliche Wünsche sich größtenteils durch ihren rücksichtslosen, nur auf die eigene Befriedigung bedachten, triebhaften Charakter auszeichnen. Eine deutsche Schnulze fordert im Refrain: „Kinder an die Macht“, als wären nicht schon genug infantile Menschen an der Macht. Was geschehen würde, wenn Kinder tatsächlich die Schalthebel der Macht in der Hand hätten, lässt sich leicht ausmalen. Wären sie wirklich so gütig und wohltätig, wie mancher Popstar in seiner Naivität vermutet, müssten sie nicht erst sozialisiert werden. Es bräuchte auch keine Gesetze, die Menschen davon abhalten, Wünsche auszuleben, die andere schädigen, weil es solche Wünsche gar nicht gäbe.
Ohne Bändigung der menschlichen Triebnatur wäre Kultur, wie wir sie heute kennen, nicht vorstellbar. Im Laufe seines Zivilisationsprozesses musste der Mensch in vielen Bereichen Triebverzicht leisten, um soziales Leben in einer Gemeinschaft zu ermöglichen. Wobei es durchwegs (früh)kindliche Wünsche sind, die den Anforderungen der Kultur geopfert werden. Straftäter unterscheiden sich von anständigen Menschen daher nicht durch die Wünsche, die sie in sich tragen, sondern lediglich durch die Unfähigkeit, diese zu kontrollieren.
Wünsche sind nicht angeboren. Wünsche fallen nicht vom Himmel, sondern entstehen erst in Wechselwirkung mit dem sozialisierenden Umfeld. Freud skizziert diesen Vorgang am Beispiel des hungrigen Säuglings so: „In der Form der großen Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in der Motilität suchen, die man als ,innere Veränderung‘ oder als ,Ausdruck der Gemütsbewegung‘ bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kind durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung eines Befriedigungserlebnisses gemacht wird, die den inneren Reiz aufhebt.“ (Freud, 1899)
Ein Wunsch ist stets das Produkt einer von innen kommenden Trieb- oder Bedürfnisspannung mit einem von außen herbeigeführten Befriedigungsvorgang. Es ist schwer zu sagen, in welchem Alter sich beim Menschen die ersten Wünsche ausbilden. Es ist unwahrscheinlich, dass schon ein Fötus Befriedigungserlebnisse halluziniert. Wenn, dann nur als Reminiszenz körperlicher Entspannung oder in Form akustischer und taktiler Empfindungen, da visuelle Reize im Mutterleib wegfallen.
Der erste physiologische Spannungsanstieg nach der Geburt ist vermutlich der Hunger. Natürlich kann ein Säugling vor dem ersten Stillakt noch nicht wissen, dass er hungrig ist, da ihm vorwegnehmende Erfahrungen fehlen. Zu diesem Zeitpunkt kann sich sein Erleben höchstens zwischen einem diffusen Lust- und Unlustempfinden differenzieren. Nach den ersten Befriedigungserlebnissen bilden sich beim Säugling rudimentäre Erinnerungsspuren aus. Wenn der Organismus dann neuerlich einen Mangelzustand signalisiert, rufen diese Signale im Gehirn Halluzinationen hervor, die früher erlebte Befriedigungserlebnisse zum Inhalt haben.
Ein hungriger Säugling wird vielleicht die Brust halluzinieren und mit diesem Erinnerungsbild ein Gefühl der Sättigung und des Wohlbefindens verbinden. Jede neue Befriedigung wird das schon vorhandene neuronale Erinnerungsmuster verstärken. Intensive Lustempfindungen in dieser Frühphase des Lebens begünstigen beim Menschen die Ausbildung eines lustvollen, lebendigen Persönlichkeitskerns.
Einfühlsame Bemutterung versetzt den Säugling in eine lustbetonte Hochstimmung, die ohne Weiteres von außen wahrgenommen werden kann. Die damit einhergehenden Gefühle der Wärme und Geborgenheit fördern sein Sicherheitsgefühl und sind die Grundlage für seine vertrauensvolle Hinwendung an die Welt. Später wird dieser positiv geladene Persönlichkeitskern die Basis für die Integration negativer, unlustvoller Erfahrungen sein.
Frühe Störungen. Umgekehrt werden übermäßige Versagungen in diesem frühen Lebensalter durch fehlende oder unzureichende Bemutterung beim Säugling einen bedrohlichen Zustand der Hilflosigkeit und Verlassenheit hervorrufen. Gefühle der Einsamkeit, Leere, Leblosigkeit sowie Störungen in der Ausbildung der Ich-Grenzen und Körperwahrnehmung sind häufige Folgen einer traumatisch verlaufenen Säuglingszeit. Dort wo die realen Befriedigungserlebnisse unzureichend sind, verkümmert die halluzinatorische Fantasietätigkeit und das Kind bleibt wunschlos unglücklich.
Tatsächlich weisen früh gestörte Patienten im späteren Leben eklatante Defizite in der Fantasieentwicklung und Symbolisierungsfähigkeit auf. Es fehlen ihnen die inneren Bilder, später auch die Symbole, mit denen sie ihre Wahrnehmungen und Empfindungen in Worte fassen können.
Die ersten Erinnerungsspuren bilden den Kern unseres Gedächtnisses. Wobei sich die Ausbildung dieses neuronalen Speichers beim Menschen als evolutionärer Haupttreffer herausstellte, denn das Erinnerungsvermögen ist gleichzeitig die Grundlage unseres Verstandes.
Fantasien – halluzinierte Wunscherfüllungen
Ohne Gedächtnis gäbe es auch keine Fantasien. Letztlich sind Fantasien ja nichts anderes als Variationen, die sich aus der Neuanordnung vorhandener Gedächtnisinhalte ergeben. Im geistigen Bereich sind sie die eigentlichen Schöpfer des Neuen. Lange Zeit maß man diesem Phänomen in der Psychologie keine besondere Bedeutung bei. Die Psychoanalyse erkannte als Erste die fundamentale Bedeutung der Fantasie für das menschliche Seelenleben. Das überrascht, denn die menschliche Fähigkeit, Fantasien zu entwickeln, die Realität in Gedanken nach den eigenen Vorstellungen umzuformen, Ereignissen eine subjektive Bedeutung zuzuschreiben und Erinnerungsstücke neu zu kombinieren, war ein enormer Schritt in der Evolution und eine wesentliche Voraussetzung für die Ausbildung von Intelligenz, Kreativität und originellem Problemlösungsverhalten.
Der Algorithmus, der unser Gehirn steuert, ist denkbar einfach. Unsere grauen Zellen wurden von den Genen darauf programmiert, Lust zu maximieren und Unlust zu vermeiden. Stets wird erfolgreiches Handeln von Lust, erfolgloses von Unlust oder Schmerz begleitet. Die natürliche Auslese hat dafür gesorgt, dass die intensivste Lust des Menschen, der Orgasmus, an die Fortpflanzungsfunktion angelehnt ist. Ohne diese Koppelung von sexueller Lust und Fortpflanzung würden wir gar nicht existieren.
Weniger offensichtlich ist, dass die menschliche Fähigkeit, Fantasien zu entwickeln, ebenfalls im Dienste des Lustprinzips steht. Wunsch und Fantasie sind untrennbar miteinander verbunden. Am deutlichsten zeigt sich dieser Zusammenhang, wenn das Leid im Leben eines Menschen die Grenze des Erträglichen erreicht. In einer solchen Situation führt die Flucht aus der Realität in die Wunschwelt der Fantasie zumindest zu einer vorübergehenden Entlastung. „Endstation Sehnsucht“ steht meist dann auf dem Spielplan, wenn kein realer Ausweg mehr in Sicht ist.
Was für den hungrigen Säugling die Brust, ist für den Verdurstenden die Fata Morgana. Gefangene träumen sehnsüchtig von der Freiheit, Todkranke von einem Behandlungswunder. Immer ist der Wunsch Vater des Gedankens. Fantasien bilden sich dort, wo reale Wunscherfüllung unterbleibt. Erotische Fantasien sind ein Ersatz für nicht ausgelebte sexuelle Handlungen. Die sexuelle Versagung kann vorübergehend sein, wenn gerade kein geeignetes Sexualobjekt zur Verfügung steht. Es gibt aber auch sexuelle Wünsche, auf deren Erfüllung in unserer Kultur für immer verzichtet werden muss – so mancher Wunsch aus der Welt des Sadomasochismus oder pädophile Begierden.
Narzisstische Sehnsüchte und Machtwünsche äußern sich gerne in Tagträumen von großer Karriere oder Berühmtheit. Mitunter führen wir in der Fantasie Streitgespräche, in denen wir einen gehassten Widersacher in Grund und Boden argumentieren. Es ist bezeichnend, dass wir in diesen Fantasien über Personen triumphieren, die uns im Leben die eine oder andere Niederlage zugefügt haben. Auf diese Weise rächen wir uns an unseren Feinden, ohne dabei etwas riskieren zu müssen. Im Tagtraum können wir die Lust uneingeschränkt auskosten, ohne in der Realität die Verantwortung für unser (zum Teil auch sehr gemeines) Tun übernehmen zu müssen. Wir haben also guten Grund, unsere Fantasien vor anderen geheimzuhalten.
Die Tagträume unterscheiden sich von ihren nächtlichen Verwandten vor allem durch den Grad der Bewusstheit und das Wirklichkeitsempfinden. Im Normalfall ist einem Menschen bewusst, dass die Vorstellungen, die vor seinem inneren Auge ablaufen, nur Fantasieprodukte sind. Es gibt allerdings auch Einfälle, bei denen die Sache anders liegt. In der Psychologie nennt man diese Phänomene Zwangsgedanken. Dabei handelt es sich um unerwünschte Gedanken oder Bilder, die plötzlich ins Bewusstsein einbrechen oder sich dort beharrlich festsetzen.
Wunschdenken und Magie
Kinder vor dem dritten Lebensjahr kennen noch keine Angst. Schrecken sehr wohl, Wut, Freude, Schmerz, Eifersucht ebenso, aber Angst ist ihnen fremd. Das kommt nicht von ungefähr, wird doch die Welt des Kindes zu dieser Zeit noch von der Allmacht seiner Gedanken beherrscht. Das frühkindliche Weltbild orientiert sich nicht am logischen Denken, sondern am magischen.
Kleinkinder denken vorwiegend assoziativ, bildhaft. Weil sie zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Fantasie und Realität noch nicht ausreichend unterscheiden, sind sie davon überzeugt, dass sie sich etwas „nur ganz fest wünschen müssen“, damit es auch eintritt. Alles was im Guten oder Bösen um sie herum geschieht, beziehen sie auf sich. Solange sie ihre Welt noch mit ihren Wünschen regieren können, brauchen sie sich auch nicht zu fürchten. Für jemand, der allmächtig ist, existiert keine Bedrohung. Tatsächlich verhalten sich Kinder oft so, als könne ihnen nichts passieren. Böse Wünsche können sie mit guten ungeschehen machen. Ohne Schutz ihrer Eltern würden sie aber nicht lange überleben.
Magische Weltbilder. Aus psychoanalytischer Sicht besteht kein Zweifel, dass auch religiöse und esoterische Weltbilder Erwachsener nichts anderes als komplexe, fantasierte Wunscherfüllungen sind. Auf sie greift der Mensch immer dann zurück, wenn er schmerzhaft mit den Grenzen der Realität in Berührung kommt.
„Rien ne vas plus“: Immer dann, wenn im Leben nichts mehr geht, kommt die Hoffnung ins Spiel. Es kommt nicht von ungefähr, dass Glaube und Illusion in so enger Verbindung zur Hoffnung stehen und überall dort zur Entfaltung gelangen, wo die Realität den menschlichen Wünschen und Sehnsüchten eine unerbittliche Grenze setzt. Mit der Hoffnung kommt auch wieder das magische Denken des Kleinkindes ins Spiel. Immer dann nämlich, wenn bedrohliche Aspekte der Realität im Sinne des infantilen Wunschdenkens verleugnet werden.
