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Kraftquelle Angst

Kraftquelle
 
 

Chrom

 
 
 

 

Auszug aus "Kraftquelle Angst". Hoffmann, W. Ueberreuter 2007.

Vorwort

Angst ist das Signal einer biologisch verankerten Alarmanlage. Wann immer sie schrillt, besteht Handlungsbedarf. Angst ohne reale Bedrohung kann ein Hinweis auf psychische Konflikte und innere Spannungen sein. Wer das alarmierende Angstsignal zu lange ignoriert oder mit Alkohol, Beruhigungsmitteln oder Drogen betäubt, ebnet damit den Weg in die Krankheit.
Ängste entstehen nie ohne Grund. Sie haben immer eine Botschaft. Eine Botschaft, die auf den ersten Blick oft nicht verständlich ist. Vor allem dann nicht, wenn der manifeste Inhalt der Angst mit ihrer latenten Verursachung verwechselt wird. Wen beim Überqueren einer Brücke Panik befällt, fürchtet doch nicht ernsthaft, dass die Brücke einstürzt. Die Brücke ist lediglich ein Symbol, das auf einen verborgenen psychischen Zusammenhang hinweist.
Es ist meine Absicht, Sie in diesem Buch auf der Grundlage des psychoanalytischen Menschenbildes für die meist verborgene Bedeutung der Ängste zu sensibilisieren. Nicht immer ist es leicht, die verschlüsselten Botschaften zu verstehen. Sie werden erkennen, dass Ängste nicht nur für den Einzelnen von größter Bedeutung sind, sondern auch für die Kultur eine enorme Triebkraft besitzen. Ohne Übertreibung kann man Angst als eine der wichtigsten Kraftquellen der kulturellen Entwicklung bezeichnen. Ohne Angst gäbe es vermutlich weder Religion noch Wissenschaft.
Es ist das existenzielle Dilemma des Menschen, dass er als einziges Lebewesen um seine Sterblichkeit weiß, sich nach Unsterblichkeit sehnt, seinem sterblichen Schicksal aber trotzdem nicht entrinnen kann. Da es keine reale Möglichkeit gibt, diesen menschlichen Urkonflikt zu lösen, bleibt zunächst nur der Weg in die Verdrängung, die Betäubung oder die Flucht ins Wunschdenken.
Gleich wie Drogen betäuben auf Wunschdenken beruhende religiöse oder esoterische Weltbilder die existenzielle Angst des Menschen nur, bringen ihn aber um die einzigartige Chance, an seinen Ängsten über sich hinauszuwachsen.
Die psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Thema Angst stützt sich auf die größte sozialpsychologische Studie, die im deutschsprachigen Raum zum Thema Angst und Stress in den letzten Jahren durchgeführt wurde. Die Studie wurde vom ifat erstellt.
Demnach leiden von 1.796 Befragten 54,7 % an Ängsten. 32,1 % haben leichte, 14,6 % starke und 8 % sehr starke Ängste. Der Anteil der Frauen mit Ängsten ist deutlich überrepräsentiert. Auffallend ist, wie viele junge Menschen unter Ängsten leiden. Zwei Drittel der unter 25-Jährigen werden von Ängsten geplagt.
Der zunehmende Konkurrenzdruck als Folge der Globalisierung, elektronische Errungenschaften wie Handy und E-Mail tragen zusätzlich dazu bei, dass der psychische Druck immer stärker wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Leben entscheidend beschleunigt. Musste jemand Anfang der Siebziger nur alle heiligen Zeiten einen Brief beantworten, so quillt heute täglich die Mailbox über.
Kein Wunder also, dass heute nahezu jeder Zweite über hohen Stress am Arbeitsplatz klagt. Vor allem Zeitdruck, Überlastung, Erfolgsdruck und fehlende Anerkennung machen Menschen in der Arbeit zu schaffen.
Angst und Stress sind mittlerweile auch zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor geworden. Nicht nur weil die Fehlzeiten bei Betroffenen durchschnittlich um zwei Tage höher sind, sondern auch weil die Leistungseffizienz diametral zum Ausmaß der psychischen Belastung sinkt.
Angesichts der ungeheuren Angst- und Stressbelastung kaufen viele psychologische Bücher und hoffen insgeheim, bei der Lektüre auf „den Stein der Weisen“ zu stoßen, der sie von ihren Sorgen und Ängsten befreit. Der Markt hat diese Sehnsucht längst entdeckt und die Buchläden sind voll mit trivialen psychologischen Ratgebern.
Ein verhaltenstherapeutisches Therapieprogramm empfiehlt Menschen mit Prüfungsängsten, sich auf dem Weg zur Prüfung vorzusagen: „Ich brauche keine Angst zu haben, ich habe genug gelernt.“ Als ob das die Betroffenen nicht selbst am besten wüssten. An der Existenz ihrer Prüfungsängste ändert dieses Wissen aber gar nichts.
Natürlich ist es sinnvoller, den Ängsten auf den Grund zu gehen und ihre verborgenen Botschaften besser verstehen zu lernen. Nur dass dieser Weg nicht unbedingt im Trend der Zeit liegt. Wer heute Erfolg haben will, muss auf das Wunschdenken setzen. Nicht ohne Grund heißt es in Verkaufsseminaren: „Verkaufe den Menschen niemals die Realität, sondern immer nur ihre Sehnsüchte, wenn du Erfolg haben willst.“
Trotzdem habe ich in diesem Buch davon Abstand genommen, das Wunschdenken zu bedienen. Aus meiner langjährigen psychoanalytischen Erfahrung weiß ich, dass erst die Realitätsanerkennung und die aus ihr hervorgehenden realen Veränderungen im Leben zu einer Linderung des Leidens führen. Nicht Wunscherfüllung, sondern Wunschverzicht ist angesagt.
Die meisten von uns hoffen auf eine Lösung ihrer Probleme, ohne sich selbst verändern zu müssen. „Irgendetwas muss es doch geben ...“ Glauben Sie mir, es gibt nichts. Nichts, was Ihnen eine reale Änderung Ihrer Lebensumstände ersparen könnte, sobald Sie die Ursachen Ihrer Ängste erkannt haben.
Eine Frau, die herausfindet, dass ihre Angstzustände von einem unbewussten Trennungswunsch als Folge fehlender sexueller Erfüllung hervorgerufen werden, muss sich entscheiden. Entweder verzichtet sie im künftigen Leben auf die Befriedigung, die ihr der gegenwärtige Partner nicht bieten kann, oder sie trennt sich. Diese Entscheidung wird ihr niemand abnehmen. Sie wird auch immer gleich schwer sein.
Wenn Sie also unter Ängsten leiden, stellen Sie sich mutig der Gefahr, was immer es auch sein mag. Machen Sie sich nicht vor, dass jemand anderer Ihre Probleme zum Verschwinden bringen könnte. Nur Sie selbst können sich heilen. Auch wenn es um Ihre Ängste geht, gibt es keinen besseren Experten als Sie. Keiner sonst kann wissen, wodurch Ihre Ängste hervorgerufen werden. Auch wenn dieses Wissen vielleicht durch die Verdrängung dem Bewusstsein entzogen und nur schwer zugänglich ist. Lassen Sie sich nicht entmutigen.
Erkunden Sie mit Hilfe dieses Buches die verbotenen Regionen Ihrer Psyche. Lassen Sie während des Lesens Ihre Gedanken schweifen und schieben Sie keinen Einfall weg. Auch dann nicht, wenn sein Inhalt anstößig ist. Kommen Sie dabei ruhig vom Hundertsten ins Tausendste. Achten Sie aber auch darauf, wohin Sie Ihre Tagträume führen und wie Ihre Einfälle mit Ihren Ängsten zusammenhängen. Dabei erfahren Sie mehr über sich selbst.
Lernen Sie auf dem Streifzug durch die bewussten und unbewussten Bereiche der menschlichen Seelenlandschaft auch Ihre eigenen Ängste besser kennen. Stellen Sie sich den verborgenen Abgründen Ihrer Seele. Sie werden entdecken, dass das Dämonische genauso ein Teil von Ihnen ist wie das Erhabene. Sie können der Begrenztheit Ihres Daseins zwar nicht entkommen, aber Sie können Ihr Schicksal mutig annehmen. Wenigstens diese Freiheit haben Sie.


ANGST, WUNSCHDENKEN UND MAGIE

Angst ist uncool

Jeder hat Angst. Aber nur die wenigsten sprechen darüber. In einer Welt, die sich Coolness auf ihr Banner geheftet hat, haben Ängste nichts verloren. Heute leben wir in einer Kultur, in der die Authentizität dem Künstlichen, Unechten, Scheinbaren den Platz abgetreten hat. Immer mehr Menschen verwechseln das wirklichkeitsfremde, seichte Zerrbild der Welt in der Werbung mit der wirklichen Welt.
Das Leben in der Werbung verläuft in sterilen Superlativen. Alles muss ganz einfach irre, cool, wahnsinnig, super, klasse, sensationell, unübertroffen, einzigartig, brandneu und natürlich sofort erreichbar sein. Auf etwas zu warten, ist uncool. Das Leben ist ein Hit und die ganze Welt ein Sonderangebot. Haben Sie keine Angst, greifen Sie zu. Der Ausverkauf hat längst begonnen.
Nur wer strahlend, schön, jung, dynamisch ist, hat in dieser Welt eine Existenzberechtigung. „Don’t worry, be happy.“ Was aber am Wichtigsten ist: Glück muss käuflich sein. Für jeden Wunsch das passende Produkt.
Nein, Ängste haben in einer coolen Welt, in der das oberste Gebot der Konsum ist, wirklich nichts verloren. So wurde alles, was Angst machen könnte, aus dieser Welt verbannt. Allem voran Alter und Tod. Die Kehrseite des glitzernden Konsumparadieses sind Entfremdung und wunschloses Unglück.
Dass Angst in einer Welt, die auf Konsum aufgebaut ist, nicht vorkommen darf, hat einen Grund. Angst würde Menschen zum Nachdenken veranlassen. Eingefleischte Konsum-Junkies könnten durch sie plötzlich wachgerüttelt werden und die Sinnhaftigkeit ihrer Lebensweise in Frage stellen. Überlegen, ob sich ihr Lebensglück wirklich darin erschöpft, Konsumgüter „einzuziehen“, oder ob es über die Befriedigung ihrer simpelsten Bedürfnisse hinaus vielleicht noch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt.
Doch auch auf solche beunruhigende Fragen gibt es sofort die passende Antwort. „Nicht nach den Ursachen forschen, nicht verstehen, nicht verändern, sondern einfach positiv denken. Wenn man nur fest daran glaubt, passiert es auch. Tatsächlich haben die Menschen im Konsumzeitalter wieder den Glauben entdeckt.
Die Ansicht, dass die Talibanisierung der Welt von finsteren Mullahs aus irgendwelchen entlegenen Winkeln dieser Erde betrieben würde und nur rückständige Dritte-Welt-Staaten dafür anfällig seien, ist falsch. Das Epizentrum dieser neuen realitätsfernen fundamentalistischen und wissenschaftsfeindlichen Bewegung befindet sich paradoxerweise in den Vereinigten Staaten, dem rigorosesten Vertreter des Konsumdenkens, und zeigt, dass die USA in ihrer Einstellung zu Realität und Wissenschaft ein gespaltenes Land sind.
Traut man den Umfragen, sind mehr als die Hälfte der Amerikaner wissenschaftliche Analphabeten. Das erstaunt, sind doch die Vereinigten Staaten gleichzeitig weltweit die führende Kraft im Bereich von Wissenschaft und Forschung. Dennoch betrachten laut einer im amerikanischen Wissenschaftsjournal „Science“ (8/2006) zitierten Umfrage mehr als 60 Prozent der Amerikaner Charles Darwins Evolutionstheorie als unbewiesen. Nur in der Türkei ist die Skepsis noch größer. Aus Gründen der Fairness ist aber festzuhalten, dass nicht alle in den Vereinigten Staaten ein Leben im neu aufkeimenden religiösen Wahn führen. Lediglich deren damaliger Präsident G. W. Bush und ziemlich genau die Hälfte ihrer Bevölkerung.
Weltweit ist in der Welt des Konsums der Irrationalismus auf dem Vormarsch. Religiöser Fundamentalismus, New Age, Esoterik, UFO- und Sektenwahn sind mittlerweile zu einer ernsthaften Herausforderung für die aufgeklärte, laizistische Gesellschaft geworden. Wenn der Erwerb geiler neuer Produkte nicht mehr genügt, um die Ängste des Menschen zu betäuben, warum dann nicht wieder bei magischen Weltbildern Zuflucht nehmen?
Überall in der westlichen Gesellschaft blüht das Geschäft mit der Seele. Gurus, Therapeuten, Trainer, Coaches, Berater, Familienaufsteller, Kartenleger und Wahrsager, sie alle fühlen sich berufen, Menschen das Heil zu bringen. Um zu geringe Nachfrage brauchen sie sich nicht sorgen. So unseriös können die Heilsversprechen gar nicht sein, dass zahlungswillige Interessenten ausblieben.
Als Reaktion auf die radikalen, angstmachenden Erkenntnisse der Psychoanalyse kam es in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu einer psychologischen Gegenreformation. Eine Vielzahl naiver psychologischer und psychotherapeutischer Konzepte überschwemmte den Markt.
Während sich die Psychoanalyse unmissverständlich von religiösen und magischen Weltbildern abgrenzte, bestehen zwischen den neuen Psychotherapien, Religion und Esoterik nur mehr unscharfe Grenzen. Heute legen Psychotherapeuten genauso Karten und erstellen Horoskope, wie Astrologen sich in psychologischer Beratung üben. Es gibt auch Psychotherapeuten, die ihre Patienten zum Beten auffordern und ihre religiöse Sichtweise in die Behandlung einfließen lassen.
Viele Heiler, Berater und Coaches geben vor zu wissen, wie man in der Arbeit oder im Beruf zu Reichtum und Glückseligkeit gelangen kann. Warum sie ihr grandioses Wissen nicht gleich selbst in die Realität umsetzen und so erfolgreich werden, wie sie es anderen in Aussicht stellen, bleibt ein Rätsel.
Einigermaßen entwaffnend sind auch die geistigen Ergüsse, die aus dieser Szene kommen: „Glück macht froh!“ – so die gar nicht unfrohe Erkenntnis eines Coaches für Führungskräfte, die er immerhin fünf Millionen Mal aufgelegt hat. Dieser Erfolg wirft nicht nur ein bezeichnendes Licht auf den aktuellen Zustand der breiten Masse, sondern auch auf die psychische Befindlichkeit von Führungskräften, die sich von solchen Weisheiten beeindrucken lassen. Wer denkt, dass verantwortungsvolle Manager oder Politiker gegenüber einer derart unseriösen und noch dazu hochgradig infantilen Coaching- und Beratungsszene immun seien, wird rasch eines Besseren belehrt.
Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ schneidern Beratungsgurus bis heute ihrer Klientel ungeniert unsichtbare Kleider. Gleichgültig, ob Coaches mit Führungskräften für teures Geld Pfadfinderspiele spielen oder sie mit psychologischen Plattheiten füttern: Immer noch fällt es vielen Führungskräften nicht auf, wie sehr sie sich vor aller Welt gerade dadurch entblößen, weil sie diese Peinlichkeiten mit sich geschehen lassen und darüber hinaus noch ernst nehmen. Die Zeit schreit förmlich nach einem Kind, das endlich den erlösenden Satz ausspricht: „Die sind ja alle nackt!“
Gemessen am Zustand unserer Kultur drängt sich der Verdacht auf, dass die Betäubung der Angst durch Konsum bei vielen den Verstand außer Kraft gesetzt hat. Mühelos halten magische Weltbilder heute den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stand. Wer sein Heil nicht mehr in der traditionellen Religion findet, sucht es eben bei New Age, in der Esoterik, religiösen Sekten oder sektenähnlichen psychotherapeutischen Glaubensgemeinschaften. Tatsächlich scheint es kaum etwas zu geben, was Menschen nicht glauben: angefangen beim ewigen Leben im Paradies bis hin zur Wirksamkeit von Schlankheitspillen oder heilenden Steinen. Nur an die eigene Begrenztheit und Vergänglichkeit, an die will niemand so recht glauben. Denn das macht Angst.

 

Esther hat Angst

Esther hatte einen Traum: Sie saß gerade beim Frühstück und las die Morgenzeitung. Mit dicken Lettern sprang ihr dieSchlagzeile ins Auge. Ein spanischer Wissenschaftler hatte eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und dafür den Nobelpreis erhalten. Es war diesem Wissenschaftler gemeinsam mit seinem Team gelungen, mit Hilfe der Gentechnik den Alterungsprozess nicht nur aufzuhalten, sondern sogar gänzlich umzukehren. Als erstem Lebewesen in der Geschichte der Erde war es dem Menschen gelungen, den Tod zu überwinden.

Schweißgebadet wälzte sich Esther in ihrem Bett. Seit Stunden quälte sie sich, den erlösenden Schlaf zu finden. Vergebens, ihr Nachthemd klebte auf ihrer Haut und im Brustkorb hämmerte ihr Herz wie eine Maschine, die jeden Augenblick außer Kontrolle zu geraten drohte. Mit jedem Pulsschlag näherte sie sich dem düsteren Schleier, vor dem ihr seit Kindestagen graute. Der unerbittlichen Grenze des Nichtseins, die sie von einer Sekunde auf die andere von dem trennen würde, was ihr bisher vertraut war. Sie würde alles hinter sich lassen, einschließlich sich selbst. Die erbarmungslose Schwärze des Todes würde sie umfangen und in Dunkel hüllen. Ihr Bewusstsein würde erlöschen wie ein Meteor. Dann würde Stille sein. Alles andere würde seinen gewohnten Lauf nehmen, nur sie würde in dieser Geschichte nicht mehr vorkommen, nicht als Handelnde, nicht als Beobachterin. Genau genommen würde sie in keiner Geschichte mehr vorkommen, nie wieder lachen, nie wieder weinen, nie wieder lieben. Es war dieses verdammte „Nie wieder“, das sie verzweifeln ließ.
Obwohl das Schlafzimmerfenster weit geöffnet war, hatte Esther das Gefühl zu ersticken. Es war aber nicht die drückende Hitze dieser Sommernacht, sondern allein der Gedanke an den eigenen Tod. Ein Satz fräste sich durch ihre Gehirnwindungen: „Du wirst sterben.“ Eine Realität, die ihr den kalten Schweiß aus den Poren trieb. „Du wirst sterben.“ Nicht heute Nacht. Auch nicht morgen. Dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal in den nächsten Jahren, aber: „Du wirst sterben.“ Keine andere Begebenheit in ihrem Leben war sicherer als ihr Tod.
Noch lag schützend ein Zeitpolster zwischen ihr und ihrem besiegelten Untergang. Doch welcher Verlass war schon auf die Zeit? Wie zum Hohn machten ihr die Schläge einer fernen Kirchturmuhr einmal mehr bewusst, wie flüchtig die Zeit war. Esther begann zu zählen. Nur noch wenige Sekunden, dann würde der kommende Glockenschlag bereits der vergangene sein. Erbarmungslos wies der Zeitpfeil immer in dieselbe Richtung. Was er berührte, wurde zur Geschichte.
In ihrer Vorstellung nahm Esther die Zeit vorweg. Sie sah sich in einem Spitalszimmer liegen, dessen karge Einrichtung – ein zweites unbelegtes Bett, ein Tisch, zwei Stühle – von der Neonbeleuchtung in kaltes Licht getaucht wurde. Nächtlicher Großstadtlärm, überlagert vom belanglosen Geschwätz der diensthabenden Schwestern in der Teeküche, würde die Geräuschkulisse abgeben, wenn ihr Vorhang zum letzten Akt aufging.
Allein mit einem Karzinom im Endstadium würde sie den heutigen Tag als den Tag erinnern, wo sie den Schrecken des Todes nicht mehr länger von ihrem Bewusstsein fernhalten konnte. Noch während sie dieses Tages gedachte, würde ihr die von den Zehen aufsteigende Kälte ankündigen, dass die Jahrzehnte dauernde Wartezeit nun zu Ende gehen sollte. Die zweite der beiden Türen im Wartesaal auf den Tod würde sich auftun und das Nichts offenbaren, welches sich hinter ihr verbarg.
Der Nächste bitte. Einige Minuten noch, dann würde sie nur mehr der Vergangenheit angehören. War sie bisher immer nur entfernte Beobachterin des Sterbens anderer gewesen, bot sich ihr nun die einmalige Chance, in vorderster Reihe dem eigenen Abgesang beizuwohnen. Ein Angebot, dem sie sich nicht entziehen konnte. Während ihr Licht verlöschte, würde ihr die sterile Leere des frisch bezogenen Nachbarbettes als treffende Metapher erscheinen – für eine, die sich gerade anschickte, spurlos im Nichts zu verschwinden, um einem anderen Platz zu machen: auf dem Fließband zum Tod.
Erneut wurde Esther von einem heftigen Angstanfall geschüttelt. Nein, sie wollte nicht sterben, heute nicht, morgen nicht, zu keiner Zeit. Sie wollte leben, ewig leben. Wie gerne hätte sie die Zeit angehalten, bevor sie sie in den Abgrund katapultierte. Dieses Fließband konnte man aber weder anhalten, noch konnte man von ihm abspringen. An der Realität der Zeit war nicht zu rütteln.
Esther begann zu beten. Was aber, wenn es doch ein Leben nach dem Tod gab? Woran so viele glaubten, konnte doch nicht einfach falsch sein. Esther fasste Hoffnung. Wäre der Tod wirklich nur das Tor zu einem anderen, unbekannten Seinszustand, könnte sie sich ab sofort entspannt zurücklehnen und ihrer Zukunft gelassen entgegenblicken. Hatte sie nicht erst kürzlich von schwarzen Löchern gelesen, wie sie beim Kollaps massereicher Sterne entstehen? Aufgrund ihrer ernormen Anziehungskraft verschlucken schwarze Löcher jegliche Form von Materie, die eine kritische Distanz zu ihnen unterschreitet – einschließlich Licht. Manche Physiker hielten es sogar für möglich, dass schwarze Löcher in direkter Verbindung mit weißen Löchern standen, die Materie ausspuckten.
Warum konnte es sich mit dem menschlichen Bewusstsein nicht ähnlich verhalten? Während ihr Bewusstsein im Diesseits zu einem schwarzen Loch kollabierte, wurde es im Jenseits dank eines weißen Loches neu erschaffen. Verzweifelt mühte sie sich ab, den Tod als eine Art Wurmloch der menschlichen Seele zu betrachten. Doch ihre Vernunft sperrte sich gegen diese Vorstellung. Die einen glauben an die Auferstehung, die anderen an die Wiedergeburt und jetzt sollte sie an Wurmlöcher glauben? Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Esther verwarf diese Idee wieder. Zu unwahrscheinlich erschien sie ihr, zu trivial, als dass sie sich mit ihr hätte trösten können.
Ihr Bewusstsein wurde doch von ihrem Gehirn hervorgebracht und würde schwinden, sobald dieses seine Funktion nicht mehr aufrechterhalten konnte. Oder vielleicht doch nicht? Es musste doch eine Methode geben, welche die Überprüfung eines vom Gehirn unabhängigen Bewusstseins erlaubte. Ihr kam ein wissenschaftliches Gedankenexperiment in den Sinn, bei dem im Gehirn ein Neuron nach dem anderen durch ein künstliches ersetzt wurde. Was würde dann mit ihrem Bewusstsein geschehen? Würde es verschwinden – wenn ja, ab welcher Zahl ausgetauschter Neuronen? Bliebe alles beim Alten, wäre das nicht der Beweis für künstliche Intelligenz, somit auch für das Fehlen einer vom Gehirn unabhängigen menschlichen Seele?
Sie erinnerte sich an eine Vollnarkose, die ihr vor vielen Jahren anlässlich eines chirurgischen Eingriffs verabreicht worden war. Sie hatte damals das Gefühl gehabt, als hätte jemand ihr Licht ausgelöscht. Genau so musste es sein, wenn man stirbt. Das empfand sie weiter nicht als schlimm. Wirklich schlimm war, dass sie im Gegensatz zur Vollnarkose vom Tod nie wieder erwachen würde, sie aber schon von Kindheit an wusste, auf welche Katastrophe sie unerbittlich zusteuerte, ohne sich davor schützen zu können. Jetzt, wo sie dieses furchtbare Wissen nicht mehr länger verdrängen konnte, würde es alle kommenden Glücksmomente überschatten. Nichts in dieser Welt war von Bestand, alles war der Vergänglichkeit unterworfen. Der Untergang war ihre eigentliche Bestimmung und dem kam sie mit jedem Atemzug näher.
Erschöpft drehte sich Esther auf die Seite. Ihr war klar, dass es so mit ihr nicht mehr weitergehen konnte. Gleich morgen würde sie sich nach Hilfe umsehen. Irgendetwas musste es doch gegen ihre Angstzustände geben. So stellte sie sich ihr Leben jedenfalls nicht vor.

 

Ohne Tod keine Evolution

Der Tod ist den meisten Menschen so selbstverständlich, allgegenwärtig, dass sie ihn als Gegebenheit hinzunehmen scheinen, ohne sich über seine Notwendigkeit weitere Gedanken zu machen. „Warum soll ich mir heute schon darüber den Kopf zerbrechen; ich werde es noch früh genug erfahren ...“ Der Tod ist eine Tatsache und es ist das Schicksal des Menschen, sterblich zu sein. Gleichzeitig dürfte es wohl nichts geben, was der Mensch mehr fürchtet als den eigenen Tod. Ganze Wissenschaftszweige verfolgen lediglich ein Ziel: den Tod möglichst lange aufzuschieben.
Milliarden werden weltweit investiert, um die Lebenszeit des Menschen zu verlängern. Nicht ohne Erfolg, noch in diesem Jahrhundert werden die Menschen in den westlichen Industriestaaten mit einer Lebenserwartung von bis zu 120 Jahren rechnen können. Gentechnik, Medizin, Anti-Aging-Industrie werden in einigen Jahrzehnten die faktische Lebenszeit des Menschen bis zu seiner genetisch vorgegebenen Grenze ausgereizt haben. Theoretisch könnte es sogar möglich sein, die Lebenszeit mit Hilfe der Gentechnik auf einen noch viel längeren Zeitraum auszudehnen. Letzten Endes muss der Mensch doch sterben.

Natürliche Selektion. Die Tatsache, dass alles Leben dem Tod unterworfen ist, steht in einem unauflöslichen Zusammenhang mit dem Prinzip der Evolution, wie es von Charles Darwin im 19. Jahrhundert formuliert wurde. Der darwinistische Evolutionsalgorithmus ist denkbar einfach. Er besteht aus drei Schritten: der natürlichen Selektion, der Variation und der Vererbung. Sämtliche Lebensformen, die wir auf unserem Planeten kennen, sind das Ergebnis des Zusammenspiels dieser drei Komponenten.
Wie ein Organismus letztlich beschaffen ist, steht in der Bauanleitung für Proteine, die in den Genen – das sind Abschnitte der DNA – codiert ist. Die DNA ist eine Doppelhelix, ein fadenartiges Makromolekül, das den genetischen Buchstabencode enthält. Die Gene werden beim Fortpflanzungsvorgang kopiert und sind potenziell unsterblich. Die natürliche Auslese sorgt dafür, dass sich erfolgreiche Gene ausbreiten, während nicht erfolgreiche untergehen.
Für alle, die sich unter dem darwinistischen Algorithmus nichts Konkretes vorstellen können, zur Veranschaulichung ein Beispiel aus dem Alltag: In einer Schulklasse wird den Kindern die Aufgabe gestellt, ein Gedicht korrekt von der Tafel ins Heft zu übertragen. Dem Vorgang des Abschreibens entspricht in der Evolution die Vererbung der Gene. Diese können auf zweierlei Weise kopiert werden. Bei einfachen Organismen wie den Bakterien durch Zellteilung, bei höher entwickelten Lebensformen durch geschlechtliche Vererbung. Bei der Zellteilung teilt sich die Zelle in eine Mutter- und eine Tochterzelle. Die DNA wird bei diesem Vorgang in der Zelle von kleinen, aus Protein bestehenden Kopiermaschinen abgeschrieben.
Für die geschlechtliche Fortpflanzung wie beim Menschen sind besondere Zellen verantwortlich: bei der Frau die Eizelle und beim Mann die Samenzelle. Die Gene von Mutter und Vater werden bei der geschlechtlichen Vererbung im sogenannten Cross-over neu gemischt. Die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle bringt dann einen neuen Menschen hervor, der die Hälfte seiner Gene von der Mutter, die andere Hälfte vom Vater erhält.
So wie die Kopiermaschinen in den Zellen werden auch die Kinder in der Schule beim Abschreiben Fehler machen. Sie werden Buchstaben auslassen oder hinzufügen, vielleicht auch Zeichenfolgen verdrehen oder ganze Zeilen überspringen. Die „Kopierfehler“, welche Kindern beim Abschreiben unterlaufen, heißen bei Genen Mutationen. Sie erfolgen zufällig, sorgen für Variation und sind die eigentlichen Schöpfer des Neuen.
Wenn nun bestimmt wird, dass nur jene Kinder, die den Text richtig von der Tafel abgeschrieben haben, in die nächste Klasse aufsteigen dürfen, kommt die Selektion ins Spiel. Viele Genmutationen fallen der natürlichen Selektion zum Opfer, weil sie für das betroffene Lebewesen einen Nachteil, zum Beispiel eine Behinderung, mit sich bringen. Manche erweisen sich jedoch als vorteilhaft und erhöhen die Erfolgschancen des Individuums. Das wäre in unserem Beispiel dann der Fall, wenn die Mutation des ursprünglichen Textes – zum Beispiel durch eine originelle Wortverdrehung – zu einer entscheidenden Verbesserung seines Inhaltes führen würde.
Oft wird unterstellt, dass Erfolg im darwinistischen Sinn bedeute, dass „der Stärkere den Schwächeren frisst“. Diese Primitivauslegung des Darwinismus haben sich auch die Nationalsozialisten im Dritten Reich zunutze gemacht, um so ihren Rassenwahn und ihre Verdrängungskriege pseudowissenschaftlich zu rechtfertigen. Eine solche Fehlinterpretation des Darwinismus beweist lediglich, dass die Nazis besser daran getan hätten, die Bücher zu lesen, statt sie zu verbrennen.
Ganz entgegen der mörderischen Herrenmenschenideologie der Nationalsozialisten, „alles Schwache gehört ausgerottet“, gibt es in der Natur genügend Beispiele, wo Stärkere und Schwächere zum gegenseitigen Vorteil miteinander kooperieren. Doch auch diese altruistischen Verhaltensweisen wie Brutpflege, Fürsorge, Opferbereitschaft sind als Ergebnis der natürlichen Auslese entstanden. Zu Unrecht werten Religiöse den Altruismus als Beweis für die Manifestation des Göttlichen im Menschen. Aus darwinistischer Sicht hängt der Erfolg eines Gens ausschließlich von seinem Fortpflanzungserfolg ab.
Wenn altruistisches Verhalten den Replikationserfolg der ihm zugrunde liegenden Gene erhöht, wird es sich auch ohne göttliches Zutun verbreiten. Mit der wissenschaftlichen Theorie des Darwinismus lassen sich die von den Nationalsozialisten begangenen Gräuel jedenfalls nicht rechtfertigen.

Überlebensvehikel der Gene. Lange Zeit herrschte unter Biologen Uneinigkeit, ob es bei der Evolution auf den Erfolg der Gruppe oder des Individuums ankomme. Nobelpreisträger Konrad Lorenz hielt, wie viele andere auch, an der Theorie der Gruppenselektion fest, wie sie von Wynne-Edwards formuliert wurde. Verkürzt ausgedrückt besagt diese Theorie, dass die Erhaltung der eigenen Art wichtiger sei als das Überleben des Individuums. Nur das Prinzip von der Erhaltung der Art könne erklären, warum altruistisches Verhalten, zum Beispiel die Brutpflege, von der Evolution selektiert wurde.
Dass die Theorie der Gruppenselektion falsch ist, zeigt ein einfaches Gedankenexperiment. Nehmen wir an, auf einer Autobahn würde die Höchstgeschwindigkeit für einen sehr befahrenen Streckenabschnitt aus Umweltschutzgründen auf 80 km/h herabgesetzt. Gleichzeitig fehlten die finanziellen Mittel, um diese Teilstrecke zu überwachen. Altruistische Autofahrer würden sich der Umwelt zuliebe trotzdem an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten und in Kauf nehmen, dass sie ihr Fahrziel etwas später erreichen.
Wie lange aber dauerte es, bis der erste Egoist aus der Kolonne der 80 km/h fahrenden Altruisten ausbricht, um sie zu überholen? Seinem Beispiel folgten bald andere Egoisten, die sich mit ihrem rücksichtslosen Verhalten gegenüber den Verantwortungsbewussten einen Vorteil herausschlagen – eben dass sie ihr Ziel früher erreichen. In Minuten gemessen wären die Egoisten den Altruisten bald haushoch überlegen. Es würde nicht lange dauern und die Altruisten, die sich weiterhin an die 80-km/h-Beschränkung halten, wären hoffnungslos in der Minderzahl. In einer Gruppe von Altruisten hätte doch jeder Egoist größere Chancen, seinen Vorteil auf Kosten der anderen zu vermehren.
Mit der Theorie der Gruppenselektion lässt sich die Verbreitung der Selbstbeschränker in der Natur jedenfalls nicht erklären. Selbst wenn es in einer altruistischen Gruppe nur ganz wenige eigennützige Dissidenten gäbe, würden sie im Laufe der nächsten Generationen mehr Nachkommen hervorbringen als die selbstaufopfernden Altruisten. Eine stabile evolutionäre Strategie lässt sich mit der Theorie der Gruppenselektion nur schwer belegen. Von den meisten Evolutionsbiologen wird sie daher heute auch nicht mehr ernst genommen. Für die Ausbreitung altruistischer Verhaltensweisen muss es also eine andere Erklärung geben.
Richard Dawkins, ein Vertreter des Genselektionismus, lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es in der Evolution wirklich geht – auch wenn es sich dabei aus menschlicher Sicht um schwer verdauliche Kost handelt. „Ich werde zeigen, dass die fundamentale Einheit für die Selektion und damit für das Eigeninteresse nicht die Art, nicht die Gruppe und – streng genommen – nicht einmal das Individuum ist. Es ist das Gen.“ (Dawkins, 1994)
Gene sind die Träger der Evolution, die eigentlichen Hauptdarsteller. In der Evolution geht es um die Genselektion. Nicht das Überleben der Gruppe oder des Individuums ist entscheidend, sondern das Überleben der Gene. Organismen sind lediglich Überlebensvehikel der Gene. Erfolgreiche Gene bauen erfolgreiche Überlebensvehikel. Erfolgreiche Überlebensvehikel wiederum fördern die Verbreitung der Gene, die sie gebaut haben. Sobald ihre Gene erfolgreich vererbt wurden, haben die Überlebensvehikel ihre Aufgabe erfüllt und sind eigentlich überflüssig.
Aus evolutionärer Sicht können sie nicht nur, sondern müssen sie sogar sterben. Entgegen allen religiösen Verheißungen sind auch wir Menschen nichts anderes als sterbliche Überlebensvehikel der Gene. Zufällig entstandene, vergängliche biochemische Roboter also, deren einziger Sinn darin besteht, die Gene, die uns erschaffen haben, an die nächste Generation weiterzugeben. Weit davon entfernt, der Höhepunkt der Schöpfung oder gar das Ebenbild Gottes zu sein, sitzen wir mit allen Lebewesen im selben Boot, mit den anderen Primaten sogar auf demselben Ast der Evolution. Immerhin teilen wir mit den Schimpansen 98 % unserer Gene.
Was uns allerdings von den anderen Primaten grundlegend unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, die Zukunft gedanklich vorwegzunehmen. Von früh an quält uns die Todesangst. Spätestens mit fünf, sechs Jahren weiß ein jedes Kind, wo sein Lebensweg endet. Es ist ihm bewusst, dass es einmal alles verlieren wird, einschließlich sich selbst.

Traum vom ewigen Leben. Unsterblichkeit und ewige Jugend zählen daher zu den ältesten Träumen der Menschheit. Der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen bedarf keiner Erklärung. Eine Mutter, deren Kind stirbt, würde alles darum geben, einen solchen Verlust rückgängig zu machen. Umgekehrt fürchten Kinder nichts mehr als den Tod ihrer Eltern. Wenn es nach unseren Träumen ginge, gäbe es weder Tod noch Zeit. Allein die sentimentale Wehmut, die viele beim Durchblättern eines Familienfotoalbums befällt, lässt keinen Zweifel aufkommen, wonach wir uns am meisten sehnen.
Erstaunlicherweise sind viele Träume, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte hervorgebracht hat, im Nachhinein von Wissenschaft und Technik erfüllt worden. Dabei handelt es sich um keinen Zufall. Die aus den Ängsten und Nöten des Menschen resultierenden Sehnsüchte und Wunschträume sind wichtige, wenn nicht gar die wichtigsten Kraftquellen für seinen Forschungsdrang. Der Traum vom Fliegen währte jahrtausendelang, bis er im 19. und 20. Jahrhundert dank wissenschaftlicher Forschung und Technik endlich Wirklichkeit wurde. Im 21. Jahrhundert macht sich die Wissenschaft daran, das Rätsel des Todes zu lösen.
Werden wir also in absehbarer Zeit frei von Todesangst leben können? Was wäre, wenn es Gentechnikern, Molekularbiologen, Biochemikern und Medizinern tatsächlich gelänge, den Alterungsprozess nicht nur aufzuhalten, sondern sogar gänzlich umzukehren? Tödliche Verletzungen und Krankheiten mit Hilfe neuer Behandlungstechniken zu heilen, so dass die Entscheidung über Alter, Leben und Tod im Ermessen eines jeden Einzelnen läge?
Der Traum von ewiger Jugend wäre damit Wirklichkeit. Würde sich die Entdeckung eines solchen Jungbrunnens auf das Schicksal des Menschen positiv auswirken? Wären wir dann wirklich von all unseren Ängsten und Sorgen befreit, wie wir es uns insgeheim in unseren Unsterblichkeitsfantasien ausmalen?
Ich glaube nicht, dass mit der Überwindung des Todes das goldene Zeitalter anbräche. Die ungebremste Vermehrung würde sehr schnell zu einer Verknappung der Ressourcen führen. Kriege und mörderische Konkurrenz auch zwischen Eltern und Kindern wären unvermeidlich. Um Chaos zu vermeiden, müssten die Regierungen bald einschneidende Gesetze erlassen. Gesetze, die zum Beispiel festlegten, dass sich nur noch diejenigen vermehren dürfen, die sich für ein sterbliches Schicksal entschieden haben. Der Rest müsste kinderlos bleiben.
Mit einem Mal gäbe es zwei Sorten von Mensch: Sterbliche und Unsterbliche. Welche Krankheiten dürften bei den Sterblichen dann noch behandelt werden und bis zu welchem Alter? Müsste zum Beispiel einer krebskranken jungen Mutter – die sich ja für Sterblichkeit entschieden hat – die medizinische Behandlung verweigert werden? Welche Lebensaltersgrenze würde für die Sterblichen festgelegt – und was passierte mit denen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht auf natürliche Weise gestorben sind?
Freilich würden sich nicht alle an die gesetzlichen Bestimmungen halten. Sterbliche könnten es sich plötzlich anders überlegen. Unsterbliche könnten heimlich Kinder in die Welt setzen. Im Falle einer Entdeckung bliebe der Gesellschaft dann aber keine andere Wahl, als die Betroffenen oder deren Nachwuchs zu töten.
Natürlich würde es auch Menschen geben, die nach ein paar Hundert Jahren ihres Lebens überdrüssig wären. Eine Art Quotenregelung müsste dafür Sorge tragen, wie diese frei gewordenen „Lebensplätze“ nachbesetzt würden. Doch selbst die besten gesetzlichen Bestimmungen könnten nicht verhindern, dass es zu grausamen Verdrängungskriegen um neuen Lebensraum käme. Die Konsequenzen für die Entwicklungsländer lägen auf der Hand. Wer militärisch zu schwach ist, seine Interessen zu verteidigen, ginge unter.
Vermutlich dauerte es nicht lange, bis die Idee vom „unwerten“ Leben eine neue Hochblüten erlebte. Früher oder später bildeten sich aller Wahrscheinlichkeit nach militärisch abgesicherte Eliten, die nicht nur das Privileg der Unsterblichkeit, sondern auch der limitierten Vermehrung für sich in Anspruch nähmen. Von da an würde nicht mehr der Zufall, sondern der Mensch selbst die für seine Art gültigen Selektionskriterien vorgeben.
Ohne Zweifel gerieten die Weltreligionen durch eine solche Entwicklung in eine arge Zwickmühle. Würden die geistlichen Würdenträger den Gläubigen dann noch mit gutem Beispiel voran in den Tod gehen? Oder wäre ihr Gottesglaube doch nicht stark genug, um sich gegen die nunmehr unbegrenzte irdische Existenz für ein Leben im jenseitigen Paradies zu entscheiden? Angesichts ihrer bisherigen Geschichte würden die Glaubensgemeinschaften vermutlich pragmatisch reagieren und diese neue Entwicklung mit all ihren Konsequenzen als von Gott gewollt gutheißen.
Auch unabhängig von diesen Spekulationen lässt sich leicht nachvollziehen, warum „Unsterblichkeitsgene“, sofern es überhaupt welche gab, der natürlichen Auslese zum Opfer fallen mussten. Die Verknappung der Energiereserven als Folge der Unsterblichkeit eines sich selbst fortpflanzenden Organismus muss früher oder später zur Übervölkerung und damit zum Aussterben der ganzen Population geführt haben. Mit ihr starben auch jene Gene aus, die diese „unsterbliche“ Population hervorgebracht hatten, darunter auch das „Unsterblichkeitsgen“.
Bei der geschlechtlichen Vermehrung genügt eine Generation, um die Gene an die nächste weiterzugeben. Alle vorhergehenden Generationen sind lediglich unnötige Konkurrenten um die Ressourcen, die das Überleben der jüngsten Generation gefährden. Erst der Tod der jeweils älteren Generation sichert das Überleben der jüngeren und ist aus evolutionärer Sicht ein entscheidender Vorteil. Gene, die sterbliche Überlebensvehikel bauten, haben sich im Laufe der Evolution als die erfolgreicheren erwiesen.
Trotzdem schließen sich beim Menschen biologische Unsterblichkeit und Evolution nicht zwangsläufig aus. In seinem großartigen Werk „Das egoistische Gen“ (1994) führt Richard Dawkins ein – allerdings nur für den Menschen gültiges – zweites, von den Genen unabhängiges, Replikatorsystem ein: das memetische. Meme sind nach Dawkins charakteristische sich selbst replizierende neuronale Muster im Gehirn, die sämtlichen Gedanken, Einstellungen, Erinnerungen, Theorien, Bildern, Melodien zugrunde liegen. Die memetische Evolution verläuft parallel zur genetischen auf der mentalen Ebene. Während Gene sich von Generation zu Generation vererben, kopieren sich Meme durch Imitation von Gehirn zu Gehirn. Das menschliche Gehirn ist damit die „Umwelt“, welche für die natürliche Auslese der Meme verantwortlich ist.

Bewusstwerdungsprozess. Um Bewusstsein zu ermöglichen, muss sich das Gehirn in seiner Entwicklung bereits deutlich vom Reflexapparat des Tieres unterschieden haben. Während das Tier auf Reize hauptsächlich mit angeborenen Verhaltensmustern reagiert, vergrößerte sich die Reaktionspalette beim Menschen, nachdem das feste Reiz-Reaktions-Schema bei ihm im Laufe der Evolution einmal aufgebrochen war, um ein Vielfaches. Erst der Wegfall der festen Verknüpfung von Reiz und Reaktion ermöglichte die Entwicklung von menschlicher Kultur, wie wir sie heute kennen.
Das Sprengen der angeborenen Reiz-Reaktionsketten war jedoch nur eine von mehreren Voraussetzungen, die beim Bewusstwerdungsprozess des Menschen eine entscheidende Rolle spielten. Darüber hinaus musste das Gehirn bereits zwischen innen und außen, früher und später unterscheiden können und es muss auch in der Lage gewesen sein, sich selbst zum Objekt seiner Beobachtung zu machen. Indem es einen Teil seiner Innenwelt wie ein Objekt der Außenwelt behandelte und in seiner Wahrnehmung zwischen innerer und äußerer Welt hin und her pendelte, schuf es die Grundlagen für die Introspektion und die Ausbildung eines Ich-Bewusstseins.
Von diesem Zeitpunkt an konnte das Gehirn erfolgreiches Verhalten, das es zufällig hervorbrachte, von sich selbst kopieren. Diese neu erworbene Fähigkeit zur Selbstimitation spielt vor allem beim Versuchs-Irrtums-Lernen eine wichtige Rolle.
Die Erkenntnis, dass alle beobachtbaren Ereignisse in ihrer Abfolge der Richtung eines Zeitpfeiles folgten, dass die Ursache stets der Wirkung voranging und nie umgekehrt, läutete das Zeitalter des kausalen Denkens ein. Jedes Ereignis hatte eine Geschichte. Nichts passierte ohne Grund. Nichts war umkehrbar. Niemals wurden aus welken Blättern frische, grüne. Nie wurden Menschen jünger. Stets wies der Zeitpfeil von der Geburt in Richtung Tod.
Nachdem der Urmensch nicht mehr auf angeborene Verhaltensschemata zurückgreifen konnte, wurde der „Reflexapparat“ des Tieres beim Menschen im Laufe der Evolution durch ein erlebnisfähiges Gehirn ersetzt. Eine neuronale Maschine, die auf Reize mit emotionalen Signalen reagierte, die sie auch selbst wahrnehmen und verarbeiten konnte. Diese emotionalen Reaktionen stimmten das Gehirn zwar auf ein bestimmtes Verhalten ein, riefen aber keine unbedingte Verhaltensreaktion mehr hervor. Auf diese Weise blieb genügend Raum, um auch kognitive Information in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.

 

Angst, ein Trick der Evolution

Bei allen höheren Lebensformen löst eine lebensbedrohliche Situation einen emotionalen Stresszustand aus. Während Tiere in einer solchen Gefahrensituation eben mit angeborenen Verhaltensweisen reagieren, ruft eine gleichartige Bedrohung beim Menschen zunächst Angst hervor. Vergleichbar mit dem schrillenden Ton einer Alarmanlage durchdringt die Angst das Bewusstsein. Sie ist ein unmissverständlicher Hinweis, dass Gefahr im Verzug ist und unmittelbarer Handlungsbedarf besteht. Die Intensität der Angst hängt beim Menschen proportional vom Ausmaß der Bedrohung ab. Extreme Gefahrensituationen rufen Panik hervor, geringe Gefahr führt zu milder Angstentwicklung. Gleichzeitig werden im Körper die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, die den Organismus veranlassen – je nachdem wie die Gefahr eingestuft wird –, um sein Leben zu kämpfen oder das Heil in der Flucht zu suchen.
Letztlich lassen sich alle Gefühle in ein Lust-Unlust-Schema einordnen. Gefühle, die der Unlustseite zuzurechnen sind, weisen stets auf einen Mangelzustand im Organismus hin, der sich im Bewusstsein als Wunsch bemerkbar macht. Der Anstieg der sexuellen Bedürfnisspannung kann sich in Form von erotischen Fantasien, zarten Liebesgefühlen, leidenschaftlichem Begehren oder sehnsüchtigem Dahinschmachten bemerkbar machen. Interessenskonflikte rufen Aggressionen hervor. Was immer auch den eigenen Interessen im Wege steht, soll möglichst schnell zum Verschwinden gebracht werden. Die erfolgreiche Auflösung des Mangelzustandes signalisieren Lustgefühle – zum Beispiel der Orgasmus und die daran anschließende sexuelle Entspannung, das Gefühl der Sättigung oder des Triumphes.
Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass die Entwicklung von Menschen- und Schimpansenkindern bis zum Ende des zweiten Lebensjahres sehr ähnlich verläuft. Danach erst erfolgt die Weichenstellung. Das Kind bildet abrufbare Erinnerungsspuren aus, es erkennt sich selbst im Spiegel und es entwickelt allmählich die Fähigkeit, zwischen Innen- und Außenwelt, Gegenwart und Vergangenheit zu unterscheiden. Dieser Entwicklungsschritt muss auch phylogenetisch von Bedeutung gewesen sein. Denn von dem Zeitpunkt an, wo sich der Mensch Schritt für Schritt seiner selbst bewusst wurde, zunehmend besser zwischen Ich und Nicht-Ich, vorher und jetzt, Ursache und Wirkung unterscheiden konnte, müssen zirkuläre Phänomene wie der Tages- und Nachtrhythmus, das Einschlafen, Träumen und Erwachen, die Nahrungsaufnahme und Ausscheidung, später natürlich auch die existenziellen Fragen der Geburt und des Todes in das Zentrum seines Interesses gerückt sein. (Vielleicht haben zirkuläre Abläufe auch die Arbeitsweise seines Gehirns geprägt.)
„Der Tod als existenzielle Grenzerfahrung konfrontiert den Menschen am deutlichsten mit der Sinnfrage“, schreibt Weninger (2001), und „Menschen haben eine enorme Vielfalt von Ritualen und Vorstellungen in Verbindung mit dem Tod entwickelt. Daher sind Spuren der Totenbehandlung besonders geeignete Kriterien, um im archäologisch-anthropologischen Kontext Hinweise auf religiöses Denken zu erkennen.“
Unbestritten gehören die Vorstellungen und Handlungen im Zusammenhang mit dem Tod zu den ältesten, verbreitetsten und damit auch erfolgreichsten Memen in der Geschichte der kulturellen Evolution. Das „Gottes-Mem“, das Mem von einem „Leben nach dem Tod“ oder das „Jenseits-Mem“ haben ihre Anziehungskraft auf das menschliche Gehirn bis heute nicht eingebüßt.

Todesbewusstsein. Damit der Tod für den Menschen aber überhaupt zu einem persönlichen Problem werden konnte, muss sein Gehirn bereits in der Lage gewesen sein, zukünftige Ereignisse zu antizipieren und Erfahrungen aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu übertragen. Vielleicht erinnerte ihn das Fell eines erlegten Bären an den Tötungsakt und die vorangegangene Jagd. Möglicherweise wunderte er sich auch über die Veränderung, die damals mit dem Bären vor sich ging, als dieser sich gerade noch brüllend aufrichtete, um im selben Atemzug, von mehreren Speeren durchbohrt, zusammenzubrechen und mit weit aufgerissenem Maul offenen Auges regungslos am Boden liegen zu bleiben. Irgendetwas war in diesem Augenblick mit dem Bären geschehen – nur was? Stand ihm selbst das gleiche Schicksal bevor?
Eine ganz ähnliche Frage muss sich dem Menschen angesichts eines Todesfalles in seiner Gruppe, zum Beispiel als Folge einer Krankheit oder eines Unfalls, gestellt haben. Noch dazu, wo am Körper des Toten bald unheimliche Veränderungen vor sich gingen. Nicht nur, dass sein Gesichtsausdruck plötzlich fremd wirkte, verfärbte sich auch seine Haut und nach einigen Stunden wurden auf dem fahlen Körper sogar seltsame Flecken sichtbar. Nach spätestens zwei bis drei Tage verströmte der Verstorbene einen unerträglichen Gestank.
Noch furchteinflößender muss der in fortgeschrittener Verwesung befindliche Leichnam eines nahen Angehörigen auf den Urmenschen gewirkt haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der tote menschliche Körper in Gestalt wandelnder Skelette, halb verwester Leichen, Zombies, Mumien oder blutsaugender Vampire auch heute noch so furchterregend wirkt. Wie sonst ließe sich das häufige Vorkommen dieser Schreckgestalten im cineastischen Bereich oder in den Gruselkabinetts, Geisterbahnen und Spukschlössern der Vergnügungsparks erklären?
Vermutlich waren in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung weniger „religiöse“ Überlegungen als Motiv für die Bestattung ausschlaggebend als die Furcht vor der „dämonischen“ Leiche sowie der Verwesungsgestank, den sie verbreitete. Erst recht, wenn eine Gruppe gezwungen war, sich für einen längeren Zeitraum in unmittelbarer Umgebung des verwesenden Körpers aufzuhalten.
Die ältesten von Menschenhand ausgehobenen Gräber in Le Moustier und La Chapelle-aux-Saints (Frankreich) oder Kebara (Israel) fallen in die Zeit des Neandertalers. Die Begrabungsstätten erlauben jedoch keine gesicherte Aussage darüber, ob das Todesproblem bereits ins Bewusstsein des Neandertalers gedrungen war. Genauso gut wie sich die Gräberfunde als Hinweis auf frühe Bestattungsrituale deuten lassen, könnte es sich dabei um ganz gewöhnliche Müllgruben gehandelt haben, in denen damals neben Tierkadavern auch menschliche Leichen entsorgt wurden.
Nach Campbell (1991) sprechen der Skelettfund in Le Moustier, ein etwa 16-jähriger Junge in schlafender Pose, den Kopf auf den rechten Unterarm gestützt, oder die Ost-West-Ausrichtung der Gräber in La Chapelle-aux-Saints – vielleicht ein Hinweis auf eine frühe Sonnensymbolik – eher für eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod.

Bedeutung des Todes. Im Grunde ist es nicht so wichtig, ab welchem Zeitpunkt sich der Mensch zum ersten Mal gedanklich mit seiner Vergänglichkeit beschäftigte. Entscheidend ist allein die Tatsache, dass er die Bedeutung des Todes als einziges Lebewesen auf diesem Planeten antizipierte. Von nun an genügte die bloße Vorstellung des eigenen Todes, um Angst auszulösen. Natürlich war die Verarbeitung dieser angstmachenden Erkenntnis für die weitere Entwicklung des Menschen von größter Bedeutung.
Eine mögliche Deutung des Todeserlebens findet sich bei Campbell. „Das Geheimnis des Todes war also erlebt und verarbeitet worden, und zwar bei den auf der Jagd getöteten Tieren ebenso wie beim Menschen. Und die Antwort, die man dafür fand, hat seit jener Zeit allen Trostsuchenden Trost gespendet und lautet: Nichts stirbt, Tod und Geburt sind nur ein Hinübergehen und Wiederkehren wie durch einen Schleier.“ (Campbell, 1991)
Diese archaische Deutung von Tod und Geburt als sichtbarem Zeichen eines zirkulären Wandlungsprozesses liegt bis heute noch allen magischen Weltbildern zugrunde. Ob sie allerdings wirklich ein Beweis für die frühe Religiosität des Neandertalers oder des Homo sapiens ist, muss bezweifelt werden. Vielmehr scheint es sich dabei um die ersten „wissenschaftlichen“ Gehversuche des Menschen gehandelt zu haben, die Welt, in der er lebte, auf der Höhe seines damaligen Wissensstandes zu erklären.
Er erkannte, dass jedem Tag die Nacht und jeder Nacht der Tag folgte, Sonne und Mond, warme und kalte Jahreszeiten einander abwechselten. Dass die Natur im Frühjahr aufblühte und im Herbst erstarb. Verwundert musste er feststellen, dass der Schlaf – dem stets das Erwachen folgte – den Zugang zu einer Durchgangswelt, dem Traum, eröffnete. Er spürte, wie Hunger und Sättigung, Ausscheidung, sexuelles Begehren und Befriedigung einen immerwährenden rhythmisch an- und abschwellenden Kreislauf bildeten, den er nicht zu verstehen und erst recht nicht zu beeinflussen vermochte.
Aus der Beobachtung der Natur lernte er, dass der Höhlenbär, mit dem er gelegentlich sogar die Behausung teilte, zu Beginn der kalten Jahreszeit in einen todesähnlichen Schlaf fiel, aus dem er erst wieder erwachte, wenn die wärmere Jahreszeit anbrach. Wohin der Mensch auch blickte, bot sich ihm das Bild eines in sich geschlossenen Kreislaufes der Natur. Nichts lag also näher, als die Grenzerfahrungen der Geburt und des Todes ebenfalls in diesem Sinn als Ausdruck eines zirkulären Prozesses zu deuten.
Noch dazu, wo der Zustand des Nichtseins für den Menschen ohnedies nicht vorstellbar ist. Selbst wenn wir daran denken, nicht zu sein, bleiben wir als Vorstellende weiter anwesend. Nach Freud ist der Tod im Unbewussten daher auch nicht repräsentiert. Ein Kleinkind kann sich unter Tod zunächst einmal gar nichts vorstellen. Von seinem Grundgefühl her ist es unsterblich. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit erwirbt es erst später als Folge äußerer Erfahrungen.
Mit Religion, wie wir sie heute verstehen, hatte das frühe Wirklichkeitsverständnis freilich recht wenig zu tun. Eher schon mit den ersten wissenschaftlichen Gehversuchen des Menschen in seinem Bemühen, die Vorgänge in der Welt rund um ihn zu verstehen. Umso erstaunlicher, dass religiöse magische Weltbilder sich immer noch auf die primitiven Erklärungsmodelle des Urmenschen stützen, „mit ihrem Glauben an Übernatürliches aber jämmerlich daran scheitern, der erhabenen Größe der wirklichen Welt gerecht zu werden“, wie Dawkins es in einem Interview auf den Punkt bringt. Der Siegeszug der auf magischem Denken und Realitätsverleugnung beruhenden religiösen Meme lässt nur eine Deutung zu: Sie haben Lebewesen, die sich ihrer Sterblichkeit zunehmend bewusster wurden, einen gewaltigen Selektionsvorteil verschafft.

Selbsterhaltungsfunktion. Der Tod ist eine evolutionäre Notwendigkeit, das steht außer Frage. Gleichzeitig verfügen alle höher entwickelten Lebewesen aber auch über die angeborene Fähigkeit, auf lebensbedrohliche Situationen entweder aggressiv, mit Kampfverhalten, oder defensiv, mit Flucht, zu reagieren. Beim Menschen wird diese Reaktion von bewusst erlebter Angst eingeleitet. Durch diese genetisch verankerte Selbsterhaltungsfunktion erhöht sich die Chance eines Individuums, dem Tod zumindest so lange zu entkommen, bis es seine Gene erfolgreich weitergegeben hat. Der Alterungsprozess nach erfolgter Fortpflanzung sorgt schließlich dafür, dass Lebewesen für ihre Feinde zu einer immer leichteren Beute werden. Letztlich vollendet der natürliche Tod das Werk, indem er die verbliebenen unnötigen Konkurrenten um die Nahrungsressourcen aussiebt.
Tod und Selbsterhaltungsfunktion, diese ist beim Menschen gleichbedeutend mit Todesangst, sind beide durch natürliche Auslese entstanden. Ohne diese Antagonisten würde es keine höheren Lebensformen geben. Anders als das Tier, das nur auf unmittelbar gegebene Gefahren reagieren kann, verfügt der Mensch über ein Bewusstsein, das es ihm ermöglicht, auch zukünftige Bedrohungen gedanklich vorwegzunehmen. Evolutionär betrachtet ist das natürlich ein gewaltiger Selektionsvorteil. Aufgrund dieser Fähigkeit kann sich der Mensch schon viel früher auf Gefahren einstellen, sogar auf solche, die erst in ferner Zukunft auf ihn lauern. Angesichts der Unabwendbarkeit des eigenen Todes aber wird diese Fähigkeit zum Bumerang.
Worin unterscheidet sich denn unser Schicksal von dem eines Häftlings in der Todeszelle? Gewiss, die Zellenausmaße sind außerhalb der Gefängnismauern größer und auch das Leben draußen verläuft vielleicht abwechslungsreicher. Der Ausgang der Geschichte ist aber in beiden Fällen der Gleiche. Von Geburt an ist der Mensch zum Tod verurteilt. Seit der frühen Kindheit ist er sich dieser Tatsache sogar bewusst. Obwohl er sich nach Unsterblichkeit sehnt, gibt es vor dem Tod kein Entrinnen. Paradoxerweise scheint sich jedoch kaum jemand daran zu stoßen.
Die meisten leben so, als würde der Tod nur die anderen betreffen. Verräterische Redewendungen wie „Sollte ich einmal sterben ...“ unterstreichen dieses Phänomen. Die Unbestimmbarkeit des Todeszeitpunktes scheint es dem Gehirn zu ermöglichen, den eigenen Tod so zu behandeln, als würde er nie eintreten: „Natürlich werde ich einmal sterben, aber doch noch nicht jetzt ...“

 

Die Verleugnung des Todes

Aufschlussreich sind auch die Reaktionen auf einen Todesfall im Bekanntenkreis. Selten wird der Tod als ein natürliches Ereignis akzeptiert. Fast immer suchen die Angehörigen nach Schuldigen, die für den Tod des Verstorbenen verantwortlich sind. Entweder ist der Betroffene selbst daran schuld, weil er zu spät zum Arzt gegangen ist, oder die Ärzte haben seinen Tod auf dem Gewissen. Die Conclusio ist immer die Gleiche: Unter anderen Umständen wäre der Betroffene noch am Leben.
In „Das egoistische Gen“ äußert Richard Dawkins über die Kritiker an seinen Überlegungen zum Gottes-Mem: „Es reicht ihnen nicht, wenn ich sage, dass die Idee von der Existenz eines Gottes große psychologische Anziehungskraft besitzt. Sie wollen wissen, warum das so ist. Psychologische Anziehungskraft bedeutet Anziehungskraft für Gehirne, und Gehirne werden durch die natürliche Auslese von Genen im Genpool geformt.“ Ich meine, dass sich die Ausbildung von Gottes- und Jenseits-Memen evolutionär betrachtet sehr wohl bezahlt gemacht hat.

Selektionsvorteil. Vergleichen wir zwei fiktive menschliche Populationen. Bei beiden ist der Bewusstwerdungsprozess so weit fortgeschritten, dass ihre Individuen um die eigene Sterblichkeit wissen. Die erste Population lässt sich ausschließlich von ihrer Ratio leiten. Die Realität wird so genommen, wie sie ist. Nur das zählt, was überprüfbar ist. Über Dinge, die nicht erfahrbar sind, wird nicht spekuliert.
Die andere hingegen verfügt über eine hohe Fantasiebegabung. Bei ihr sind die Grenzen zwischen Realität und Fantasie fließend. Ihre Einbildungskraft macht es dieser Population möglich, unerklärliche Phänomene wie auch die unlustvollen Seiten der Realität im Sinne ihrer Wünsche umzudeuten.
Bei der ersten Population müssen die realistische Einschätzung des Todes und die daraus resultierende Angst den Kampf ums tägliche Dasein nachhaltig beeinflussen. Eine Population, die sich über den Tod keine Illusionen machen kann, wird es sich sehr gut überlegen, ob sie sich auf eine kriegerische Auseinandersetzung einlässt oder nicht. Vor die Wahl gestellt, ihr Revier zu verteidigen und dabei den sofortigen Tod zu riskieren oder es aufzugeben – was unter Umständen zu einer Verschlechterung der Lebensumstände führt, dafür aber die unmittelbare Todesgefahr abwendet –, wird sie sich mit höchster Wahrscheinlichkeit für die zweite Möglichkeit entscheiden.
Im Vergleich zu der anderen Population werden ihre Individuen ängstlicher, unsicherer und aggressionsgehemmter agieren. Sie werden Persönlichkeitseigenschaften aufweisen, wie wir sie heute von depressiven oder phobischen Menschen kennen. Nicht von ungefähr gehen diese psychischen Störungen mit verminderter sexueller Appetenz einher. Die geringere Kampfbereitschaft gepaart mit schwächerem Sexualverlangen muss den Fortpflanzungserfolg dieser Generation nachhaltig negativ beeinflussen.
Betrachten wir nun die zweite Population. Ihre Fähigkeit zur Fantasiebildung erlaubt es ihr, die Realität des Todes so weit zu entschärfen, dass die Angst davor zwar nicht gänzlich verschwindet, aber zumindest so weit entschärft wird, dass sie sich im Alltag nicht mehr störend bemerkbar macht: „Ich muss den Tod nicht fürchten, er ist ja nur das Tor zu einer anderen Welt.“
Eine Population, deren Individuen fähig sind, den unvermeidlichen Schrecken des Todes im Sinne ihres Wunschdenkens umzudeuten, aber eben nur so weit, dass realitätsgerechtes Handeln trotzdem noch möglich ist, erwirbt sich aus meiner Sicht einen gewaltigen Selektionsvorteil. Während die erste Population ausschließlich realitätsgerecht reagiert, schafft sich die zweite eine Realität, die mit der tatsächlich gegebenen nur mehr in loser Verbindung steht.

Existenzielles Dilemma. Die Ausbildung des Bewusstseins stürzte den Menschen in ein arges existenzielles Dilemma. Als ihn die Evolution vom Baum der Erkenntnis naschen ließ, wurde ihm mehr bewusst als bloß seine Nacktheit. Mit einem Schlag konnte er in seiner Vorstellung die eigene Zukunft bis zum bitteren Ende vorwegnehmen. Von nun an wusste er, was seine Bestimmung war. Das wäre an und für sich noch keine Katastrophe gewesen, hätte nicht gleichzeitig die Selbsterhaltungsfunktion dafür gesorgt, dass der Mensch im Leben nichts mehr fürchtete als den eigenen Tod.
Wie alle anderen Lebewesen verbrachte auch er sein ganzes Leben damit, ihm zu entkommen. Eben weil er über ein Bewusstsein verfügte, muss er früher oder später eingesehen haben, dass gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen war. Wenn er aber ohnedies sterben musste, warum brachte er sich dann nicht gleich um, sondern nahm die ganze Last des Daseins auf sich? Noch dazu, wo die unlustvollen Augenblicke im Leben bei Weitem überwogen. Warum tat er sich all die Qualen an, ertrug Hunger, Durst, Kälte, Schmerz, wenn er denselben Lohn, der ihm am Ende seiner Tage winkte, früher, bequemer und schmerzfreier haben konnte? Dieser Umstand ist ohne Zweifel auf den Einfluss der Selbsterhaltungsfunktion zurückzuführen. Die Paradoxie des Menschen ist nur schwer zu überbieten. Frei von Todesangst beginge er ab einer gewissen Schmerzintensität Selbstmord, mit ungeminderter Todesangst im Bewusstsein liefe er Gefahr, unter der Last seiner Angst zusammenzubrechen.
Nie wäre das Bewusstsein zu einer solchen Erfolgsgeschichte geworden, hätte nicht die Evolution zur Ausbildung von Mechanismen geführt, die es dem Gehirn erlaubten, die angstmachenden Seiten der Realität vom Bewusstsein entweder gänzlich fernzuhalten oder zumindest so weit umzuformen, dass sie dort keine Bedrohung mehr hervorriefen. Es klingt zwar reichlich absurd, aber die natürliche Auslese hat dafür gesorgt, dass wir heute über ein Gehirn verfügen, das sich selbst hinters Licht führen kann, sobald reale Lösungsmöglichkeiten versagen. Nachdem sich dieser Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismus bewährt hatte, wurde er auf alle psychischen Inhalte ausgedehnt, die im Bewusstsein Konflikte hervorrufen.
Überall in der menschlichen Kultur finden sich heute Bereiche, wo unliebsame Aspekte der Realität verleugnet und durch Fantasiegebilde ersetzt werden. Menschen sehen die Welt schon längst nicht mehr so, wie sie ist, sondern stets auch so, wie sie in ihren Vorstellungen sein sollte. Religion, New Age und Esoterik verdanken ihre Entstehung nicht irgendeiner göttlichen Energie, sondern der Angst, die der Mensch vor dem Tod empfindet, und seiner daraus resultierenden Fähigkeit zur Realitätsverleugnung.
Wäre die Existenz des Menschen nicht begrenzt und wäre er sich seiner unvermeidlichen Selbstauslöschung nicht bewusst, bräuchte er weder Gott noch Glauben. Magische Weltbilder erfüllen in letzter Konsequenz nur ein Ziel: die Realität des Todes zu entschärfen und die Begrenztheit der menschlichen Existenz zu verleugnen. Sie sind ein geradezu idealer Kompromiss zwischen der lebenserhaltenden Todesangst und der Tatsache, dass der Mensch dem Tod nicht entkommen kann. Nachdem die Realität die Erfüllung seiner Ewigkeitssehnsüchte im Diesseits verweigert, schuf er kraft seines Vorstellungsvermögens ein Jenseits. In diesem Paradies soll nun all das erfüllt werden, wonach sich der Mensch auf Erden vergebens sehnt.
Obwohl diese Lösung seines existenziellen Konfliktes nahezu perfekt ist, ahnt der Mensch trotzdem, dass an seiner Art der Realitätsbewältigung etwas faul ist. Sein Gehirn spürt, dass es sich selbst betrügt. Bis heute noch ist es in manchen Ländern unter strenger Strafandrohung verboten, Gott den Allmächtigen in Frage zu stellen oder an Glaubenswahrheiten zu zweifeln. Das ergibt doch nur dann einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass das Gehirn sehr wohl weiß, dass seine Konstruktionen einer kritischen Hinterfragung nicht standhalten würden, und es deswegen einen Riegel vorschiebt.
Eine Behauptung, die beweisbar ist, kann getrost hinterfragt werden. Welche Möglichkeit gibt es aber, beim Glauben herauszufinden, welcher wahr ist und welcher nicht? Hier ist die Antwort denkbar einfach und durch die Geschichte unzählige Male belegt: Wer die Macht hat, den anderen seinen Glauben aufzuzwingen, ist im Besitz der „Wahrheit“. In der Wissenschaft zählen die Argumente, beim Glauben die Gewalt.