Magische Weltbilder verkünden buchstäblich immer das, wonach Menschen sich am stärksten sehnen: das ewige Leben im Paradies, Gerechtigkeit, Glückseligkeit, Vergebung, immerwährende Verbundenheit mit den Menschen, die sie lieben, und Verdammnis für die, die sie hassen.
Die Realitätsverleugnung durch einen Rückzug auf das Wunschdenken des Kindes gehört zu den frühesten Versuchen des Menschen, seiner Ängste Herr zu werden.
Das magische Denken eines Kindes erreicht zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr seinen Höhepunkt. In dieser Zeit bezieht es nicht nur alles auf sich, was in seiner Umgebung passiert, sondern es ist auch davon überzeugt, mit seinen Gedanken und Wünschen die Realität beeinflussen zu können.
Diese Denkungsart, die heute in der Hauptsache nur mehr bei Kindern und Urvölkern oder bei ängstlich-narzisstischen Menschen zu finden ist, war auch für die Frühzeit der menschlichen Entwicklung charakteristisch. Wie das Kind im Erwachsenen fortbesteht, lebt auch diese archaische Form des Denkens im Verstandesmenschen von heute weiter.
Hätte der Mensch im Laufe seiner Evolution diese frühe Denkungsart bereits zur Gänze überwunden, gehörten Religion und Esoterik schon längst der Vergangenheit an. Auch wenn es den meisten nicht bewusst ist, überlagert das rationale Denken im Alltag bloß die archaische Denkungsart. Sobald die Ratio nicht gefordert ist, kommt die ursprüngliche Form des Denkens zum Vorschein. Wir verlieren uns in unseren Vorstellungen und geben uns unseren Tagträumen hin. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen bei langen Auto- oder Zugfahrten beobachten. Aber auch beim Lesen oder wenn man angestrengt über ein Problem nachdenkt, passiert es immer wieder, dass man in seinen Gedanken abgleitet und plötzlich ganz woanders ist.
Wenn der reflexive Verstand die magische Sichtweise auch überlagert, ist sie doch immer mit im Spiel. Im Gegensatz zum logisch-abstrakten Denken erfolgt das archaische assoziativ, auf der Grundlage von Symbolen und Bildern. Die Bildersprache, der es sich bedient, unterliegt denselben Gesetzmäßigkeiten wie das bildhafte Denken im Traum. Die Symbole stehen in keinem kausalen Zusammenhang, sondern sind durch Ähnlichkeit, Gleichzeitigkeit oder Gegensätzlichkeit verbunden.
Gute Brust, böse Brust. Die ersten inneren Bilder, von denen sich alle späteren Objektvorstellungen ableiten, entstehen in der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Sie sind halluzinierte Abbildungen der anwesenden, wärmenden, sättigenden, Lust spendenden, guten Mutter im Gegensatz zur abwesenden, kalten, versagenden, Unlust verursachenden, bösen Mutter, die in der Vorstellungswelt des Erwachsenen dem Himmel-Hölle-Dualismus zugrunde liegen.
Während der Himmel als Ort des Lichtes und unbegrenzter Glückseligkeit gilt, wird mit Hölle ewige Verdammnis, Entbehrung und Pein assoziiert. Diese Übereinstimmungen mit den emotionalen Polen der frühesten Entwicklungsphase des Menschen erklärt, warum so viele Menschen davon überzeugt sind, dass Himmel und Hölle existieren. Einfach weil sie schon einmal dort gewesen sind, auch wenn sie sich heute daran nicht mehr erinnern können.
Wie es bei Fantasiegebilden üblich ist, wird das Vorbild nie vollkommen naturgetreu abgebildet. Oft weisen diese inneren Bilder nur mehr eine vage Übereinstimmung mit dem Original auf. Es handelt sich daher nicht bloß um eine verinnerlichte Abbildung eines äußeren Objektes, sondern um eine neu hergestellte Ausgabe desselben in der inneren Welt. Die Objekte der inneren Welt sind daher stets Interpretationen wahrgenommener Objekte auf der Grundlage unserer Gefühle und Erfahrung.
Starke Wünsche und Emotionen vermögen, analog zu physikalischen Kraftfeldern in der Natur, diese Abbildungen in die eine oder andere Richtung zu verzerren. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die ersten Objektabbildungen größtenteils emotionaler Natur sind und Sinneseindrücke bei diesem Vorgang nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Welt der inneren Bilder befindet sich in einer ständigen Wechselwirkung mit der realen Außenwelt. Wie Vorgänge in der äußeren Welt gedeutet werden, hängt nicht zuletzt von den Assoziationen mit schon existierenden Bildern in der inneren Welt ab.
Synchronizität. Ausgehend von der Bildersprache des Unbewussten formulierte C. G. Jung ein allgemeines Prinzip der Synchronizität. Darunter ist das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehreren kausal nicht verbundenen Ereignissen zu verstehen, die von einem außen stehenden Beobachter in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht werden. Der Sinn ergibt sich immer erst aus der intuitiven Deutung des Geschehens.
Jemand, der auf der Straße einen Leichenwagen sieht und am nächsten Tag erfährt, dass zur selben Zeit ein entfernter Verwandter gestorben ist, mag diesem Zusammentreffen eine Bedeutung geben. Für einen anderen ist es bloß Zufall. Im Alltag hat ein jeder von uns schon einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht. Wir denken an eine bestimmte Person und im nächsten Augenblick ruft sie an.
Im Traum begegnet uns ein Mensch, den wir schon lange nicht mehr getroffen haben, wenige Stunden später läuft er uns über den Weg. Wir reagieren stets überrascht und viele neigen dazu, diesem Zusammentreffen eine übersinnliche Bedeutung zuzuschreiben. Aber warum? Wie oft sinnieren wir über Menschen, ohne dass das Telefon läutet? Wie oft träumen wir von einer Person, der wir nicht am nächsten Tag begegnen? Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit müssten wir erst dann hellhörig werden, wenn solche seltsamen Zufälle nicht passierten. Doch das Umgekehrte ist der Fall. Wie C. G. Jung betrachten die meisten solche Phänomene als Manifestation eines übersinnlichen Ordnungsprinzipes.
Das Zusammentreffen der Ereignisse wird erst durch die Bedeutung, die es für den Beobachter hat, zu etwas Außergewöhnlichem. Daher räumt C. G. Jung dem Beobachter in seinem Synchronizitäts-Modell einen besonderen Stellenwert ein.
Jenseits von Zufall und Kausalität wird hier eine verborgene Gesetzmäßigkeit behauptet, deren Existenz sich nur einem bewusstseinsfähigen Wesen enthüllt. Erst der Beobachter gibt dem zeitlichen Zusammentreffen zweier Ereignisse Sinn. Das wirft freilich die Frage auf, ob der Sinn schon a priori vorhanden ist und vom Beobachter nur enthüllt wird oder ob die Sinngebung ausschließlich auf seiner intuitiven Deutung beruht und daher höchst subjektiv ist. Würde ein zweiter Beobachter dem Zusammentreffen der Ereignisse eine ähnliche Bedeutung beimessen oder zu einem gänzlich anderen Schluss kommen? Wie gleich gezeigt wird, besteht nämlich auch umgekehrt die Möglichkeit, dass ein Mensch der Außenwelt willkürlich Zeichen entnimmt und diese in einen sinnhaften Zusammenhang mit schon vorhandenen seelischen Inhalten stellt.
Ein junger Mann lebte in der Gewissheit, von einer übernatürlichen Macht Zeichen zu empfangen. Insgeheim war er davon überzeugt, dass diese Macht über seinem Leben wachte und ihm mittels Zeichen kundtat, wie sie gerade zu ihm stand. Ob sie ihm wohlgesonnen war oder sich von ihm abgewandt hatte, weil er Schuld auf sich geladen hatte. Die Zeichen gehorchten keinem rationalen Ordnungsprinzip, sondern wurden von ihm willkürlich aus der Umgebung gegriffen. Intuitiv wusste er, wann er ein Geschehnis als Zeichen zu deuten hatte. Das Lächeln der Fernsehsprecherin konnte für ihn genauso bedeutsam sein wie eine bestimmte Handbewegung von ihr oder Worte, die er auf sich bezog.
Zeichen offenbarten sich ihm auch in Form von Straßengeräuschen, Tierlauten oder Wortfetzen. Oft waren es spezielle Konstellationen – wenn ihm zum Beispiel auf einem engen Trottoir ein dicker Mensch den Weg verstellte oder drei gleichfarbige Autos hintereinander parkten –, die in seiner Vorstellungswelt eine besondere Bedeutung erhielten. Diese Zeichen standen für ihn stets in einem sinnhaften Zusammenhang mit aktuellen Alltagsereignissen oder Lebensproblemen. In gewisser Weise regelten die Zeichen sein Leben, indem er anstehende Entscheidungen von ihnen abhängig machte. Niemand anderer hätte in den von ihm als Zeichen bestimmten Vorkommnissen etwas Besonderes erblickt oder ihnen gar denselben Sinn zugeschrieben wie er.
Subjektive Gewissheit. Im Gegensatz zur „objektiven“ Gewissheit, die überprüfbar ist, gründet die subjektive Gewissheit lediglich auf einem Gefühl. Auf der Überzeugung, dass es sich bei dem Zusammentreffen der Ereignisse um keinen Zufall handeln könne, dass dahinter ein tieferer Sinn stecken müsse. Wann aber kommt es zu dieser Überzeugung? Wer in Gedanken versunken an eine Person denkt und ihr unmittelbar darauf begegnet, den wird zunächst das zeitliche Zusammentreffen der beiden Ereignisse überraschen. Eine zeitverschobene Überschneidung würde den Verblüffungseffekt stark abschwächen oder sogar gänzlich aufheben.
Um zu verstehen, warum wir dem zeitgleichen Zusammentreffen von ähnlichen Ereignissen eine so große Bedeutung beimessen, ist es notwendig, die Funktionsweise unseres Gehirns ein wenig besser kennenzulernen. Die menschliche Gehirnrinde enthält etwa zehn Milliarden Neuronen (Nervenzellen). Jedes Neuron besteht aus einem Inputbereich, einem Informationsverarbeitungszentrum und einem Outputbereich. Den Inputbereich bilden Zehntausende Dendriten, über die Informationen von anderen Neuronen in den Zellkörper gelangen, wo sie verarbeitet werden. Über den Outputbereich, dem Axon, wird die Information zu anderen Neuronen weitergeleitet.
Neurone können auf zweierlei Weise miteinander verbunden sein. Neben festen neuronalen Verbindungen gibt es lose, synaptische. Synapsen sind eine Art Brückenkopf, der das Axon eines Neurons mit den Dendriten anderer Neurone verbindet. Die synaptische Übertragung der Information kann auf elektrischem oder chemischem Weg erfolgen. Bei der chemischen Übertragung werden die elektrischen Signale vor der Weiterleitung in chemische umgewandelt.
Neuronenpfade. Nach der Hebb’schen Lernregel (Hebb, 1949) wird die Verbindung zwischen zwei Neuronen umso stärker, je öfter sie gemeinsam aktiviert werden. Wenn ein Reiz unser Gehirn erreicht, sind es allerdings nicht nur zwei, sondern unzählig viele Neurone, die gleichzeitig aktiv werden. Durch die Veränderungen in den Synapsen der zeitgleich aktivierten Neuronen wird in das neuronale Netz unseres Gehirns eine Art Muster eingraviert.
Sie können sich das wie bei einer schneebedeckten Wiese in einem Park vorstellen. Am frühen Morgen, nachdem es geschneit hat, ist die Schneedecke noch unberührt. Später werden sie Menschen überqueren, die kreuz und quer ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Einige Spuren werden häufig frequentiert, andere nur ein einziges Mal. Je häufiger eine Spur benutzt wird, umso ausgetretener ist der Pfad und umso schneller kommt man auf ihm weiter.
Analog dazu gibt es in unserem Gehirn ausgetretene Neuronenpfade und solche, die nur höchst selten benutzt werden. Im Gehirn einlangende Reize aktivieren bestimmte neuronale Muster, ausgetretene Pfade, die unseren Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen zugrunde liegen.
Die wahrgenommenen Objekte in der Außenwelt werden im Sinne der Ähnlichkeit, Gegensätzlichkeit oder Gleichzeitigkeit zu Merkmalsklassen zusammengefasst und im neuronalen Netz unseres Gehirns verankert. Es wird also nicht jeder Baum einzeln im Gehirn abgespeichert. Wann immer aber man einen Baum wahrnimmt, wird das Muster der zugehörigen Merkmalsklasse aktiviert und das Gehirn erkennt, dass es sich bei dem wahrgenommenen Objekt um eines der Merkmalsklasse Baum handelt.
Die Fähigkeit, Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten zwischen Objekten zu erkennen und sie in einen sinnhaften Zusammenhang zu stellen, kann mit Hilfe von Intelligenztests sogar gemessen werden. Ohne diese Fähigkeit des menschlichen Gehirns hätte es keine Begriffsbildung und damit auch keine Sprachentwicklung gegeben. Wenn durch die Wahrnehmung zwei gleiche Muster knapp hintereinander aktiviert werden, unterstellt unser Gehirn diesem Zusammentreffen automatisch einen sinnhaften Zusammenhang.
Stellen Sie sich vor, sie würden an einem psychologischen Experiment teilnehmen, bei dem Sie mit von einem Zufallsgenerator ausgewählten Paaren von Lichtsignalen konfrontiert werden. Sie sollen durch Knopfdruck jene Paare auswählen, die aus ihrer Sicht in einem sinnhaften Zusammenhang stehen. Die Lichtreize beginnen: rot-weiß, grün-violett, braun-blau, schwarz-ocker, rot-rot, türkis-gelb, weiß-blau, schwarz-grün, schwarz-weiß, gelb-pink, gelb-grün, grün-grün, orange-violett ...
Wir haben diesen Versuch in unserem Institut (Institut für Angewandte Tiefenpsychologie) durchgeführt. Das Ergebnis wird Sie nicht überraschen. Gleiche Farbsignale wurden signifikant häufiger als sinnhaft zusammengehörig erlebt. Dasselbe Phänomen können Sie auch bei Würfelspielen beobachten. Jedes hintereinander gewürfelte Zahlenpaar hat die gleiche Auftrittswahrscheinlichkeit. Wenn nacheinander die Eins und die Drei fallen, wird das wohl kaum jemand außergewöhnlich finden. Sobald jedoch zweimal aufeinander dieselbe Augenzahl folgt, wird dem schon mehr Bedeutung beigemessen.
Der Sinn, den wir zufällig zusammentreffenden Ereignissen zuschreiben, hat also nicht das Geringste mit einem verborgenen übersinnlichen Ordnungsprinzip zu tun, wie C. G. Jung und mit ihm die Anhänger des magischen Weltbildes glauben, sondern ausschließlich mit der Funktionsweise unseres Gehirns. Das erklärt auch, warum das zeitgleiche Auftreten ähnlicher Objekte bei den meisten Menschen mit der Überzeugung einhergeht, dass diesem Zusammenhang eine geheime Bedeutung innewohnen müsse. Das gilt natürlich auch für die unzähligen Geschichten aus der Welt des Paranormalen.
Ich habe im Auftrag einer österreichischen Tageszeitung vor vielen Jahren Recherchen für eine Serie zum Thema „Der sechste Sinn“ durchgeführt. Die Leser wurden in der Zeitung ermutigt, selbst erlebte übersinnliche Begebenheiten einzusenden. Die Resonanz war enorm. Tausende „Tatsachenberichte“ langten in der Redaktion ein. Der Tenor war eindeutig: Die überwältigende Mehrheit der Einsendungen bezog sich auf telepathische Phänomene und Wahrträume. Vereinzelt berichteten die Leser von Spukerscheinungen, Geistersichtungen und psychokinetischen Phänomenen. Auffallend war, dass sich die meisten Wahrträume auf Unglücksfälle im näheren Umfeld oder auf Katastrophen bezogen, von denen die Träumer erst Tage darauf aus den Nachrichten erfuhren.
Unkorrigierbarkeit. Aus den Einsendungen wählte ich jene Berichte aus, die mir am authentischsten erschienen, und lud die Verfasser zu einem persönlichen Gespräch ein. Bei den Interviews machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Für die meisten Befragten handelte es sich bei dem berichteten Ereignis nicht um die erste Erfahrung mit dem „Übersinnlichen“. Mehrere Berichte legten sogar den Verdacht nahe, dass paranormale Vorkommnisse nicht die Ausnahme, sondern die Regel seien. Was war der Grund für die Häufung der übersinnlichen Phänomene bei manchen Menschen? Waren sie einfach medial begabt oder gibt es dafür noch eine andere Erklärung?
Die Anamnese zeigte, dass mehr als zwei Drittel aus Familien stammten, die okkulten Phänomenen gegenüber unkritisch eingestellt waren. Auch der Aberglaube war im familiären Umfeld verbreitet. Was mir in den Gesprächen noch auffiel, war die Entschiedenheit und Vehemenz, mit der die Betroffenen jede Möglichkeit einer rationalen Erklärung des berichteten Phänomens von vornherein ausschlossen. Kritischen Einwänden oder schlüssigen alternativen Interpretationen wurde stets mit spontanen Abänderungen des ursprünglichen Berichtes durch Hinzufügen „neuer“ Details oder „Erinnerungskorrekturen“ begegnet, bis zu guter Letzt wieder nur die paranormale Erklärung als einzig mögliche übrig blieb. Es lag bei den Befragten nicht nur eine hohe Bereitschaft vor, Okkultes für wahr zu halten, sondern es schien so, als würden sie an die Welt des Paranormalen geradezu glauben wollen.
Offensichtlich sind okkultistische, magisch-religiöse und wahnhafte Gedankengebäude durch dieselben Kriterien definiert: subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit und die Unmöglichkeit ihrer Inhalte. Im Gegensatz zu normalen Vermutungen, deren Wahrheitsgehalt für mehr oder weniger wahrscheinlich gehalten wird, gehen irrationale Annahmen häufig mit absoluter Gewissheit einher. Kein noch so schlüssiges Argument, kein noch so stichhaltiger Einwand kann sie widerlegen. Nicht anders wie Patienten mit einer Wahnstörung haben auch Esoterikjünger und religiöse Fundamentalisten nicht die geringste Bereitschaft, ihre Glaubenssysteme kritisch zu hinterfragen. Sie versuchen sich die Realität vielmehr so zurechtzubiegen, dass sie sich mit ihren irrationalen Konstruktionen deckt.
Wahnhafte Weltbilder. Bis heute weist nichts in der Natur auf die Existenz paranormaler Erscheinungen hin. Trotz hundert Jahren parapsychologischer Forschung gibt es bis heute kein einziges bewiesenes Psi-Phänomen. Trotzdem hält die überwiegende Mehrheit der Menschen daran fest, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als die Wissenschaft sich träumen lässt“. Worauf gründet die Überzeugung von der Existenz paranormaler Phänomene oder der „ungeheuren“ Macht der Magie?
Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto eine Million zu gewinnen, ist nur geringfügig höher wie die, vom Blitz erschlagen zu werden. Dessen ungeachtet spielen Woche für Woche weltweit viele Millionen Menschen Lotto oder kaufen Lose. Immer in der Hoffnung auf das große Glück. Auch hier liegt offensichtlich ein gewaltiges Missverständnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit vor. Das beweisen alleine schon die horrenden Gewinne der Glücksspielindustrie.
Handelt jemand, der Lotto spielt, rational und realitätsgerecht? Sicher nicht. Was aber veranlasst Menschen dazu, in der Fantasie eine Wirklichkeit zu schaffen, an der sie festhalten, als wäre sie real? Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist das Wunschdenken. Magische, religiöse und wahnhafte Überzeugungen haben dieselben Wurzeln. Ihre Inhalte sind halluzinierte, in die Außenwelt projizierte Wunscherfüllungen, die der Mensch braucht, um die beängstigenden Seiten der Realität wie seine eigene Begrenztheit zu entschärfen.
Freilich kann man zwischen wahnhaften Weltbildern und der beweisbaren Realität erst unterscheiden, seit es die wissenschaftliche Denkweise gibt. Erst das wissenschaftliche Vorgehen ermöglichte es, Behauptungen zu überprüfen, zu bewahrheiten oder zu widerlegen. Seither ist es für magische und religiöse Modelle eng geworden. Jemand, der ernsthaft glaubt, dass er Regen herbeizaubern kann, indem er den Regen imitiert, ist aus wissenschaftlicher Sicht genauso in einer Wahnvorstellung verfangen, wie jemand, der glaubt, dass Mohammed mit Elefanten in den Himmel aufgefahren oder ein jüdischer Zimmermann gekreuzigt, gestorben und wiederauferstanden ist, um die Menschen von der Sünde zu erlösen.
Trotzdem würden sich die meisten Experten dagegen verwehren, Anhänger von religiösen oder esoterischen Richtungen als wahnhaft zu bezeichnen. Aber warum? Natürlich spielt der kulturelle Hintergrund bei der Bewertung von Wahninhalten eine gewichtige Rolle. Hätte jemand den Menschen vor 2000 Jahren erzählt, dass wir auf einer Kugel leben, hätte man diese Person vermutlich auch für verrückt gehalten. Aber aus einem ganz anderen Grund: „Wenn die Erde eine Kugel ist, warum fallen die Menschen auf der unteren Hälfte dann nicht hinunter?“
Damals war die Wissenschaft noch nicht in der Lage, die Annahme, dass die Erde eine Scheibe sei, zu widerlegen. Heute aber kann sie es und noch viel mehr. Wer sich angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse immer noch weigert, anzuerkennen, dass die Erde eine Kugel ist, dass es den Urknall gegeben hat und dass alles Leben auf Evolution beruht, leugnet die Realität wider beweisbares Wissen und ersetzt sie durch seine subjektive Wunschwirklichkeit. Wie sonst sollte man ein solches Vorgehen bezeichnen, wenn nicht wahnhaft? Wie viele Menschen sich einer Wahnidee verschrieben haben – ob einer oder viele Millionen –, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Wichtig ist einzig und allein, ob diese Idee die Wahnkriterien erfüllt oder nicht.
Auf das Argument, dass es eine übersinnliche Wirklichkeit gibt und nur die Wissenschaft noch nicht in der Lage ist, diese zu erkennen, berufen sich Anhänger des magischen Weltbildes gerne. Dabei lassen sie jedoch außer Acht, dass schon heute die Möglichkeit besteht, religiöse Aussagen, Prophezeiungen oder die Wirksamkeit esoterischer Methoden mit denselben Methoden zu überprüfen wie die Vorhersagen wissenschaftlicher Theorien. Gerade weil sie den Wahrheitsbeweis bisher schuldig geblieben sind, haben sie aus naturwissenschaftlicher Sicht ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Trotzdem werden Religion und Esoterik den Verstand des Menschen noch geraume Zeit strapazieren. Noch sind die Wünsche und Sehnsüchte, die diesen Weltbildern zugrunde liegen, zu stark, als dass der Mensch sich von ihnen verabschieden könnte. Die Wissenschaft kann dem Menschen nur die kümmerliche Realität anbieten. Wenn es um das existenzielle Dilemma des Menschen geht, verstärkt eine realitätsgerechte Sicht seine Angst eher, während sie die Realitätsverleugnung durch Religion und Magie zumindest oberflächlich betäubt. Doch nur solange diese nicht einer Realitätsprüfung unterzogen werden.
Es ist gewiss mutiger, der Realität so ins Auge zu sehen, wie sie ist. Aber ob es auch bequemer und lustvoller ist? Der Esoterikboom und das Aufkeimen des religiösen Fundamentalismus als Reaktion auf den wissenschaftlichen Fortschritt ist ein beredtes Zeichen für die Befindlichkeit des postmodernen Menschen.