 

Wünsche – Treibstoff für die Seele

Jasche lag lange Zeit schweigend auf der Couch seines Analytikers. Er dachte an alles Mögliche. Eigentlich sollte er aussprechen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Die psychoanalytische Grundregel der „freien Assoziation“ kannte weder Zurückhaltung noch Zensur. Der Fluss der Gedanken sollte durch nichts eingeschränkt werden. Zwischen bedeutenden und unbedeutenden Einfällen wurde nicht unterschieden. Alles war gleich wichtig. Das hörte sich leichter an, als es war. Nicht einmal seine intimsten Vorstellungen waren von der Grundregel ausgenommen. Die peinlichsten Inhalte seines Seelenlebens sollten ans Tageslicht gezerrt und analysiert werden. Tat er es nicht, deutete ihm sein Analytiker das als Widerstand. Aber nicht einmal dann wurde dieser Kerl von sich aus aktiv. Er übte keinen Druck aus, bohrte nicht, stellte keine unangenehmen Fragen, sondern ließ es einfach dabei bewenden. Er wies lediglich darauf hin, dass Jasche die Bedeutung seiner Widerstände erst besser verstehen müsse, bevor er sie auflösen könne. Abermals war er auf sich selbst zurückgeworfen.
Ihm wäre es lieber gewesen, sein Analytiker hätte ihm Gesprächsthemen vorgeschlagen oder konkrete Fragen gestellt, mit denen er sich in der Stunde auseinandersetzen hätte können. Von anderen Therapierichtungen wusste er, dass man Hilfesuchende nicht so in der Luft hängen ließ. Dort wurden Verhaltenspläne geschmiedet, kreative Mittel in die Arbeit einbezogen, Lebenspanoramen zu Papier gebracht, Rollenspiele angeregt oder hitzige Auseinandersetzungen mit Polstern geführt, die Mutter, Vater oder andere wichtige Bezugspersonen symbolisierten. Neuere Therapieansätze bedienten sich sogenannter Familienaufstellungen auf Familienbrettern oder in natura, legten Karten – die verblüffend an die Tarotkarten der Wahrsager erinnerten – oder zogen die Sterne zurate. In der Psychoanalyse hingegen gab es nichts, woran man sich halten konnte. Keine Gedankenanstöße, keine Vorgaben, keine helfende Hand, die einen führte, weil sie wusste, wo es langgeht. Immer musste man das Feld selbst bestellen. Das machte die Sache ja so ungemein schwierig.
Jasche träumte vor sich hin. Was wäre, wenn die Regierungen aller Staaten in einer gemeinsamen Deklaration die psychoanalytische Grundregel zur Maxime des menschlichen Zusammenlebens machten. Mit dem einen Unterschied jedoch, dass durch diesen Beschluss nicht nur Gedanken-, sondern auch Handlungsfreiheit garantiert wäre. Von einem bestimmten Zeitpunkt an – zum Beispiel Schlag Mitternacht des kommenden Tages – dürfte jeder Mensch tun und lassen, wonach ihm gerade war, ohne dass er für sein Handeln irgendwelche Konsequenzen zu befürchten hätte. Anfangs kam ihm sein Einfall widersinnig vor. Keine ernst zu nehmende Staatsmacht auf der ganzen Welt würde eine derart verrückte Entscheidung treffen. Trotzdem reizte ihn dieses Gedankenspiel und er fing an, es weiterzuentwickeln. Was änderte sich am Zusammenleben der Menschen durch die Aufhebung aller Gesetze? Würde sich überhaupt etwas ändern? Was bedeutete diese neue Situation für ihn persönlich? Würde ihn die Beseitigung aller bisher auferlegten Einschränkungen freier machen?
Jasche spürte, wie alleine schon die Vorstellung, seine Wohnung am Morgen nach Inkrafttreten des gesetzlosen Zustandes zu verlassen, bei ihm Unbehagen hervorrief. Wovor fürchtete er sich? Vielleicht würde er auf die Straße treten und feststellen, dass alles seinen gewohnten Lauf nahm. Nein, so sehr konnte Jasche seinen Glauben an das Gute im Menschen nicht strapazieren, als dass er dieser naiven Hypothese hätte folgen können. Das Chaos würde ausbrechen, so schnell könnte man gar nicht schauen. Wohin Gesetzlosigkeit führte, wusste jeder vernünftige Mensch aus der Geschichte. Bilder von vergangenen Kriegsschauplätzen gingen ihm durch den Kopf. Unter der Gesetzlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen kam vieles zum Vorschein, was sonst in den Abgründen der menschlichen Seele nur rumorte.
Das beste Beispiel in der jüngeren Vergangenheit war die Tragödie von New Orleans. Kurz nachdem der Hurrikan „Katrina“ über die Stadt gefegt war, Gesetz und Ordnung mit den Gebäuden in den Fluten versunken waren, marodierten bewaffnete Banden durch die untergehende Stadt. Diese beschränkten sich bei Weitem nicht nur auf Plünderungen. Sie mordeten aus reiner Lust am Töten und machten systematisch Jagd auf Frauen, um sie zu vergewaltigen. Jasche gab sich keinen Illusionen hin. Ein gesetzloser Zustand würde eher früher als später zu Chaos und offener Gewalt führen. Anfangs käme es wahrscheinlich zu Plünderungen. Einige Schwachköpfe würden sogar die Tresore der Banken ausräumen, weil sie noch nicht realisiert hätten, dass Geld zu diesem Zeitpunkt keinen Wert mehr hatte. Für Güter, die man sich einfach aneignen konnte, brauchte man nicht zu bezahlen. Nur, wer würde dann überhaupt noch Güter herstellen oder sonst irgendwelche Arbeiten verrichten? Eines war sicher, Wirtschaft und Verkehr kämen nach kurzer Zeit zum Erliegen. Wie lange würde es dauern, bis noch Schlimmeres zur Selbstverständlichkeit würde?
Selbst die Anständigen, Vernünftigen müssten sich bald dem Druck der Realität beugen. Auch ihnen bliebe keine andere Wahl, als ihr Leben, ihre Lieben, ihr Hab und Gut mit Gewalt zu verteidigen. Es dauerte nicht lange und das Faustrecht ersetzte die Paragrafen. Das öffentliche Leben, die gesellschaftlichen Strukturen würden zusammenbrechen. Gleichgesinnte rotteten sich zusammen. Bandenkriege wären unvermeidlich. Nur ein Gesetz behielte Gültigkeit: das Recht des Stärkeren. Nötigung, Sklaverei, Raub, Mord und Vergewaltigung stünden an der Tagesordnung, dessen war sich Jasche sicher.
Zu seiner Verblüffung machte ihn sein Analytiker darauf aufmerksam, dass in seinem Gedankenspiel immer nur die anderen die Schandtaten begingen, während seine Weste blütenweiß blieb. Warum? War er etwa besser als die anderen Menschen, stand er gar auf der Seite der „Engel“? Ob es ihm gefiel oder nicht, musste er zugeben, dass er die ganze Zeit über etwas Essenzielles verleugnet hatte. Es fiel ihm schwer, sich dieser Wahrheit zu stellen: Natürlich wäre er zu genau denselben Handlungen fähig, die er seinen Mitmenschen unterstellte. Dieser Gedanke missfiel ihm sehr, passte er doch überhaupt nicht in das Bild, das er von sich entworfen hatte. Es war viel leichter, sich über die Gräuel von Nazimördern schockiert zu zeigen, als anzuerkennen, dass es etwas gab, was einen mit diesen auf dieselbe Stufe stellte. Nur, was war das?
Sein Analytiker erinnerte ihn daran, dass Gesetze im Laufe der Geschichte überall dort entstanden, wo sie etwas verboten oder regelten, was Menschen im anderen Fall ungehemmt ausgelebt hätten. Gesetze richteten sich immer gegen Begierden oder schränkten sie zumindest ein. Dabei handelte es sich jedoch nicht um harmlose Wünsche, wie im Winter Melonen essen, sondern um Triebwünsche, auf deren Erfüllung der Mensch im Laufe seines Zivilisationsprozesses verzichten musste, weil sie mit dem Leben in einer Gruppe unvereinbar waren. Ihre Nähe zur Sexualität und Gewalt erübrigte jeden Zweifel, dass es sich dabei um Abkömmlinge egoistischer, asozialer Triebregungen handeln musste. Im Alltag merkte man nicht viel von diesen Wünschen, weil etwas im menschlichen Gehirn es ermöglichte, diese Wünsche vom Bewusstsein weitgehend fernzuhalten. Nur in Witzen, Tagträumen und in den nächtlichen Träumen machten sie sich gelegentlich bemerkbar. Ihre mangelnde Präsenz im Bewusstsein war auch der Grund, warum so viele Menschen den Zustand nach der Verdrängung ihrer asozialen Triebregungen mit ihrem eigentlichen verwechselten. Weil sie von diesen verpönten Regungen keine Kenntnis mehr hatten, lebten sie so, als wären diese gar nicht vorhanden. Nicht bei ihnen selbst und auch nicht bei anderen. Ein gefährlicher Trugschluss, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Jasche musste seinem Analytiker recht geben, dass unterdrücktes Verlangen jederzeit zum Vorschein kommen kann, sofern es die Umstände erlauben. Um sich die Existenz dieser abgewehrten Triebwünsche zu bestätigen, brauchte er sich bloß seine Tagträume vor Augen zu führen. Jasche erschrak. Wollte er wirklich all das, was er sich allein in seinen sexuellen Fantasien ausmalte? Von der Illusion, dass er auf der Seite der Guten stand, konnte er sich in diesem Fall jedenfalls getrost verabschieden.
Umgekehrt war er im Alltag alles andere als ein Monster. Er hatte gute Umgangsformen und war wegen seiner freundlichen, entgegenkommenden Art bei den meisten Menschen beliebt. Bisher hatte er sich auch nichts zuschulden kommen lassen, sieht man von den wöchentlichen Diebstählen der Sonntagszeitung ab. In der Sexualität verhielt er sich, ganz im Gegenteil zu seinen sexuellen Fantasien, einfühlsam und rücksichtsvoll. Jasche war verwirrt. Wer war er nun wirklich, Dr. Jekyll, Mr. Hyde oder beides zusammen?

 

Geburtsstunde der Psychoanalyse.

1895 war für Freud ein denkwürdiges Jahr. Er verbrachte die Sommerferien mit seiner Familie in der Villa Bellevue, in der Nähe des Wiener Kahlenberges. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli hatte Freud einen eigenartigen Traum. Unter dem Titel „Irmas Injektion“ sollte dieser Traum später in die Annalen der Psychoanalyse eingehen. Warum? Weil es Freud zum ersten Mal gelungen war, mit seiner psychologischen Technik der „freien Einfälle“ einen Traum restlos zu entschlüsseln und dessen verborgenen Sinn freizulegen. Noch fünf Jahre später, im gleichen Jahr, in dem die „Traumdeutung“ veröffentlicht wurde, fragte er seinen Freund Fließ voll Stolz: „Glaubst Du eigentlich, dass an dem Haus (Villa Bellevue) dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: ,Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigmund Freud das Geheimnis des Traumes?‘“ (Gay, 1989) Der ersten gelungenen Traumanalyse folgten zahllose weitere. Der Wiener Seelenarzt schätzte, in seinem Leben weit über tausend Träume gedeutet zu haben. Eigene und solche von Patienten. Die Analyse all dieser Träume führte Freud zu dem überraschenden Schluss: Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Grund genug, um mehr über die Hintergründe in Erfahrung zu bringen, die Freud zu diesem erstaunlichen Schluss veranlassten. Seine psychologische Technik der Traumanalyse besteht im Wesentlichen darin, den Traum in einzelne Stücke zu zerlegen und zu jedem Traumstück frei assoziieren zu lassen. Nicht die logische Denkarbeit, sondern die spontanen Einfälle zu den einzelnen Traumstücken – gleichgültig, ob sie nun passend scheinen oder nicht – ermöglichen das Verständnis von Träumen. Damit ist auch klargestellt, dass ein Traum ohne die persönlichen Einfälle des Träumers nicht einmal ansatzweise richtig verstanden werden kann. Hierin unterscheidet sich das psychoanalytische Traumverständnis grundlegend von dem magisch-religiöser Auslegungen, die Träume bis heute noch als Manifestation einer transzendenten Welt verstehen.

Schlaf und Tod. Seit Urzeiten ist der Schlaf eine der gebräuchlichsten Metaphern für den Tod. Redewendungen wie „die letzte Ruhe“ oder „ewiger Schlaf“ unterstreichen diesen Zusammenhang. In der Hauptsache ist die äußerliche Ähnlichkeit von Schlafenden und Toten für diese Gleichsetzung verantwortlich. Doch sind in der Welt, die sich dem Menschen im Schlaf offenbart, auch die Grenzen zwischen Leben und Tod aufgehoben. In diesem Schattenreich kann man Personen begegnen, die schon vor langer Zeit begraben wurden. Andere wiederum kommen zu Tode, obwohl sie sich in Wirklichkeit bester Gesundheit erfreuen. Wenn es ganz arg hergeht, kann man sogar seinem eigenen Tod beiwohnen. Wie Kindern muss es auch dem Urmenschen schwer gefallen sein, zwischen der Traumwirklichkeit und der Realität im Wachzustand zu unterscheiden.

Traum und Jenseits. Kein Wunder also, dass der Traum im Altertum als Schnittstelle der diesseitigen mit einer geheimnisvoll anmutenden realen jenseitigen Welt verstanden wurde. Was lag näher, als die Ereignisse im Traum mit den Vorgängen im Wachen zu verknüpfen? Die älteste schriftlich festgehaltene Traumdeutung findet sich, in Stein gemeißelt, im Gilgameschepos. Ea, Gott des Süßwasserozeans, schenkte Gilgamesch die Träume, damit der die Wünsche und Absichten der Götter erkennen konnte.
Um die Sprache der Götter in die Sprache der Menschen zu übersetzen, bedurfte es jedoch einer besonderen Begabung. Nur wer zum Propheten berufen war, konnte Träume richtig auslegen. In den frühen Hochkulturen des alten Orients hatten Propheten, Astrologen, Traumdeuter eine ähnliche Funktion wie Regierungsberater heute. Sie waren sehr einflussreich und wurden vor wichtigen Entscheidungen regelmäßig von den antiken Herrschern konsultiert. Ihre Traumauslegungen beruhten auf einfachen Analogien zwischen den Traumbildern und Vorkommnissen in der realen Welt. Im Laufe der Zeit entwickelten sich aus diesen Analogien regelrechte Symbolsysteme, die in Traumbüchern festgehalten wurden. Das älteste Traumbuch stammt aus Ägypten. Doch auch heute finden sich im einschlägigen Buchhandel noch jede Menge Traumbücher, deren Symbolik auf dem antiken Traumverständnis beruht.
Die gängige Praxis, Träume auf der Grundlage eines Wörterbuches für Traumsymbole zu deuten, hat auch vor der Psychologie nicht haltgemacht. C. G. Jung, Gründer der analytischen Psychologie, einer psychologischen Schule, die religiöse, psychologische und mythologische Aspekte verbindet, misst den Traumsymbolen für das Verständnis des Traumes sogar einen zentralen Stellenwert bei. In Übereinstimmung mit dem esoterischen und religiösen Traumverständnis betont Jung die Bedeutung der übersinnlichen geistigen Welt für den Traum. Eingekleidet in Ursymbole, von Jung Archetypen genannt, und archetypische Bilder würde sich diese dem Träumer offenbaren.
Eine andere Disziplin, die Parapsychologie, beschäftigt sich ebenfalls mit dem Phänomen des Traumes. Vertreter der Parapsychologie glauben, dass sich bedeutende Ereignisse wie Todesfälle oder Katastrophen in Träumen vorankündigen. Auch telepathische Botschaften sollen in die Träume Eingang finden. Wissenschaftlich belegt sind weder Wahrträume noch telepathische Träume. Das liegt vor allem daran, dass in den meisten Fällen erst die Erfüllung des vermeintlichen Wahrtraumes den Trauminhalt beim Träumer in Erinnerung ruft. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Glaube an übersinnliche Dinge deren Auftrittswahrscheinlichkeit signifikant erhöht.

Paradoxer Schlaf. Während viele Menschen ihren Träumen eine wichtige, ja sogar transzendente Bedeutung beimessen, gibt es andere, die behaupten, überhaupt nicht zu träumen. Das ist allerdings ein Trugschluss. Denn ein bis eineinhalb Stunden, nachdem ein Mensch eingeschlafen ist, hebt sich der Vorhang zum nächtlichen Traumtheater, das sehr treffend als „paradoxer Schlaf“ bezeichnet wird.
Treffend deswegen, weil es wirklich ausgesprochen paradox ist, wenn mitten im Schlaf plötzlich eine Periode höchster Gehirnaktivität einsetzt. Diese Periode wird von schnellen Augenbewegungen begleitet. Wegen der schnellen Augenbewegungen heißt dieses Stadium auch REM-Stadium – von rapid eye movement. Das Gehirn befindet sich nun in jenem geheimnisvollen Zustand, in dem die Träume entstehen. Werden Menschen außerhalb der REM-Phasen geweckt, berichten sie zwar auch von traumähnlichen Vorgängen, die aber mehr dem Denken im Wachzustand ähneln. In der REM-Phase hingegen sind die Träume bildhaft und bunt.
Im Gegensatz zum Tiefschlaf verlaufen in der Traumphase Herzschlag, Blutdruck und Atmung unregelmäßig. Das Gehirn wird jetzt sogar besser als im Wachzustand durchblutet. Dadurch steigt auch die Gehirntemperatur. Gelegentlich kommt es zu Zuckungen im Gesichts- oder Körperbereich. Die Gliedmaßen sind völlig schlaff und zeigen keinerlei Reflexe. Dagegen sind bei Frauen die Klitoris und bei Männern der Penis hochgradig erregt. Die körperlichen Vorgänge in der Traumphase scheinen Freud recht zu geben, der Träume vorwiegend als Ausdruck sexueller Wünsche deutete.
Anfängliche Vermutungen, dass Menschen, die am Träumen gehindert werden, sich nach einigen Tagen psychisch verändern würden, ließen sich experimentell bisher nicht bestätigen. Vorübergehender Entzug des paradoxen Schlafes durch Psychopharmaka, Alkohol oder Drogen führt zu einer Intensivierung bzw. Verlängerung der REM-Phasen, sobald das Gehirn wieder unbeeinträchtigt ist. Die einzelnen Schlafstadien werden pro Nacht ca. viermal durchlaufen und dauern im Durchschnitt etwa eineinhalb Stunden, wobei der Anteil des Paradoxen Schlafes bei ca. 20 bis 25 % liegt. Die erste REM-Phase, die etwa nach einer Stunde Schlaf erreicht wird, ist eher kurz. Mit zunehmender Schlafdauer werden die REM-Phasen länger. Im Laufe des Lebens verkürzt sich die Traumzeit des Menschen.
Während ein Säugling unmittelbar nach der Geburt am längsten träumt, nimmt die Traumzeit bei alten Menschen deutlich ab. Interessanterweise ist der Anteil des paradoxen Schlafes nicht nur bei alten Menschen, sondern auch bei Psychotikern deutlich niedriger. Nach wie vor gibt es seitens der Schlafforschung noch keine überzeugende Theorie über die Funktion des Schlafes. Was jedoch die psychologische Deutung der Träume anbelangt, ist Freuds „Traumdeutung“ noch immer ein wegweisendes Werk, dessen Hypothesen durch die moderne Schlafforschung nach und nach Bestätigung erfahren haben.

 

Der Traum ist eine Wunscherfüllung

Freud unterscheidet beim Traum zwischen dem manifesten Inhalt und den latenten Traumgedanken. Der manifeste, erinnerbare Trauminhalt ist nach seiner Theorie nur die Oberfläche des Traumes. Er lässt sich stets auf tiefer liegende Vorstellungen zurückführen, die durch verdrängte Wünsche hervorgerufen werden. Diese unbewussten Vorstellungen bezeichnet Freud als „latente Traumgedanken“. Im weitesten Sinne versteht Freud den Traum als eine Art assoziativer Bildersprache, in der die seelischen Abläufe während des paradoxen Schlafes zur Darstellung gelangen. Unerfüllte Wünsche, die als erfüllt dargestellt werden, sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Der im Wachzustand erinnerbare Inhalt ist das Kleid, zu dem sie verarbeitet wurden.
Was aber berechtigte Freud dazu, Träume durchwegs als versteckte Wunscherfüllungen zu deuten? Und ist es nicht vollkommen widersinnig, ja sogar lachhaft, einen Albtraum als erfüllten Wunsch zu werten? Lassen Sie sich überraschen und denken Sie vorerst einmal an die Träume von Kindern. Denn es sind vor allem Kinderträume, die den wunscherfüllenden Charakter des Traumes am deutlichsten hervorkehren.
Ein vierjähriger Bub sollte mit seinen Eltern die Ferien auf einer Insel im Mittelmeer verbringen. Er wusste, dass ein Teil der Reise mit dem Schiff erfolgen würde. Wegen der bevorstehenden Schiffsreise war er schon Wochen vorher völlig aus dem Häuschen und konnte den Tag der Abreise kaum erwarten. Eines Morgens kam er ins Schlafzimmer seiner Eltern gerannt und erzählte aufgeregt, dass er in der Nacht mit einem riesigen weißen Schiff zu dieser Insel gefahren sei. Ein anderes Mal träumte er, seine Spielzeugtruhe sei bis oben voll mit aufgeladenen Batterien. Tatsächlich musste er sich immer wieder darüber ärgern, dass er sein batteriebetriebenes Spielzeug nicht verwenden konnte, weil die Batterien leer waren. Das Lieblingsgericht einer Fünfjährigen war Pudding. Einmal hatte ihre Mutter beim Einkauf auf den Pudding vergessen, sodass es zur Jause keinen gab. In der nachfolgenden Nacht träumte das Mädchen von einer riesigen Schüssel Vanillepudding, in der sie schwamm.
Es ist bei Kinderträumen wirklich nicht schwer, den wunscherfüllenden Charakter nachzuweisen. Doch auch in den Träumen Erwachsener werden Wünsche – manchmal sogar völlig ungeniert – als erfüllt dargestellt. Zum Beispiel dann, wenn man im Traum ein WC aufsucht, um seine Notdurft zu verrichten, unmittelbar darauf aber mit heftigem Harndrang erwacht. Oder wenn man abends etwas Salziges gegessen hat und in der Nacht von kalten Getränken träumt, die den Durst löschen. Gewiss hat auch Ihr Wecker schon einmal vergeblich geläutet, weil Sie im Traum schon längst aufgestanden sind. Träume dieser Art kennt ein jeder von uns.
Schlafstörende physische Spannungen – Hunger, Durst, Schmerz, Harndrang, sexuelles Verlangen – oder äußere Reize – laute Geräusche, Licht- und Temperaturveränderungen, Berührungen etc. – werden häufig in den Trauminhalt eingebaut. Und zwar so, dass sie entweder als erfüllt, beseitigt oder als belanglos und unerheblich dargestellt werden. Es besteht danach kein Grund mehr zu erwachen. Nicht ohne Grund bezeichnete Freud den Traum deswegen als „Hüter des Schlafes“. Über die allgemeinen körperlichen Bedürfnisse hinaus werden im Traum Wünsche verschiedenster Art erfüllt, die sonst die nächtliche Ruhe stören würden.
Ein verheirateter Mann hatte sich einen schlimmen Fehltritt geleistet. Nach einer Firmenfeier ließ er sich zu einem Seitensprung mit seiner attraktiven Assistentin hinreißen. Statt nach der offiziellen Feier nach Hause zu gehen, zogen die beiden durch mehrere Bars. Sie waren schon ziemlich alkoholisiert, als sie im Morgengrauen in ihrer Wohnung landeten. Im Liebesrausch machte er ihr alle möglichen Zugeständnisse, von denen er am nächsten Tag allerdings nichts mehr wusste und vermutlich auch nichts mehr wissen wollte. Die junge Frau, die sich bei ihm Chancen ausgerechnet hatte, reagierte auf seine distanzierte, abweisende Haltung mit kaum gebändigter Wut. Natürlich kam sie sich ausgenützt vor. In ihrer Verbitterung kündigte sie und drohte, seiner Ehefrau alles zu erzählen. Er hatte entsetzliche Angst vor den Folgen und hoffte inständig, sie würde ihr Vorhaben nicht wahr machen.
In den Tagen darauf träumte er wiederholt denselben Traum: Zufällig traf er sie auf der Straße. Zu seiner Überraschung war sie freundlich und umgänglich und, was ihn noch viel mehr freute, sie war ihm wohlgesonnen. Endlich hatte er Gelegenheit, ihr zu sagen, wie leid ihm das alles täte. Lachend fuhr sie ihm durchs Haar und tröstete ihn. Wortlos drückte sie aus, dass sie die leidige Angelegenheit längst vergessen hätte. Im Traum fällt ihm dabei ein großer Stein vom Herzen.
Unschwer lässt sich der Wunsch des Träumers erkennen, von seiner Schuld erlöst zu werden. Aus leicht verständlichen Gründen wollte er der peinlichen Enthüllung und den befürchteten Konsequenzen entgehen. Die Aussöhnung mit seiner ehemaligen Mitarbeiterin hätte mit einem Schlag alle seine Probleme gelöst. Hier besagt der Traum: Du musst dir keine Sorgen machen. Sie wird dich schon nicht verraten. Sie ist ja gar nicht mehr böse auf dich. Im Gegenteil, sie versteht dich und tröstet dich sogar.
Nicht immer ist die wunscherfüllende Tendenz so offensichtlich wie im letzten Traum. Doch auch für die undurchsichtigen, verworrenen Träume gilt: „Dass ein Wunsch der Erreger des Traumes ist, die Erfüllung dieses Wunsches der Inhalt des Traumes, das ist der eine Hauptcharakter des Traumes. Der andere ebenso konstante ist, dass der Traum nicht einfach einen Gedanken zum Ausdruck bringt, sondern als halluzinatorisches Erlebnis diesen Wunsch als erfüllt darstellt.“ (Freud, 1916, 142)
Bestimmte halluzinatorische Geisteskrankheiten, wie das Delirium beim Alkoholiker, aber auch Formen der Wahnkrankheit können durchaus als Wachträume bezeichnet werden. Bei EEG-Untersuchungen wiesen delirante Patienten ähnliche Hirnstrombilder auf wie Normale in der Phase des paradoxen Schlafes, der Traumphase.
Wenn Träume stets Wunscherfüllungen zum Inhalt haben, wie Freud behauptete, wie erklärt es sich, dass diese so selten auf den ersten Blick zu erkennen sind? Das liegt einerseits am Charakter der Wünsche, anderseits an den vielschichtigen Prozessen, die an der Traumbildung beteiligt sind. So entsprechen die Denkvorgänge im Traum keinesfalls dem logisch-abstrakten Denken im Wachzustand. Während des Traumes erfolgt das Denken auf einer entwicklungsgeschichtlich sehr frühen Ebene. Auf dieser werden die bildhaften Vorstellungen nicht logisch in Beziehung gesetzt, sondern im Sinne der Gleichheit bzw. Gleichzeitigkeit, Ähnlichkeit, Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit vernetzt, verschmolzen, ersetzt oder durch geeignete Symbole vertreten. Ein Vorgang, der dem frühkindlichen Denken sehr ähnlich ist:
Ein Fünfjähriger wohnte mit seiner Familie direkt neben einem Gymnasium. Beim nachmittäglichen Spaziergang mit seiner Mutter begegneten sie hin und wieder dem Schulwart dieser Schule. Dieser hieß König und war Alkoholiker. Deswegen roch er immer nach Fusel und wirkte ziemlich ungepflegt. Immer, wenn seine Mutter sagte, „schau, da kommt der Herr König“, kam der Junge aus dem Staunen nicht heraus. Er verstand nicht, wie jemand, der so herabgekommen aussah, ein König sein konnte. Warum ein König die Schulgänge kehrte, statt in einem prunkvollen Schloss zu herrschen. Noch unglaublicher erschien ihm, dass in ihrer Stadt nicht nur ein König, sondern mehrere lebten.

Bildersprache. Ein Kind in diesem Alter kann sich einfach noch nicht vorstellen, dass ein Mann König heißen kann, ohne ein König zu sein. Sein Denken verläuft noch nicht logisch-abstrakt, sondern anschaulich-bildhaft. Wie eben das Denken im Traum. Die unterschwelligen Gedanken, die den Träumen zugrunde liegen, sind in eine Art Bildersprache gefasst. Freud vergleicht die Übersetzung der Traumsprache mit der Auflösung von Bilderrätseln. Ein Boot auf dem Dach eines Hauses könnte in der Sprache des Traumes zum Beispiel „Hausboot“ bedeuten.
Die besondere Bildersprache, in der die Traumgedanken Ausdruck finden, ist ein Grund, warum Träume nach dem Aufwachen so unverständlich erscheinen. Ein weiterer liegt in der besonderen Natur der Wünsche, die als Traumerreger in Erscheinung treten. Nur selten sind es Wünsche, die mit unserer sozialen Gesinnung im Wachzustand vereinbar sind. Nicht nur das Denken verläuft im Traum auf einer archaischen Stufe. Es kommen im Traum auch jene frühen egoistischen, aggressiven, sexuellen Triebregungen zum Vorschein, auf deren Befriedigung die Menschheit im Laufe ihres mühevollen und lange dauernden Zivilisationsprozesses zu verzichten gelernt hat. Zumindest im Wachzustand.
Jeder Mensch durchläuft nicht nur in seiner körperlichen, sondern auch in seiner seelischen Entwicklung sämtliche Stufen der Evolution. Diametral zu ihrem Lebensalter sind Kinder umso egoistischer und triebhafter. Erst durch die Sozialisation werden sie zu gemeinschaftsfähigen Wesen. Jede Nacht kehren wir im Traum aber auf diese archaischen, frühkindlichen Entwicklungsebenen zurück. Dementsprechend egoistisch und hemmungslos nehmen sich auch die unbewussten Wünsche aus, die in unseren Träumen Erfüllung finden.

Zensur im Traum. Aus leicht verständlichen Gründen können diese Wünsche nicht direkt und unentstellt in den Traum eingehen. Das hätte, wie das Beispiel der Albträume zeigt, bei denen die Wunscherfüllung missglückt, ein sofortiges Erwachen zur Folge. Daher unterliegen Träume einer beschönigenden Bearbeitung. So wie im Wachzustand gibt es auch im Schlaf eine Zensur – von Freud „Traumzensur“ genannt –, die darüber wacht, welche unbewussten Wünsche Zugang zum Traumbewusstsein finden und welche – selbst im Traum – abgewiesen werden.
Die Entstellung der Traumwünsche ist nichts anderes als der Versuch, diese innere Zensur und damit uns selbst zu täuschen. Einen Vorgang, den wir auch im Wachen anwenden: Im Witz oder in verneinter Form kann man ungefährdet die ärgsten Gemeinheiten aussprechen. So wie der Vorgesetzte, der seinem Mitarbeiter erklärt: „Ich möchte damit nicht sagen, dass Sie ein Vollidiot sind ...“ Nur, wenn er ihn nicht für einen Vollidioten hält, warum fällt ihm dieser Vergleich überhaupt ein? Auch hier ist die Verneinung eine leicht zu durchschauende Entstellung dessen, was der Vorgesetzte wirklich sagen wollte. Solchen und ähnlichen Veränderungen unterliegen auch die Wünsche im Traum.
An der Entstehung des manifesten Traums sind auch noch andere Mechanismen wie Verschiebungen und Verdichtungen beteiligt, die das Verständnis des Trauminhaltes erschweren. Bei der Verschiebung wird zum Beispiel ein wesentliches Detail von einer Person auf eine andere verschoben, um eine Ähnlichkeit zwischen diesen beiden anzudeuten. Bei der Verdichtung werden zwei oder mehrere Bilder überlagert. Ein ähnliches Ergebnis erhält man in der Fotografie, wenn dieselbe Stelle des Filmes mehrfach belichtet wird. Im folgenden Traum geht es um eine Verdichtung.
Eine Frau litt seit neun Jahren unter schwerer Migräne. Fünf Jahre lang verwendete sie die Spirale als Verhütungsmethode. Auf Anraten ihres Arztes wechselte sie zur Pille, der sie aber skeptisch gegenüberstand. Als sie die Pille zum ersten Mal gekauft hatte, träumte sie in derselben Nacht, dass sie den Beipackzettel las, auf dem stand: Diese Pille wirkt „antimigrid“. Ganz offensichtlich ist „antimigrid“ eine Verdichtung aus anti = gegen, gravid = schwanger und Migräne = anfallsartig auftretende Kopfschmerzen, die häufig von Sehstörungen und Übelkeit begleitet werden. Hier scheint die Träumerin gedacht zu haben: Wenn ich schon zur Verhütung die Pille verwende, soll diese zumindest meine Migräne beseitigen.

Typische Träume. Neben Träumen, die nur für eine bestimmte Person charakteristisch sind, gibt es andere, die vermutlich ein jeder von uns schon einmal geträumt hat. Freud bezeichnet diese Träume daher als typische Träume. Darunter fallen nach Freud Verlegenheitsträume der Nacktheit, Träume vom Tod geliebter Personen, Fallträume und Prüfungsträume. Die typischen Träume verwenden eine Symbolsprache, die auch in anderem Zusammenhang von Bedeutung ist. Alle Mythen und Märchen, aber auch bestimmte Redensarten oder Witze erhalten erst unter Berücksichtigung der Symbolsprache ihren Sinn. So werden zum Beispiel Vater und Mutter gerne als mächtige Persönlichkeiten wie König und Königin dargestellt. Das weibliche Geschlecht symbolisieren alle Arten von Gefäßen, Kästchen, Schachteln, Zimmern, aber auch Höhlen und Schiffen. Der Ausdruck „Frauenzimmer“ als Synonym für Frau wird gewiss genauso bekannt sein wie die abfällige Bemerkung „die alte Schachtel“.
Lange, spitze oder dehnbare Gegenstände – Würstel, Zigarren, Schirme, Stöcke, Keulen, Hämmer, Messer, Schwerter, Pfeile, Speere, Lanzen, Revolver, Gewehre sowie Motorräder, Autos, Flugzeuge, Türme etc. – stehen hingegen häufig für das männliche Genitale. Solche „Phallussymbole“ finden auch in einschlägigen Witzen oder Liedern breite Anwendung.
Wasser symbolisiert oft die Geburt – daher der Mythos vom Storch – oder den Tod, indem wir dorthin zurückkehren, von wo wir unseren Ausgang genommen haben. Doch auch Abreisen stehen im Traum häufig für den Tod – dazu existiert ebenfalls eine passende Redewendung: die letzte Reise antreten.
Der Geschlechtsakt wird im Traum häufig durch Stiegensteigen – Schritt um Schritt emporsteigen, sich rhythmisch dem Höhepunkt nähern –, durch Bergsteigen, Überrollt-, Überfahren- oder Überflutetwerden dargestellt. Hier ist die Analogie zur „Woge der Erregung“, die uns beim Orgasmus von innen her überrollt, nicht von der Hand zu weisen. So lassen sich auch die meisten Verfolgungsträume als tief sitzende Angst vor dem Kontrollverlust deuten. Wenn der Erregungspegel steigt, nähert er sich dem „point of no return“ immer stärker an. Ist die Erregung eine Folge sexueller oder aggressiver Triebregungen, wird verständlich, warum diese im Traum als bedrohliche Verfolger bildhaft in Szene gesetzt werden. Nicht einmal im Traum wollen wir mit diesen gefährlichen Erregern etwas zu tun haben.
So träumte ein junger Mann eines Nachts, dass er am Bahnsteig steht und auf einen Zug wartet. Plötzlich ist er nicht mehr sicher, in welcher Tasche sich seine Fahrkarte befindet. Während er noch in seinen Hosentaschen kramt, bemerkt er, wie ein zerknülltes, schmuddeliges Papier – im Traum ist das seine Fahrkarte – vom Wind aufs Gleis geweht wird. Obwohl er weiß, dass es „gefährlich und verboten“ ist, steigt er „auf den Bahnkörper“ hinunter. Im selben Augenblick hört er den Zug herannahen. Mit der Fahrkarte in der Hand beeilt er sich, wieder den Bahnsteig zu erreichen. Er zieht sich hoch, so als „wollte er ein Schwimmbecken“ über den Beckenrand verlassen. Doch seine Beine sind wie aus Blei. Mit aufgestützten gestreckten Armen, leicht vornübergebeugt, gelingt es ihm zwar, seinen Oberkörper in Sicherheit zu bringen, aber sein Unterleib bleibt in der Gefahrenzone. Nun packt ihn entsetzliche Panik. Er spürt, dass es kein Entrinnen gibt.
Dieser Fahrkartentraum ist einer jener typischen Träume, die unverblümt die Angst des Träumers vor der unkontrollierten Sexualerregung zum Inhalt haben. Sein Oberkörper befindet sich schon in Sicherheit, während sich sein Unterleib, seine Beine – die hier für das männliche Genitale stehen – noch in der Gefahrenzone, im „weiblichen“ Becken , befinden. So wie dieser sind die meisten Albträume als Angst vor dem Kontrollverlust zu verstehen. Unabhängig davon, ob es sich um aggressive oder sexuelle Wünsche handelt, die außer Kontrolle zu geraten drohen. Häufig sind es Fallträume oder Träume von gefährlichen wilden Tieren, die diese Angst zum Ausdruck bringen. Tiere eignen sich aufgrund ihrer Unberechenbarkeit überhaupt gut zur Darstellung verdrängter Triebwünsche. Verdrängte homosexuelle, sadomasochistische und inzestuöse Wünsche treten in diesem Zusammenhang vielfach als Traumerreger in Erscheinung. Die Erfüllung dieser unterdrückten Wünsche ist nicht einmal im Traum möglich, dafür sorgt schon die Traumzensur.

Nacktheitsträume. Weitere typische Träume sind die Nacktheits- und Prüfungsträume. Unter Nacktheitsträumen versteht man Träume, in denen der Träumer in völlig unpassender Umgebung – zum Beispiel im Theater – spärlich bekleidet oder auch gänzlich nackt in Erscheinung tritt. Diese Bilder werden regelmäßig von heftigen Peinlichkeitsgefühlen begleitet. Zur Überraschung des Träumers nehmen die Anwesenden im Traum von seiner Nacktheit jedoch überhaupt keine Notiz. Freud stellt zwischen diesen Träumen und entsprechenden Wünschen aus der Kindheit eine direkte Verbindung her. Menschen, die sich im Traum entblößt zeigen, erfüllen sich dadurch meist unbewältigte exhibitionistische Wünsche aus der Kindheit. Die Scham, die gleichzeitig die ursprüngliche Lust am Zeigen hemmt, ist wiederum auf den Einfluss der kulturbedingten Zensur zurückzuführen. Kleine Kinder, die sich auf den Homevideos ihrer Eltern noch ungeniert exhibitionistisch präsentieren, schämen sich einige Jahre später beim Betrachten dieser Videos für ihr damaliges Tun.
Eine Schauspielerin hatte folgenden Traum. Um 20 Uhr ist die Premiere eines Stückes angesetzt, bei dem sie die Hauptrolle spielt. Es ist Nachmittag, sie ist zu Hause und ruht sich auf ihrem Sofa aus. Dabei muss sie eingeschlafen sein. Als sie aufwacht, bemerkt sie zu ihrem Entsetzen, wie spät es schon ist. So wie sie ist, läuft sie zum Theater. Als sie dort ankommt, drängt sich bereits eine große Menschenmenge im Foyer. Sie muss sich durchkämpfen. Noch bevor sie die Bühne erreicht, auf der das Stück längst begonnen hat, fällt ihr auf, dass sie außer einem kurzen Leibchen nichts anhat. Am liebsten würde sie vor Scham im Boden versinken. Aber keiner der Anwesenden scheint von ihrer Blöße Notiz zu nehmen.
Unschwer lassen sich die Themen erkennen, die im Traum berührt werden: Pünktlichkeit, exhibitionistische Wünsche nach Bewunderung und Scham. Es gibt eine Phase im menschlichen Leben, in der das „Zuspätkommen“ fast immer von heftigen Schamgefühlen begleitet wird, nämlich dann, wenn das Kind gerade die Kontrolle über seine Ausscheidungsfunktionen erlangt – die erste große Leistung in seinem Leben, gleichsam eine Premiere.
Welches Kind will nicht dafür überschwänglich bewundert werden, wenn es zeitgerecht sein Geschäft erledigt. Hin und wieder passiert es ihm aber dann doch, dass es zu spät aufwacht und bemerkt, dass es ins Bett gemacht hat. Die (Menschen)„Menge“ und das „Drängen“ im Theatersaal – vielleicht der Bauchraum – deuten diesen Zusammenhang an. Wenn es einmal heftig drängt, dann ist verständlicherweise Eile geboten – sonst ist es zu spät. Die Träumerin würde zwar auch dann im Mittelpunkt stehen – und auf der Bühne des Lebens die Hauptrolle spielen –, aber statt der ersehnten Bewunderung fürchtete sie dann, Spott und Hohn als unerwünschten Lohn für die peinliche Darbietung zu ernten. In diesem Traum geht es vermutlich um ehrgeizige Absichten der Träumerin, deren Fehlschlagen sie in eine genauso peinliche Situation bringen würden wie zu der Zeit, als sie noch als Kind gelegentlich ins Höschen machte.

Prüfungsträume. Auch der folgende Traum ist ein typischer Traum. Er fällt unter die Rubrik Prüfungsträume. Im Traum befindet sich der Träumer in einer riesigen Hotelhalle unter unzähligen Kollegen. Wie ihm scheint, handelt es sich um einen internationalen Kongress. Eine ihm nicht bekannte „Amtsperson“ teilt ihm mit, dass seine Lateinmatura für ungültig erklärt wurde. Nur wenn er in diesem Gegenstand noch einmal maturiere, dürfe er seinen akademischen Titel weiter tragen. Er wendet ein, dass er doch rechtmäßig sein Abitur gemacht und promoviert habe. Ja, dass er beim Kongress am Nachmittag sogar einen wichtigen Vortrag halten solle. Seine Einwände werden jedoch ignoriert. Es kommt zum Szenenwechsel und er befindet sich wieder in der achten Klasse, unter lauter 17- bis 18-Jährigen. Mit Erschrecken stellt er fest, dass er schon am Nachmittag Maturatermin hat. Es bleibt ihm keine Zeit mehr, sich vorzubereiten. Er weiß nicht, wie er der Blamage entgehen soll.
Prüfungsträume treten fast immer nur im Zusammenhang mit bestandenen Prüfungen auf. Wie alle Träume werden auch sie durch unverarbeitete Tagesreste ausgelöst. Bei den Tagesresten handelt es sich zumeist um Befürchtungen in Verbindung mit kommenden äußeren Ereignissen. Im Traumbeispiel handelte es sich um reales Lampenfieber vor einem öffentlichen Auftritt – der Vortrag auf dem Kongress.
Freud spricht den Prüfungsträumen tröstenden Charakter zu. „Fürchte dich doch nicht vor morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast, und es ist dir doch nichts geschehen.“ (Freud, 1900, 278) Es ist sicher kein Zufall, dass Prüfungsträume vorwiegend Fächer betreffen, in denen die Träumer zwar nicht durchgefallen sind, jedoch auch nicht unbedingt geglänzt haben. Viele, die von solchen Träumen heimgesucht werden, verdankten ihren Prüfungserfolg tatsächlich mehr der Gunst des Prüfers als dem eigenen Wissen.
Es ist fast so, als würde der Träumer sein schlechtes Gewissen endlich durch ein Geständnis erleichtern wollen. Seht her, ich habe zwar die Lateinmatura erfolgreich bestanden, aber im Grunde steht sie mir gar nicht zu. Ich hab sie mir erschlichen. In diesem Fall könnten Prüfungsträume auch die Folge unbewusster Selbstbestrafungswünsche sein, die vorwiegend dann auftreten, wenn der Träumer neue, aber unentdeckte Schuld auf sich geladen hat. Wenn er sich für seinen Vortrag zum Beispiel genauso oberflächlich vorbereitet hat wie für die Lateinmatura.

Todesträume. Bleiben zum Schluss noch die Träume vom Tod geliebter Personen. Meist sind diese Träume als Ausdruck zwiespältiger Gefühlsregungen gegen geliebte Menschen zu deuten. Keine Beziehung ist frei von Ambivalenz . Am stärksten sind die Verhältnisse zu den nächsten Angehörigen – Vater, Mutter, Geschwister, Partner, Kinder usw. – von ambivalenten Strebungen betroffen.
Nicht zufällig passieren die meisten Morde in der Familie. Im Wachzustand unterliegen die feindseligen Tendenzen gegenüber nahen Bezugspersonen natürlich der Verdrängung. Während des Schlafes, wenn die Verdrängung wesentlich herabgesetzt ist, können sich diese „bösen“ Wünsche den Weg zum Bewusstsein bahnen.
Allerdings müssen auch sie sich den Bedingungen der Zensur anpassen. Ihre ursprüngliche Absicht kommt im Traum daher nur mehr in Form eines Kompromisses zum Ausdruck. Der Todeswunsch wird zwar als erfüllt dargestellt, die begleitenden Affekte müssen aus Gründen der Pietät jedoch unterbleiben oder durch andere, meist gegenteilige, ersetzt werden.
Ein Mann träumt, dass er sich in einem dunklen Raum befindet. Wie auf einer Bühne. Die einzigen Möbel in diesem Raum sind zwei alte Rohrstühle. Auf einem sitzt sein Vater, ein grobschlächtiger Wüterich. Er ist nur mit einem weißen gerippten Unterhemd und einer weißen Unterhose bekleidet. Lange graue Haarsträhnen hängen ihm unordentlich ins Gesicht. Seine Gesichtszüge sind vor Wut verzerrt. Er merkt, dass sein Vater betrunken ist.
Von einer Sekunde auf die andere verspürt er, wie im Wachzustand nie, unvorstellbaren Schmerz. Denn ihm fällt ein, dass sein Vater, obwohl er noch lebt, schon gestorben ist. Der scheint sich dieser Tatsache allerdings nicht bewusst zu sein. Plötzlich kommt sein Vater noch einmal zur Tür herein. Er ist elegant gekleidet, schlanker und sieht jetzt viel jünger und freundlicher aus als der erste Vater, der sich aber noch immer auf der Bühne befindet. Mit unbewegtem Gesichtsausdruck blickt der freundliche Vater in die Ferne. Seinen Sohn scheint er nicht wahrzunehmen. Der betrunkene Vater stützt den Kopf auf seine Hände und beginnt zu schluchzen. Auch der Träumer kann sich nun nicht mehr halten und weint ebenfalls hemmungslos.
Beim Vater des Träumers handelte es sich um einen Alkoholiker. Wie viele Alkoholiker scheint auch er zwei Gesichter gehabt zu haben. Eines, wenn er nüchtern, das andere wenn er betrunken war. Dem betrunkenen Vater gelten die Hassgefühle des Träumers. Ihm wünscht er heimlich den Tod. Nach all dem, was er ihm angetan hat, ist er für ihn gestorben. Daher weiß auch nur er, dass der Vater bereits tot ist. Gleichzeitig scheint er sich nach einem nüchternen, freundlichen Vater – vielleicht eine Reminiszenz aus der Kindheit, bevor sein Vater mit dem Trinken begonnen hat – zu sehnen.
Eine junge Mutter träumt, dass sie ihre Sommerferien mit ihren zwei Kindern im Haus ihrer Eltern verbringt. Während sie in der Nacht schlief, muss die jüngere Tochter, der Liebling der Großeltern, aufs Fenster geklettert und abgestürzt sein. Als sie am Morgen ins Freie geht, sieht sie nur noch den leblosen Körper ihrer Tochter vor dem Fenster ihrer Eltern liegen. Sobald diese aufwachen, würden sie den Tod des Enkelkindes bemerken. Dann setzte es für die Träumerin Vorwürfe, weil sie nicht einmal in der Lage war, auf ihr Kind aufzupassen.
Wie sich herausstellte, war die Frau eifersüchtig und wollte sich mit dem Tod der Tochter im Traum an ihren Eltern rächen. Viele Großeltern behandeln ihre Enkelkinder besser als die eigenen. In diesem Fall war die tote Tochter, die sie den Eltern vor ihr Fenster, gleichsam in die Auslage legt, ein makaberes Geschenk. „Da ist sie, wenn ihr sie schon lieber habt als mich. Wenn ihr mich nicht liebt, sollt ihr sie auch nicht mehr lieben können.“ Selbstverständlich sind die feindseligen Wünsche der Träumerin lediglich Ausdruck ihrer infantilen Eifersucht und haben nichts mit ihrer erwachsenen Einstellung dem Kind gegenüber zu tun. In Wirklichkeit liebt sie ihre Tochter über alles und hätte ihren Tod als schrecklichen Verlust erlebt.
Die Wünsche, die als Traumerreger in Erscheinung treten, entziehen sich wegen ihres anstößigen, asozialen Charakters meist der bewussten Kenntnis. Der Einfluss der Traumzensur ähnelt der Funktion des Über-Ichs und der Abwehrmechanismen im Wachen. Das Traumdenken ist mit den bewussten, logischen Denkvorgängen nicht zu vergleichen. Es ist nur eine assoziative Verknüpfung von Erinnerungen und Gefühlen.
Um Träume zu entschlüsseln, ist es daher nötig, die Bildersprache – analog zu Bildrätseln – in unser logisches Sprachsystem zu übersetzen. Nicht der manifeste Trauminhalt, der erinnerte Traum wird gedeutet, sondern die latenten Traumgedanken. Dazu wird der erinnerte Trauminhalt in einzelne Stücke zerlegt. Die freien Einfälle zu den Traumelementen verweisen direkt auf die latenten Traumgedanken. In jedem Traum findet sich auch ein Tagesrest, an den die verdrängten Wünsche, die im Traum als erfüllt dargestellt werden, anknüpfen.

 

Fehlleistungen – in Szene gesetzte Wunscherfüllungen

Neben den Träumen waren es vor allem die Fehlleistungen wie Versprechen, Vergessen, Verlegen, die Freud zur Annahme einer zweiten, unbewussten psychischen Motivationsebene veranlasst haben. Die von der Psychologie so gering geschätzten Fehlleistungen erweisen sich in der Tat als ungewollte Manifestation des Unbewussten. „Das Vergessen von Vorsätzen lässt sich ganz allgemein auf eine gegensätzliche Strömung zurückführen, welche den Vorsatz nicht ausführen will.“ (Freud, 1916, 74)
Selbst wenn der Verlust einen sehr wertvollen Gegenstand betrifft, steckt in der Regel eine unbewusste Absicht dahinter. „Allen Fällen gemeinsam ist, dass man etwas verlieren wollte, verschieden aber, aus welchem Grund und zu welchem Zweck. Man verliert eine Sache, wenn sie schadhaft geworden ist, wenn man die Absicht hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, wenn sie aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie von einer Person herrührt, zu der sich die Beziehungen verschlechtert haben, oder wenn sie unter Umständen erworben wurde, denen man nicht mehr gedenken will. Denselben Zweck kann auch das Fallenlassen, Beschädigen, Zerbrechen der Sache dienen.“ (Freud, 1916, 96)
Die Analyse der Fehlleistungen führte Freud zu der Erkenntnis, dass der realen, bewussten Handlungsebene eine zweite, unbewusste Bedeutungsebene zugrunde liegt. Während die bewussten Handlungsmotive dem Menschen jederzeit zugänglich sind, liegt die unbewusste Bedeutung seines Denkens und Tuns meist im Dunkeln. Kein psychischer Vorgang ist frei von unbewussten Anteilen. Das Gehirn verfügt über vielfältige Möglichkeiten, dem Bewusstsein seine eigentlichen Beweggründe vorzuenthalten.
In einem Sketch hat der legendäre österreichische Kabarettist Karl Farkas vorgeführt, wie eine Party verliefe, auf der die Gastgeber ihren Gästen eine „Wahrheitsdroge“ verabreichten, die deren unbewusste Wünsche und Absichten offenlegte. Weil plötzlich alle sagen, was sie sich wirklich denken und wollen, mündet die Gesellschaft bald in heilloses Chaos. Die Fähigkeit, unsere wahren Verhaltensmotive auch vor uns selbst zu verschleiern, erspart uns in der Tat viele Schuldgefühle und Konflikte mit unseren Mitmenschen.
Ebenso wie Träume werden Fehlleistungen durch unbewusste Wünsche hervorgerufen. Während Träume lediglich halluzinierte Wunscherfüllungen sind, wird der unbewusste Impuls (der Wunsch) bei den Fehlleistungen ausgelebt, wie das Beispiel eines Lehrers zeigt.
Dieser befand sich auf dem Rückflug von einem Kongress, bei dem er einen Vortrag gehalten hatte. Entspannt blätterte er in einer Tageszeitung. Dabei stieß er auf eine Anzeige, mit der ein neu auf den Markt gekommenes Notebook beworben wurde. Dieser Computer gefiel ihm wesentlich besser als seiner, den er erst vor zwei Monaten im Ausverkauf erstanden hatte. Es ärgerte ihn jetzt, dass er sich mit dem Kauf nicht länger Zeit gelassen hatte. Wohl oder übel musste er die nächsten Jahre mit seinem ungeliebten Gerät im Handgepäck vorlieb nehmen.
Die Strecke vom Flughafen ins Stadtzentrum legte er mit dem Taxi zurück. Er dachte längst nicht mehr an die Werbung, sondern freute sich schon auf seine Familie. Das Aussteigen aus dem Taxi gestaltete sich ziemlich umständlich, da er in jeder Hand mehrere Plastiktüten mit Geschenken für seine Frau und die Kinder trug. Als er endlich im Freien stand und das Taxi abfahren sah, bemerkte er plötzlich voll Entsetzen, dass er die Tasche mit seinem Notebook im Taxi vergessen hatte. Trotz sofortiger Bemühungen, den Taxifahrer ausfindig zu machen, blieb das Gerät verschwunden.
Der Schaden, der ihm aus dieser Fehlleistung entstand, war beträchtlich. Trotzdem lässt sich die unbewusste Absicht, die zum Vergessen führte, nicht leugnen. Sein Unbewusstes suggerierte ihm: „Lass die Notebooktasche ganz einfach im Taxi stehen. Dann brauchst du einen neuen Computer und kannst dir mit gutem Gewissen den aus der Zeitung kaufen.“ Bewusst hätte er seiner Gier, sich einen neuen Computer anzuschaffen, nicht nachgegeben. Hier hätte ihm die Vernunft einen Riegel vorgeschoben. Über den Umweg der Fehlleistung konnte der unbewusste Impuls jedoch die rationalen Hürden umschiffen. Da sich Fehlleistungen stets der vernünftigen Kontrolle entziehen, richten sie – auf der bewussten Ebene zum Ärger des Leidtragenden – mitunter großen Schaden an.

 

Die dunklen Wünsche

Die meisten Menschen verbinden mit Wünschen im Allgemeinen positive Vorstellungen. Wir wünschen uns und unseren Lieben Gesundheit, ein langes Leben, Wohlergehen, Erfolg, Ansehen, Reichtum und Macht. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wünsche wie diese unterliegen daher auch nicht der Verdrängung. Im Gegenteil, nichts wird sehnlicher begehrt, als dass sie in Erfüllung gehen. Doch gibt es genügend Wünsche, deren Befriedigung nicht so unproblematisch ist. Asoziale, triebhafte Wünsche, die dazu führen, dass Menschen schreckliche Dinge tun. Allein der eifersüchtige Wunsch, „wenn ich dich schon nicht haben kann, dann soll dich auch niemand anderer besitzen“, hat schon vielen Menschen das Leben gekostet.
Wer würde sich nicht entrüstet dagegen zur Wehr setzen, unterstellte man ihm die gleichen habgierigen, egoistischen, aggressiven Wünsche, wie sie Kriminelle auf der ganzen Welt tagtäglich ausleben. Das überrascht nicht. Verwechseln die meisten doch den Zustand nach der Verdrängung ihrer asozialen, infantilen, triebhaften Begierden mit ihrem eigentlichen und sehen sich auf der Seite der „Engel“. Kein Wunder also, dass die dunklen Wünsche, die ein jeder in sich trägt, so häufig geleugnet werden. „Die anderen schon, ich nicht ...“ Doch die Verleugnung ändert nichts an der Realität. Keiner von uns ist frei von asozialen Regungen.
Warum? Weil wir alle einmal Kinder waren und kindliche Wünsche sich größtenteils durch ihren rücksichtslosen, nur auf die eigene Befriedigung bedachten, triebhaften Charakter auszeichnen. Eine deutsche Schnulze fordert im Refrain: „Kinder an die Macht“, als wären nicht schon genug infantile Menschen an der Macht. Was geschehen würde, wenn Kinder tatsächlich die Schalthebel der Macht in der Hand hätten, lässt sich leicht ausmalen. Wären sie wirklich so gütig und wohltätig, wie mancher Popstar in seiner Naivität vermutet, müssten sie nicht erst sozialisiert werden. Es bräuchte auch keine Gesetze, die Menschen davon abhalten, Wünsche auszuleben, die andere schädigen, weil es solche Wünsche gar nicht gäbe.
Ohne Bändigung der menschlichen Triebnatur wäre Kultur, wie wir sie heute kennen, nicht vorstellbar. Im Laufe seines Zivilisationsprozesses musste der Mensch in vielen Bereichen Triebverzicht leisten, um soziales Leben in einer Gemeinschaft zu ermöglichen. Wobei es durchwegs (früh)kindliche Wünsche sind, die den Anforderungen der Kultur geopfert werden. Straftäter unterscheiden sich von anständigen Menschen daher nicht durch die Wünsche, die sie in sich tragen, sondern lediglich durch die Unfähigkeit, diese zu kontrollieren.

Wünsche sind nicht angeboren. Wünsche fallen nicht vom Himmel, sondern entstehen erst in Wechselwirkung mit dem sozialisierenden Umfeld. Freud skizziert diesen Vorgang am Beispiel des hungrigen Säuglings so: „In der Form der großen Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in der Motilität suchen, die man als ,innere Veränderung‘ oder als ,Ausdruck der Gemütsbewegung‘ bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kind durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung eines Befriedigungserlebnisses gemacht wird, die den inneren Reiz aufhebt.“ (Freud, 1899)
Ein Wunsch ist stets das Produkt einer von innen kommenden Trieb- oder Bedürfnisspannung mit einem von außen herbeigeführten Befriedigungsvorgang. Es ist schwer zu sagen, in welchem Alter sich beim Menschen die ersten Wünsche ausbilden. Es ist unwahrscheinlich, dass schon ein Fötus Befriedigungserlebnisse halluziniert. Wenn, dann nur als Reminiszenz körperlicher Entspannung oder in Form akustischer und taktiler Empfindungen, da visuelle Reize im Mutterleib wegfallen.
Der erste physiologische Spannungsanstieg nach der Geburt ist vermutlich der Hunger. Natürlich kann ein Säugling vor dem ersten Stillakt noch nicht wissen, dass er hungrig ist, da ihm vorwegnehmende Erfahrungen fehlen. Zu diesem Zeitpunkt kann sich sein Erleben höchstens zwischen einem diffusen Lust- und Unlustempfinden differenzieren. Nach den ersten Befriedigungserlebnissen bilden sich beim Säugling rudimentäre Erinnerungsspuren aus. Wenn der Organismus dann neuerlich einen Mangelzustand signalisiert, rufen diese Signale im Gehirn Halluzinationen hervor, die früher erlebte Befriedigungserlebnisse zum Inhalt haben.
Ein hungriger Säugling wird vielleicht die Brust halluzinieren und mit diesem Erinnerungsbild ein Gefühl der Sättigung und des Wohlbefindens verbinden. Jede neue Befriedigung wird das schon vorhandene neuronale Erinnerungsmuster verstärken. Intensive Lustempfindungen in dieser Frühphase des Lebens begünstigen beim Menschen die Ausbildung eines lustvollen, lebendigen Persönlichkeitskerns.
Einfühlsame Bemutterung versetzt den Säugling in eine lustbetonte Hochstimmung, die ohne Weiteres von außen wahrgenommen werden kann. Die damit einhergehenden Gefühle der Wärme und Geborgenheit fördern sein Sicherheitsgefühl und sind die Grundlage für seine vertrauensvolle Hinwendung an die Welt. Später wird dieser positiv geladene Persönlichkeitskern die Basis für die Integration negativer, unlustvoller Erfahrungen sein.

Frühe Störungen. Umgekehrt werden übermäßige Versagungen in diesem frühen Lebensalter durch fehlende oder unzureichende Bemutterung beim Säugling einen bedrohlichen Zustand der Hilflosigkeit und Verlassenheit hervorrufen. Gefühle der Einsamkeit, Leere, Leblosigkeit sowie Störungen in der Ausbildung der Ich-Grenzen und Körperwahrnehmung sind häufige Folgen einer traumatisch verlaufenen Säuglingszeit. Dort wo die realen Befriedigungserlebnisse unzureichend sind, verkümmert die halluzinatorische Fantasietätigkeit und das Kind bleibt wunschlos unglücklich.
Tatsächlich weisen früh gestörte Patienten im späteren Leben eklatante Defizite in der Fantasieentwicklung und Symbolisierungsfähigkeit auf. Es fehlen ihnen die inneren Bilder, später auch die Symbole, mit denen sie ihre Wahrnehmungen und Empfindungen in Worte fassen können.
Die ersten Erinnerungsspuren bilden den Kern unseres Gedächtnisses. Wobei sich die Ausbildung dieses neuronalen Speichers beim Menschen als evolutionärer Haupttreffer herausstellte, denn das Erinnerungsvermögen ist gleichzeitig die Grundlage unseres Verstandes.

 

Fantasien – halluzinierte Wunscherfüllungen

Ohne Gedächtnis gäbe es auch keine Fantasien. Letztlich sind Fantasien ja nichts anderes als Variationen, die sich aus der Neuanordnung vorhandener Gedächtnisinhalte ergeben. Im geistigen Bereich sind sie die eigentlichen Schöpfer des Neuen. Lange Zeit maß man diesem Phänomen in der Psychologie keine besondere Bedeutung bei. Die Psychoanalyse erkannte als Erste die fundamentale Bedeutung der Fantasie für das menschliche Seelenleben. Das überrascht, denn die menschliche Fähigkeit, Fantasien zu entwickeln, die Realität in Gedanken nach den eigenen Vorstellungen umzuformen, Ereignissen eine subjektive Bedeutung zuzuschreiben und Erinnerungsstücke neu zu kombinieren, war ein enormer Schritt in der Evolution und eine wesentliche Voraussetzung für die Ausbildung von Intelligenz, Kreativität und originellem Problemlösungsverhalten.
Der Algorithmus, der unser Gehirn steuert, ist denkbar einfach. Unsere grauen Zellen wurden von den Genen darauf programmiert, Lust zu maximieren und Unlust zu vermeiden. Stets wird erfolgreiches Handeln von Lust, erfolgloses von Unlust oder Schmerz begleitet. Die natürliche Auslese hat dafür gesorgt, dass die intensivste Lust des Menschen, der Orgasmus, an die Fortpflanzungsfunktion angelehnt ist. Ohne diese Koppelung von sexueller Lust und Fortpflanzung würden wir gar nicht existieren.
Weniger offensichtlich ist, dass die menschliche Fähigkeit, Fantasien zu entwickeln, ebenfalls im Dienste des Lustprinzips steht. Wunsch und Fantasie sind untrennbar miteinander verbunden. Am deutlichsten zeigt sich dieser Zusammenhang, wenn das Leid im Leben eines Menschen die Grenze des Erträglichen erreicht. In einer solchen Situation führt die Flucht aus der Realität in die Wunschwelt der Fantasie zumindest zu einer vorübergehenden Entlastung. „Endstation Sehnsucht“ steht meist dann auf dem Spielplan, wenn kein realer Ausweg mehr in Sicht ist.
Was für den hungrigen Säugling die Brust, ist für den Verdurstenden die Fata Morgana. Gefangene träumen sehnsüchtig von der Freiheit, Todkranke von einem Behandlungswunder. Immer ist der Wunsch Vater des Gedankens. Fantasien bilden sich dort, wo reale Wunscherfüllung unterbleibt. Erotische Fantasien sind ein Ersatz für nicht ausgelebte sexuelle Handlungen. Die sexuelle Versagung kann vorübergehend sein, wenn gerade kein geeignetes Sexualobjekt zur Verfügung steht. Es gibt aber auch sexuelle Wünsche, auf deren Erfüllung in unserer Kultur für immer verzichtet werden muss – so mancher Wunsch aus der Welt des Sadomasochismus oder pädophile Begierden.
Narzisstische Sehnsüchte und Machtwünsche äußern sich gerne in Tagträumen von großer Karriere oder Berühmtheit. Mitunter führen wir in der Fantasie Streitgespräche, in denen wir einen gehassten Widersacher in Grund und Boden argumentieren. Es ist bezeichnend, dass wir in diesen Fantasien über Personen triumphieren, die uns im Leben die eine oder andere Niederlage zugefügt haben. Auf diese Weise rächen wir uns an unseren Feinden, ohne dabei etwas riskieren zu müssen. Im Tagtraum können wir die Lust uneingeschränkt auskosten, ohne in der Realität die Verantwortung für unser (zum Teil auch sehr gemeines) Tun übernehmen zu müssen. Wir haben also guten Grund, unsere Fantasien vor anderen geheimzuhalten.
Die Tagträume unterscheiden sich von ihren nächtlichen Verwandten vor allem durch den Grad der Bewusstheit und das Wirklichkeitsempfinden. Im Normalfall ist einem Menschen bewusst, dass die Vorstellungen, die vor seinem inneren Auge ablaufen, nur Fantasieprodukte sind. Es gibt allerdings auch Einfälle, bei denen die Sache anders liegt. In der Psychologie nennt man diese Phänomene Zwangsgedanken. Dabei handelt es sich um unerwünschte Gedanken oder Bilder, die plötzlich ins Bewusstsein einbrechen oder sich dort beharrlich festsetzen.

 

Wunschdenken und Magie

Kinder vor dem dritten Lebensjahr kennen noch keine Angst. Schrecken sehr wohl, Wut, Freude, Schmerz, Eifersucht ebenso, aber Angst ist ihnen fremd. Das kommt nicht von ungefähr, wird doch die Welt des Kindes zu dieser Zeit noch von der Allmacht seiner Gedanken beherrscht. Das frühkindliche Weltbild orientiert sich nicht am logischen Denken, sondern am magischen.
Kleinkinder denken vorwiegend assoziativ, bildhaft. Weil sie zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Fantasie und Realität noch nicht ausreichend unterscheiden, sind sie davon überzeugt, dass sie sich etwas „nur ganz fest wünschen müssen“, damit es auch eintritt. Alles was im Guten oder Bösen um sie herum geschieht, beziehen sie auf sich. Solange sie ihre Welt noch mit ihren Wünschen regieren können, brauchen sie sich auch nicht zu fürchten. Für jemand, der allmächtig ist, existiert keine Bedrohung. Tatsächlich verhalten sich Kinder oft so, als könne ihnen nichts passieren. Böse Wünsche können sie mit guten ungeschehen machen. Ohne Schutz ihrer Eltern würden sie aber nicht lange überleben.

Magische Weltbilder. Aus psychoanalytischer Sicht besteht kein Zweifel, dass auch religiöse und esoterische Weltbilder Erwachsener nichts anderes als komplexe, fantasierte Wunscherfüllungen sind. Auf sie greift der Mensch immer dann zurück, wenn er schmerzhaft mit den Grenzen der Realität in Berührung kommt.
„Rien ne vas plus“: Immer dann, wenn im Leben nichts mehr geht, kommt die Hoffnung ins Spiel. Es kommt nicht von ungefähr, dass Glaube und Illusion in so enger Verbindung zur Hoffnung stehen und überall dort zur Entfaltung gelangen, wo die Realität den menschlichen Wünschen und Sehnsüchten eine unerbittliche Grenze setzt. Mit der Hoffnung kommt auch wieder das magische Denken des Kleinkindes ins Spiel. Immer dann nämlich, wenn bedrohliche Aspekte der Realität im Sinne des infantilen Wunschdenkens verleugnet werden.
Magische Weltbilder verkünden buchstäblich immer das, wonach Menschen sich am stärksten sehnen: das ewige Leben im Paradies, Gerechtigkeit, Glückseligkeit, Vergebung, immerwährende Verbundenheit mit den Menschen, die sie lieben, und Verdammnis für die, die sie hassen.
Die Realitätsverleugnung durch einen Rückzug auf das Wunschdenken des Kindes gehört zu den frühesten Versuchen des Menschen, seiner Ängste Herr zu werden.
Das magische Denken eines Kindes erreicht zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr seinen Höhepunkt. In dieser Zeit bezieht es nicht nur alles auf sich, was in seiner Umgebung passiert, sondern es ist auch davon überzeugt, mit seinen Gedanken und Wünschen die Realität beeinflussen zu können.
Diese Denkungsart, die heute in der Hauptsache nur mehr bei Kindern und Urvölkern oder bei ängstlich-narzisstischen Menschen zu finden ist, war auch für die Frühzeit der menschlichen Entwicklung charakteristisch. Wie das Kind im Erwachsenen fortbesteht, lebt auch diese archaische Form des Denkens im Verstandesmenschen von heute weiter.
Hätte der Mensch im Laufe seiner Evolution diese frühe Denkungsart bereits zur Gänze überwunden, gehörten Religion und Esoterik schon längst der Vergangenheit an. Auch wenn es den meisten nicht bewusst ist, überlagert das rationale Denken im Alltag bloß die archaische Denkungsart. Sobald die Ratio nicht gefordert ist, kommt die ursprüngliche Form des Denkens zum Vorschein. Wir verlieren uns in unseren Vorstellungen und geben uns unseren Tagträumen hin. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen bei langen Auto- oder Zugfahrten beobachten. Aber auch beim Lesen oder wenn man angestrengt über ein Problem nachdenkt, passiert es immer wieder, dass man in seinen Gedanken abgleitet und plötzlich ganz woanders ist.
Wenn der reflexive Verstand die magische Sichtweise auch überlagert, ist sie doch immer mit im Spiel. Im Gegensatz zum logisch-abstrakten Denken erfolgt das archaische assoziativ, auf der Grundlage von Symbolen und Bildern. Die Bildersprache, der es sich bedient, unterliegt denselben Gesetzmäßigkeiten wie das bildhafte Denken im Traum. Die Symbole stehen in keinem kausalen Zusammenhang, sondern sind durch Ähnlichkeit, Gleichzeitigkeit oder Gegensätzlichkeit verbunden.