Macht und Ohnmacht der Magie
Glück und Magie liegen eng beisammen. Seit Urzeiten versuchen Menschen ihr Glück zu beeinflussen, wie paläolithische Höhlenmalereien zum Beispiel in Trois Frères, Südfrankreich, belegen. Ursprünglich auf magischem Weg, später mit Hilfe der Religion und erst in den letzten Jahrhunderten mit wissenschaftlichen Methoden.
Schon sehr früh muss dem Menschen bewusst geworden sein, dass sein Schicksal nicht wirklich in seiner Hand liegt. Spätestens von dem Zeitpunkt an, wo er den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erahnte, muss er hinter unvermeidlichen Schicksalsschlägen das Wirken geheimnisvoller Kräfte vermutet haben. Mangels anderer Möglichkeiten konnte er über das Wesen dieser Kräfte nur fantasieren oder Analogien zwischen den von ihm beobachteten Phänomenen herstellen. Die Bausteine seiner assoziativen Gedankengebäude entnahm er seinem persönlichen Erfahrungsschatz. Die Absichten und Eigenschaften, die er diesen Mächten unterstellte, mussten sich zwangsläufig am eigenen Vorbild orientieren.
So wurde in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung die Außenwelt des Menschen zur Projektionsfläche seiner Innenwelt. Ein Vorgang, der sich auch bei Kleinkindern beobachten lässt. Die Welt eines Kindes ist durch und durch beseelt. Tiere, Pflanzen, Gegenstände fühlen, denken, handeln wie es selbst. Wenn die Abläufe in der äußeren Welt lediglich ein Spiegel der inneren waren, dann mussten sich Veränderungen in der Innenwelt doch auch gleichzeitig auf die Vorgänge in der Außenwelt auswirken. Tatsächlich kommt dem Prinzip der Synchronizität im magischen Denken eine hervorragende Bedeutung zu.
Imitation. „Ähnliches bringt Ähnliches, Gleiches Gleiches hervor“, beschreibt Kirchgässner die magische Denkweise. „Der Eingeborene tritt, um seine Sohlen zu härten, auf eine Schildkröte; er befestigt Moos von einem Ozeandampfer an seinem Boot, um ihm die Geschwindigkeit dieses Dampfers zu verleihen. Verheiratete Äquatorialindiander essen keine Zwillingsbananen, damit sie keine Zwillinge bekommen. Römische Damen des Kaiserhofes aßen jeden Morgen Hirschbraten, weil der Hirsch kein Fieber bekommt. Gegen Blitzgefahr trug man das Fell von Seehunden oder Federn von Adlern, weil diese Tiere gegen den Blitz immun sind. Nach einem alten Volksglauben reizt die größere Wurzel des Knabenkrauts, weil hodenähnlich, den Geschlechtstrieb, die kleinere mindert ihn. Rattenhaar feit gegen Wurfgeschosse, weil die Ratte im Ausweichen so geschickt ist. Zwiebeln, die man im Zorn pflanzt, werden besonders scharf.“
Freud weist gleichfalls auf den imitativen Charakter magischer Rituale hin. Um Regen zu zaubern, wird der Vorgang des Regnens in einem magischen Ritual nachgeahmt. In manchen Teilen Javas vollzogen die Bauern zur Zeit der Reisblüte auf ihrem Feld einen ritualisierten Geschlechtsverkehr, um auf diese Weise die Fruchtbarkeit des Reises anzuregen.
Beim Voodoo, einem der bekanntesten magisch-religiösen Kulte aus Westafrika, wird das Ebenbild eines gehassten Feindes – meist in Form einer Puppe – angefertigt. Was man dem Imitat antut, erleidet auch der Mensch, den es darstellt. Er erleidet es auch wirklich. Aber nur in der Innenwelt der Person, die das Ritual durchführt. Erst durch den Vorgang der Projektion wird das innere Bild, die Realisierung des hasserfüllten Wunsches, zu einem Bestandteil der äußeren Welt. Auf diese Weise verschwimmen im Erleben des Protagonisten die Grenzen zwischen innerer und äußerer Realität.
Natürlich drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage auf, warum in den Anfängen des menschlichen Zivilisationsprozesses bei Kulthandlungen gerade der Nachahmung eine so große Bedeutung zugeschrieben wurde. Sicher war die Imitationsfähigkeit eine wichtige Voraussetzung für die menschliche Sprach- und Kulturentwicklung. Sie war die Grundlage für das Erlernen komplexer Handlungsabläufe. Indem er Verhaltensweisen beobachtete und imitierte, gewann der Mensch zunehmend Einsicht in die Absichten und Motive, die sie hervorbrachten.
Die Imitationsfähigkeit ermöglichte das Verstehen. Letztlich verhalf das Lernen durch Imitation und Einsicht dem Menschen zu seinem evolutionären Höhenflug. Wenn er andere imitieren konnte, warum sollte er nicht auch die Natur dazu bewegen können, ihn nachzuahmen, um sie auf diese Weise seinem Willen zu unterwerfen?
Die magischen Rituale waren in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung mit Sicherheit nicht erfolgreicher als heute. Mangels alternativer Möglichkeiten, in das Weltgeschehen einzugreifen, wird sich damals wohl kaum jemand an der geringen Erfolgsquote der rituellen Handlungen gestoßen haben. Nicht anders geht es uns heute mit der ärztlichen Kunst. Wir hoffen zwar inständig, dass sie von Erfolg gekrönt sei, sind uns aber dessen keinesfalls sicher. Warum sollte der Urmensch an die Erfolgsaussichten seiner magischen Praktiken strengere Maßstäbe angelegt haben als der zivilisierte Mensch heute an die seiner Methoden?
Erstaunlicherweise wird die Frage des Funktionierens magischer Rituale von den Anhängern esoterischer Richtungen aber bis heute nicht gestellt. Denken wir doch nur an den Voodoo-Zauber. Nichts ist nach einem Voodoo-Zauber leichter, als zu überprüfen, ob der betroffenen Person wirklich im vorgegebenen Zeitraum das Schicksal widerfahren ist, welches ihr durch die magische Handlung zugedacht war.
Auch die Wirksamkeit eines Liebeszaubers ließe sich jederzeit problemlos feststellen. Trotzdem spielt die Frage der Wirksamkeit in der Magie nur eine untergeordnete Rolle. Genauso wenig wie sich Gläubige dafür zu interessieren scheinen, ob ihre Fürbitten und Gebete in Erfüllung gehen. Die Hoffnung orientiert sich nur selten an der Realität – auch im Alltag nicht.
Eine stark übergewichtige Frau las in einem bunten Blatt die Werbung für ein Schlankheitsmittel, dessen Einnahme einen Gewichtsverlust von bis zu 30 Kilogramm innerhalb weniger Wochen versprach. Sie bestellte es, obwohl ihr vorangegangene Enttäuschungen mit ähnlichen Präparaten längst die Wirkungslosigkeit dieser Mittel hätten vor Augen führen müssen.
Negative Erfahrungen im Zusammenhang mit Aberglauben, Horoskopen, Prophezeiungen, Wundermitteln, magischen Ritualen, Gebeten scheinen bei den Betroffenen, wenn überhaupt, nur kurzfristige Zweifel nach sich zu ziehen. Viele Menschen, die an Horoskope glauben, werden sich zwar darüber freuen, wenn ihnen Gesundheit, Reichtum und die große Liebe prophezeit wird. Aber rechnen sie ernsthaft damit, dass diese Prophezeiungen eintreffen? Insgeheim scheinen die meisten um die Schwäche der magischen Verfahren zu wissen und schützen sich mit vorwegnehmenden Rechtfertigungen vor dem erwarteten Misserfolg.
Ein Fußballbegeisterter flehte vor entscheidenden Ausscheidungsspielen regelmäßig Gott um Hilfe für seine Mannschaft an. Gewann diese, bedankte er sich überschwänglich für die göttliche Unterstützung. Verlor sie, machte er sich Vorwürfe, weil er so vermessen war, Gott wegen einer derartigen Banalität auf die Probe zu stellen.
Eine Frau, die sich bei Einkäufen finanziell schwer übernommen hatte, kaufte sich Dutzende Brieflose und bat ihren „Schutzengel“ inständig um einen Haupttreffer. Als sich die meisten als Nieten herausstellten und die wenigen Treffer nur geringfügige Gewinne auswiesen, deutete sie ihren Misserfolg als Zeichen. Der „Schutzengel“ wollte ihr auf diese Weise zeigen, dass sie nur dann Vergebung erlangen könne, wenn sie ihre Schulden aus eigener Kraft zurückzahlte.
Macht des Wunschdenkens. Wenn man in der Wissenschaft eine Theorie überprüft, stellt man auf ihrer Grundlage Hypothesen auf, die dann mit geeigneten Methoden überprüft werden. Wenn die Theorie besagt, dass Kinder, die viele Süßigkeiten essen und wenig Bewegung machen, zu Übergewicht neigen, kann man diese Annahme leicht überprüfen.
Man bildet zwei Gruppen von gleichaltrigen Kindern. In einer Gruppe befinden sich Kinder, die wenig Süßigkeiten essen und viel Bewegung machen, bei den Kindern der anderen Gruppe verhält es sich gerade umgekehrt. Nach einem halben Jahr lässt man die Kinder auf die Waage steigen und vergleicht die neuen Körpergewichte mit den Ausgangsgewichten. Wenn die Kinder der Schlemmergruppe stärker zugenommen haben als die Kinder der anderen Gruppe, wurde die Annahme der Theorie bestätigt.
Nichts wäre leichter, als die Wirksamkeit magischer Rituale oder paranormaler Phänomene nach demselben Maß zu messen. Dort wo solche Untersuchungen bereits durchgeführt wurden, hat sich die Wirkungslosigkeit der Magie längst herausgestellt. Mediale Begabungen, außersinnliche Wahrnehmungen, paranormale Phänomene wurden durchwegs als Täuschungen entlarvt.
Trotzdem kann man das mangelnde Interesse gläubiger Menschen an einer wissenschaftlichen Überprüfung der Wirksamkeit der von ihnen praktizierten Rituale nicht nur mit der Angst erklären, am Ende als naiv dazustehen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Esoterik- oder Religionsgläubigen sich durchaus bewusst ist, dass ihre Ideensysteme einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten würden.
Nur sehen die meisten gerne über diesen Sachverhalt hinweg, weil sie die Anerkennung der Ergebnisse dazu zwingen würde, ihren Glauben und damit auch ihr Wunschdenken aufzugeben. In einer Welt zu leben, in der die Dinge so verlaufen, wie man es sich wünscht, in der „mächtige“ Rituale oder Gebete vor schmerzhaften Schicksalsschlägen schützen und in welcher der Tod nicht das unvermeidliche Ende, sondern das Tor zu einer neuen Welt darstellt, ist sicher beruhigender als die Welt, die uns die Wissenschaft vorsetzt.
Auch eine Patientin von mir hielt es weniger mit der Schulmedizin als mit der Esoterik. Weil sie Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen hatte, wurde ihr von ihrer Freundin der Besuch einer Osteopathin angeraten. Osteopathen verstünden sich auf die Kunst der „sanften Heilung“. Mit ihren Händen „hörten“ sie den Körper der Patienten ab. Dabei „erspürten“ sie Strömungen, Bewegungen und Spannungen im Körper, lösten Blockaden und mobilisierten die „Selbstheilungskräfte“.
So weit so gut. Bei der ersten Sitzung wurde festgestellt, dass ein Unfall, den die Patientin vor vielen Jahren hatte, der aber zum Glück glimpflich verlaufen war, bei ihr zu einem „Energiestau“ geführt habe. Dieser Energiestau sei für die Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen verantwortlich. Innerhalb weniger Sitzungen sollten die Blockaden aufgelöst, Ischias- und Kopfschmerzen beseitigt werden. In der nächsten Stunde „erspürte“ die Heilerin dann einen Energiestau im Brustraum. Blockaden an dieser Stelle hätten oft mit dem Großvater zu tun, wusste sie. Der Patientin wurde daher aufgetragen, den Großvater in der Therapie zu besprechen.