Gute Brust, böse Brust. Die ersten inneren Bilder, von denen sich alle späteren Objektvorstellungen ableiten, entstehen in der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Sie sind halluzinierte Abbildungen der anwesenden, wärmenden, sättigenden, Lust spendenden, guten Mutter im Gegensatz zur abwesenden, kalten, versagenden, Unlust verursachenden, bösen Mutter, die in der Vorstellungswelt des Erwachsenen dem Himmel-Hölle-Dualismus zugrunde liegen.
Während der Himmel als Ort des Lichtes und unbegrenzter Glückseligkeit gilt, wird mit Hölle ewige Verdammnis, Entbehrung und Pein assoziiert. Diese Übereinstimmungen mit den emotionalen Polen der frühesten Entwicklungsphase des Menschen erklärt, warum so viele Menschen davon überzeugt sind, dass Himmel und Hölle existieren. Einfach weil sie schon einmal dort gewesen sind, auch wenn sie sich heute daran nicht mehr erinnern können.
Wie es bei Fantasiegebilden üblich ist, wird das Vorbild nie vollkommen naturgetreu abgebildet. Oft weisen diese inneren Bilder nur mehr eine vage Übereinstimmung mit dem Original auf. Es handelt sich daher nicht bloß um eine verinnerlichte Abbildung eines äußeren Objektes, sondern um eine neu hergestellte Ausgabe desselben in der inneren Welt. Die Objekte der inneren Welt sind daher stets Interpretationen wahrgenommener Objekte auf der Grundlage unserer Gefühle und Erfahrung.
Starke Wünsche und Emotionen vermögen, analog zu physikalischen Kraftfeldern in der Natur, diese Abbildungen in die eine oder andere Richtung zu verzerren. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die ersten Objektabbildungen größtenteils emotionaler Natur sind und Sinneseindrücke bei diesem Vorgang nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Welt der inneren Bilder befindet sich in einer ständigen Wechselwirkung mit der realen Außenwelt. Wie Vorgänge in der äußeren Welt gedeutet werden, hängt nicht zuletzt von den Assoziationen mit schon existierenden Bildern in der inneren Welt ab.

Synchronizität. Ausgehend von der Bildersprache des Unbewussten formulierte C. G. Jung ein allgemeines Prinzip der Synchronizität. Darunter ist das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehreren kausal nicht verbundenen Ereignissen zu verstehen, die von einem außen stehenden Beobachter in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht werden. Der Sinn ergibt sich immer erst aus der intuitiven Deutung des Geschehens.
Jemand, der auf der Straße einen Leichenwagen sieht und am nächsten Tag erfährt, dass zur selben Zeit ein entfernter Verwandter gestorben ist, mag diesem Zusammentreffen eine Bedeutung geben. Für einen anderen ist es bloß Zufall. Im Alltag hat ein jeder von uns schon einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht. Wir denken an eine bestimmte Person und im nächsten Augenblick ruft sie an.
Im Traum begegnet uns ein Mensch, den wir schon lange nicht mehr getroffen haben, wenige Stunden später läuft er uns über den Weg. Wir reagieren stets überrascht und viele neigen dazu, diesem Zusammentreffen eine übersinnliche Bedeutung zuzuschreiben. Aber warum? Wie oft sinnieren wir über Menschen, ohne dass das Telefon läutet? Wie oft träumen wir von einer Person, der wir nicht am nächsten Tag begegnen? Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit müssten wir erst dann hellhörig werden, wenn solche seltsamen Zufälle nicht passierten. Doch das Umgekehrte ist der Fall. Wie C. G. Jung betrachten die meisten solche Phänomene als Manifestation eines übersinnlichen Ordnungsprinzipes.
Das Zusammentreffen der Ereignisse wird erst durch die Bedeutung, die es für den Beobachter hat, zu etwas Außergewöhnlichem. Daher räumt C. G. Jung dem Beobachter in seinem Synchronizitäts-Modell einen besonderen Stellenwert ein.
Jenseits von Zufall und Kausalität wird hier eine verborgene Gesetzmäßigkeit behauptet, deren Existenz sich nur einem bewusstseinsfähigen Wesen enthüllt. Erst der Beobachter gibt dem zeitlichen Zusammentreffen zweier Ereignisse Sinn. Das wirft freilich die Frage auf, ob der Sinn schon a priori vorhanden ist und vom Beobachter nur enthüllt wird oder ob die Sinngebung ausschließlich auf seiner intuitiven Deutung beruht und daher höchst subjektiv ist. Würde ein zweiter Beobachter dem Zusammentreffen der Ereignisse eine ähnliche Bedeutung beimessen oder zu einem gänzlich anderen Schluss kommen? Wie gleich gezeigt wird, besteht nämlich auch umgekehrt die Möglichkeit, dass ein Mensch der Außenwelt willkürlich Zeichen entnimmt und diese in einen sinnhaften Zusammenhang mit schon vorhandenen seelischen Inhalten stellt.
Ein junger Mann lebte in der Gewissheit, von einer übernatürlichen Macht Zeichen zu empfangen. Insgeheim war er davon überzeugt, dass diese Macht über seinem Leben wachte und ihm mittels Zeichen kundtat, wie sie gerade zu ihm stand. Ob sie ihm wohlgesonnen war oder sich von ihm abgewandt hatte, weil er Schuld auf sich geladen hatte. Die Zeichen gehorchten keinem rationalen Ordnungsprinzip, sondern wurden von ihm willkürlich aus der Umgebung gegriffen. Intuitiv wusste er, wann er ein Geschehnis als Zeichen zu deuten hatte. Das Lächeln der Fernsehsprecherin konnte für ihn genauso bedeutsam sein wie eine bestimmte Handbewegung von ihr oder Worte, die er auf sich bezog.
Zeichen offenbarten sich ihm auch in Form von Straßengeräuschen, Tierlauten oder Wortfetzen. Oft waren es spezielle Konstellationen – wenn ihm zum Beispiel auf einem engen Trottoir ein dicker Mensch den Weg verstellte oder drei gleichfarbige Autos hintereinander parkten –, die in seiner Vorstellungswelt eine besondere Bedeutung erhielten. Diese Zeichen standen für ihn stets in einem sinnhaften Zusammenhang mit aktuellen Alltagsereignissen oder Lebensproblemen. In gewisser Weise regelten die Zeichen sein Leben, indem er anstehende Entscheidungen von ihnen abhängig machte. Niemand anderer hätte in den von ihm als Zeichen bestimmten Vorkommnissen etwas Besonderes erblickt oder ihnen gar denselben Sinn zugeschrieben wie er.

Subjektive Gewissheit. Im Gegensatz zur „objektiven“ Gewissheit, die überprüfbar ist, gründet die subjektive Gewissheit lediglich auf einem Gefühl. Auf der Überzeugung, dass es sich bei dem Zusammentreffen der Ereignisse um keinen Zufall handeln könne, dass dahinter ein tieferer Sinn stecken müsse. Wann aber kommt es zu dieser Überzeugung? Wer in Gedanken versunken an eine Person denkt und ihr unmittelbar darauf begegnet, den wird zunächst das zeitliche Zusammentreffen der beiden Ereignisse überraschen. Eine zeitverschobene Überschneidung würde den Verblüffungseffekt stark abschwächen oder sogar gänzlich aufheben.
Um zu verstehen, warum wir dem zeitgleichen Zusammentreffen von ähnlichen Ereignissen eine so große Bedeutung beimessen, ist es notwendig, die Funktionsweise unseres Gehirns ein wenig besser kennenzulernen. Die menschliche Gehirnrinde enthält etwa zehn Milliarden Neuronen (Nervenzellen). Jedes Neuron besteht aus einem Inputbereich, einem Informationsverarbeitungszentrum und einem Outputbereich. Den Inputbereich bilden Zehntausende Dendriten, über die Informationen von anderen Neuronen in den Zellkörper gelangen, wo sie verarbeitet werden. Über den Outputbereich, dem Axon, wird die Information zu anderen Neuronen weitergeleitet.
Neurone können auf zweierlei Weise miteinander verbunden sein. Neben festen neuronalen Verbindungen gibt es lose, synaptische. Synapsen sind eine Art Brückenkopf, der das Axon eines Neurons mit den Dendriten anderer Neurone verbindet. Die synaptische Übertragung der Information kann auf elektrischem oder chemischem Weg erfolgen. Bei der chemischen Übertragung werden die elektrischen Signale vor der Weiterleitung in chemische umgewandelt.

Neuronenpfade. Nach der Hebb’schen Lernregel (Hebb, 1949) wird die Verbindung zwischen zwei Neuronen umso stärker, je öfter sie gemeinsam aktiviert werden. Wenn ein Reiz unser Gehirn erreicht, sind es allerdings nicht nur zwei, sondern unzählig viele Neurone, die gleichzeitig aktiv werden. Durch die Veränderungen in den Synapsen der zeitgleich aktivierten Neuronen wird in das neuronale Netz unseres Gehirns eine Art Muster eingraviert.
Sie können sich das wie bei einer schneebedeckten Wiese in einem Park vorstellen. Am frühen Morgen, nachdem es geschneit hat, ist die Schneedecke noch unberührt. Später werden sie Menschen überqueren, die kreuz und quer ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Einige Spuren werden häufig frequentiert, andere nur ein einziges Mal. Je häufiger eine Spur benutzt wird, umso ausgetretener ist der Pfad und umso schneller kommt man auf ihm weiter.
Analog dazu gibt es in unserem Gehirn ausgetretene Neuronenpfade und solche, die nur höchst selten benutzt werden. Im Gehirn einlangende Reize aktivieren bestimmte neuronale Muster, ausgetretene Pfade, die unseren Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen zugrunde liegen.
Die wahrgenommenen Objekte in der Außenwelt werden im Sinne der Ähnlichkeit, Gegensätzlichkeit oder Gleichzeitigkeit zu Merkmalsklassen zusammengefasst und im neuronalen Netz unseres Gehirns verankert. Es wird also nicht jeder Baum einzeln im Gehirn abgespeichert. Wann immer aber man einen Baum wahrnimmt, wird das Muster der zugehörigen Merkmalsklasse aktiviert und das Gehirn erkennt, dass es sich bei dem wahrgenommenen Objekt um eines der Merkmalsklasse Baum handelt.
Die Fähigkeit, Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten zwischen Objekten zu erkennen und sie in einen sinnhaften Zusammenhang zu stellen, kann mit Hilfe von Intelligenztests sogar gemessen werden. Ohne diese Fähigkeit des menschlichen Gehirns hätte es keine Begriffsbildung und damit auch keine Sprachentwicklung gegeben. Wenn durch die Wahrnehmung zwei gleiche Muster knapp hintereinander aktiviert werden, unterstellt unser Gehirn diesem Zusammentreffen automatisch einen sinnhaften Zusammenhang.
Stellen Sie sich vor, sie würden an einem psychologischen Experiment teilnehmen, bei dem Sie mit von einem Zufallsgenerator ausgewählten Paaren von Lichtsignalen konfrontiert werden. Sie sollen durch Knopfdruck jene Paare auswählen, die aus ihrer Sicht in einem sinnhaften Zusammenhang stehen. Die Lichtreize beginnen: rot-weiß, grün-violett, braun-blau, schwarz-ocker, rot-rot, türkis-gelb, weiß-blau, schwarz-grün, schwarz-weiß, gelb-pink, gelb-grün, grün-grün, orange-violett ...
Wir haben diesen Versuch in unserem Institut (Institut für Angewandte Tiefenpsychologie) durchgeführt. Das Ergebnis wird Sie nicht überraschen. Gleiche Farbsignale wurden signifikant häufiger als sinnhaft zusammengehörig erlebt. Dasselbe Phänomen können Sie auch bei Würfelspielen beobachten. Jedes hintereinander gewürfelte Zahlenpaar hat die gleiche Auftrittswahrscheinlichkeit. Wenn nacheinander die Eins und die Drei fallen, wird das wohl kaum jemand außergewöhnlich finden. Sobald jedoch zweimal aufeinander dieselbe Augenzahl folgt, wird dem schon mehr Bedeutung beigemessen.
Der Sinn, den wir zufällig zusammentreffenden Ereignissen zuschreiben, hat also nicht das Geringste mit einem verborgenen übersinnlichen Ordnungsprinzip zu tun, wie C. G. Jung und mit ihm die Anhänger des magischen Weltbildes glauben, sondern ausschließlich mit der Funktionsweise unseres Gehirns. Das erklärt auch, warum das zeitgleiche Auftreten ähnlicher Objekte bei den meisten Menschen mit der Überzeugung einhergeht, dass diesem Zusammenhang eine geheime Bedeutung innewohnen müsse. Das gilt natürlich auch für die unzähligen Geschichten aus der Welt des Paranormalen.
Ich habe im Auftrag einer österreichischen Tageszeitung vor vielen Jahren Recherchen für eine Serie zum Thema „Der sechste Sinn“ durchgeführt. Die Leser wurden in der Zeitung ermutigt, selbst erlebte übersinnliche Begebenheiten einzusenden. Die Resonanz war enorm. Tausende „Tatsachenberichte“ langten in der Redaktion ein. Der Tenor war eindeutig: Die überwältigende Mehrheit der Einsendungen bezog sich auf telepathische Phänomene und Wahrträume. Vereinzelt berichteten die Leser von Spukerscheinungen, Geistersichtungen und psychokinetischen Phänomenen. Auffallend war, dass sich die meisten Wahrträume auf Unglücksfälle im näheren Umfeld oder auf Katastrophen bezogen, von denen die Träumer erst Tage darauf aus den Nachrichten erfuhren.

Unkorrigierbarkeit. Aus den Einsendungen wählte ich jene Berichte aus, die mir am authentischsten erschienen, und lud die Verfasser zu einem persönlichen Gespräch ein. Bei den Interviews machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Für die meisten Befragten handelte es sich bei dem berichteten Ereignis nicht um die erste Erfahrung mit dem „Übersinnlichen“. Mehrere Berichte legten sogar den Verdacht nahe, dass paranormale Vorkommnisse nicht die Ausnahme, sondern die Regel seien. Was war der Grund für die Häufung der übersinnlichen Phänomene bei manchen Menschen? Waren sie einfach medial begabt oder gibt es dafür noch eine andere Erklärung?
Die Anamnese zeigte, dass mehr als zwei Drittel aus Familien stammten, die okkulten Phänomenen gegenüber unkritisch eingestellt waren. Auch der Aberglaube war im familiären Umfeld verbreitet. Was mir in den Gesprächen noch auffiel, war die Entschiedenheit und Vehemenz, mit der die Betroffenen jede Möglichkeit einer rationalen Erklärung des berichteten Phänomens von vornherein ausschlossen. Kritischen Einwänden oder schlüssigen alternativen Interpretationen wurde stets mit spontanen Abänderungen des ursprünglichen Berichtes durch Hinzufügen „neuer“ Details oder „Erinnerungskorrekturen“ begegnet, bis zu guter Letzt wieder nur die paranormale Erklärung als einzig mögliche übrig blieb. Es lag bei den Befragten nicht nur eine hohe Bereitschaft vor, Okkultes für wahr zu halten, sondern es schien so, als würden sie an die Welt des Paranormalen geradezu glauben wollen.
Offensichtlich sind okkultistische, magisch-religiöse und wahnhafte Gedankengebäude durch dieselben Kriterien definiert: subjektive Gewissheit, Unkorrigierbarkeit und die Unmöglichkeit ihrer Inhalte. Im Gegensatz zu normalen Vermutungen, deren Wahrheitsgehalt für mehr oder weniger wahrscheinlich gehalten wird, gehen irrationale Annahmen häufig mit absoluter Gewissheit einher. Kein noch so schlüssiges Argument, kein noch so stichhaltiger Einwand kann sie widerlegen. Nicht anders wie Patienten mit einer Wahnstörung haben auch Esoterikjünger und religiöse Fundamentalisten nicht die geringste Bereitschaft, ihre Glaubenssysteme kritisch zu hinterfragen. Sie versuchen sich die Realität vielmehr so zurechtzubiegen, dass sie sich mit ihren irrationalen Konstruktionen deckt.

Wahnhafte Weltbilder. Bis heute weist nichts in der Natur auf die Existenz paranormaler Erscheinungen hin. Trotz hundert Jahren parapsychologischer Forschung gibt es bis heute kein einziges bewiesenes Psi-Phänomen. Trotzdem hält die überwiegende Mehrheit der Menschen daran fest, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als die Wissenschaft sich träumen lässt“. Worauf gründet die Überzeugung von der Existenz paranormaler Phänomene oder der „ungeheuren“ Macht der Magie?
Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto eine Million zu gewinnen, ist nur geringfügig höher wie die, vom Blitz erschlagen zu werden. Dessen ungeachtet spielen Woche für Woche weltweit viele Millionen Menschen Lotto oder kaufen Lose. Immer in der Hoffnung auf das große Glück. Auch hier liegt offensichtlich ein gewaltiges Missverständnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit vor. Das beweisen alleine schon die horrenden Gewinne der Glücksspielindustrie.
Handelt jemand, der Lotto spielt, rational und realitätsgerecht? Sicher nicht. Was aber veranlasst Menschen dazu, in der Fantasie eine Wirklichkeit zu schaffen, an der sie festhalten, als wäre sie real? Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist das Wunschdenken. Magische, religiöse und wahnhafte Überzeugungen haben dieselben Wurzeln. Ihre Inhalte sind halluzinierte, in die Außenwelt projizierte Wunscherfüllungen, die der Mensch braucht, um die beängstigenden Seiten der Realität wie seine eigene Begrenztheit zu entschärfen.
Freilich kann man zwischen wahnhaften Weltbildern und der beweisbaren Realität erst unterscheiden, seit es die wissenschaftliche Denkweise gibt. Erst das wissenschaftliche Vorgehen ermöglichte es, Behauptungen zu überprüfen, zu bewahrheiten oder zu widerlegen. Seither ist es für magische und religiöse Modelle eng geworden. Jemand, der ernsthaft glaubt, dass er Regen herbeizaubern kann, indem er den Regen imitiert, ist aus wissenschaftlicher Sicht genauso in einer Wahnvorstellung verfangen, wie jemand, der glaubt, dass Mohammed mit Elefanten in den Himmel aufgefahren oder ein jüdischer Zimmermann gekreuzigt, gestorben und wiederauferstanden ist, um die Menschen von der Sünde zu erlösen.
Trotzdem würden sich die meisten Experten dagegen verwehren, Anhänger von religiösen oder esoterischen Richtungen als wahnhaft zu bezeichnen. Aber warum? Natürlich spielt der kulturelle Hintergrund bei der Bewertung von Wahninhalten eine gewichtige Rolle. Hätte jemand den Menschen vor 2000 Jahren erzählt, dass wir auf einer Kugel leben, hätte man diese Person vermutlich auch für verrückt gehalten. Aber aus einem ganz anderen Grund: „Wenn die Erde eine Kugel ist, warum fallen die Menschen auf der unteren Hälfte dann nicht hinunter?“
Damals war die Wissenschaft noch nicht in der Lage, die Annahme, dass die Erde eine Scheibe sei, zu widerlegen. Heute aber kann sie es und noch viel mehr. Wer sich angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse immer noch weigert, anzuerkennen, dass die Erde eine Kugel ist, dass es den Urknall gegeben hat und dass alles Leben auf Evolution beruht, leugnet die Realität wider beweisbares Wissen und ersetzt sie durch seine subjektive Wunschwirklichkeit. Wie sonst sollte man ein solches Vorgehen bezeichnen, wenn nicht wahnhaft? Wie viele Menschen sich einer Wahnidee verschrieben haben – ob einer oder viele Millionen –, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Wichtig ist einzig und allein, ob diese Idee die Wahnkriterien erfüllt oder nicht.
Auf das Argument, dass es eine übersinnliche Wirklichkeit gibt und nur die Wissenschaft noch nicht in der Lage ist, diese zu erkennen, berufen sich Anhänger des magischen Weltbildes gerne. Dabei lassen sie jedoch außer Acht, dass schon heute die Möglichkeit besteht, religiöse Aussagen, Prophezeiungen oder die Wirksamkeit esoterischer Methoden mit denselben Methoden zu überprüfen wie die Vorhersagen wissenschaftlicher Theorien. Gerade weil sie den Wahrheitsbeweis bisher schuldig geblieben sind, haben sie aus naturwissenschaftlicher Sicht ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Trotzdem werden Religion und Esoterik den Verstand des Menschen noch geraume Zeit strapazieren. Noch sind die Wünsche und Sehnsüchte, die diesen Weltbildern zugrunde liegen, zu stark, als dass der Mensch sich von ihnen verabschieden könnte. Die Wissenschaft kann dem Menschen nur die kümmerliche Realität anbieten. Wenn es um das existenzielle Dilemma des Menschen geht, verstärkt eine realitätsgerechte Sicht seine Angst eher, während sie die Realitätsverleugnung durch Religion und Magie zumindest oberflächlich betäubt. Doch nur solange diese nicht einer Realitätsprüfung unterzogen werden.
Es ist gewiss mutiger, der Realität so ins Auge zu sehen, wie sie ist. Aber ob es auch bequemer und lustvoller ist? Der Esoterikboom und das Aufkeimen des religiösen Fundamentalismus als Reaktion auf den wissenschaftlichen Fortschritt ist ein beredtes Zeichen für die Befindlichkeit des postmodernen Menschen.

 

Macht und Ohnmacht der Magie

Glück und Magie liegen eng beisammen. Seit Urzeiten versuchen Menschen ihr Glück zu beeinflussen, wie paläolithische Höhlenmalereien zum Beispiel in Trois Frères, Südfrankreich, belegen. Ursprünglich auf magischem Weg, später mit Hilfe der Religion und erst in den letzten Jahrhunderten mit wissenschaftlichen Methoden.
Schon sehr früh muss dem Menschen bewusst geworden sein, dass sein Schicksal nicht wirklich in seiner Hand liegt. Spätestens von dem Zeitpunkt an, wo er den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erahnte, muss er hinter unvermeidlichen Schicksalsschlägen das Wirken geheimnisvoller Kräfte vermutet haben. Mangels anderer Möglichkeiten konnte er über das Wesen dieser Kräfte nur fantasieren oder Analogien zwischen den von ihm beobachteten Phänomenen herstellen. Die Bausteine seiner assoziativen Gedankengebäude entnahm er seinem persönlichen Erfahrungsschatz. Die Absichten und Eigenschaften, die er diesen Mächten unterstellte, mussten sich zwangsläufig am eigenen Vorbild orientieren.
So wurde in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung die Außenwelt des Menschen zur Projektionsfläche seiner Innenwelt. Ein Vorgang, der sich auch bei Kleinkindern beobachten lässt. Die Welt eines Kindes ist durch und durch beseelt. Tiere, Pflanzen, Gegenstände fühlen, denken, handeln wie es selbst. Wenn die Abläufe in der äußeren Welt lediglich ein Spiegel der inneren waren, dann mussten sich Veränderungen in der Innenwelt doch auch gleichzeitig auf die Vorgänge in der Außenwelt auswirken. Tatsächlich kommt dem Prinzip der Synchronizität im magischen Denken eine hervorragende Bedeutung zu.

Imitation. „Ähnliches bringt Ähnliches, Gleiches Gleiches hervor“, beschreibt Kirchgässner die magische Denkweise. „Der Eingeborene tritt, um seine Sohlen zu härten, auf eine Schildkröte; er befestigt Moos von einem Ozeandampfer an seinem Boot, um ihm die Geschwindigkeit dieses Dampfers zu verleihen. Verheiratete Äquatorialindiander essen keine Zwillingsbananen, damit sie keine Zwillinge bekommen. Römische Damen des Kaiserhofes aßen jeden Morgen Hirschbraten, weil der Hirsch kein Fieber bekommt. Gegen Blitzgefahr trug man das Fell von Seehunden oder Federn von Adlern, weil diese Tiere gegen den Blitz immun sind. Nach einem alten Volksglauben reizt die größere Wurzel des Knabenkrauts, weil hodenähnlich, den Geschlechtstrieb, die kleinere mindert ihn. Rattenhaar feit gegen Wurfgeschosse, weil die Ratte im Ausweichen so geschickt ist. Zwiebeln, die man im Zorn pflanzt, werden besonders scharf.“
Freud weist gleichfalls auf den imitativen Charakter magischer Rituale hin. Um Regen zu zaubern, wird der Vorgang des Regnens in einem magischen Ritual nachgeahmt. In manchen Teilen Javas vollzogen die Bauern zur Zeit der Reisblüte auf ihrem Feld einen ritualisierten Geschlechtsverkehr, um auf diese Weise die Fruchtbarkeit des Reises anzuregen.
Beim Voodoo, einem der bekanntesten magisch-religiösen Kulte aus Westafrika, wird das Ebenbild eines gehassten Feindes – meist in Form einer Puppe – angefertigt. Was man dem Imitat antut, erleidet auch der Mensch, den es darstellt. Er erleidet es auch wirklich. Aber nur in der Innenwelt der Person, die das Ritual durchführt. Erst durch den Vorgang der Projektion wird das innere Bild, die Realisierung des hasserfüllten Wunsches, zu einem Bestandteil der äußeren Welt. Auf diese Weise verschwimmen im Erleben des Protagonisten die Grenzen zwischen innerer und äußerer Realität.
Natürlich drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage auf, warum in den Anfängen des menschlichen Zivilisationsprozesses bei Kulthandlungen gerade der Nachahmung eine so große Bedeutung zugeschrieben wurde. Sicher war die Imitationsfähigkeit eine wichtige Voraussetzung für die menschliche Sprach- und Kulturentwicklung. Sie war die Grundlage für das Erlernen komplexer Handlungsabläufe. Indem er Verhaltensweisen beobachtete und imitierte, gewann der Mensch zunehmend Einsicht in die Absichten und Motive, die sie hervorbrachten.
Die Imitationsfähigkeit ermöglichte das Verstehen. Letztlich verhalf das Lernen durch Imitation und Einsicht dem Menschen zu seinem evolutionären Höhenflug. Wenn er andere imitieren konnte, warum sollte er nicht auch die Natur dazu bewegen können, ihn nachzuahmen, um sie auf diese Weise seinem Willen zu unterwerfen?
Die magischen Rituale waren in der Frühzeit der menschlichen Entwicklung mit Sicherheit nicht erfolgreicher als heute. Mangels alternativer Möglichkeiten, in das Weltgeschehen einzugreifen, wird sich damals wohl kaum jemand an der geringen Erfolgsquote der rituellen Handlungen gestoßen haben. Nicht anders geht es uns heute mit der ärztlichen Kunst. Wir hoffen zwar inständig, dass sie von Erfolg gekrönt sei, sind uns aber dessen keinesfalls sicher. Warum sollte der Urmensch an die Erfolgsaussichten seiner magischen Praktiken strengere Maßstäbe angelegt haben als der zivilisierte Mensch heute an die seiner Methoden?
Erstaunlicherweise wird die Frage des Funktionierens magischer Rituale von den Anhängern esoterischer Richtungen aber bis heute nicht gestellt. Denken wir doch nur an den Voodoo-Zauber. Nichts ist nach einem Voodoo-Zauber leichter, als zu überprüfen, ob der betroffenen Person wirklich im vorgegebenen Zeitraum das Schicksal widerfahren ist, welches ihr durch die magische Handlung zugedacht war.
Auch die Wirksamkeit eines Liebeszaubers ließe sich jederzeit problemlos feststellen. Trotzdem spielt die Frage der Wirksamkeit in der Magie nur eine untergeordnete Rolle. Genauso wenig wie sich Gläubige dafür zu interessieren scheinen, ob ihre Fürbitten und Gebete in Erfüllung gehen. Die Hoffnung orientiert sich nur selten an der Realität – auch im Alltag nicht.
Eine stark übergewichtige Frau las in einem bunten Blatt die Werbung für ein Schlankheitsmittel, dessen Einnahme einen Gewichtsverlust von bis zu 30 Kilogramm innerhalb weniger Wochen versprach. Sie bestellte es, obwohl ihr vorangegangene Enttäuschungen mit ähnlichen Präparaten längst die Wirkungslosigkeit dieser Mittel hätten vor Augen führen müssen.
Negative Erfahrungen im Zusammenhang mit Aberglauben, Horoskopen, Prophezeiungen, Wundermitteln, magischen Ritualen, Gebeten scheinen bei den Betroffenen, wenn überhaupt, nur kurzfristige Zweifel nach sich zu ziehen. Viele Menschen, die an Horoskope glauben, werden sich zwar darüber freuen, wenn ihnen Gesundheit, Reichtum und die große Liebe prophezeit wird. Aber rechnen sie ernsthaft damit, dass diese Prophezeiungen eintreffen? Insgeheim scheinen die meisten um die Schwäche der magischen Verfahren zu wissen und schützen sich mit vorwegnehmenden Rechtfertigungen vor dem erwarteten Misserfolg.
Ein Fußballbegeisterter flehte vor entscheidenden Ausscheidungsspielen regelmäßig Gott um Hilfe für seine Mannschaft an. Gewann diese, bedankte er sich überschwänglich für die göttliche Unterstützung. Verlor sie, machte er sich Vorwürfe, weil er so vermessen war, Gott wegen einer derartigen Banalität auf die Probe zu stellen.
Eine Frau, die sich bei Einkäufen finanziell schwer übernommen hatte, kaufte sich Dutzende Brieflose und bat ihren „Schutzengel“ inständig um einen Haupttreffer. Als sich die meisten als Nieten herausstellten und die wenigen Treffer nur geringfügige Gewinne auswiesen, deutete sie ihren Misserfolg als Zeichen. Der „Schutzengel“ wollte ihr auf diese Weise zeigen, dass sie nur dann Vergebung erlangen könne, wenn sie ihre Schulden aus eigener Kraft zurückzahlte.

Macht des Wunschdenkens. Wenn man in der Wissenschaft eine Theorie überprüft, stellt man auf ihrer Grundlage Hypothesen auf, die dann mit geeigneten Methoden überprüft werden. Wenn die Theorie besagt, dass Kinder, die viele Süßigkeiten essen und wenig Bewegung machen, zu Übergewicht neigen, kann man diese Annahme leicht überprüfen.
Man bildet zwei Gruppen von gleichaltrigen Kindern. In einer Gruppe befinden sich Kinder, die wenig Süßigkeiten essen und viel Bewegung machen, bei den Kindern der anderen Gruppe verhält es sich gerade umgekehrt. Nach einem halben Jahr lässt man die Kinder auf die Waage steigen und vergleicht die neuen Körpergewichte mit den Ausgangsgewichten. Wenn die Kinder der Schlemmergruppe stärker zugenommen haben als die Kinder der anderen Gruppe, wurde die Annahme der Theorie bestätigt.
Nichts wäre leichter, als die Wirksamkeit magischer Rituale oder paranormaler Phänomene nach demselben Maß zu messen. Dort wo solche Untersuchungen bereits durchgeführt wurden, hat sich die Wirkungslosigkeit der Magie längst herausgestellt. Mediale Begabungen, außersinnliche Wahrnehmungen, paranormale Phänomene wurden durchwegs als Täuschungen entlarvt.
Trotzdem kann man das mangelnde Interesse gläubiger Menschen an einer wissenschaftlichen Überprüfung der Wirksamkeit der von ihnen praktizierten Rituale nicht nur mit der Angst erklären, am Ende als naiv dazustehen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Esoterik- oder Religionsgläubigen sich durchaus bewusst ist, dass ihre Ideensysteme einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten würden.
Nur sehen die meisten gerne über diesen Sachverhalt hinweg, weil sie die Anerkennung der Ergebnisse dazu zwingen würde, ihren Glauben und damit auch ihr Wunschdenken aufzugeben. In einer Welt zu leben, in der die Dinge so verlaufen, wie man es sich wünscht, in der „mächtige“ Rituale oder Gebete vor schmerzhaften Schicksalsschlägen schützen und in welcher der Tod nicht das unvermeidliche Ende, sondern das Tor zu einer neuen Welt darstellt, ist sicher beruhigender als die Welt, die uns die Wissenschaft vorsetzt.
Auch eine Patientin von mir hielt es weniger mit der Schulmedizin als mit der Esoterik. Weil sie Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen hatte, wurde ihr von ihrer Freundin der Besuch einer Osteopathin angeraten. Osteopathen verstünden sich auf die Kunst der „sanften Heilung“. Mit ihren Händen „hörten“ sie den Körper der Patienten ab. Dabei „erspürten“ sie Strömungen, Bewegungen und Spannungen im Körper, lösten Blockaden und mobilisierten die „Selbstheilungskräfte“.
So weit so gut. Bei der ersten Sitzung wurde festgestellt, dass ein Unfall, den die Patientin vor vielen Jahren hatte, der aber zum Glück glimpflich verlaufen war, bei ihr zu einem „Energiestau“ geführt habe. Dieser Energiestau sei für die Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen verantwortlich. Innerhalb weniger Sitzungen sollten die Blockaden aufgelöst, Ischias- und Kopfschmerzen beseitigt werden. In der nächsten Stunde „erspürte“ die Heilerin dann einen Energiestau im Brustraum. Blockaden an dieser Stelle hätten oft mit dem Großvater zu tun, wusste sie. Der Patientin wurde daher aufgetragen, den Großvater in der Therapie zu besprechen.
Der nächste Energiestau wurde im Bereich des Magens geortet und auf die ungesunde Ernährung der Patientin zurückgeführt. Es wurde ihr dringend angeraten, diese zu verändern. Trotzdem sie bei ihren alten Ernährungsgewohnheiten blieb, war die vom Magen verursachte Blockade in der nächsten Stunde beseitigt. Dafür wurden jetzt Leber und Niere als Energiestauorgane ausgemacht und bedurften einer sanften Behandlung durch Handauflegen. Zu dieser kam es allerdings nicht mehr, weil die Patientin die Behandlung abbrach.
An ihren Ischiasbeschwerden und Kopfschmerzen hatte das Auflösen der Energieblockaden nichts verändert. Eigentlich sollte man meinen, dass die negativen Erfahrungen mit den heilenden Händen den Glauben der Patientin an die Wirksamkeit esoterischer Techniken nachhaltig erschütterten. Doch weit gefehlt. Das magische Denken der Patientin trotzte auch weiterhin der Realität. Wer glauben muss, glaubt auch gegen jegliche Vernunft.
Wie das Beispiel dieser Patientin und vieler anderer Menschen zeigt, ist das „magische Denken“ oder Wunschdenken auch in unserer Gesellschaft nahezu ungebrochen. Traut man den Umfragen, sind überraschend viele davon überzeugt, dass sie kraft ihrer Gedanken und Wünsche auf naturwissenschaftlich nicht erklärbare Weise die Vorgänge in ihrer Umgebung steuern können. Von der Frühzeit des Menschen bis in die Gegenwart geben Schamanen, Medizinmänner, Hohepriester, Hexen, Magier, Heiler vor, dank der ihnen „verliehenen“ Kräfte das Schicksal von Menschen in positiver oder negativer Weise zu beeinflussen.