Der nächste Energiestau wurde im Bereich des Magens geortet und auf die ungesunde Ernährung der Patientin zurückgeführt. Es wurde ihr dringend angeraten, diese zu verändern. Trotzdem sie bei ihren alten Ernährungsgewohnheiten blieb, war die vom Magen verursachte Blockade in der nächsten Stunde beseitigt. Dafür wurden jetzt Leber und Niere als Energiestauorgane ausgemacht und bedurften einer sanften Behandlung durch Handauflegen. Zu dieser kam es allerdings nicht mehr, weil die Patientin die Behandlung abbrach.
An ihren Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen hatte das Auflösen der Energieblockaden nichts verändert. Eigentlich sollte man meinen, dass die negativen Erfahrungen mit den heilenden Händen den Glauben der Patientin an die Wirksamkeit esoterischer Techniken nachhaltig erschütterten. Doch weit gefehlt. Das magische Denken der Patientin trotzte auch weiterhin der Realität. Wer glauben muss, glaubt auch gegen jegliche Vernunft.
Wie das Beispiel dieser Patientin und vieler anderer Menschen zeigt, ist das „magische Denken“ oder Wunschdenken auch in unserer Gesellschaft nahezu ungebrochen. Traut man den Umfragen, sind überraschend viele davon überzeugt, dass sie kraft ihrer Gedanken und Wünsche auf naturwissenschaftlich nicht erklärbare Weise die Vorgänge in ihrer Umgebung steuern können. Von der Frühzeit des Menschen bis in die Gegenwart geben Schamanen, Medizinmänner, Hohepriester, Hexen, Magier, Heiler vor, dank der ihnen „verliehenen“ Kräfte das Schicksal von Menschen in positiver oder negativer Weise zu beeinflussen.
Infantile Allmacht und böse Wünsche
Das magische Denken gilt als die ursprüngliche Denkform der Menschen. Es ähnelt, wie bereits ausgeführt, der Arbeitsweise des Traumes. Auf dieser Ebene wird das Denken fast zur Gänze vom Lustprinzip bestimmt. Ohne Rücksicht auf die Realität orientiert es sich an den unmittelbaren Wünschen, deren Erfüllung es zur Grundlage seiner subjektiven Realität macht. Menschen auf der Stufe des magischen Denkens sehen die Welt daher nie so, wie sie ist, sondern stets so, wie sie sie sehen wollen. Unvermeidliche unlustvolle Realitätseinbrüche werden im Sinne des Wunschdenkens verleugnet oder ungeschehen gemacht.
Natürlich scheint beim magischen Denken die Kenntnis um geheime Regeln, Sprüche oder rituelle Handlungen eine wichtige Rolle zu spielen. Doch das stärkste Motiv für das Festhalten am magischen Denken ist doch der unbewusste Machtanspruch. Im Grunde beruht die Magie einzig und allein auf der Annahme, dass es möglich ist, die Welt dem eigenen Willen zu unterwerfen. Selbst der Teufel muss sich der Herrschaft des Exorzisten beugen, solange der an die beschwörende Macht seiner Rituale glaubt.
Wer sich über die unbewussten Wünsche, die den Glauben an die Magie bedingen, ein klareres Bild machen will, muss sich nur die Verheißungen von Astrologen, Hellsehern, Kartenlegern, Schamanen, Heilern, Hexen, Magiern, Medien im Internet oder in einschlägigen Zeitschriften zu Gemüte führen. Gleichgültig ob es sich um Liebes-, Rache- oder Todeswünsche handelt, sie alle können in Erfüllung gehen, wenn man nur das passende Ritual kennt und bei seiner Ausführung keinen Fehler macht. Was aber noch viel wichtiger ist, man muss es immer auch „ganz fest wollen“.
Schwarze Wünsche. Immer geht es um den infantilen Wunsch, das Schicksal dem eigenen Willen gefügig zu machen. Es ist bezeichnend, dass auch beim Liebeszauber das Objekt der Begierde als „Opfer“ benannt wird. Bezeichnend deswegen, weil dieses Ritual, wäre es wirksam, alle Merkmale einer Vergewaltigung erfüllt.
Die Vergewaltigung ist die unmittelbarste Form, sich gegen den Willen eines Sexualobjektes seiner zu bemächtigen. Dabei ist die körperliche Gewaltanwendung nicht die einzige Spielart der sexuellen Nötigung. Nach dem deutschen StGB § 177 liegt eine sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung auch dann vor, wenn jemand „eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen ...“
Es spielt daher überhaupt keine Rolle, ob man den Willen des Sexualobjektes mit Gewalt, Drogen oder einem Liebeszauber außer Kraft setzt. Es ist und bleibt Vergewaltigung. Genauso wenig wie es einen Unterschied macht, ob man einen Menschen mit bloßen Händen umbringt oder mit tödlicher Magie ins Jenseits befördert. So oder so ist es Mord. Geben wir uns keinen Illusionen hin.
Bei den Motiven, die Menschen dazu veranlassen, an die Macht der Magie zu glauben, handelt es sich größtenteils um unerfüllte Sexualwünsche, Todes- oder Zerstörungswünsche. Leidenschaftliches Begehren und mörderischer Hass sind die wichtigsten Ingredienzien magischer Zaubertränke. Dass es sich beim Glauben an die Magie um kindliches Denken handelt, kann man alleine schon den Handlungsanweisungen für Rituale entnehmen. Die Primitivität der Rituale ist nur schwer zu übertreffen.
Wer an einer Krankheit leidet, braucht lediglich eine Münze inständig mit seinem Leiden zu besprechen. Anschließend muss man die Münze an einer stark frequentierten Stelle hinterlegen. Wer sie findet und aufhebt, bekommt die Krankheit, man selbst ist von ihr befreit.
Um sich ein Sexualobjekt gefügig zu machen, benötigt man ein Haar des „Opfers“ oder etwas, das mit ihm in Berührung gekommen ist, eine rote Kerze, Rosenöl und etwas Wachs. Aus dem Wachs formt man möglichst naturgetreu das Ebenbild des begehrten Objektes. Danach reibt man den Kopf und die Genitalien der Wachspuppe mit Öl ein. Ist das erledigt, muss die Kerze ebenfalls mit Öl eingerieben werden. Zuerst von unten dann von oben zur Mitte – die Analogie zur Masturbation lässt sich nur schwer übersehen. Während des gesamten Rituals fixiert man das Kerzenlicht, möglichst ohne mit den Lidern zu blinzeln, und malt sich aus, was man mit dem „Opfer“ gerne anstellen möchte. So einfach ist das.
Will man eine unliebsame Person aus dem Weg räumen, muss man nur die Farbe der Kerze auf schwarz ändern und die Puppe statt mit Öl mit Blut beschmieren. Der passende Zauberspruch dazu: ein von hinten gesprochenes „Vater unser“. Nach spätestens drei Tagen erfährt man dann von dem Unheil, das diese Person ereilt hat. Natürlich darf in diesem Fall auch der Hinweis auf die Gefährlichkeit des Rituals nicht unterbleiben. Schließlich trägt das zum Glauben an seine Wirksamkeit bei. Sofort würde der Fluch auf den zurückschlagen, der das Ritual nicht ernst nimmt oder Unfug damit treibt. Offensichtlich können nur diejenigen den Zauber ungefährdet anwenden, die ernsthaft jemand um die Ecke bringen wollen.
Placeboeffekt. So lächerlich diese Rituale aus rationaler Sicht sind, verfehlen sie nicht ihre Wirkung bei Personen, die daran glauben. Der Glaube versetzt zwar nicht Berge, vermag aber die Psyche in manchen Fällen arg zu täuschen.
Der Erfolg von ärztlichen Scheineingriffen oder Scheinbehandlungen mit Medikamenten ohne spezifischen Wirkstoff hat dazu geführt, dass solche Placebos heute in der Arzneimittelforschung unverzichtbar sind. Im Rahmen von Doppelblindversuchen, bei denen weder der Arzt noch der Patient wissen, welches der verabreichten Medikamente den Wirkstoff enthält und welches ein Placebo ist, wird die Wirksamkeit von pharmakologischen Substanzen getestet. Diese ist nur dann gegeben, wenn sich in der Nachuntersuchung die Wirkung des Teststoffes signifikant von der Wirkung des Placebos unterscheidet.
Es steht außer Zweifel, dass Placebos hochwirksam sein können. Die Frage ist nur wie? Eines ist klar, für die Wirksamkeit des Placebos ist nicht der Wirkstoff ausschlaggebend, sondern die Bedeutung, die dem Mittel oder der ärztlichen Handlung beigemessen wird. Kinder sowie Männer und Frauen mit leichteren Erkrankungen, vor allem solchen, bei denen eine Wechselwirkung zwischen Psyche und Soma besteht, sprechen auf Placebobehandlungen besser an. Am besten wirken Placebos aber bei Schmerzzuständen. Nicht anders wie bei magischen Ritualen sind Glaube und Erwartung für den Placeboeffekt entscheidend.
Eine Frau befand sich mit phobischen Beschwerden in psychoanalytischer Behandlung. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass die Patientin auch an einer schweren Katzenphobie litt. Seit ihre erwachsene Tochter eine Katze hätte, könne sie deren Wohnung nicht mehr betreten, weil sich schon nach wenigen Minuten schwerste allergische Symptome bis hin zur Erstickungsgefahr einstellten. Auch umgekehrte Besuche kämen nicht in Frage, weil sich auf den Kleidungsstücken der Tochter immer Katzenhaare befänden, die schon ausreichten, um bei ihr die allergische Reaktion auszulösen.
Ihre Analytikerin war ob dieser Mitteilung verblüfft. Sie hatte selbst eine Katze. Nachdem ihre Praxis im Erdgeschoss ihres Einfamilienhauses lag, hielt sich die Katze des Abends auch öfters dort auf. Und vereinzelte Katzenhaare fanden sich allemal auf ihrer Kleidung. Trotzdem hatte die Patientin bisher kein einziges Mal während der Stunde über allergische Beschwerden geklagt.
Die Analytikerin verlieh ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, mit dem Erfolg, dass die Patientin in der nächsten Stunde schon nach wenigen Minuten deutliche Zeichen einer allergischen Reaktion aufwies. Auf die Frage der Therapeutin, was wohl wäre, wenn sie nun doch keine Katze hätte, reagierte die Frau völlig verwirrt. Ihre Symptome klangen zwar ab, aber sie wurde ziemlich wütend.
Natürlich lässt sich über die therapeutische Intervention der Analytikerin streiten. Trotzdem konnte sie der Patientin vor Augen führen, dass bei ihr nicht die Katzenhaare, sondern der Glaube und die Erwartung die allergische Reaktion hervorriefen. Sie verfolgte mit den allergischen Symptomen eine versteckte Absicht. Etwas in ihrem Gehirn, das sich jedoch – und das ist sehr wichtig – ihrer bewussten Kenntnis entzog, wollte diese Reaktion.
Vielleicht ging es um einen aggressiven Impuls, der sich jetzt an der Tochter entlud. Du (mit deiner Katze) bist schuld, dass es mir schlecht geht und dass ich dich nicht mehr sehen kann. Tatsächlich hatte die Patientin eine um zweieinhalb Jahre jüngere Schwester. Möglicherweise handelte es sich bei der Symptomatik um die Verschiebung eines kindlichen Vorwurfes, der ursprünglich ihrer Mutter galt. „Sieh her, weil du dir die andere angeschafft hast, geht es mir jetzt so schlecht. Mir wird es erst wieder gut gehen, wenn du sie weggegeben hast.“ Wie es scheint, hatte die Patientin die Beziehung zu ihrer Mutter und damit auch den kindlichen Vorwurf auf ihre Tochter übertragen.
Magie der Gedanken. Wie leicht sich das Gehirn mit irrationalem Glauben und ängstlicher Erwartung selbst verrückt macht, kann ein jeder leicht bei sich selbst überprüfen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Nacht eingeschlossen in einer alten Friedhofsgruft neben Särgen verbringen. Kein Ort der Welt ist sicherer als dieser. Trotzdem wäre Ihnen vermutlich sehr unheimlich zumute. Was nützte Ihnen da schon Ihr Wissen, dass es keine Geister gibt und Tote auch um Mitternacht nicht aus ihren Särgen steigen?
In einem Museum für moderne Kunst in Wien wurde vor vielen Jahren ein Kunstobjekt, ein 50 Zentimeter hoher quadratischer schwarzer Kasten, ausgestellt. An der Vorderseite des Kastens war eine kreisrunde Öffnung angebracht. Jeder, der wollte, konnte dort seine Hand hineinstecken. Im Inneren waren, für den Besucher unsichtbar, stachelige, aber ungefährliche Borsten angebracht. Vor dem Objekt befand sich ein Schild, auf dem stand, dass das Hineingreifen auf eigene Gefahr erfolge. Die Reaktion der Besucher war bemerkenswert. Viele waren unsicher, ob sie ihre Hand dem Inneren des Objektes „ausliefern“ sollten oder nicht. Etliche versuchten es, zogen ihre Hand aber erschreckt zurück, sobald ihre Haut mit den Borsten in Berührung kam. Wiewohl ihnen bewusst sein musste, dass in einem Museum für moderne Kunst unmöglich gesundheitsgefährdende Objekte ausgestellt werden dürfen.
Wie sehr auch die Magie des Wortes das Denken und Tun beeinflusst, zeigt ein Streit zwischen Kindern. Ein fünfjähriges Mädchen bekam ein Kuscheltier geschenkt. Sie behauptete, dass es eine Kuh sei. Ihr älterer Bruder spottete, dass es wie ein Hase aussehe. Das ärgerte sie. Sie wollte, dass er ihr zustimmte. Was er natürlich nicht tat. Ein Wort ergab das andere: Kuh, Hase, Kuh, Hase, Kuh, Hase ... dann begann das Mädchen bitterlich zu weinen. „Der Benni ist so gemein“, schluchzte es und musste von seinen Eltern getröstet werden. Im Grunde hätte es ihm egal sein können, was Benni sagte.
Theoretisch wäre es dem Mädchen möglich gewesen zu denken: „Na gut, dann ist es für dich halt ein Hase, für mich ist es aber eine Kuh.“ Genau das konnte es aber nicht. Aber warum? Ganz offensichtlich ging zwischen den Kindern ein Machtkampf vor sich. Aber nicht ein realer, sondern ein Machtkampf auf einer imaginären Ebene, wo Worte noch dieselbe Bedeutung haben wie Taten. Die Magie des letzten Wortes sozusagen. Der Bruder erhielt seine Macht erst durch die Bedeutung, die die Schwester seinen Worten beimaß. Hätten sie seine Äußerungen kalt gelassen, wäre es um seine Macht geschehen gewesen.
Es ist daher gar nicht so wichtig, ob die Person, die ein magisches Ritual durchführt, wirklich an seine Wirksamkeit glaubt oder nur in gemeiner Absicht handelt. Was zählt, ist vor allem die Bedeutung, die das Opfer der magischen Handlung beimisst. Vergleichbar mit einem Placebo können magische Rituale, Beschwörungen, Flüche, Aberglaube nur dann etwas bewirken, wenn das „Opfer“ an deren Wirksamkeit glaubt. Betrüger, denen es gelingt, bei anderen den Glauben an ihre magischen Fähigkeiten hervorzurufen, haben mit ihren Opfern leichtes Spiel. Solange einem der magische Hokuspokus gleichgültig ist, prallt selbst der „stärkste Zauber“ an einem wirkungslos ab.
Allmacht der Wünsche. Die infantile Bereitschaft, alles für möglich zu halten und unreflektiert zu glauben, wird von Gläubigen als besonders erstrebenswert dargestellt. Jemand, der selbst dann noch glaubt, wenn die Inhalte seines Glaubens der wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechen, gilt in der Logik irrationaler Weltbilder sogar als besonders glaubensstark. Im Gegensatz zum ungläubigen Thomas – nach Dawkins der einzige Bewundernswerte unter den Aposteln –, der wegen seines kritischen Denkens von Gläubigen bis heute gerne belächelt wird. Es ist geradezu so, als würde die berechtigte Frage nach Beweisen im Glauben ein Tabuthema berühren. Dieses offensichtliche Unbehagen angesichts nahe liegender Fragen lässt nur den Schluss zu, dass auch überzeugte Anhänger des magisch-religiösen Weltbildes insgeheim genau wissen, dass es sich bei ihrem Glauben bloß um Wunschdenken handelt. Warum sonst sollten sie eine Gläubigkeit idealisieren, die, man kann es nicht anders nennen, an Dummheit grenzt? Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Menschen haben Gläubige bloß noch nicht den Mut aufgebracht, den Schrecken der Realität ohne religiöse Beruhigungsmittel zu ertragen.
Der Glaube an die Allmacht der Wünsche entsprach viele Jahrtausende lang dem normalen Denken des Menschen. Erst allmählich wurde das magische Denken vom religiösen abgelöst. Wie für jedes Kind einmal der Zeitpunkt kommt, wo ihm bewusst wird, dass sein Schicksal nicht so sehr von ihm selbst als von seinen Eltern abhängt, vollzog sich auch in der phylogenetischen Entwicklung der Abschied des Menschen vom Glauben an die Allmacht seiner Wünsche. Jedoch ohne dass er schon bereit gewesen wäre, auf den Allmachtsglauben als solchen zu verzichten.
Dieser wurde im religiösen Denken mit Gottheiten identifiziert. Götter sind nichts anderes als die personifizierte und nach außen projizierte Erfüllung der ursprünglichen Allmachtswünsche des Menschen. Seither leben Götter und Menschen auf der Fantasieebene in einer Symbiose.
Schutz vor dem Ausgeliefertsein. Menschen brauchen Götter, damit diese sie beschützen, und die Götter würden ohne menschliches Wunschdenken nicht existieren. Statt wie früher auf die Wirksamkeit seiner magischen Rituale zu vertrauen, anerkannte der Mensch seine Begrenztheit nunmehr und unterwarf sich den von ihm geschaffenen Göttern. Indem er sie anbetete und sein Leben danach ausrichtete, „ihren“ Wünschen zu entsprechen, hoffte er, sie für seine Anliegen günstig zu stimmen, und konnte auf diese Weise seine Ängste lindern.
Zwar war er jetzt selbst nicht mehr allmächtig, aber die Götter waren es und er konnte der Nutznießer ihrer Allmacht sein. Sofern er sie mit seiner Lebensführung, seinen Opfern und Gebeten für seine Absichten gewinnen konnte. Seit die Menschen ihr magisches Denken zugunsten des Gottesglaubens eingeschränkt haben, wird Göttern – im Guten wie im Bösen – die Elternrolle zugeschrieben. Götter fordern Gehorsam, beschützen, helfen, strafen, verurteilen, vergeben, verdammen, erlösen.
Die Übereinstimmung der Denkweise gläubiger Menschen mit der von Kindern ist in der Tat verblüffend. Jedes Kind erkennt im Laufe der Zeit, dass seiner Macht Grenzen gesteckt sind. Sein Wohlergehen hängt vom Willen seiner Eltern ab. Natürlich kann es auch seine Wünsche und Sehnsüchte nicht aus eigener Kraft stillen.
Nicht so seine Eltern. Diese sehen alles, wissen alles, können alles – zumindest aus der Sicht des Kindes. Es muss sie nur dazu veranlassen, seinem Willen zu entsprechen. Zuerst mit lautem Babygeschrei, dann mit Trotz, später mit Bitten und Betteln und Versprechungen, dass es von nun an immer „brav“ sein wird. Wenn nur die Eltern das tun, was das Kind will. Worin besteht da der große Unterschied zu gläubigen Menschen, die zu Gott beten und versprechen, ein gottgefälliges Leben zu führen – was immer darunter zu verstehen ist –, wenn ihnen der Allmächtige nur beisteht? Erwarten sich Gläubige etwa keinen persönlichen Vorteil von ihren Gebeten? Hoffen sie etwa nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche und Sehnsüchte im Jenseits, wenn sie im Diesseits „brav“ sind? Sehnen sie sich nicht danach, mit Gottes Hilfe ihre eigene Begrenztheit zu überwinden?
Gefahr im Verzug
Angst entsteht immer dann, wenn Gefahr im Verzug ist. Welcher Art die Gefahr ist, spielt zunächst keine so große Rolle. Freud hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Menschen auf eingebildete Gefahren ganz ähnlich reagieren wie auf real gegebene. Sie wollen flüchten. So sehr sich dieser Fluchtmechanismus bei äußeren Gefahren bewährt, so untauglich erweist er sich gegenüber inneren. Nur, werden Sie vielleicht jetzt fragen, was kann einen Menschen schon von innen her gefährden? Es sind vor allem frühkindliche, egoistische, aggressive, sexuelle Triebwünsche, auf deren Erfüllung der Mensch im Laufe seiner Sozialisation unter dem Druck der gesellschaftlichen Anforderungen verzichten muss.
Im Normalfall wird schon das Kleinstkind seine Triebhaftigkeit bald einschränken, um sich die Liebe der Eltern zu erhalten. Das heißt aber noch lange nicht, dass die entsprechenden Triebwünsche damit ein für alle Mal beseitigt sind. Es gibt unzählige Wünsche, deren Befriedigung wir zugunsten unserer Gemeinschaftsfähigkeit nur zurückgestellt haben.
Die aber unter bestimmten Bedingungen jederzeit wiederkehren können. Diese widrigen Produkte unserer Seelentätigkeit, eben feindselige Regungen, verbotene sexuelle Begierden, werden aus dem Bewusstsein gedrängt oder unterliegen – wie Freud es nannte – der Verdrängung. Dieser psychische Mechanismus entspricht dem realen Fluchtverhalten in der Außenwelt.
Abwehrmechanismen. In Anlehnung an Freud stellt sich dieser Vorgang im bildhaften Vergleich folgendermaßen dar: Ein betrunkener Hooligan beginnt spätnachts in einer Disco zu randalieren. Er bedroht andere Gäste mit einem Messer und wird von der Security auf die Straße gesetzt, die Tür hinter ihm fest verschlossen. Doch der Randalierer will sich mit seinem Schicksal ganz und gar nicht abfinden. Er stemmt sich mit aller Gewalt und trommelt mit den Fäusten gegen die versperrte Tür. Er signalisiert damit nicht nur seine fortwährende Anwesenheit, sondern auch seine unverbrüchliche Absicht, zurückzukehren – sobald die Tür nachgibt. Es ist klar, dass die „verdrängende“ Security in diesem Gleichnis die auf der Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten Moralvorstellungen funktionierenden psychischen Abwehrkräfte verkörpert. Der verwiesene Randalierer hingegen steht für die asozialen, gewalttätigen Triebregungen, die auch aus dem Unbewussten noch auf Befriedigung drängen. Wie das Hämmern des Hooligans, der mit seinen Fäusten gegen die Tür trommelt, signalisiert im psychischen Erleben die Angst, dass einmal verworfene und deswegen aus dem Bewusstsein verdrängte Wünsche nach wie vor „Einlass“ begehren.
Verdrängung. Die Verdrängung ist jedoch nur ein, wenngleich auch sehr wichtiger Abwehrmechanismus, mit dem sich das Ich vor dem Durchbruch gefährlicher asozialer Triebwünsche schützt. Darüber hinaus bildet das Ich aber auch noch andere Strukturen aus, mit denen es sich gegen unerwünschte Triebregungen zur Wehr setzt. Die Effizienz und Reife dieser Ich-Strukturen hängt weitgehend vom Zustand der Ich-Entwicklung ab. Prinzipiell unterscheidet man zwischen (frühen, unreifen) vertikalen (zum Beispiel Spaltung der Selbst- und Objektanteile einschließlich der zugehörigen Affekte) und (späteren, reiferen) horizontalen Abwehrvorgängen (Verdrängung). Zu den wichtigsten Abwehrmechanismen gehören:
- Spaltung. Durch den Mechanismus der Spaltung werden zwei oder mehrere gegensätzliche Ich-Zustände voneinander getrennt. Die Ausbildung eines einheitlichen Ichs wird auf diese Weise unterbunden. Jeder dieser dissoziierten Ich-Anteile ist durch einen bestimmten Affekt mit einem entsprechenden Objektanteil verknüpft. Nach der Methode aus dem „Aschenputtel“, „die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen“, werden Lusterlebnisse dem positiven Ich-Kern und unlustvolle Erlebnisse (in Anlehnung an den Vorgang des Ausspuckens) durch Abspaltung scheinbar nach außen projiziert. Scheinbar deswegen, weil auch die negativen Erfahrungen natürlich noch noch immer Teil des Ichs bleiben, auch wenn sie nunmehr so behandelt werden, als würden sie der Außenwelt angehören.