 

Infantile Allmacht und böse Wünsche

Das magische Denken gilt als die ursprüngliche Denkform der Menschen. Es ähnelt, wie bereits ausgeführt, der Arbeitsweise des Traumes. Auf dieser Ebene wird das Denken fast zur Gänze vom Lustprinzip bestimmt. Ohne Rücksicht auf die Realität orientiert es sich an den unmittelbaren Wünschen, deren Erfüllung es zur Grundlage seiner subjektiven Realität macht. Menschen auf der Stufe des magischen Denkens sehen die Welt daher nie so, wie sie ist, sondern stets so, wie sie sie sehen wollen. Unvermeidliche unlustvolle Realitätseinbrüche werden im Sinne des Wunschdenkens verleugnet oder ungeschehen gemacht.
Natürlich scheint beim magischen Denken die Kenntnis um geheime Regeln, Sprüche oder rituelle Handlungen eine wichtige Rolle zu spielen. Doch das stärkste Motiv für das Festhalten am magischen Denken ist doch der unbewusste Machtanspruch. Im Grunde beruht die Magie einzig und allein auf der Annahme, dass es möglich ist, die Welt dem eigenen Willen zu unterwerfen. Selbst der Teufel muss sich der Herrschaft des Exorzisten beugen, solange der an die beschwörende Macht seiner Rituale glaubt.
Wer sich über die unbewussten Wünsche, die den Glauben an die Magie bedingen, ein klareres Bild machen will, muss sich nur die Verheißungen von Astrologen, Hellsehern, Kartenlegern, Schamanen, Heilern, Hexen, Magiern, Medien im Internet oder in einschlägigen Zeitschriften zu Gemüte führen. Gleichgültig ob es sich um Liebes-, Rache- oder Todeswünsche handelt, sie alle können in Erfüllung gehen, wenn man nur das passende Ritual kennt und bei seiner Ausführung keinen Fehler macht. Was aber noch viel wichtiger ist, man muss es immer auch „ganz fest wollen“.

Schwarze Wünsche. Immer geht es um den infantilen Wunsch, das Schicksal dem eigenen Willen gefügig zu machen. Es ist bezeichnend, dass auch beim Liebeszauber das Objekt der Begierde als „Opfer“ benannt wird. Bezeichnend deswegen, weil dieses Ritual, wäre es wirksam, alle Merkmale einer Vergewaltigung erfüllt.
Die Vergewaltigung ist die unmittelbarste Form, sich gegen den Willen eines Sexualobjektes seiner zu bemächtigen. Dabei ist die körperliche Gewaltanwendung nicht die einzige Spielart der sexuellen Nötigung. Nach dem deutschen StGB § 177 liegt eine sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung auch dann vor, wenn jemand „eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen ...“
Es spielt daher überhaupt keine Rolle, ob man den Willen des Sexualobjektes mit Gewalt, Drogen oder einem Liebeszauber außer Kraft setzt. Es ist und bleibt Vergewaltigung. Genauso wenig wie es einen Unterschied macht, ob man einen Menschen mit bloßen Händen umbringt oder mit tödlicher Magie ins Jenseits befördert. So oder so ist es Mord. Geben wir uns keinen Illusionen hin.
Bei den Motiven, die Menschen dazu veranlassen, an die Macht der Magie zu glauben, handelt es sich größtenteils um unerfüllte Sexualwünsche, Todes- oder Zerstörungswünsche. Leidenschaftliches Begehren und mörderischer Hass sind die wichtigsten Ingredienzien magischer Zaubertränke. Dass es sich beim Glauben an die Magie um kindliches Denken handelt, kann man alleine schon den Handlungsanweisungen für Rituale entnehmen. Die Primitivität der Rituale ist nur schwer zu übertreffen.
Wer an einer Krankheit leidet, braucht lediglich eine Münze inständig mit seinem Leiden zu besprechen. Anschließend muss man die Münze an einer stark frequentierten Stelle hinterlegen. Wer sie findet und aufhebt, bekommt die Krankheit, man selbst ist von ihr befreit.
Um sich ein Sexualobjekt gefügig zu machen, benötigt man ein Haar des „Opfers“ oder etwas, das mit ihm in Berührung gekommen ist, eine rote Kerze, Rosenöl und etwas Wachs. Aus dem Wachs formt man möglichst naturgetreu das Ebenbild des begehrten Objektes. Danach reibt man den Kopf und die Genitalien der Wachspuppe mit Öl ein. Ist das erledigt, muss die Kerze ebenfalls mit Öl eingerieben werden. Zuerst von unten dann von oben zur Mitte – die Analogie zur Masturbation lässt sich nur schwer übersehen. Während des gesamten Rituals fixiert man das Kerzenlicht, möglichst ohne mit den Lidern zu blinzeln, und malt sich aus, was man mit dem „Opfer“ gerne anstellen möchte. So einfach ist das.
Will man eine unliebsame Person aus dem Weg räumen, muss man nur die Farbe der Kerze auf schwarz ändern und die Puppe statt mit Öl mit Blut beschmieren. Der passende Zauberspruch dazu: ein von hinten gesprochenes „Vater unser“. Nach spätestens drei Tagen erfährt man dann von dem Unheil, das diese Person ereilt hat. Natürlich darf in diesem Fall auch der Hinweis auf die Gefährlichkeit des Rituals nicht unterbleiben. Schließlich trägt das zum Glauben an seine Wirksamkeit bei. Sofort würde der Fluch auf den zurückschlagen, der das Ritual nicht ernst nimmt oder Unfug damit treibt. Offensichtlich können nur diejenigen den Zauber ungefährdet anwenden, die ernsthaft jemand um die Ecke bringen wollen.

Placeboeffekt. So lächerlich diese Rituale aus rationaler Sicht sind, verfehlen sie nicht ihre Wirkung bei Personen, die daran glauben. Der Glaube versetzt zwar nicht Berge, vermag aber die Psyche in manchen Fällen arg zu täuschen.
Der Erfolg von ärztlichen Scheineingriffen oder Scheinbehandlungen mit Medikamenten ohne spezifischen Wirkstoff hat dazu geführt, dass solche Placebos heute in der Arzneimittelforschung unverzichtbar sind. Im Rahmen von Doppelblindversuchen, bei denen weder der Arzt noch der Patient wissen, welches der verabreichten Medikamente den Wirkstoff enthält und welches ein Placebo ist, wird die Wirksamkeit von pharmakologischen Substanzen getestet. Diese ist nur dann gegeben, wenn sich in der Nachuntersuchung die Wirkung des Teststoffes signifikant von der Wirkung des Placebos unterscheidet.
Es steht außer Zweifel, dass Placebos hochwirksam sein können. Die Frage ist nur wie? Eines ist klar, für die Wirksamkeit des Placebos ist nicht der Wirkstoff ausschlaggebend, sondern die Bedeutung, die dem Mittel oder der ärztlichen Handlung beigemessen wird. Kinder sowie Männer und Frauen mit leichteren Erkrankungen, vor allem solchen, bei denen eine Wechselwirkung zwischen Psyche und Soma besteht, sprechen auf Placebobehandlungen besser an. Am besten wirken Placebos aber bei Schmerzzuständen. Nicht anders wie bei magischen Ritualen sind Glaube und Erwartung für den Placeboeffekt entscheidend.
Eine Frau befand sich mit phobischen Beschwerden in psychoanalytischer Behandlung. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass die Patientin auch an einer schweren Katzenphobie litt. Seit ihre erwachsene Tochter eine Katze hätte, könne sie deren Wohnung nicht mehr betreten, weil sich schon nach wenigen Minuten schwerste allergische Symptome bis hin zur Erstickungsgefahr einstellten. Auch umgekehrte Besuche kämen nicht in Frage, weil sich auf den Kleidungsstücken der Tochter immer Katzenhaare befänden, die schon ausreichten, um bei ihr die allergische Reaktion auszulösen.
Ihre Analytikerin war ob dieser Mitteilung verblüfft. Sie hatte selbst eine Katze. Nachdem ihre Praxis im Erdgeschoss ihres Einfamilienhauses lag, hielt sich die Katze des Abends auch öfters dort auf. Und vereinzelte Katzenhaare fanden sich allemal auf ihrer Kleidung. Trotzdem hatte die Patientin bisher kein einziges Mal während der Stunde über allergische Beschwerden geklagt.
Die Analytikerin verlieh ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, mit dem Erfolg, dass die Patientin in der nächsten Stunde schon nach wenigen Minuten deutliche Zeichen einer allergischen Reaktion aufwies. Auf die Frage der Therapeutin, was wohl wäre, wenn sie nun doch keine Katze hätte, reagierte die Frau völlig verwirrt. Ihre Symptome klangen zwar ab, aber sie wurde ziemlich wütend.
Natürlich lässt sich über die therapeutische Intervention der Analytikerin streiten. Trotzdem konnte sie der Patientin vor Augen führen, dass bei ihr nicht die Katzenhaare, sondern der Glaube und die Erwartung die allergische Reaktion hervorriefen. Sie verfolgte mit den allergischen Symptomen eine versteckte Absicht. Etwas in ihrem Gehirn, das sich jedoch – und das ist sehr wichtig – ihrer bewussten Kenntnis entzog, wollte diese Reaktion.
Vielleicht ging es um einen aggressiven Impuls, der sich jetzt an der Tochter entlud. Du (mit deiner Katze) bist schuld, dass es mir schlecht geht und dass ich dich nicht mehr sehen kann. Tatsächlich hatte die Patientin eine um zweieinhalb Jahre jüngere Schwester. Möglicherweise handelte es sich bei der Symptomatik um die Verschiebung eines kindlichen Vorwurfes, der ursprünglich ihrer Mutter galt. „Sieh her, weil du dir die andere angeschafft hast, geht es mir jetzt so schlecht. Mir wird es erst wieder gut gehen, wenn du sie weggegeben hast.“ Wie es scheint, hatte die Patientin die Beziehung zu ihrer Mutter und damit auch den kindlichen Vorwurf auf ihre Tochter übertragen.

Magie der Gedanken. Wie leicht sich das Gehirn mit irrationalem Glauben und ängstlicher Erwartung selbst verrückt macht, kann ein jeder leicht bei sich selbst überprüfen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Nacht eingeschlossen in einer alten Friedhofsgruft neben Särgen verbringen. Kein Ort der Welt ist sicherer als dieser. Trotzdem wäre Ihnen vermutlich sehr unheimlich zumute. Was nützte Ihnen da schon Ihr Wissen, dass es keine Geister gibt und Tote auch um Mitternacht nicht aus ihren Särgen steigen?
In einem Museum für moderne Kunst in Wien wurde vor vielen Jahren ein Kunstobjekt, ein 50 Zentimeter hoher quadratischer schwarzer Kasten, ausgestellt. An der Vorderseite des Kastens war eine kreisrunde Öffnung angebracht. Jeder, der wollte, konnte dort seine Hand hineinstecken. Im Inneren waren, für den Besucher unsichtbar, stachelige, aber ungefährliche Borsten angebracht. Vor dem Objekt befand sich ein Schild, auf dem stand, dass das Hineingreifen auf eigene Gefahr erfolge. Die Reaktion der Besucher war bemerkenswert. Viele waren unsicher, ob sie ihre Hand dem Inneren des Objektes „ausliefern“ sollten oder nicht. Etliche versuchten es, zogen ihre Hand aber erschreckt zurück, sobald ihre Haut mit den Borsten in Berührung kam. Wiewohl ihnen bewusst sein musste, dass in einem Museum für moderne Kunst unmöglich gesundheitsgefährdende Objekte ausgestellt werden dürfen.
Wie sehr auch die Magie des Wortes das Denken und Tun beeinflusst, zeigt ein Streit zwischen Kindern. Ein fünfjähriges Mädchen bekam ein Kuscheltier geschenkt. Sie behauptete, dass es eine Kuh sei. Ihr älterer Bruder spottete, dass es wie ein Hase aussehe. Das ärgerte sie. Sie wollte, dass er ihr zustimmte. Was er natürlich nicht tat. Ein Wort ergab das andere: Kuh, Hase, Kuh, Hase, Kuh, Hase ... dann begann das Mädchen bitterlich zu weinen. „Der Benni ist so gemein“, schluchzte es und musste von seinen Eltern getröstet werden. Im Grunde hätte es ihm egal sein können, was Benni sagte.
Theoretisch wäre es dem Mädchen möglich gewesen zu denken: „Na gut, dann ist es für dich halt ein Hase, für mich ist es aber eine Kuh.“ Genau das konnte es aber nicht. Aber warum? Ganz offensichtlich ging zwischen den Kindern ein Machtkampf vor sich. Aber nicht ein realer, sondern ein Machtkampf auf einer imaginären Ebene, wo Worte noch dieselbe Bedeutung haben wie Taten. Die Magie des letzten Wortes sozusagen. Der Bruder erhielt seine Macht erst durch die Bedeutung, die die Schwester seinen Worten beimaß. Hätten sie seine Äußerungen kalt gelassen, wäre es um seine Macht geschehen gewesen.
Es ist daher gar nicht so wichtig, ob die Person, die ein magisches Ritual durchführt, wirklich an seine Wirksamkeit glaubt oder nur in gemeiner Absicht handelt. Was zählt, ist vor allem die Bedeutung, die das Opfer der magischen Handlung beimisst. Vergleichbar mit einem Placebo können magische Rituale, Beschwörungen, Flüche, Aberglaube nur dann etwas bewirken, wenn das „Opfer“ an deren Wirksamkeit glaubt. Betrüger, denen es gelingt, bei anderen den Glauben an ihre magischen Fähigkeiten hervorzurufen, haben mit ihren Opfern leichtes Spiel. Solange einem der magische Hokuspokus gleichgültig ist, prallt selbst der „stärkste Zauber“ an einem wirkungslos ab.

Allmacht der Wünsche. Die infantile Bereitschaft, alles für möglich zu halten und unreflektiert zu glauben, wird von Gläubigen als besonders erstrebenswert dargestellt. Jemand, der selbst dann noch glaubt, wenn die Inhalte seines Glaubens der wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechen, gilt in der Logik irrationaler Weltbilder sogar als besonders glaubensstark. Im Gegensatz zum ungläubigen Thomas – nach Dawkins der einzige Bewundernswerte unter den Aposteln –, der wegen seines kritischen Denkens von Gläubigen bis heute gerne belächelt wird. Es ist geradezu so, als würde die berechtigte Frage nach Beweisen im Glauben ein Tabuthema berühren. Dieses offensichtliche Unbehagen angesichts nahe liegender Fragen lässt nur den Schluss zu, dass auch überzeugte Anhänger des magisch-religiösen Weltbildes insgeheim genau wissen, dass es sich bei ihrem Glauben bloß um Wunschdenken handelt. Warum sonst sollten sie eine Gläubigkeit idealisieren, die, man kann es nicht anders nennen, an Dummheit grenzt? Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Menschen haben Gläubige bloß noch nicht den Mut aufgebracht, den Schrecken der Realität ohne religiöse Beruhigungsmittel zu ertragen.
Der Glaube an die Allmacht der Wünsche entsprach viele Jahrtausende lang dem normalen Denken des Menschen. Erst allmählich wurde das magische Denken vom religiösen abgelöst. Wie für jedes Kind einmal der Zeitpunkt kommt, wo ihm bewusst wird, dass sein Schicksal nicht so sehr von ihm selbst als von seinen Eltern abhängt, vollzog sich auch in der phylogenetischen Entwicklung der Abschied des Menschen vom Glauben an die Allmacht seiner Wünsche. Jedoch ohne dass er schon bereit gewesen wäre, auf den Allmachtsglauben als solchen zu verzichten.
Dieser wurde im religiösen Denken mit Gottheiten identifiziert. Götter sind nichts anderes als die personifizierte und nach außen projizierte Erfüllung der ursprünglichen Allmachtswünsche des Menschen. Seither leben Götter und Menschen auf der Fantasieebene in einer Symbiose.

Schutz vor dem Ausgeliefertsein. Menschen brauchen Götter, damit diese sie beschützen, und die Götter würden ohne menschliches Wunschdenken nicht existieren. Statt wie früher auf die Wirksamkeit seiner magischen Rituale zu vertrauen, anerkannte der Mensch seine Begrenztheit nunmehr und unterwarf sich den von ihm geschaffenen Göttern. Indem er sie anbetete und sein Leben danach ausrichtete, „ihren“ Wünschen zu entsprechen, hoffte er, sie für seine Anliegen günstig zu stimmen, und konnte auf diese Weise seine Ängste lindern.
Zwar war er jetzt selbst nicht mehr allmächtig, aber die Götter waren es und er konnte der Nutznießer ihrer Allmacht sein. Sofern er sie mit seiner Lebensführung, seinen Opfern und Gebeten für seine Absichten gewinnen konnte. Seit die Menschen ihr magisches Denken zugunsten des Gottesglaubens eingeschränkt haben, wird Göttern – im Guten wie im Bösen – die Elternrolle zugeschrieben. Götter fordern Gehorsam, beschützen, helfen, strafen, verurteilen, vergeben, verdammen, erlösen.
Die Übereinstimmung der Denkweise gläubiger Menschen mit der von Kindern ist in der Tat verblüffend. Jedes Kind erkennt im Laufe der Zeit, dass seiner Macht Grenzen gesteckt sind. Sein Wohlergehen hängt vom Willen seiner Eltern ab. Natürlich kann es auch seine Wünsche und Sehnsüchte nicht aus eigener Kraft stillen.
Nicht so seine Eltern. Diese sehen alles, wissen alles, können alles – zumindest aus der Sicht des Kindes. Es muss sie nur dazu veranlassen, seinem Willen zu entsprechen. Zuerst mit lautem Babygeschrei, dann mit Trotz, später mit Bitten und Betteln und Versprechungen, dass es von nun an immer „brav“ sein wird. Wenn nur die Eltern das tun, was das Kind will. Worin besteht da der große Unterschied zu gläubigen Menschen, die zu Gott beten und versprechen, ein gottgefälliges Leben zu führen – was immer darunter zu verstehen ist –, wenn ihnen der Allmächtige nur beisteht? Erwarten sich Gläubige etwa keinen persönlichen Vorteil von ihren Gebeten? Hoffen sie etwa nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche und Sehnsüchte im Jenseits, wenn sie im Diesseits „brav“ sind? Sehnen sie sich nicht danach, mit Gottes Hilfe ihre eigene Begrenztheit zu überwinden?

 

Gefahr im Verzug

Angst entsteht immer dann, wenn Gefahr im Verzug ist. Welcher Art die Gefahr ist, spielt zunächst keine so große Rolle. Freud hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Menschen auf eingebildete Gefahren ganz ähnlich reagieren wie auf real gegebene. Sie wollen flüchten. So sehr sich dieser Fluchtmechanismus bei äußeren Gefahren bewährt, so untauglich erweist er sich gegenüber inneren. Nur, werden Sie vielleicht jetzt fragen, was kann einen Menschen schon von innen her gefährden? Es sind vor allem frühkindliche, egoistische, aggressive, sexuelle Triebwünsche, auf deren Erfüllung der Mensch im Laufe seiner Sozialisation unter dem Druck der gesellschaftlichen Anforderungen verzichten muss.
Im Normalfall wird schon das Kleinstkind seine Triebhaftigkeit bald einschränken, um sich die Liebe der Eltern zu erhalten. Das heißt aber noch lange nicht, dass die entsprechenden Triebwünsche damit ein für alle Mal beseitigt sind. Es gibt unzählige Wünsche, deren Befriedigung wir zugunsten unserer Gemeinschaftsfähigkeit nur zurückgestellt haben.
Die aber unter bestimmten Bedingungen jederzeit wiederkehren können. Diese widrigen Produkte unserer Seelentätigkeit, eben feindselige Regungen, verbotene sexuelle Begierden, werden aus dem Bewusstsein gedrängt oder unterliegen – wie Freud es nannte – der Verdrängung. Dieser psychische Mechanismus entspricht dem realen Fluchtverhalten in der Außenwelt.

Abwehrmechanismen. In Anlehnung an Freud stellt sich dieser Vorgang im bildhaften Vergleich folgendermaßen dar: Ein betrunkener Hooligan beginnt spätnachts in einer Disco zu randalieren. Er bedroht andere Gäste mit einem Messer und wird von der Security auf die Straße gesetzt, die Tür hinter ihm fest verschlossen. Doch der Randalierer will sich mit seinem Schicksal ganz und gar nicht abfinden. Er stemmt sich mit aller Gewalt und trommelt mit den Fäusten gegen die versperrte Tür. Er signalisiert damit nicht nur seine fortwährende Anwesenheit, sondern auch seine unverbrüchliche Absicht, zurückzukehren – sobald die Tür nachgibt. Es ist klar, dass die „verdrängende“ Security in diesem Gleichnis die auf der Grundlage der gesellschaftlich akzeptierten Moralvorstellungen funktionierenden psychischen Abwehrkräfte verkörpert. Der verwiesene Randalierer hingegen steht für die asozialen, gewalttätigen Triebregungen, die auch aus dem Unbewussten noch auf Befriedigung drängen. Wie das Hämmern des Hooligans, der mit seinen Fäusten gegen die Tür trommelt, signalisiert im psychischen Erleben die Angst, dass einmal verworfene und deswegen aus dem Bewusstsein verdrängte Wünsche nach wie vor „Einlass“ begehren.

Verdrängung. Die Verdrängung ist jedoch nur ein, wenngleich auch sehr wichtiger Abwehrmechanismus, mit dem sich das Ich vor dem Durchbruch gefährlicher asozialer Triebwünsche schützt. Darüber hinaus bildet das Ich aber auch noch andere Strukturen aus, mit denen es sich gegen unerwünschte Triebregungen zur Wehr setzt. Die Effizienz und Reife dieser Ich-Strukturen hängt weitgehend vom Zustand der Ich-Entwicklung ab. Prinzipiell unterscheidet man zwischen (frühen, unreifen) vertikalen (zum Beispiel Spaltung der Selbst- und Objektanteile einschließlich der zugehörigen Affekte) und (späteren, reiferen) horizontalen Abwehrvorgängen (Verdrängung). Zu den wichtigsten Abwehrmechanismen gehören:

  • Spaltung. Durch den Mechanismus der Spaltung werden zwei oder mehrere gegensätzliche Ich-Zustände voneinander getrennt. Die Ausbildung eines einheitlichen Ichs wird auf diese Weise unterbunden. Jeder dieser dissoziierten Ich-Anteile ist durch einen bestimmten Affekt mit einem entsprechenden Objektanteil verknüpft. Nach der Methode aus dem „Aschenputtel“, „die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen“, werden Lusterlebnisse dem positiven Ich-Kern und unlustvolle Erlebnisse (in Anlehnung an den Vorgang des Ausspuckens) durch Abspaltung scheinbar nach außen projiziert. Scheinbar deswegen, weil auch die negativen Erfahrungen natürlich noch noch immer Teil des Ichs bleiben, auch wenn sie nunmehr so behandelt werden, als würden sie der Außenwelt angehören.
  • Spaltungsprozesse sind häufig das Ergebnis einer hochgradig ambivalenten, pathologischen Beziehung zur ersten Bezugsperson. Die Spaltung wird auch als „psychotischer Abwehrmechanismus“ bezeichnet, weil die Ich-Spaltung bzw. Ich-Fragmentierung bei der Entstehung von Psychosen eine wichtige Rolle spielt.
  • Introjektion. In Anlehnung an die körperliche „Einverleibung“ handelt es sich bei der Introjektion um die Verinnerlichung früher Objekte oder Objekteigenschaften. Etwa das Urbild der guten Brust, deren Anwesenheit beim Säugling ein emotionales Hochgefühl hervorruft. Ihre Abwesenheit hingegen bewirkt das Gegenteil, Verzweiflung, Hilflosigkeit, ohnmächtige Wut. Die Introjektion lässt sich oft nur schwer von der Identifikation abgrenzen und kann als deren Vorläufer betrachtet werden.
  • Projektion. Eigene Affekte, Intentionen etc. werden auf andere „projiziert“ und dort bekämpft. Ein sehr früher Abwehrmechanismus, der im späteren Leben vor allem für paranoide Verhaltensweisen charakteristisch ist. Der eifersuchtswahnsinnige Alkoholiker zum Beispiel projiziert seine homosexuellen Wünsche auf die Frau und bezichtigt sie der Untreue. Auch im normalen Leben wird am anderen meist das am stärksten bekrittelt, was man bei sich selbst nicht wahrnehmen darf. Beim Projektionsvorgang funktioniert der eine immer als Projektor, der andere als Leinwand, auf die die Bilder projiziert werden. Wie bei der Diaprojektion nimmt man nicht mehr die Leinwand, sondern nur mehr die daraufgeworfenen Bilder wahr.
  • Identifikation (mit dem Aggressor). Ein Vorgang, bei dem ein Subjekt sich einem Objekt angleicht oder aber nur bestimmte Verhaltensweisen oder Ziele von ihm übernimmt. In einer Alkoholikerfamilie fürchtet sich ein kleiner Bub panisch davor, wenn sein vor Eifersucht rasender Vater die Mutter im alkoholisierten Zustand lautstark attackiert und brutal schlägt. Um seine Angst vor der Aggression des Vaters zu bewältigen, entwickelt er ein Spiel, in dem er nun selbst seinem Teddy wüste Vorwürfe macht und hemmungslos auf ihn einschlägt. Die Identifikation mit dem Aggressor dient hier, wie auch in allen anderen Fällen, der Angstabwehr. Unverständliches, aggressives Verhalten kann unter Umständen eine unbewusste Reaktion auf Angst sein.
  • Identifikationen sind aber auch oft die Folge von unverarbeiteten Trennungserlebnissen. In solchen Fällen findet die Identifikation mit dem verloren gegangenen Objekt statt. War die Beziehung zum verlorenen Objekt übermäßig ambivalent, wurde dieses also gleichzeitig geliebt und gehasst, kann die Identifikation mit dem Objekt zur Grundlage einer Depression werden. Durch die Identifikation richtet sich die Aggression, die ursprünglich dem äußeren Objekt gegolten hat, gegen das eigene Ich.
  • Verleugnung. Von Verleugnung spricht man dann, wenn ein Individuum sich unbewusst weigert, unlustvolle, bedrohliche Teile seiner inneren oder der äußeren Realität anzuerkennen. Vor allem dann, wenn keine Möglichkeit besteht, der bedrohlichen (beschämenden) Wirklichkeit zu entfliehen, kommt es zur Verleugnung (zum Beispiel bei Süchtigen, Triebtätern, aber auch angesichts schwerer Erkrankungen) der angstmachenden Inhalte. Mit der Verleugnung geht oft unweigerlich die Idealisierung einher.
  • Idealisierung. Dieser Abwehrvorgang dient der Leugnung negativer, „gefährlicher“ Objekteigenschaften oder eigener destruktiver Wünsche einem Objekt gegenüber. Das (unbewusst) herabgesetzte, entwertete Objekt wird (bewusst) glorifiziert, gleichsam auf ein Podest gestellt. Der Ehemann, der seit Jahren mit seiner Frau keinen sexuellen Kontakt mehr hat und sie laufend mit anderen betrügt, behauptet, dass er keine so sehr liebe wie sie (allerdings merkt sie davon kaum etwas, weil seine Taten eine andere Sprache sprechen).
  • Isolierung. Die Vernetzung von Gedanken oder Verhaltensweisen mit anderen psychischen Inhalten oder Handlungen wird unterbunden. Eine Zwangsneurotikerin darf es zum Beispiel nicht zulassen, dass ihr „Abendgebet“ mit unzüchtigen Vorstellungen in „Berührung“ kommt. Passiert es ihr dennoch, muss sie das Gebet wiederholen. Ein Abwehrmechanismus, der vor allem bei Zwangsneurosen häufig vorkommt.
  • Reaktionsbildung. Ein verpönter unbewusster Wunsch wird im Bewussten durch das entgegengesetzte Bestreben ersetzt (und abgewehrt). Unter Umständen kann der Wunsch, sich mit „schmutzigen“ Dingen zu befassen, im Zuge einer Reaktionsbildung zu extremer Sauberkeit führen. So ist Philosemitismus sehr oft eine Reaktionsbildung auf unterschwelligen Antisemitismus, die Idealisierung von Andersfarbigen oder Ausländern oft ein Hinweis heimlichen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Aggressives Verhalten kann sich als Folge einer Reaktionsbildung in devote Sanftmut verwandeln.
  • Ungeschehenmachen. Jemand verhält sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln so, als hätte ein Ereignis nicht stattgefunden oder als würde er es ungeschehen machen. Oft werden „magische“ Handlungen (Zwangshandlungen) oder Rituale angewandt, die das ursprüngliche Ereignis rückgängig machen sollen.
  • Verschiebung. Die Bedeutung oder der Affektgehalt eines Ereignisses wird auf ein anderes verschoben. Meist erfolgt die Verschiebung auf ein unwesentliches Detail, das mit dem ursprünglichen Geschehen in einer losen Verbindung steht.
  • Verkehrung ins Gegenteil. Durch die Verkehrung von Aktivität zu Passivität wandelt sich das ursprüngliche Triebziel (zum Beispiel die Lust am Nehmen, Beherrschen) in sein genaues Gegenteil (die Lust am Genommenwerden, Beherrschtwerden). So kann der Masochismus durch eine Umkehr vom Aktiven (Sadistischen) zum Passiven erklärt werden.
  • Wendung gegen die eigene Person. Die Triebrichtung wird von einem äußeren Objekt auf die eigene Person gelenkt. Das Ich übernimmt danach die Rolle eines äußeren Objektes. Durch die Wendung gegen die eigene Person werden sadistische Triebregungen zu masochistischen.
  • Verneinung. Obwohl die heimlichen Wünsche, Gefühle und Gedanken schon bewusstseinsfähig sind, wird die wahre Absicht durch die Verneinung weiterhin verschleiert. „Nicht, dass Sie glauben ...“, „Ich würde niemals sagen, dass ...“, „Ich habe doch nicht gemeint ...“
  • Witzeln. Beim Witzeln oder im Witz können ebenfalls unbewusste aggressive oder sexuelle Inhalte zum Ausdruck kommen, ohne dass die tatsächliche Bedeutung bewusst wird.
  • Rationalisierung. Unbewusst motivierte Gedanken, Absichten oder Handlungsweisen werden (nachträglich) „pseudologisch“ gerechtfertigt. („Ich war gar nicht wütend, ich hab nur so laut gesprochen, damit man mich besser hören konnte.“)
  • Intellektualisierung. Sie liegt dann vor, wenn ein Individuum seinen Intellekt verwendet, um unliebsame Triebimpulse abzuwehren. (Ein Mann, der eine Frau sexuell begehrt, mokiert sich in ihrer Gegenwart über frauenfeindliche Machos, die immer nur das eine wollen. Ein „Pornojäger“ meint, er würde sich Pornos nur aus beruflichem Interesse ansehen.) Die Grenzen zwischen Intellektualisierung und Rationalisierung sind fließend.
  • Verdrängung. Ein Vorgang, bei dem inakzeptable Triebabkömmlinge aus dem Bewusstsein gedrängt oder vom Bewusstsein ferngehalten werden. Dort wo die Verdrängung misslingt, kann es – durch die Wiederkehr des Verdrängten – zur Symptombildung kommen. Oft wird der Begriff „Verdrängung“ synonym für die anderen Abwehrvorgänge verwendet.
  • Sublimierung. Eine kultivierte Verarbeitung asozialer Triebwünsche. In der Psychoanalyse wird darunter der Vorgang der Triebverfeinerung verstanden. Der Triebwunsch wird vom ursprünglichen Ziel auf ein kulturell akzeptiertes gelenkt. Erst die Sublimierungsfähigkeit des Menschen ermöglicht seine großen künstlerischen und intellektuellen Leistungen. Sublimierte Homosexualität führt zu inniger Freundschaft. Infantile sadistische Triebregungen sind unter Umständen das Motiv für späteres chirurgisches Interesse.
  • Erst die Selektion der Abwehrmechanismen schuf die Voraussetzung, dass unser Gehirn auf innere Triebgefahren, gewalttätige sexuelle, aggressive Impulse, unkontrollierte Affekte, genauso reagieren konnte wie auf äußere. Es war zwar noch immer nicht in der Lage, vor sich selbst zu flüchten, aber es hatte jetzt zumindest die Möglichkeit, seine Begierden vom Bewusstsein fernzuhalten und zu verhindern, dass sie Wirklichkeit wurden.
  • Die Fähigkeit unseres Gehirns, die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, war für die Bewältigung des existenziellen Dilemmas ein großer Vorteil. Doch kein Vorteil ohne Nachteil. Gemessen an ihrer emotionalen Reaktion stehen als Folge der unscharfen Grenzziehung reale Ereignisse, Erinnerungen und Vorstellungen seither auf derselben Stufe. Eine fantasierte Bedrohung kann genauso Panik hervorrufen wie eine real gegebene.