- Spaltungsprozesse sind häufig das Ergebnis einer hochgradig ambivalenten, pathologischen Beziehung zur ersten Bezugsperson. Die Spaltung wird auch als „psychotischer Abwehrmechanismus“ bezeichnet, weil die Ich-Spaltung bzw. Ich-Fragmentierung bei der Entstehung von Psychosen eine wichtige Rolle spielt.
- Introjektion. In Anlehnung an die körperliche „Einverleibung“ handelt es sich bei der Introjektion um die Verinnerlichung früher Objekte oder Objekteigenschaften. Etwa das Urbild der guten Brust, deren Anwesenheit beim Säugling ein emotionales Hochgefühl hervorruft. Ihre Abwesenheit hingegen bewirkt das Gegenteil, Verzweiflung, Hilflosigkeit, ohnmächtige Wut. Die Introjektion lässt sich oft nur schwer von der Identifikation abgrenzen und kann als deren Vorläufer betrachtet werden.
- Projektion. Eigene Affekte, Intentionen etc. werden auf andere „projiziert“ und dort bekämpft. Ein sehr früher Abwehrmechanismus, der im späteren Leben vor allem für paranoide Verhaltensweisen charakteristisch ist. Der eifersuchtswahnsinnige Alkoholiker zum Beispiel projiziert seine homosexuellen Wünsche auf die Frau und bezichtigt sie der Untreue. Auch im normalen Leben wird am anderen meist das am stärksten bekrittelt, was man bei sich selbst nicht wahrnehmen darf. Beim Projektionsvorgang funktioniert der eine immer als Projektor, der andere als Leinwand, auf die die Bilder projiziert werden. Wie bei der Diaprojektion nimmt man nicht mehr die Leinwand, sondern nur mehr die daraufgeworfenen Bilder wahr.
- Identifikation (mit dem Aggressor). Ein Vorgang, bei dem ein Subjekt sich einem Objekt angleicht oder aber nur bestimmte Verhaltensweisen oder Ziele von ihm übernimmt. In einer Alkoholikerfamilie fürchtet sich ein kleiner Bub panisch davor, wenn sein vor Eifersucht rasender Vater die Mutter im alkoholisierten Zustand lautstark attackiert und brutal schlägt. Um seine Angst vor der Aggression des Vaters zu bewältigen, entwickelt er ein Spiel, in dem er nun selbst seinem Teddy wüste Vorwürfe macht und hemmungslos auf ihn einschlägt. Die Identifikation mit dem Aggressor dient hier, wie auch in allen anderen Fällen, der Angstabwehr. Unverständliches, aggressives Verhalten kann unter Umständen eine unbewusste Reaktion auf Angst sein.
- Identifikationen sind aber auch oft die Folge von unverarbeiteten Trennungserlebnissen. In solchen Fällen findet die Identifikation mit dem verloren gegangenen Objekt statt. War die Beziehung zum verlorenen Objekt übermäßig ambivalent, wurde dieses also gleichzeitig geliebt und gehasst, kann die Identifikation mit dem Objekt zur Grundlage einer Depression werden. Durch die Identifikation richtet sich die Aggression, die ursprünglich dem äußeren Objekt gegolten hat, gegen das eigene Ich.
- Verleugnung. Von Verleugnung spricht man dann, wenn ein Individuum sich unbewusst weigert, unlustvolle, bedrohliche Teile seiner inneren oder der äußeren Realität anzuerkennen. Vor allem dann, wenn keine Möglichkeit besteht, der bedrohlichen (beschämenden) Wirklichkeit zu entfliehen, kommt es zur Verleugnung (zum Beispiel bei Süchtigen, Triebtätern, aber auch angesichts schwerer Erkrankungen) der angstmachenden Inhalte. Mit der Verleugnung geht oft unweigerlich die Idealisierung einher.
- Idealisierung. Dieser Abwehrvorgang dient der Leugnung negativer, „gefährlicher“ Objekteigenschaften oder eigener destruktiver Wünsche einem Objekt gegenüber. Das (unbewusst) herabgesetzte, entwertete Objekt wird (bewusst) glorifiziert, gleichsam auf ein Podest gestellt. Der Ehemann, der seit Jahren mit seiner Frau keinen sexuellen Kontakt mehr hat und sie laufend mit anderen betrügt, behauptet, dass er keine so sehr liebe wie sie (allerdings merkt sie davon kaum etwas, weil seine Taten eine andere Sprache sprechen).
- Isolierung. Die Vernetzung von Gedanken oder Verhaltensweisen mit anderen psychischen Inhalten oder Handlungen wird unterbunden. Eine Zwangsneurotikerin darf es zum Beispiel nicht zulassen, dass ihr „Abendgebet“ mit unzüchtigen Vorstellungen in „Berührung“ kommt. Passiert es ihr dennoch, muss sie das Gebet wiederholen. Ein Abwehrmechanismus, der vor allem bei Zwangsneurosen häufig vorkommt.
- Reaktionsbildung. Ein verpönter unbewusster Wunsch wird im Bewussten durch das entgegengesetzte Bestreben ersetzt (und abgewehrt). Unter Umständen kann der Wunsch, sich mit „schmutzigen“ Dingen zu befassen, im Zuge einer Reaktionsbildung zu extremer Sauberkeit führen. So ist Philosemitismus sehr oft eine Reaktionsbildung auf unterschwelligen Antisemitismus, die Idealisierung von Andersfarbigen oder Ausländern oft ein Hinweis heimlichen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Aggressives Verhalten kann sich als Folge einer Reaktionsbildung in devote Sanftmut verwandeln.
- Ungeschehenmachen. Jemand verhält sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln so, als hätte ein Ereignis nicht stattgefunden oder als würde er es ungeschehen machen. Oft werden „magische“ Handlungen (Zwangshandlungen) oder Rituale angewandt, die das ursprüngliche Ereignis rückgängig machen sollen.
- Verschiebung. Die Bedeutung oder der Affektgehalt eines Ereignisses wird auf ein anderes verschoben. Meist erfolgt die Verschiebung auf ein unwesentliches Detail, das mit dem ursprünglichen Geschehen in einer losen Verbindung steht.
- Verkehrung ins Gegenteil. Durch die Verkehrung von Aktivität zu Passivität wandelt sich das ursprüngliche Triebziel (zum Beispiel die Lust am Nehmen, Beherrschen) in sein genaues Gegenteil (die Lust am Genommenwerden, Beherrschtwerden). So kann der Masochismus durch eine Umkehr vom Aktiven (Sadistischen) zum Passiven erklärt werden.
- Wendung gegen die eigene Person. Die Triebrichtung wird von einem äußeren Objekt auf die eigene Person gelenkt. Das Ich übernimmt danach die Rolle eines äußeren Objektes. Durch die Wendung gegen die eigene Person werden sadistische Triebregungen zu masochistischen.
- Verneinung. Obwohl die heimlichen Wünsche, Gefühle und Gedanken schon bewusstseinsfähig sind, wird die wahre Absicht durch die Verneinung weiterhin verschleiert. „Nicht, dass Sie glauben ...“, „Ich würde niemals sagen, dass ...“, „Ich habe doch nicht gemeint ...“
- Witzeln. Beim Witzeln oder im Witz können ebenfalls unbewusste aggressive oder sexuelle Inhalte zum Ausdruck kommen, ohne dass die tatsächliche Bedeutung bewusst wird.
- Rationalisierung. Unbewusst motivierte Gedanken, Absichten oder Handlungsweisen werden (nachträglich) „pseudologisch“ gerechtfertigt. („Ich war gar nicht wütend, ich hab nur so laut gesprochen, damit man mich besser hören konnte.“)
- Intellektualisierung. Sie liegt dann vor, wenn ein Individuum seinen Intellekt verwendet, um unliebsame Triebimpulse abzuwehren. (Ein Mann, der eine Frau sexuell begehrt, mokiert sich in ihrer Gegenwart über frauenfeindliche Machos, die immer nur das eine wollen. Ein „Pornojäger“ meint, er würde sich Pornos nur aus beruflichem Interesse ansehen.) Die Grenzen zwischen Intellektualisierung und Rationalisierung sind fließend.
- Verdrängung. Ein Vorgang, bei dem inakzeptable Triebabkömmlinge aus dem Bewusstsein gedrängt oder vom Bewusstsein ferngehalten werden. Dort wo die Verdrängung misslingt, kann es – durch die Wiederkehr des Verdrängten – zur Symptombildung kommen. Oft wird der Begriff „Verdrängung“ synonym für die anderen Abwehrvorgänge verwendet.
- Sublimierung. Eine kultivierte Verarbeitung asozialer Triebwünsche. In der Psychoanalyse wird darunter der Vorgang der Triebverfeinerung verstanden. Der Triebwunsch wird vom ursprünglichen Ziel auf ein kulturell akzeptiertes gelenkt. Erst die Sublimierungsfähigkeit des Menschen ermöglicht seine großen künstlerischen und intellektuellen Leistungen. Sublimierte Homosexualität führt zu inniger Freundschaft. Infantile sadistische Triebregungen sind unter Umständen das Motiv für späteres chirurgisches Interesse.
- Erst die Selektion der Abwehrmechanismen schuf die Voraussetzung, dass unser Gehirn auf innere Triebgefahren, gewalttätige sexuelle, aggressive Impulse, unkontrollierte Affekte, genauso reagieren konnte wie auf äußere. Es war zwar noch immer nicht in der Lage, vor sich selbst zu flüchten, aber es hatte jetzt zumindest die Möglichkeit, seine Begierden vom Bewusstsein fernzuhalten und zu verhindern, dass sie Wirklichkeit wurden.
- Die Fähigkeit unseres Gehirns, die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, war für die Bewältigung des existenziellen Dilemmas ein großer Vorteil. Doch kein Vorteil ohne Nachteil. Gemessen an ihrer emotionalen Reaktion stehen als Folge der unscharfen Grenzziehung reale Ereignisse, Erinnerungen und Vorstellungen seither auf derselben Stufe. Eine fantasierte Bedrohung kann genauso Panik hervorrufen wie eine real gegebene.
Erst die Selektion der Abwehrmechanismen schuf die Voraussetzung, dass unser Gehirn auf innere Triebgefahren, gewalttätige sexuelle, aggressive Impulse, unkontrollierte Affekte, genauso reagieren konnte wie auf äußere. Es war zwar noch immer nicht in der Lage, vor sich selbst zu flüchten, aber es hatte jetzt zumindest die Möglichkeit, seine Begierden vom Bewusstsein fernzuhalten und zu verhindern, dass sie Wirklichkeit wurden.
Die Fähigkeit unseres Gehirns, die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, war für die Bewältigung des existenziellen Dilemmas ein großer Vorteil. Doch kein Vorteil ohne Nachteil. Gemessen an ihrer emotionalen Reaktion stehen als Folge der unscharfen Grenzziehung reale Ereignisse, Erinnerungen und Vorstellungen seither auf derselben Stufe. Eine fantasierte Bedrohung kann genauso Panik hervorrufen wie eine real gegebene.
Wir alle wissen, dass von einem Menschen, sobald er tot ist, keine Gefahr mehr ausgeht. Trotzdem ruft die Vorstellung, allein eine Nacht in einer Gruft neben Toten verbringen zu müssen, bei den meisten zumindest ein mulmiges Gefühl hervor. Das ist doch eigenartig. Real besteht nicht die geringste Gefährdung. Woher kommt dann das Unbehagen? Was sonst sollte die Ursache sein, wenn nicht angstmachende Eingebungen aus den unbewussten Schichten unseres Seelenlebens. Nicht anders verhält es sich mit unbegründeten Ängsten vor Tieren, Situationen oder Örtlichkeiten. Die beängstigende Vorstellung besteht schon lange vorher im Kopf, bevor sie mit einem Ereignis in der Außenwelt verknüpft wird.
Gesunde Mitarbeiter – erfolgreiche Betriebe. Arbeit ohne Angst und Stress. Hoffmann, W. (2007)
Dawkins leitet die Bezeichnung Mem vom griechischen „Mimem“ (Nachahmung) ab.
Richard Dawkins am 30.7.2005 in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“
Der Traum, der Freud veranlasste, Träume als Wunscherfüllung zu verstehen, und seine dazugehörige Deutung sind in der „Traumdeutung“ auf den Seiten 126–140 nachzulesen.
Der Träumer gebrauchte folgenden Vergleich: „Ich ziehe mich hoch, so als wollte ich ein Schwimmbecken über den Beckenrand verlassen ...“
Von Bleuler eingeführter psychologischer Terminus, der die Existenz widersprüchlicher Gefühle in ein und derselben Beziehung – zum Beispiel Liebe und Hass – bezeichnet
Unter dem Über-Ich versteht man in der Psychoanalyse eine Persönlichkeitsinstanz, die gleichzeitig Träger des Gewissens, der Selbstbeobachtung und der Idealbildung ist. Es ist an der Entstehung von Schuld- und Schamgefühlen maßgeblich beteiligt. Die Ausbildung des Über-Ichs wird in der Hauptsache von den in den Eltern verkörperten Idealen geprägt.
EPILOG
Angstfrei
Es gibt eine Angst, die macht klein,
die macht krank und allein,
und es gibt eine Angst, die macht klug,
mutiger, freier von Selbstbetrug
(André Heller)
Esther lag auf der Couch und hatte die Augen geschlossen. Hinter ihr die vertrauten Atemzüge ihres Analytikers, die sie über die Jahre hin begleitet hatten, vor ihr das Ende der Analyse. Heute war ihre letzte Analysestunde. Esther war bereit für ein Finish ohne Happy End. Es hatte lange gedauert, bis es ihr möglich war, das Unvermeidliche anzuerkennen.
Esther dachte an den Tag ihres Erstgespräches, als sie zum ersten Mal von Panik geplagt die Türklingel ihres Analytikers betätigte. Damals hatte sie noch keine Vorstellung, worauf sie sich einließ. Sie war überzeugt, er würde sie heilen und dafür sorgen, dass die Angstzustände, die sie schon seit Wochen quälten, bald wieder aus ihrem Leben verschwanden.
Umso ernüchternder war seine Feststellung, dass er in seinem ganzen Leben noch nie jemanden geheilt hätte. Wenn überhaupt, dann könne nur sie selbst sich heilen. Esther wollte das lange Zeit nicht akzeptieren. Irgendjemand musste sie doch von ihren Angstzuständen befreien können. Wofür zahlte sie denn so viel Geld? Und was war mit den vielen PsychotherapeutInnen, die vorgaben, Angststörungen wie ihre sogar in wenigen Stunden heilen zu können? Alles nur Schwindel? Oder war er bloß ein Stümper?
Obwohl irgendetwas in Esther sagte, dass er recht hatte und nur sie selbst sich helfen konnte, reagierte sie trotzig. Es machte sie wütend, dass sie reden sollte, während er schwieg. Gut, wenn er schweigen konnte, konnte sie es auch. Schon damals nervte er sie mit der Deutung, dass sie Probleme hätte, die Grenzen der Realität anzuerkennen. Wollte er ihr sagen, wo ihre Grenzen lagen? Umso ernüchternder war die Tatsache, dass sich ihre Analyse dann wirklich viele Jahre lang um Grenzen drehte. Was immer Esther in dieser Zeit unternahm, um ihn aus der Reserve zu locken, es gelang ihr nicht, seine wohlwollende, aber doch distanzierte Haltung zu untergraben. Er nannte das Abstinenz. Sie fand es unmenschlich. Warum erzählte er nicht auch einmal etwas über sich? Wenn sie sich dann noch dafür interessiere, könne sie ihm am Ende der Analyse gerne Fragen stellen, war seine lapidare Antwort. Wieder abgeschmettert, dachte Esther.
Es dauerte mehrere Jahre, bis sie emotional begriff, was es mit dem Anerkennen der Realität auf sich hatte. Zum wiederholten Mal hatte er sie an den Mythos vom griechischen König Ödipus erinnert, der auf dem Weg nach Daulis an einer Weggabelung unwissentlich seinen Vater Laios erschlug und danach seine Mutter Iokaste ehelichte. Erst als sich Ödipus bewusst wurde, dass er selbst der Mörder seines Vaters war und zur Sühne die „Blendung“ auf sich nahm, wurde er zum „Sehenden“.
Mit einem Mal spürte Esther, was der Mythos sagen wollte. Erst als Ödipus bereit war, die Realität so zu sehen, wie sie war, und die damit verbundene Kastration, seine „Blendung“, akzeptierte, wurde aus dem „Verblendeten“ ein „Sehender“. Einer, der die Realität sah.
Rückblickend war diese Stunde die Wende in Esthers Analyse. Heute staunt sie nur noch, mit welchen Erwartungen sie die analytische Arbeit begonnen hatte. Was wollte sie nicht alles erreichen. So lange hatte sie im Leben verzichten müssen. So viel Leid war ihr widerfahren. Nach der Analyse würde sie endlich so weit sein, dass ihr nichts und niemand mehr etwas anhaben konnte. Wie anders sah doch die wirkliche Heilung aus. Diese bestand nicht in der Erfüllung ihrer kindlichen Träume, Sehnsüchte und Größenfantasien, sondern im Verzicht auf sie. Die ganze Analyse war ein einziger Desillusionierungsprozess. Das hätte sie zu Beginn der Behandlung nicht einmal im Traum für möglich gehalten.
Esthers Mutter war eine psychisch kranke Frau. Jedes Mal wenn Esther nach einem Treffen von ihr ging, ergriff sie ein tiefer Schmerz in der Brust. Wie ein düsterer Schleier breitete sich die Angst in ihr aus. Mit einem Mal fühlte Esther sich schuldig, weil sie ihrer Mutter nicht das geben konnte, was diese brauchte. Sie wollte auf der Stelle zurück, um ihr zu sagen, wie lieb sie sie hatte.
Doch im Leben gab es kein Zurück. Nicht in der Beziehung zu ihrer Mutter und auch sonst nicht. Ein Leben lang war Esther von ihrer Mutter zurückgewiesen worden. In der Kindheit wurde sie von ihr geschlagen und schwerstens misshandelt. Trotzdem oder gerade deswegen hing sie mehr an ihr als andere Kinder an ihren Müttern. Sie klammerte sich förmlich an sie. Noch als Erwachsene sehnte sich Esther nach einer guten Beziehung zu ihrer Mutter. Doch so schön sie sich diese in der Fantasie auch ausmalte, in der Realität verliefen die Treffen immer enttäuschend.
Esther hatte schon immer geahnt, dass ihre Angstzustände etwas mit ihrer Mutter zu tun haben mussten. Doch erst als sich bei ihr ungeheurer Hass gegen ihren Analytiker regte, weil sie realisierte, dass sie von ihm nie die Zuwendung erhalten würde, nach der sie sich schon seit Beginn der Analyse sehnte, wurde ihr auch das gewaltige Ausmaß der Aggression ihrer Mutter gegenüber bewusst. Viele Jahre lang hatte sich Esther dagegen verwehrt, anzuerkennen, dass das „Nie wieder“ auch für ihr Leben Gültigkeit besaß. „Bitte, bitte, einmal noch ...“, hatte sie schon als Kind gebettelt, wenn es ans Aufhören ging. Mit der Konsequenz, dass das „allerallerletzte“ Mal für Esther doch immer das vorletzte Mal blieb.
Esther hatte sich psychisch nie von ihrer Mutter lösen können. Bis zur Wende in der Analyse hatte sie gefühlsmäßig die kindliche Beziehung zu ihrer Mutter aufrechterhalten. Ihre Todesängste waren Trennungsängste. Seit der frühesten Kindheit stemmte sich Esther gegen den drohenden Mutterverlust. Es hatte lange gedauert, aber jetzt verstand sie den Zusammenhang und stimmte zu.
Je sadistischer sie von ihrer Mutter behandelt wurde, umso mehr hasste sie diese. Je stärker ihr Hass wurde, umso mehr fürchtete sie, ihre Mutter zu verlieren, und umso mehr klammerte sie sich an diese. Es macht keinen großen Unterschied, ob man einen Menschen real verliert oder bloß die Liebe zu dieser Person. Nicht ohne Grund heißt es im Volksmund nach einer schweren Kränkung: „Von jetzt an bist du für mich gestorben.“
Um ihre Mutter nicht „sterben zu lassen“, verleugnete Esther die Kränkungen, die von ihr ausgingen. Je gemeiner ihre Mutter agierte, umso mehr idealisierte Esther sie. Als Folge der jahrelangen psychoanalytischen Arbeit war Esthers Realitätsverleugnung aber schwächer geworden. Esther fiel es immer schwerer, ihre idealisierte Sicht von der Mutter aufrechtzuerhalten. Sie spürte, dass sie einen Menschen, der sie so behandelt hatte, nicht lieben konnte. Eigentlich war ihr das schon immer klar. Gleichzeitig war ihr dieses Wissen aber dermaßen unerträglich, dass sie es reflexartig aus dem Bewusstsein drängte.
Zu der Zeit hatte Esther einen Tagtraum. Sie fantasierte sich als Gefangene in einem Todeslager der Nationalsozialisten. Jeden Morgen ließen die Nazis die Frauen an einer weißen Linie antreten. Sie schrien willkürlich Namen und zwangen diese Frauen, einen Schritt nach vorne über die Linie zu treten. In Esthers Traum war das gleichbedeutend mit dem Todesurteil. Bei jedem Morgenappell sah sich Esther jämmerlich vor Panik zittern, ob ihr Name aufgerufen würde. „Eine andere bitte, nur nicht mich ...“, flehte sie, bis sie mit einem Mal eine Welle der Empörung überkam, gleichzeitig aber auch eine ungeheure Kraft.
Nein. Sie wollte sich nicht mehr länger feige verkriechen und hinter den anderen Frauen verstecken. Wenn schon, dann wollte sie den Schritt über die Todeslinie von sich aus tun und nicht darauf warten, bis ihr die Nazis keine Wahl mehr ließen. Im selben Atemzug wurde ihr klar, dass die Nazischweine, jetzt, wo sie den Tod nicht mehr fürchtete, keine Macht mehr über sie hatten.
Dieser Tagtraum half Esther, endlich auch ihre Mutter sterben zu lassen. Nicht die fleischliche Mutter, sondern bloß die Mutterrolle. Eine erwachsene Frau brauchte keine Mutter mehr. Was übrig blieb, war eine alte, psychisch kranke Frau, die einmal ihre Mutter gewesen war. Esther liebte diese Frau nicht. Sie hasste sie aber auch nicht mehr. Diese Frau war ihr einfach gleichgültig. Wäre sie nicht einmal vor langer Zeit ihre Mutter gewesen, hätte sie heute keinen Kontakt mit ihr. Seit Esther ihre Mutter sterben ließ, starben auch ihre Illusionen. Jetzt, wo sie die Welt so sehen konnte, wie sie wirklich war, kam ihr diese nicht mehr schrecklich vor.
Esther hatte begriffen, dass es vor der Unerbittlichkeit der Realität kein Entrinnen gab. Ihre Ängste hatten ihr den richtigen Weg gewiesen. Jetzt, wo sie dazu bereit war, sich heroisch dem Schrecken des Lebens zu stellen, konnte ihre innere Alarmanlage verstummen. Esther fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich frei.
Eine in der Antike übliche Methapher für die Kastration
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