Erst die Selektion der Abwehrmechanismen schuf die Voraussetzung, dass unser Gehirn auf innere Triebgefahren, gewalttätige sexuelle, aggressive Impulse, unkontrollierte Affekte, genauso reagieren konnte wie auf äußere. Es war zwar noch immer nicht in der Lage, vor sich selbst zu flüchten, aber es hatte jetzt zumindest die Möglichkeit, seine Begierden vom Bewusstsein fernzuhalten und zu verhindern, dass sie Wirklichkeit wurden.
Die Fähigkeit unseres Gehirns, die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, war für die Bewältigung des existenziellen Dilemmas ein großer Vorteil. Doch kein Vorteil ohne Nachteil. Gemessen an ihrer emotionalen Reaktion stehen als Folge der unscharfen Grenzziehung reale Ereignisse, Erinnerungen und Vorstellungen seither auf derselben Stufe. Eine fantasierte Bedrohung kann genauso Panik hervorrufen wie eine real gegebene.
Wir alle wissen, dass von einem Menschen, sobald er tot ist, keine Gefahr mehr ausgeht. Trotzdem ruft die Vorstellung, allein eine Nacht in einer Gruft neben Toten verbringen zu müssen, bei den meisten zumindest ein mulmiges Gefühl hervor. Das ist doch eigenartig. Real besteht nicht die geringste Gefährdung. Woher kommt dann das Unbehagen? Was sonst sollte die Ursache sein, wenn nicht angstmachende Eingebungen aus den unbewussten Schichten unseres Seelenlebens. Nicht anders verhält es sich mit unbegründeten Ängsten vor Tieren, Situationen oder Örtlichkeiten. Die beängstigende Vorstellung besteht schon lange vorher im Kopf,  bevor sie mit einem Ereignis in der Außenwelt verknüpft wird.

Gesunde Mitarbeiter – erfolgreiche Betriebe. Arbeit ohne Angst und Stress. Hoffmann, W. (2007)

In Zimbardo, P. (1995)

Dawkins leitet die Bezeichnung Mem vom griechischen „Mimem“ (Nachahmung) ab.

Richard Dawkins am 30.7.2005 in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“

Der Traum, der Freud veranlasste, Träume als Wunscherfüllung zu verstehen, und seine dazugehörige Deutung sind in der „Traumdeutung“ auf den Seiten 126–140 nachzulesen.

Der Träumer gebrauchte folgenden Vergleich: „Ich ziehe mich hoch, so als wollte ich ein Schwimmbecken über den Beckenrand verlassen ...“

Von Bleuler eingeführter psychologischer Terminus, der die Existenz widersprüchlicher Gefühle in ein und derselben Beziehung – zum Beispiel Liebe und Hass – bezeichnet

Unter dem Über-Ich versteht man in der Psychoanalyse eine Persönlichkeitsinstanz, die gleichzeitig Träger des Gewissens, der Selbstbeobachtung und der Idealbildung ist. Es ist an der Entstehung von Schuld- und Schamgefühlen maßgeblich beteiligt. Die Ausbildung des Über-Ichs wird in der Hauptsache von den in den Eltern verkörperten Idealen geprägt.

 

EPILOG

Angstfrei

Es gibt eine Angst, die macht klein,
die macht krank und allein,
und es gibt eine Angst, die macht klug,
mutiger, freier von Selbstbetrug
(André Heller)

Esther lag auf der Couch und hatte die Augen geschlossen. Hinter ihr die vertrauten Atemzüge ihres Analytikers, die sie über die Jahre hin begleitet hatten, vor ihr das Ende der Analyse. Heute war ihre letzte Analysestunde. Esther war bereit für ein Finish ohne Happy End. Es hatte lange gedauert, bis es ihr möglich war, das Unvermeidliche anzuerkennen.
Esther dachte an den Tag ihres Erstgespräches, als sie zum ersten Mal von Panik geplagt die Türklingel ihres Analytikers betätigte. Damals hatte sie noch keine Vorstellung, worauf sie sich einließ. Sie war überzeugt, er würde sie heilen und dafür sorgen, dass die Angstzustände, die sie schon seit Wochen quälten, bald wieder aus ihrem Leben verschwanden.
Umso ernüchternder war seine Feststellung, dass er in seinem ganzen Leben noch nie jemanden geheilt hätte. Wenn überhaupt, dann könne nur sie selbst sich heilen. Esther wollte das lange Zeit nicht akzeptieren. Irgendjemand musste sie doch von ihren Angstzuständen befreien können. Wofür zahlte sie denn so viel Geld? Und was war mit den vielen PsychotherapeutInnen, die vorgaben, Angststörungen wie ihre sogar in wenigen Stunden heilen zu können? Alles nur Schwindel? Oder war er bloß ein Stümper?
Obwohl irgendetwas in Esther sagte, dass er recht hatte und nur sie selbst sich helfen konnte, reagierte sie trotzig. Es machte sie wütend, dass sie reden sollte, während er schwieg. Gut, wenn er schweigen konnte, konnte sie es auch. Schon damals nervte er sie mit der Deutung, dass sie Probleme hätte, die Grenzen der Realität anzuerkennen. Wollte er ihr sagen, wo ihre Grenzen lagen? Umso ernüchternder war die Tatsache, dass sich ihre Analyse dann wirklich viele Jahre lang um Grenzen drehte. Was immer Esther in dieser Zeit unternahm, um ihn aus der Reserve zu locken, es gelang ihr nicht, seine wohlwollende, aber doch distanzierte Haltung zu untergraben. Er nannte das Abstinenz. Sie fand es unmenschlich. Warum erzählte er nicht auch einmal etwas über sich? Wenn sie sich dann noch dafür interessiere, könne sie ihm am Ende der Analyse gerne Fragen stellen, war seine lapidare Antwort. Wieder abgeschmettert, dachte Esther.
Es dauerte mehrere Jahre, bis sie emotional begriff, was es mit dem Anerkennen der Realität auf sich hatte. Zum wiederholten Mal hatte er sie an den Mythos vom griechischen König Ödipus erinnert, der auf dem Weg nach Daulis an einer Weggabelung unwissentlich seinen Vater Laios erschlug und danach seine Mutter Iokaste ehelichte. Erst als sich Ödipus bewusst wurde, dass er selbst der Mörder seines Vaters war und zur Sühne die „Blendung“ auf sich nahm, wurde er zum „Sehenden“.
Mit einem Mal spürte Esther, was der Mythos sagen wollte. Erst als Ödipus bereit war, die Realität so zu sehen, wie sie war, und die damit verbundene Kastration, seine „Blendung“, akzeptierte, wurde aus dem „Verblendeten“ ein „Sehender“. Einer, der die Realität sah.
Rückblickend war diese Stunde die Wende in Esthers Analyse. Heute staunt sie nur noch, mit welchen Erwartungen sie die analytische Arbeit begonnen hatte. Was wollte sie nicht alles erreichen. So lange hatte sie im Leben verzichten müssen. So viel Leid war ihr widerfahren. Nach der Analyse würde sie endlich so weit sein, dass ihr nichts und niemand mehr etwas anhaben konnte. Wie anders sah doch die wirkliche Heilung aus. Diese bestand nicht in der Erfüllung ihrer kindlichen Träume, Sehnsüchte und Größenfantasien, sondern im Verzicht auf sie. Die ganze Analyse war ein einziger Desillusionierungsprozess. Das hätte sie zu Beginn der Behandlung nicht einmal im Traum für möglich gehalten.
Esthers Mutter war eine psychisch kranke Frau. Jedes Mal wenn Esther nach einem Treffen von ihr ging, ergriff sie ein tiefer Schmerz in der Brust. Wie ein düsterer Schleier breitete sich die Angst in ihr aus. Mit einem Mal fühlte Esther sich schuldig, weil sie ihrer Mutter nicht das geben konnte, was diese brauchte. Sie wollte auf der Stelle zurück, um ihr zu sagen, wie lieb sie sie hatte.
Doch im Leben gab es kein Zurück. Nicht in der Beziehung zu ihrer Mutter und auch sonst nicht. Ein Leben lang war Esther von ihrer Mutter zurückgewiesen worden. In der Kindheit wurde sie von ihr geschlagen und schwerstens misshandelt. Trotzdem oder gerade deswegen hing sie mehr an ihr als andere Kinder an ihren Müttern. Sie klammerte sich förmlich an sie. Noch als Erwachsene sehnte sich Esther nach einer guten Beziehung zu ihrer Mutter. Doch so schön sie sich diese in der Fantasie auch ausmalte, in der Realität verliefen die Treffen immer enttäuschend.
Esther hatte schon immer geahnt, dass ihre Angstzustände etwas mit ihrer Mutter zu tun haben mussten. Doch erst als sich bei ihr ungeheurer Hass gegen ihren Analytiker regte, weil sie realisierte, dass sie von ihm nie die Zuwendung erhalten würde, nach der sie sich schon seit Beginn der Analyse sehnte, wurde ihr auch das gewaltige Ausmaß der Aggression ihrer Mutter gegenüber bewusst. Viele Jahre lang hatte sich Esther dagegen verwehrt, anzuerkennen, dass das „Nie wieder“ auch für ihr Leben Gültigkeit besaß. „Bitte, bitte, einmal noch ...“, hatte sie schon als Kind gebettelt, wenn es ans Aufhören ging. Mit der Konsequenz, dass das „allerallerletzte“ Mal für Esther doch immer das vorletzte Mal blieb.
Esther hatte sich psychisch nie von ihrer Mutter lösen können. Bis zur Wende in der Analyse hatte sie gefühlsmäßig die kindliche Beziehung zu ihrer Mutter aufrechterhalten. Ihre Todesängste waren Trennungsängste. Seit der frühesten Kindheit stemmte sich Esther gegen den drohenden Mutterverlust. Es hatte lange gedauert, aber jetzt verstand sie den Zusammenhang und stimmte zu.
Je sadistischer sie von ihrer Mutter behandelt wurde, umso mehr hasste sie diese. Je stärker ihr Hass wurde, umso mehr fürchtete sie, ihre Mutter zu verlieren, und umso mehr klammerte sie sich an diese. Es macht keinen großen Unterschied, ob man einen Menschen real verliert oder bloß die Liebe zu dieser Person. Nicht ohne Grund heißt es im Volksmund nach einer schweren Kränkung: „Von jetzt an bist du für mich gestorben.“
Um ihre Mutter nicht „sterben zu lassen“, verleugnete Esther die Kränkungen, die von ihr ausgingen. Je gemeiner ihre Mutter agierte, umso mehr idealisierte Esther sie. Als Folge der jahrelangen psychoanalytischen Arbeit war Esthers Realitätsverleugnung aber schwächer geworden. Esther fiel es immer schwerer, ihre idealisierte Sicht von der Mutter aufrechtzuerhalten. Sie spürte, dass sie einen Menschen, der sie so behandelt hatte, nicht lieben konnte. Eigentlich war ihr das schon immer klar. Gleichzeitig war ihr dieses Wissen aber dermaßen unerträglich, dass sie es reflexartig aus dem Bewusstsein drängte.
Zu der Zeit hatte Esther einen Tagtraum. Sie fantasierte sich als Gefangene in einem Todeslager der Nationalsozialisten. Jeden Morgen ließen die Nazis die Frauen an einer weißen Linie antreten. Sie schrien willkürlich Namen und zwangen diese Frauen, einen Schritt nach vorne über die Linie zu treten. In Esthers Traum war das gleichbedeutend mit dem Todesurteil. Bei jedem Morgenappell sah sich Esther jämmerlich vor Panik zittern, ob ihr Name aufgerufen würde. „Eine andere bitte, nur nicht mich ...“, flehte sie, bis sie mit einem Mal eine Welle der Empörung überkam, gleichzeitig aber auch eine ungeheure Kraft.
Nein. Sie wollte sich nicht mehr länger feige verkriechen und hinter den anderen Frauen verstecken. Wenn schon, dann wollte sie den Schritt über die Todeslinie von sich aus tun und nicht darauf warten, bis ihr die Nazis keine Wahl mehr ließen. Im selben Atemzug wurde ihr klar, dass die Nazischweine, jetzt, wo sie den Tod nicht mehr fürchtete, keine Macht mehr über sie hatten.
Dieser Tagtraum half Esther, endlich auch ihre Mutter sterben zu lassen. Nicht die fleischliche Mutter, sondern bloß die Mutterrolle. Eine erwachsene Frau brauchte keine Mutter mehr. Was übrig blieb, war eine alte, psychisch kranke Frau, die einmal ihre Mutter gewesen war. Esther liebte diese Frau nicht. Sie hasste sie aber auch nicht mehr. Diese Frau war ihr einfach gleichgültig. Wäre sie nicht einmal vor langer Zeit ihre Mutter gewesen, hätte sie heute keinen Kontakt mit ihr. Seit Esther ihre Mutter sterben ließ, starben auch ihre Illusionen. Jetzt, wo sie die Welt so sehen konnte, wie sie wirklich war, kam ihr diese nicht mehr schrecklich vor.
Esther hatte begriffen, dass es vor der Unerbittlichkeit der Realität kein Entrinnen gab. Ihre Ängste hatten ihr den richtigen Weg gewiesen. Jetzt, wo sie dazu bereit war, sich heroisch dem Schrecken des Lebens zu stellen, konnte ihre innere Alarmanlage verstummen. Esther fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich frei.


Eine in der Antike übliche Methapher für die Kastration
 

Psychoanalyse

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Mit der Entdeckung des dynamischen Unbewussten, der Relativierung des freien Willens und der Erkenntnis, dass erwachsenes Verhalten weitgehend von kindlichen Wünschen und Emotionen gesteuert wird, revolutionierte Sigmund Freud vor mehr als hundert Jahren das vorherrschende Menschenbild. Der Widerstand gegen seine psychoanalytische Theorie ist bis heute ungebrochen.

Die narzisstische Kränkung, die Freud der Menschheit nicht einmal fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionstheorie zugefügt hatte, war groß. Kein psychologisches Verfahren hat den Menschen bislang stärker verunsichert, als die Psychoanalyse. Ihre ernüchternden Erkenntnisse ließen keinen Raum mehr für kindliches Wunschdenken. Der Traum von der unsterblichen Seele war genauso ausgeträumt, wie die Illusion vom freien Willen. Hatte Darwin den Menschen mit dem Affen auf denselben Ast der Evolution gesetzt, war er nach Freud jetzt nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus. Mit dem Anspruch, selbst Dogmen schonungslos zu hinterfragen, machte sich die Psychoanalyse von Beginn an viele Feinde. Kein Wunder also, dass sie in allen totalitären Regimen sofort auf die Verbotsliste gesetzt wurde.

Nach wie vor ist das psychoanalytische Menschenbild so weit vom subjektiven Empfinden entfernt, dass selbst Interessierte es nur schwer nachvollziehen können. Die unbewussten Kräfte, die den Menschen steuern sind weder direkt erlebbar noch frei zugänglich. Sie lassen sich lediglich aus Fehlleistungen, Träumen, neurotischen Symptomen erschließen oder mit Hilfe der psychoanalytischen Technik der freien Assoziation bewusst machen.

Wie sehr die Psychoanalyse mit ihrer neuen Sicht vom Menschen ins Schwarze getroffen hatte, lässt sich aus den heftigen emotionalen Reaktionen auf ihre Erkenntnisse schließen. Selbst von wissenschaftlicher Seite erfolgt die Kritik an den psychoanalytischen Konstrukten polemisch, oft genug mit sachlich unbegründeter Heftigkeit. Warum aber die stürmischen Gefühle, wenn die psychoanalytischen Erkenntnisse ohnedies falsch sind? "Und niemand lügt soviel als der Entrüstete" formulierte schon Friedrich Nietzsche überaus treffend. In der Psychoanalyse bezeichnet man solche irrationalen Gefühlsreaktionen als Widerstand. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, das sich in der psychoanalytischen Behandlung genauso wie im Alltag der Aufdeckung verdrängter (peinlicher) Inhalte entgegenstellt.

Ein Großteil der gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Kritik ist als Widerstand gegen ihre enthüllenden, desillusionierenden Einsichten zu deuten. Das idealisierende Selbstbild, das der Mensch von sich entworfen hat, verleugnet seine wahre Identität. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, auch nicht das Ebenbild Gottes, sondern sitzen gemeinsam mit den Schimpansen auf irgendeinem ‚Ästchen der Evolution. Wer es wagt, diesen Selbstbetrug in Frage zu stellen, erntet aus verständlichen Gründen nur wenig Applaus.

Falls Sie sich für eine Psychoanalyse interessieren, können Sie sich im ifat via E-Mail office@ifat.at für ein unentgeltliches Informationsgespräch anmelden.

 

 
 

Institut für Angewandte Tiefenpsychologie

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Die "Psychoanalyse", das "Unbewusste"

Begriffe aus Wien, die einen beeindruckenden Weg um die ganze Welt gemacht haben. Trotzdem: Bis zur Gründung des ifat im Jahre 1991 gab es in Österreich kein einziges Universitäts- oder Privatinstitut, das die Psychoanalyse über den klinischen Bereich hinaus auch auf gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Fragestellungen anwendete. Heute beinhaltet der Leistungskatalog des ifat nicht nur klinische, sondern auch Angebote aus dem Coaching- und Consultbereich, der Organisationsanalyse, Mediation, Motivforschung, sowie gesellschaftspolitische Analysen samt Strategieentwicklung.
Während herkömmliche Institute auf die uneingeschränkte Macht des Bewusstseins setzen, anerkennt der psychoanalytische Ansatz des ifat die Begrenztheit des „freien Willens“ und die Bedeutung infantiler Motive für das erwachsene Verhalten. Individuen werden genauso wie Gruppen von Kräften gesteuert, die sich ihrem Bewusstsein und damit auch ihrem direkten Einfluss entziehen.
Es verging fast ein ganzes Jahrhundert, bis Neurowissenschaftler wie Benjamin Libet, Álvaro Pascual-Leone, Gerhard Roth, Wolfgang Singer, Henrik Walter experimentell Freuds Relativierung des freien Willens bestätigten. Die bewussten Motive maskieren lediglich die unbewussten und verschleiern auf diese Weise die wahren Beweggründe des menschlichen Handelns. Daher liegt der bewussten Handlungsebene immer eine unbewusste Bedeutungsebene zugrunde. Kein menschliches Verhalten, keine zwischenmenschliche Interaktion ist frei von unbewussten Anteilen. Das gilt für unsere privaten Beziehungen genauso wie für gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Prozesse. Immer ist das Unbewusste der Hauptakteur im Hintergrund. Der Puppenspieler, der auf der Marionettenbühne des Bewusstseins unsichtbar die Fäden zieht.

 

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TEAM

 

Mag. Erna Hoffmann

Psychotherapeutin, Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin, European Certificate of Psychotherapy Ausbildung zur Physiotherapeutin in Wien Studium der Psychologie in Wien Ausbildung zur psychoanalytisch orientierten Psychotherapeutin Unterrichts- und Vortragstätigkeit.

 

Dr. Walter Hoffmann

Psychoanalytiker, Klinischer Psychologe, Gesundheits-, Wirtschafts-, Arbeitspsychologe Geboren am 22. 02. 1953 in Wien Studium der Psychologie, Psychiatrie und Psychopathologie in Wien und Salzburg Ausbildung zum Psychoanalytiker, Gruppenpsychoanalytiker. Wissenschaftliche und psychotherapeutische Tätigkeit im Klinikum Kalksburg - Drogentherapiestation Mödling; seit 1984 Arbeit als Psychoanalytiker in freier Praxis, Klinischer Psychologe, Gesundheits-, Arbeits- und Wirtschaftspsychologe; psychoanalytische Unternehmens- und Politberatung; Unterrichts- und Vortragstätigkeit.

 

Dr. Gerti Senger

Verhaltenstherapeutin, Gesundheitspsychologin Expertin für sexuelle Störungen, Partnerschafts- und Beziehungsprobleme Unterrichts- und Vortragstätigkeit Bekannt aus Fernsehen und Printmedien.

 

Mag. Caroline Erb

Klinische Psychologin Sachbuchautorin ("Mysterium Masturbation". Peter Lang, 2006) Spezialistin für Partnerschafts- und Beziehungsfragen.

 

 

Psychotherapie & Beratung

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Psychoanalyse, Psychotherapie

Psychoanalyse

Psychoanalytisch orientierte Einzel- und Gruppentherapie

Biofeedback-Therapie

  • Biofeedback unterstützte tiefenpsychologische Psychotherapie
  • Biofeedback unterstützte Entspannung (bei psychosomatischen Beschwerden, Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Spannunskopfschmerz)

Rückverrechnungsmöglichkeit mit der Krankenkasse (maximaler Selbstbehalt: € 60,- pro Sitzung)

Falls Sie sich für eine psychoanalytische oder psychotherapeutische Behandlung oder Beratung interessieren können Sie sich im ifat via E-Mail office@ifat.at für ein unentgeltliches Erstgespräch anmelden.

Bei folgenden Problemstellungen sind wir für Sie der richtige Ansprechpartner (Kostenersatz, Kostenzuschuss durch alle Krankenkassen möglich):

Ängste & Hemmungen

  • Unbestimmte Ängste
  • Hemmungen
  • Panikattacken
  • Phobien "objekt- oder situationsabhängige Furcht
  • Furcht vor engen Räumen und Eingeschlossenheit
  • Höhenangst
  • Furcht vor Tieren
  • Furcht vor sozialen Situationen
  • Furcht vor Krankheiten

Zwangsstörungen

  • Zwangsimpulse
  • Zwangshandlungen
  • Zwanghaftes Zweifeln
  • Zwanghaftes Grübeln

Depressionen

Sexuelle Funktionsstörungen

  • Frauen: Orgasmusstörungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Lustlosikeit
  • Männer: Potenzstörungen, vorzeitiger oder verzögerter Samenerguss, Lustlosigkeit

Essstörungen

  • Magersucht
  • Bulimie (Essen und Erbrechen)
  • Übergewicht

Konflikte in der Partnerschaft

Bewältigung von traumatischen Erlebnissen

Burnout

Abhängigkeiten und Süchte

Borderline und Persönlichkeitsstörungen

 

Beratung

Paarberatung & -therapie

Erziehungsberatung

Sexuelle Probleme & Lustlosigkeit

Burnout

Mobbing

Alkohol-, Suchtprobleme

 

Klinisch psychologische Angebote

Persönlichkeitstestung
Die Persönlichkeitstestung im ifat erfolgt Computer unterstützt und dauert in Abhängigkeit von den gewählten Modulen zwischen zwei und acht Stunden.
(Kosten: von € 480,- bis € 1.200,-)

Intelligenztestung
Es stehen unterschiedliche Module zur Verfügung. Sie können ausgewählte Intelligenzfunktionen, bzw. Begabungen testen lassen oder eine Gesamttestung in Anspruch nehemen.
(Kosten: von € 240,-bis € 960,-)

Partnerschaftstestung
Dieses Angebot richtet sich an Paare, die bestimmte Aspekte ihrer Partnerschaft mit Hilfe psychometrischer Verfahren analysieren möchten. Kann auch in Verbindung mit einer Paarberatung durchgef√ºhrt werden.
(Kosten: von € 640,-)

Falls Sie sich für eine psychoanalytische oder psychotherapeutische Behandlung oder Beratung interessieren können Sie sich im ifat via E-Mail office@ifat.at für ein unentgeltliches Erstgespräch anmelden.

 

Supervision & Coaching

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Supervision

Arbeiten Sie in einem helfenden Beruf (ÄrztIn, PsychotherapeutIn, SozialarbeiterIn, KrankenpflegerIn, LehrerIn) und interessieren sich für psychoanalytische Einzelsupervision, setzen Sie sich mit uns in Verbindung.

Kontakt: office@ifat.at

 

Balintgruppe für Ärzte

Kontakt: office@ifat.at

 

Coaching

Berufsbezogene Reflexion auf psychoanalytischer Basis.

Kontakt: office@ifat.at

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Analyse & Research

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Company Analyse

Kontakt: office@ifat.at

Durch die Entwicklung eines Online unterstützten Analyseverfahrens ist es dem ifat möglich, in Unternehmen, Stressbelastungs-, Konfliktanalyse- Mitarbeiterzufriedenheits-und FeedBack-Tools zu etablieren.Das System kann einmalig oder über einen längeren Zeitraum genutzt werden. Letzteres ist dann sinnvoll, wenn das Checkpoint-System als Feedback-Einrichtung gedacht ist, mit der sich die Unternehmensleitung oder der/die Betriebsarzt/ärztin über die aktuelle Befindlichkeit der Mitarbeiter informiert. Bei der Analyse können alle Module zur Anwendung gelangen oder bloß solche, die sich auf Fragestellungen beziehen, die den Betriebes interessieren. Es besteht sogar die Möglichkeit, mit speziellen Problemstellungen vom ifat eigene Module entwickeln zu lassen, die auf den Bedarf des jeweiligen Unternehmens zugeschnitten sind. Die Unternehmensgröße oder die Zahl der Mitarbeiter sind nicht entscheidend – die Analyse läuft mit 10 oder 10.000 Mitarbeiter – das spielt keine Rolle.Die Analysetools befinden sich zur Gänze auf dem Server des ifat. Die Daten werden nur dem Unternehmen zur Verfügung gestellt, diese werden selbstverständlich vertraulich behandelt und auf Ihren Wunsch hin gelöscht.

Das ifat stellt zurzeit folgende Tools zur Verfügung:
• Stressbelastung im Betrieb
• Risikofaktoren (psychische, körperliche, soziale)
• Mitarbeiterzufriedenheit
• Motivation der Mitarbeiter
• Konfliktanalyse
• Organisationsentwicklung

Ablauf: 
Das Unternehmen bestimmt eine Vertrauensperson, die mit der internen Abwicklung der Stressbelastungs-, Risikofaktoren- und Mitarbeiterzufriedenheitsanalyse betraut wird. Diese Vertrauensperson teilt dem ifat mit wie viele Zugangscodes für das Analysesystem benötigt werden (pro Mitarbeiter/in ein Zugangscode).
Die Zugangscodes werden im Betrieb in einen (bei größeren Unternehmen mehreren) Behälter gegeben, der so aufgestellt sein muss, dass jede/r MitarbeiterIn die Möglichkeit hat, seinen/ihren Code anonym und unbeobachtet zu entnehmen. Dadurch wird sicher gestellt, dass ausser dem/der Mitarbeiter/in selbst niemand den Zugangscode kennt, mit der das Login auf dem Klinikserver erfolgt.
Das Login auf dem Server unter der Rubrik: Company Analyse Login ist von jedem beliebigen Computer aus möglich. Nach Eingabe der ID und des Zugangscodes, kann mit der Beantwortung der Fragen begonnen werden. Die Eingabe darf beliebig oft unterbrochen werden. Nach Beendigung der Befragung erlischt die Gültigkeit des Zugangscodes.
Das Testsystem ist so konzipiert, dass die Anonymität zu hundert Prozent gewährleistet ist. Persönliche Angaben müssen nur dann gemacht werden, wenn Mitarbeiter eine individuelle Auswertung wünschen (diese kann einige Tage nach der Auswertung unter Eingabe der ID und des Zugangscodes von unserem Server als PDF-File) herunter geladen werden. Das Gesamtergebnis wird dem Unternehmen in Form einer Präsentation zur Verfügung gestellt.

Netzwerk-Analyse

Kontakt: office@ifat.at

Ergänzend zur Company-Analyse können Unternehmen vom ifat auch eine Analyse des Kommunikations- und Beziehungsnetzwerkes ihres Unternehmens durchführen lassen. Wir wenden dabei ein Verfahren an, das ursprünglich aus der Mikrobiologie stammt und von uns für die Anwendung in Unternehmen modifiziert wurde. Nachdem es sich vor allem bei mittleren und größeren Unternehmen stets um skaleninvariante Netzwerke handelt, ist die grafische Aufbereitung der Kommunikationsstruktur im Unternehmen überaus aufschlussreich. Mit einem Blick lässt sich feststellen, wo sich im unternehmen die Schaltzentren der Kommunikation befinden (diese müssen sich nicht zwangsläufig mit den hierarchischen decken) und wo es im Unternehmen Kommunikations- und Beziehung.
Gerade im Bereich der Organisationsanalyse ist dieses Tool von entscheidender Bedeutung, weil auf einen Blick ungeheuer viel Information sichtbar gemacht wird. Mit Hilfe dieses Tools lässt sich nicht nur die Dichte sondern auch die Qualität der von Kommunikation und Beziehung hervorragend darstellen. Das ifat ist zur Zeit die einzige Einrichtung, die dieses hoch effiziente Tool Unternehmen zur Verfügung stellen kann.

 

Markt & Motiv

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Motiv- und Marktforschung


Abhängig von der Problemstellung setzt das ifat psychoanalytisch-hermeneutische oder klassisch empirische Verfahren ein:
• Klassische Fragebogenerhebung - face to face, postalisch oder telefonisch
• Psychoanalytische Fokusgruppen, Einzelinterviews
• Verdeckte Befragungen
• Assoziative Verfahren zur Objektevaluierung mit dem im ifat entwickelten OES

Kontakt: office@ifat.at

OES - Objektorientiertes Evaluations-System
Was bedeutet Objekt?
Nicht jedem ist sofort klar, was mit einem so abstrakt klingenden Begriff wie “Objekt” zu verstehen ist. Die anwesende, sättigende, Geborgenheit spendende Mutter ist z.B. das Urbild eines “guten Objektes”. Der Kern dieses “oralen” Objektbildes ist der nährende Befriedigungsvorgang. Die wohligen Gefühle, die den Stillakt begleiten, die lustvolle Entspannung, die Wärme, Sicherheit und Geborgenheit geben dem Bild seine emotionale Färbung. Hunger, Blähungen oder andere Spannungen, die ein Baby quälen, z.B. seine Sehnsucht nach Hautkontakt, werden in der Phantasie zu “bösen Objekten” verarbeitet. In Wechselwirkung mit den realen Erfahrungen werden auch die unlustvollen Seiten der äusseren Welt in der inneren abgebildet und verarbeitet.
Die Welt der verinnerlichten Objektbilder muss zwangsläufig ein Zerrbild der äusseren sein: Heftige Affekte rufen entsprechend starke Verzerrungen hervor. Übermäßige Versagungen können das Bild der realen Mutter so verzerren, dass sie im Augenblick der Frustration in der Vorstellung des Kindes zu einem kalten, feindseligen, bösartigen Ungeheuer wird. Da aber ein solches Mutterbild für ein Kleinkind unerträglich wäre, folgt im Gegenzug reflexartig die Verleugnung der bösen und die Idealisierung der guten Mutterimago. Daraus ergibt sich paradoxerweise, dass abgelehnte, misshandelte Kinder ihre Eltern am stärksten idealisieren.
Die Psychoanalyse kennt reale Objekte (Menschen, Tiere, Produkte) und phantasierte Objekte (Hexe, Zauberer, Zwerg, Fee....), ganzheitliche Objekte (Mutter, Vater, Geschwister) und Teilobjekte (etwa die Brust). Am Objekt kann das Begehren Befriedigung finden. Die Beziehung zum Objekt ist durch positive Liebes- oder negative Hassgefühle charakterisiert. In der Regel verläuft eine Beziehung ambivalent. Das heißt: Jedes Objekt wird gleichzeitig geliebt und gehasst, nur dass die Liebesgefühle meist bewusst und der Hass unbewusst ist, da die positiven Empfindungen die negativen, destruktiven meist überlagern und neutralisieren.
Melanie Klein führt den Begriff des “guten” und des “bösen” Objektes ein. Unter einem guten Objekt versteht man, wie schon oben ausgeführt, das nährende, befriedigende Objekt, unter dem bösen das abwesende, versagende, sich verweigernde, zerstörende Objekt. Abhängig von der erlebten, phantasierten oder ersehnten Eigenschaft des Objektes ergeben sich verschiedene Formen der Objektbeziehung. Die Beziehung zwischen dem Subjekt und einem Objekt kann orale (Geborgenheit, Vertrauen) analsadistische (Kontrolle, Beherrschen), phallisch-narzisstische (Überlegenheit, Bewunderung), ödipale Züge (Potenz, Anziehungskraft, Attraktivität) tragen. 
Wie ein Objekt wahrgenommen wird, hängt von der emotionalen Resonanz ab, die es bei Beobachtern hervorruft.


Was wird gemessen?
Die emotionale Resonanz, die ein beliebiges Objekt bei einem beliebigen Beobachter hervorruft.

Aufbau.
Für das Modell wurden 360 deutschsprachige Begriffen aus dem allgemeinen Wortschatz herangezogen und in Übereinstimmung mit dem psychoanalytischen Modell auf ihre emotionalen Resonanz validiert Jeder Begriff lässt sich auf diese Weise als „Begriffsvektor“ darstellen. Die Vektoren sind durch insgesamt 24 Koordinaten (wie „hell-dunkel“; „oben-unten“; „nah-fern“; „aktiv-passiv“; „positiv-negativ“; usw.) definiert und können so im Koordinatensystem abgebildet werden

Durchführung.
Jede Testperson musste aus 3 Wortlisten mit insgesamt 360 Begriffen, pro Liste vier Begriffe auswählen, die sie zu dem jeweils vorgegebenen Objekt assoziiert

Ergebnis.
Das Ergebnis wird in vier Hauptachsen und acht Subachsen dargestellt. Darüber hinaus lassen sich – abhängig von der Fragestellung - beliebig viele Subachsen bilden

Kontakt: office@ifat.at

Wichtig: Auch virtuelle Objekte wie Weltanschauungen, Ideale, Werte, Marken, Rollen, etc. lassen sich mit dem OES evaluieren und mit materiellen Objekten in Beziehung setzen. Im folgenden Beispiel wird die emotionale Resonanz zweier politischer Parteien gegenübergestellt. Die emotionale Resonanz der Spitzenkandidaten wurde mit der ihrer Partei in Relation gesetzt (nicht in der Grafik abgebildet).

OESRadar

 

Human Resources

Rettungsring
 
 

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Human Support

Dabei handelt es sich um hochwertigen psychologischen, bzw. psychotherapeutischen Support (inklusive einer SOS-Telefonhotline) für die Mitarbeiter eines Unternehmens. Psychische Krisen, Konflikte, Mobbing, Burnout, familiäre Belastungssituationen sind nur einige Situationen, in denen Mitarbeiter schnell Hilfe brauchen. Die Hotline wird von erfahrenen Psychologen betreut.

Dieses Modul wird Unternehmen in Form von Rahmenverträgen angeboten. Bei Interesse hier anfragen: office@ifat.at

 

Burnout Prevention

Dieses Angebot bietet individuelle Analysen und Vorbeugungsmaßnahmen zur Vermeidung von Burnout-Fällen. Bereits akute Fälle werden sofort mit entsprechenden Therapieprogrammen behandelt. Schlüsselmitarbeitern und Teamleadern wird im Training nahegebracht, wie sie einerseits selbst ein Burnout-Syndrom vermeiden und andererseits entsprechende Warnsignale bei Kollegen erkennen können.

Seminarmodul

  • 8 Arbeitseinheiten in der Gruppe á 45 Minuten pro Tag
  • Zusatzmodule aus dem komplementärmedizinischen Bereich (nach Vereinbarung Erlernen von Entspannungstechniken, Physiotherapie, Atem-, Rückenschule, Biofeedback, Ernährungsberatung) pro Tag
  • Durchführung einer individuellen, klinisch psychologischen (psychometrisch gestützten) Stress-, Risikoanalyse
  • Durchführung einer medizinischen Stress-, Risikoanalyse
  • Catering inklusive

€ 195,- pro Teilnehmer(in) und Tag, maximal 12 Teilnehmer(innen) *)

*) Bei einer Teilnehmerzahl unter 8 Personen wird eine Seminarpauschale von € 1600,- /Tag verrechnet

Anfrage: office@ifat.at

1926 wurde im 20. Wiener Gemeindebezirk in der Webergasse das erste Arbeitsunfallkrankenhaus errichtet. Seither hat in der Arbeitswelt eine grundlegende Verschiebung von der körperlichen zur nichtkörperlichen, „geistigen" Arbeit stattgefunden. Mit den neuen Arbeitsanforderungen haben sich auch die gesundheitlichen Risiken für die Arbeitnehmer geändert. Heute, wo schwere körperliche Arbeiten zunehmend von Maschinen verrichtet werden, ist die Zahl der Arbeitsunfälle gemessen an den Produktionszahlen rückläufig. Klassische Arbeitsunfallkrankenhäuser - damals eine richtige Antwort auf die Gegebenheiten der Zeit - decken den Bedarf längst nicht mehr ab. Die heutige Arbeitswelt ist weniger durch Arbeitsunfälle im herkömmlichen Sinn als durch stressbedingte Zivilisationskrankheiten, Burnout oder Krankheiten als Folge eines geschwächten Immunsystems charakterisiert.

Kaum eine Berufsgruppe kann sich heute den stressbeladenen Anforderungen am Arbeitsplatz noch entziehen. Überdurchschnittlich hohes Herzinfarktrisiko, erhöhter Cholesterinspiegel, Alkohol- und Nikotinmissbrauch, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen, psychische und familiäre Krisen sind häufig die Kehrseite unserer Leistungsgesellschaft. Lange Krankenhausaufenthalte oder gar das endgültige Ausscheiden von oft noch relativ jungen Arbeitskräften als Folge berufsbedingter Stresserkrankungen belasten nicht nur die Betroffenen und deren Familien, sondern auch den Betrieb und letztlich auch die Steuerzahler, die den Ausfall finanzieren müssen.

Vom „Burnout"-Syndrom sind oft Mitarbeiter betroffen, die bis dahin zu den Stützen ihres Unternehmens gezählt haben. Zwischen dem 40. Und 50. Lebensjahr geraten Menschen häufig in eine depressiv gefärbte Sinnkrise, die ihre Leistungsfähigkeit und Motivation stark beeinträchtigt.

Die Teilnehmer werden für die unbewusste Konfliktdynamik beim „Burnout"-Syndrom sensibilisiert. Bleibt diese unbearbeitet ist die Regression in die Krankheit (Angstzustände, Depressionen, Alkohol- und Substanzenmissbrauch, psychosomatische Erkrankungen), in der Folge lange Krankenstände bis hin zur Arbeitsunfähigkeit, meist unvermeidlich.

Das Burn-out-Syndrom kommt schleichend. Viele (vor allem im Mittelbau der Unternehmen) leiden darunter, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst sind. Immerhin ist jeder Vierte davon betroffen - Männer häufiger als Frauen. Zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr ist sogar jeder dritte Mann „reif für die Insel".

Das Burn-out-Syndrom ist durch folgende Symptome charakterisiert:

  • Die Betroffenen fühlen sich erschöpft und ausgebrannt, leiden häufig unter Schlafstörungen und Kopfschmerzen
  • Gedanken an die Arbeit lösen Angst aus. Das Verlangen nach einer Auszeit nimmt immer konkretere Formen an. Es kostet jeden Tag neue Überwindung, in die Arbeit zu gehen.
  • Die Befürchtungen, den Anforderungen am Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen zu sein, nehmen zu. Schon geringfügige Anlässe führen zu Schuldgefühlen, oft auch zu zynischen Reaktionen.
  • Der Körper scheint nicht mehr richtig zu funktionieren. Aus nachvollziehbaren Gründen verringert das Burn-out-Syndrom nicht nur die Lebensqualität eines Menschen, sondern auch seine Leistungsfähigkeit. Das ist für Betriebe umso schlimmer, weil oftmals Mitarbeiter betroffen sind, die bis zu diesem Zeitpunkt als Stütze des Unternehmens galten.
  • Wird das Burn-out-Syndrom nicht behandelt, kann das zu einer Verstärkung der Rückzugstendenzen führen, was häufigere und längere Fehlzeiten in den Betrieben nach sich zieht. Die verbreitete Somatisierung des Konfliktes entspricht meist einer Flucht in die Krankheit (und damit auch in den Krankenstand). Krank sein bedeutet für viele Patienten ja gleichzeitig auch eine vorübergehende, in manchen Fällen sogar dauerhafte Erlösung von der unerträglich gewordenen Arbeitsrealität.

 

Anti-Smoke

Kein Raucher ist selbst schuld daran, wenn er es nicht „kraft seines Willens" oder „kraft seiner Vernunft" schafft, dem Laster zu entsagen. Erst die Einsicht in die unbewusste Bedeutung des Rauchens mit Hilfe bewirkt bei den meisten Rauchern eine Einstellungsänderung und ist der Startschuss in eine rauchfreie Zukunft. Allerdings ist die psychoanalytische Bearbeitung der Abhängigkeit kein Spaziergang. Es kann schon einige Jahre dauern, bis die Gier nach Zigaretten dauerhaft überwunden ist.

Trotzdem zahlt sich dieser Weg aus. Denn mit dem Rauchen aufzuhören, verlängert nicht nur die Lebenszeit, sondern erhöht auch die Lebensqualität entscheidend. Letztlich befreit die Abstinenz Raucher auch vom wachsenden Druck, dem sie seitens ihrer nichtrauchenden Kollegen in den Betrieben (zu Recht) ausgesetzt sind.

Seminarmodul

  • 8 Arbeitseinheiten in der Gruppe á 45 Minuten pro Tag
  • Zusatzmodule aus dem komplementärmedizinischen Bereich (nach Vereinbarung Erlernen von Entspannungstechniken, Atemschule, Biofeedback, Ernährungsberatung) pro Tag
  • Durchführung einer individuellen, klinisch psychologischen (psychometrisch gestützten) Analyse des Rauchverhaltens
  • Catering inklusive

€ 195,- pro Teilnehmer(in) und Tag, maximal 12 Teilnehmer(innen) *)

*) Bei einer Teilnehmerzahl unter 8 Personen wird eine Seminarpauschale von € 1600,- /Tag verrechnet

Anfrage: office@ifat.at

Das im Tabak enthaltene Nikotin ist weltweit die am meisten verbreitete psychoaktive Droge. Wenn es in hohen Dosen konsumiert wird, kann es tranceartige, mystische Zustände hervorrufen. Diese Wirkung von Nikotin war schon den Ureinwohnern Nordamerikas bekannt, die es deswegen gerne bei rituellen Handlungen einsetzten. Aber eben nur dort, weil sie auch die abhängigkeitserzeugende Wirkung der Droge kannten. Heute kann vom maßvollen Gebrauch des Nikotins keine Rede mehr sein. Im deutschprachigen Raum raucht rund ein Drittel der Bevölkerung.

Allgemeine Risiken des Rauchens:

  • Die Haut wird schlechter durchblutet. Sie altert rascher.
  • Der Alterungsprozess wird beschleunigt.
  • Es gibt eine allgemein erhöhte Krankheitshäufigkeit.
  • Laut der amerikanischen Krebsgesellschaft verkürzt das tägliche Rauchen von 20 Zigaretten die Lebenserwartung um durchschnittlich 8,3 Jahre.
  • Auch andere Studien besagen, dass sich die Lebensdauer eines Durchschnittsrauchers um acht bis zehn Jahre verkürzt.
  • Alle zehn Sekunden stirbt laut Schätzungen der WHO ein Mensch an den Folgen des Tabakkonsums, pro Jahr rund drei Millionen.
  • Tabak fordert 30-mal so viele Menschenleben wie AIDS und 50-mal so viele wie illegale Drogen.

Krankheitsrisiken als Folge des Rauchens:

Herz- und Kreislauferkrankungen. Sie sind bei Rauchern die häufigste Todesursache. Rauchen bewirkt kurzfristig eine akute Verengung der Blutgefäße. Langfristig schädigt Rauchen das Gefäßsystem. Die durch Rauchen begünstigte Arteriosklerose (Gefäßverkalkung, Gefäßverengung, Gefäßverschluss) betrifft vor allem die Aterien des Herzens (Angina Pectoris, Herzinfarkt), des Gehirns (Schlaganfall) und der Gliedmaßen (Raucherbein). Von den jüngeren Menschen unter 40 Jahren bekommen fast ausschließlich nur Raucher einen Herzinfarkt. Durchschnittlich haben Raucher um zehn Jahre früher den ersten Herzinfarkt. In Verbindung mit anderen Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, negativem Stress, wenig bis keine Bewegung, Alkohol, bei Frauen die Pille, steigt das Herzinfarktrisiko um ein Vielfaches.

Krebs. Rauchen erhöht das Krebsrisiko um den Faktor 10. Im Tabakrauch befinden sich rund 40 krebserregende Substanzen. Alle Organe, die direkt oder indirekt mit dem Zigarettenrauch oder seinen Inhaltsstoffen in Berührung kommen, sind gefährdet: Krebserkrankungen der oberen Atemwege wie Lunge, Mundhöhle, Zahnfleisch, Lippen, Zunge, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Luftröhre und Bronchien, aber auch Magen-, Bauchspeichel-, Nieren-, Blasen-, Harnröhren-, Zwölffingerdarm-, Dünndarm-, Dickdarm-, Enddarm-, ja sogar Gebärmutterhalskrebs treten bei Rauchern häufiger auf. Aber: Zehn Jahre nach der letzten Zigarette ist das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, wieder gleich hoch wie bei Nichtrauchern.

Chronische Bronchitis. Chronische Erkrankung der Atemwege, für die der Teer im Rauch verantwortlich ist. Typisches Symptom: der Raucherhusten in Verbindung mit einem gelb-grünlichen Auswurf. Wird mit dem Rauchen aufgehört, gibt sich die chronische Bronchitis meist wieder.

Emphysem. Auf Deutsch Lungenblähung. Bei dieser Erkrankung werden beim Ausatmen die Lungenbläschen niemals ganz geleert, was dazu führt, dass sie sich ausdehnen und sogar platzen. Im Spätstadium dieser Erkrankung wird das Atmen zur Qual. In schweren Fällen können Patienten nur mehr mit einem Sauerstoffgerät überleben.

Osteoporose. Der altersbedingte Knochenschwund wird durch Rauchen beschleunigt.

 

Anti-Alkohol

Dieses Tool beinhaltet die Behandlung von Abhängigkeitsstörungen, die sich negativ auf das Leistungspotenzial der Mitarbeiter auswirken. Depressionen und Ängste werden dabei ebenso behandelt wie Abhängigkeiten von z.B. Nikotin, Alkohol oder Medikamenten. Zielsetzung dieses Seminars ist die Reduktion des Alkoholkonsums. Der Umgang mit Alkohol ist in unserer Kultur so selbstverständlich geworden, dass sich kaum einer der Gefahren des Stimmungsmachers bewusst ist: Es handelt sich beim Alkohol um eine gefährliche, abhängig machende Droge, deren chronischer Missbrauch zu schweren körperlichen und psychischen Schäden führt.

Seminarmodul

  • 8 Arbeitseinheiten in der Gruppe á 45 Minuten pro Tag
  • Zusatzmodule aus dem komplementärmedizinischen Bereich (nach Vereinbarung Erlernen von Entspannungstechniken, Biofeedback, Ernährungsberatung) pro Tag
  • Durchführung einer individuellen, klinisch psychologischen (psychometrisch gestützten) Analyse des Trinkverhaltens
  • Catering inklusive

€ 195,- pro Teilnehmer(in) und Tag, maximal 12 Teilnehmer(innen) *)

*) Bei einer Teilnehmerzahl unter 8 Personen wird eine Seminarpauschale von € 1600,- /Tag verrechnet

Anfrage: office@ifat.at

Ausg'steckt is'! Alle Jahre wieder ertönt im Herbst das unvermeidliche Halali zur Jagd auf den ersten frisch gegorenen Rebensaft. Doch fließt das „gute Tröpferl" bekanntlich nicht nur im Herbst und nicht nur beim Heurigen. Auch sonst greifen die Menschen gern zur Flasche. „Jetzt trink' ma noch a Flascherl Wein, es muss ja nicht das letzte sein ..."

Die logische Folge davon: Für 3 bis 5 % der Menschen im deutschsprachigen Raum bleibt das „allerletzte Flascherl" halt doch immer nur das vorletzte! Für sie ist der Griff zum Glas nicht mehr nur Genuss, sondern bereits Zwang. Die Grenzen zwischen dem gemütlichen Zecher, der sich ab und zu einen guten Schluck genehmigt, und dem hemmungslosen Säufer sind unscharf. Mehr als jeder Zehnte im deutschsprachigen Raum läuft Gefahr, sie zu überschreiten. In einer ifat-Studie(2007) geben 8,2 % der befragten Frauen und 17,6 % der Männer an, dass sie Alkohol für ihr Wohlbefinden benötigen.

Alkoholismus ist nach wie vor das bedeutsamste sozialmedizinische Problem in unserem Kulturkreis. Die Schäden, die durch die Alkoholabhängigkeit hervorgerufen werden, sind gravierend. Sie betreffen den Körper, die Psyche und das soziale Umfeld des Alkoholkranken. Aber auch die wirtschaftlichen Einbußen des Staates gehen ins Unermessliche. Trotz großer Anstrengungen ist bisher noch keinem Land ein nennenswerter Erfolg im Kampf gegen den Alkoholismus gelungen. Im Gegenteil: Es hat sogar den Anschein, als würden immer mehr junge Menschen immer exzessiver dem Alkohol zusprechen. Heute schätzt man im deutschsprachigen Raum die Zahl der latent und manifest Alkoholabhängigen etwa auf 5 % der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Alkoholgefährdeten liegt bei etwa 12 % mehr als doppelt so hoch.

Während geringer Alkoholkonsum bei Personen über 50 Jahren das Herzinfarktrisiko senkt, steigert regelmäßiger Alkoholkonsum (schon ab 28 Gramm pro Tag) das Krankheitsrisiko für eine Reihe von anderen Krankheiten - darunter auch Krebserkrankungen. Das Herzinfarktrisiko nimmt bei regelmäßigem Konsum ab einer Menge von 39 Gramm pro Tag ebenfalls rapid zu. Niemand, der übermäßig Alkohol konsumiert, sollte sich über die gesundheitsschädigende Wirkung seines Verhaltens Illusionen machen. Alkohol ist ein starkes Nerven- und Zellgift. In höheren Dosen schädigt er das Nervensystem und führt zum Absterben von Nervenzellen. Dabei wird auch das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Die alkoholbedingten Ausfälle bei der Weiterleitung von Nervensignalen beeinträchtigen unter anderem die sexuelle Erregbarkeit sowie die Erektionsfähigkeit des Mannes. Da Alkohol durch das Blut über den ganzen Körper verteilt wird, kommt es bei regelmäßig erhöhtem Konsum in allen Bereichen des Organismus zu Zellschädigungen.

Wenn Sie wissen wollen, ob sich Ihre Trinkgewohnheiten bereits negativ auf Ihre Gesundheit auswirken, verwenden Sie zur Berechnung die folgende Formel:

Berechnung des Alkoholgehaltes in Gramm. Der Einfachheit halber können Sie davon ausgehen, dass jedes „Glas Alkohol" im Durchschnitt 10 Gramm Alkohol enthält. Werte über 15 Gramm bei Frauen und über 30 Gramm bei Männern sprechen für ein erhöhtes Risiko.

Wenn Sie es aber genau wissen wollen, berechnen Sie den Alkoholgehalt mit dieser Formel: Das Gewicht des Alkohols (in Gramm) bezogen auf 100 ml Flüssigkeit berechnet sich aus dem Alkoholvolumen (Vol.-% in ml) mal 0,8. Hier ein Beispiel: Das berühmte „Krügerl" enthält 20 Gramm Alkohol. 100 ml Bier enthalten 5 Vol-% Alkohol x 0,8 = 4 Gramm; ein halber Liter = 500 ml enthält daher 20 Gramm.

Einige Richtwerte:

  • Bier (330 ml, 5 Vol.-% Alkoholgehalt): 13 Gramm Alkohol.
  • Wein (125 ml, 12 Vol.-% Alkoholgehalt): 11,8 Gramm Alkohol.
  • Cognac (4 cl, 40 Vol.-% Alkoholgehalt): 12,6 Gramm Alkohol.

Risikogruppen:

Besonders gefährdet, vom Alkohol abhängig zu werden, sind Menschen, die unter Angstzuständen, Hemmungen, Depressionen, Selbstunsicherheit, sexueller Frustration, Gefühlen der Langeweile und Leere, chronischem Stress oder bestimmten (zum Beispiel narzisstischen) Persönlichkeitsstörungen leiden. Aber auch Kinder von Alkoholikern haben ein erhöhtes Risiko.

Allgemeine Risiken:

  • Herabgesetzte Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit
  • Beeinträchtigung der Wahrnehmung und Urteilskraft
  • Koordinations-, Sprach-, Sehstörungen
  • Erhöhte Unfallgefahr
  • Erhöhte Gewaltbereitschaft als Folge der enthemmenden Wirkung des Alkohols (ein Großteil der Gewaltdelikte erfolgt unter Alkoholeinfluss)
  • Bei regelmäßigem Konsum erhöhte Abhängigkeits- und Suchtgefahr

Krankheitsrisiken:

  • Fettleber, Leberentzündung, Leberzirrhose, Leberkoma, Leberkrebs
  • Mund- oder Rachenkrebs, Speiseröhrenkrebs, Kehlkopfkrebs, Brustkrebs bei Frauen
  • Veränderung der Bauchspeicheldrüse
  • Veränderung des Herzens (Erweiterung des Herzmuskels)
  • Schädigung des zentralen und peripheren Nervensystems (Hirnatrophie, Polyneuropathie)
  • Schädigung der Muskulatur (Muskelatrophie)
  • Störungen des Hormonhaushaltes durch Absinken des Testosteronspiegels (führt bei Männern zur Verweiblichung)
  • Angstzustände, Depressionen, Stimmungsschwankungen
  • Soziale Verelendung, Isolation
  • Selbstmordgefahr
  • Bis zu 20 % aller Todesfälle gehen direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurück

Erkennen der Abhängigkeit:

Wenn Sie regelmäßig trinken: Berechnen Sie zunächst, wie viele Gramm Alkohol Sie täglich zu sich nehmen. Überschreiten Sie dabei die Grenze von 10 bis 15 Gramm bei Frauen oder 20 bis 30 Gramm bei Männern, ist Gefahr im Verzug.

Neigen Sie zu unregelmäßigem, exzessivem Alkoholkonsum, sind Erinnerungslücken, Kontrollverlust, Handlungen, die Ihnen im Nachhinein peinlich sind, ernstzunehmende Warnsignale.

Brauchen Sie über den ganzen Tag einen konstanten Alkoholspiegel, um sich „gut" zu fühlen, wissen Sie selbst am besten um Ihre Abhängigkeit.

Weitere Indikatoren, die für Ihre Abhängigkeit sprechen: Wenn kein Alkohol verfügbar ist, werden Sie unruhig. Sie legen einen „Alkoholvorrat" an. Ihre Gedanken kreisen häufig um Alkohol. Ohne Alkohol fühlen Sie sich „schlecht drauf". Sie verspüren ein Gefühl der Angst und inneren Unruhe, das sich nach dem ersten Glas Alkohol verflüchtigt. Sie verspüren Gewissensbisse und Schuldgefühle nach übermäßigem Konsum. Sie fassen immer wieder Vorsätze, ihr Trinkverhalten zu ändern.

Gedankenanstöße zur Änderung der Trinkgewohnheiten:

Sollten Sie mit dem Trinken wirklich aufhören wollen, weil Sie sich vom Alkohol vielleicht schon abhängig fühlen, werden Sie um eine grundlegende Desillusionierung nicht herumkommen. Die unvermeidlichen Versprechungen nach jedem Alkoholexzess, „jetzt aber wirklich aufzuhören", gehören genauso zum Selbstbetrug wie das Selbstmitleid und die Schuldzuschreibungen, bei der bestimmte Umstände für das eigene Versagen verantwortlich gemacht werden.

Auch die Hoffnung, vom Alkohol (zum Beispiel mit Hilfe von Medikamenten oder Hypnose) wegzukommen, ohne dass damit ein umfassender und schmerzhafter Verzicht in Kauf genommen werden müsste, ist Teil der Realitätsverleugnung.

Sie können nicht Ihren Alkoholkonsum reduzieren oder zu gelegentlichen Anlässen einmal ein „Gläschen" trinken. Hier gilt das „Alles-oder-nichts"-Prinzip. Wenn Sie vom Alkohol loskommen wollen, dann für immer. Es bringt Ihnen nichts, aufhören zu „wollen", aufgehört hat man! Sämtliche „guten Vorsätze" sind letztlich zu vergessen. Vor allem der verbreitete Trick, „ich hör dann oder dann auf ...", ist Ausdruck des Selbstbetruges. Warum soll das Aufhören zu einem bestimmten Datum leichter möglich sein als an dem Tag, an dem der Vorsatz gefasst wird? Gute Vorsätze erlauben Ihnen lediglich, bis zu diesem Datum ohne Schuldgefühle weiterzutrinken.

Der Entschluss, nichts mehr zu trinken, ist nur dann von Wirkung, wenn er am Höhepunkt der Gier getroffen wird. Am Morgen nach einem Alkoholexzess aufzuhören, wenn die Gier nach neuerlicher Alkoholeinnahme noch gering ist, bringt nichts. Sobald die Gier zunimmt, beginnt der Entschluss zu „wackeln".

Vor allem dann, wenn der chronische Missbrauch schon lange Zeit besteht und/oder die konsumierte Alkoholmenge hoch ist, sollte der körperliche Entzug niemals auf eigene Faust, sondern immer nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Im Anschluss an den körperlichen Entzug, gleichgültig ob dieser ambulant oder in einer stationären Einrichtung durchgeführt wird, sollten Sie unbedingt eine Psychotherapie beginnen, um primäre psychische Störungen, die zur Alkoholabhängigkeit geführt haben, aufzulösen.

Ein völliger Verzicht auf Alkohol ist nur dann möglich, wenn Sie Ihr gesamtes Leben grundlegend umstellen. Das betrifft oft auch die Partnerschaft, die Freizeitgestaltung und unter Umständen auch die Arbeitssituation.

 

 

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  • Psychische und Verhaltensstörungen
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  • Psychoanalytische Organisationsentwicklung
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http://derstandard.at/2000011782778/Zwischen-Auspuff-und-Kastrationsaengsten
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Wer nichtsweiß, muss alles glauben - ungekürzte Fassung
Wunsch und Wirklichkeit
http://derstandard.at/1322531595343/Schraeglage-im-Beruf-Je-hoeher-die-Position-desto-mehr-Narzissten
http://derstandard.at/1336696554367/Beziehungskrisen-Das-wirkliche-Trauma-ist-unbewusst

 

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HOFFMANN, W.

Kraftquelle Angst. Ueberreuter. 2007

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HOFFMANN, W.

Arbeit ohne Angst und Stress. Ueberreuter 2008

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HOFFMANN, W.

Die Garfield Jugend. Bitter 1997

 

SENGER, G., HOFFMANN, W.

Finden Sie ihren PQ. Herbig 1996 Die sexuelle Kraft des Mannes. Deuticke 1997 Die sexuelle Kraft der Frau. Deuticke 2000 So bin ich, bin ich so? Deuticke 2002 Schattenliebe. Amalthea 2007

 

SENGER, G.

Liebeskummer. Herbig 2006 Die Beziehungsmaschine. Amalthea 2008

 

ERB, C. Mysterium Masturbation. Peter Lang 2006

 

 

STUDIEN

Informationen: office@ifat.at

 

HOFFMANN-WIDOWITZ, E.

Erektile Dyfunktion 1992 Inkontinenz der Frau 1993

 

HOFFMANN, W

Jungunternehmerstudie (2001) Beziehungsstudie "Schattenliebe". (2006) Frauenstudien ( 2005, 2008). "Gesunde Mitarbeiter, erfolgreiche Betriebe". (Langzeitstudie seit 2006)

 

HOFFMANN, W.

Die große Ernährungsstudie "Wie isst Österreich?". (2005) Die große Energiestudie (2006)

 

SENGER, G., HOFFMANN, W.,

Österreich Intim (1991) Bild der Frau (1995) Der Politiker PQ (1998)

 

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ANGSTSTÖRUNGEN

Alltagsängste

Bei diesen Ängsten handelt es sich um eine Angstreaktion auf eine real vorhandene Gefahr. Sie steht im Dienste der Selbsterhaltung und sichert das Überleben eines Individuums in seiner Umwelt. Menschen, bei denen die innere Alarmanlage feiner eingestellt ist, werden schon angesichts geringer Gefahren heftig reagieren. Weniger empfindliche Menschen haben eine höhere Angsttoleranz. Erst bei großer Gefahr nimmt ihre Angstreaktion zu.
Im Laufe der 200.000-jährigen Geschichte haben sich die realen Gefahren, denen der moderne Mensch ausgesetzt ist, grundlegend geändert. Im westlichen Kulturkreis sind es nicht mehr Hunger, wilde Tiere oder unerwartete Kälteeinbrüche, die uns bedrohen. Wie die ifat-Studie zeigt, fürchtet heute jeder Fünfte im deutschsprachigen Raum, den Anforderungen seines Jobs nicht gewachsen zu sein. Jeder Sechste bangt um seinen Arbeitsplatz. Wie zu allen Zeiten haben Menschen auch Angst zu versagen, Fehler zu machen oder von ihrer Umgebung abgelehnt zu werden.
Die Angst vor Krankheit, Klimawandel und Umweltverschmutzung tun das Übrige, um den Menschen in der spätmodernen Industriegesellschaft unruhige Nächte zu bereiten. So unterschiedlich die einzelnen Ängste auch sein mögen, eines ist ihnen immer gemeinsam: Die angstauslösende Situation ist real vorhanden und logisch nachvollziehbar. Daher spricht man auch von Realangst.
Anders verhält es sich jedoch mit Ängsten, die ohne äußeren Anlass entstehen oder bei denen die Angstreaktion in keinem vernünftigen Verhältnis zum Angsterreger steht. Wie zum Beispiel bei der Panik, die manche befällt, wenn sich zufällig ein Nachtfalter in ihr Zimmer verirrt hat. Kein Mensch wird behaupten, dass von einem Nachtfalter eine ernst zu nehmende Bedrohung ausgeht. Wenn also nicht der Nachtfalter selbst die Gefahrenquelle ist, welche Erklärung gibt es dann für die heftige Angstreaktion?
Wir wissen, dass Angst das Signal einer biologisch verankerten Alarmanlage ist, die immer dann anschlägt, wenn Gefahr droht. Dass Lebewesen angesichts einer realen Bedrohung Angst empfinden, ist das Ergebnis der natürlichen Auslese. Der Selektionsvorteil dieser Reaktion liegt auf der Hand, veranlasst sie den Organismus doch dazu, rechtzeitig auf Gefahren zu reagieren. Je nachdem wie die Stärke der eigenen Position eingeschätzt wird, leitet das Angstsignal eine Kampf- oder Fluchtreaktion ein.
Anders verhält es sich jedoch mit übertriebener Furcht vor engen Räumen, öffentlichen oder hoch gelegenen Plätzen, bestimmten Tieren, Krankheitsängsten oder Panikattacken, die scheinbar unbegründet, manchmal sogar ohne ersichtlichen Anlass auftreten. Diese Ängste erscheinen allerdings nur so lange als rätselhaft oder unbegründet, solange der reale Anlass mit der eigentlichen Ursache der Angst verwechselt wird. Sobald man die angstauslösende Situation aber als Katalysator versteht, der assoziativ eine äußere Gefahr mit einer inneren verknüpft, lässt sich der Sinn schnell herstellen.

Die drei narzisstischen Kränkungen des Menschen

Nach Kopernikus und Galileo Galilei, die unseren Planeten aus dem Mittelpunkt des Universums verbannten, und Charles Darwin, der zeigte, dass der Mensch nicht die Krönung der Schöpfung ist, sondern mit den anderen Primaten auf dem selben Ast der Evolution sitzt, fügte Sigmund Freud mit der Entdeckung des Unbewussten der Menschheit die dritte narzisstische Kränkung zu. Mit seiner Theorie des Unbewussten schränkte Freud die Bedeutung des freien Willens entscheidend ein. Nicht der freie Wille, sondern unbewusste Triebkräfte und verdrängte Wünsche aus der Kindheit seien für das Denken und Tun des Menschen verantwortlich. Nach Freud war der Mensch nicht einmal mehr Herr im eigenen Hause. Wie Darwins Theorie von der natürlichen Auslese ruft auch die Psychoanalyse bei vielen Menschen bis heute heftige Widerstände hervor. Unzählige Fachbücher wurden geschrieben, um die angeblichen Irrtümer der Psychoanalyse zu entlarven. Widerlegt wurde die psychoanalytische Theorie jedoch bis heute nicht.
Im Gegenteil. Eric Kandel, einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts, bezeichnet Freuds Entwurf als „die immer noch kohärenteste und intellektuell befriedigendste Theorie des Geistes. Ein Ansatz, um zu verstehen, warum der menschliche Geist gleichzeitig Goethe aufnehmen und Konzentrationslager erschaffen kann.“ (Kandel, 2006)
Freud erkannte als Erster, dass es zwischen der Neurose (einer psychischen Erkrankung, der auch die Angststörung zuzurechnen ist) und der Perversion einen gemeinsamen Nenner gibt. Jene infantilen, aggressiv-sexuellen Triebwünsche, die in der Perversion direkt ausgelebt werden, liegen auch der Neurose zugrunde. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die moralischen Ansprüche neurotische Menschen daran hindern, ihre Triebwünsche in die Realität umzusetzen. Nachdem der Konflikt zwischen dem Triebwunsch und der kulturell bedingten Notwendigkeit zur Triebeinschränkung (zum Beispiel im Falle der Pädophilie) unauflösbar ist – die verbotene Begierde lässt sich nicht auslöschen –, bleibt nur der Weg der Verdrängung. Dort wo die Verdrängung wegen der Intensität der Wünsche misslingt, entstehen als Folge der Kompromissbildung zwischen den drängenden und verdrängenden Kräften neurotische Symptome.

Die Wiederkehr des Verdrängten im World Wide Web

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie es zum Mythos der guten alten Zeit kommt? Warum Episoden aus unserem Leben, die alles andere als schön waren, im Nachhinein plötzlich verklärt werden? Das ist das Werk der Verdrängung. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass sich der Mantel des Vergessens über jene Zeit breiten konnte, in der wir noch ungehinderten Zugang zur gesamten Palette unserer Triebregungen hatten – die Zeit der Kindheit. Im Erwachsenenalter erscheint uns der Zustand nach der Verdrängung, wo all den grausamen, egoistischen, asozialen Triebregungen aus der Kindheit der Zugang zum Bewusstsein schon verwehrt ist, als der eigentliche. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus.
Wie reagieren Mitläufer und Sympathisanten des Nationalsozialismus, des Realsozialismus oder anderer totalitärer Unrechtsregime, wenn sie mit deren Verbrechen konfrontiert werden? Sie leugnen sie. Meist sogar sehr aggressiv und aufgebracht. Nicht anders verhalten sich Menschen, wenn sie mit den „verbrecherischen“ Wünschen aus ihrer Kindheit konfrontiert werden. Sie wollen davon einfach nichts mehr wissen. Auch die Psychoanalyse wird nicht deswegen so heftig abgelehnt, weil sie falsch ist, sondern weil sie dem Menschen einen Spiegel vorhält. Einen Spiegel, der auch jene Seiten seiner Persönlichkeit zum Vorschein bringt, mit denen er seit Kindheitstagen nichts mehr zu tun haben will.
Entgegen allen Widerständen gibt es zahlreiche Beweise für Freuds Auffassung vom Unbewussten. Einer davon kommt von einer Seite, von der man es eigentlich nicht erwartet hätte – dem World Wide Web. Als es 1989 von Tim Berners-Lee als Projekt am CERN in Genf ins Leben gerufen wurde, konnte noch niemand ahnen, in welche Richtung es sich entwickeln würde. Viele Jahre lang bestand die Möglichkeit, im World Wide Web völlig unzensuriert Seiten zu veröffentlichen. Welche Seiten sich durchsetzten und welche wieder untergingen, oblag der natürlichen Selektion.

Streifzug durchs Unbewusste. Durch die Anonymität und gleichzeitig fehlende Zensur konnte auch all das zum Vorschein kommen, was Menschen im Alltag üblicherweise vor sich selbst und vor anderen peinlichst verbergen. Es ist doch kein Zufall, dass die Themen, die das World Wide Web beherrschen, exakt jenen Inhalten entsprechen, die Freud dem Unbewussten zuschreibt. Sex rangiert im Internet an oberster Stelle. Immerhin finden sich im Netz rund eine Milliarde Sexseiten. Dass diese Seiten nicht nur Kuschelsex präsentieren, zeigen weitere Zahlen: 90 Millionen bringen Hardcore-Sex, rund 50 Millionen BDSM-Inhalte. Laut Wikipedia ist „BDSM eine Abkürzung aus dem Bereich des Sadomasochismus, in der die Begriffe Bondage und Disziplin (B & D), Domination und Submission (D & S) sowie Sadismus und Masochismus (S & M) vereint sind“. Welchen Grund sollte es für die rasante Verbreitung von extremen Sexseiten im Internet sonst geben, wenn nicht den, dass Menschen durch Sex-und-Gewalt-Inhalte erregt werden. Ganz im Sinne der Theorie der natürlichen Auslese von Charles Darwin: Internet-Seiten mit hoher Resonanz verbreiten sich (und werden oft imitiert), selten besuchte sterben aus.
Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Ein Streifzug durch die Sexseiten des Internets ist immer auch ein Streifzug durch das menschliche Unbewusste und zeigt, was in den Abgründen der menschlichen Seele schlummert. Nicht nur bei einigen seelenlosen Bestien, sondern bei allen. Auch wenn die meisten als Folge der Verdrängung kein Wissen davon haben. Je tabuisierter die verdrängten Inhalte sind, umso stärker die Angstreaktion bei Gesunden, sobald die Intensität der abgewehrten Triebwünsche (zum Beispiel als Folge einer Versuchung) im Alltag zunimmt. Was die Entwicklung des World Wide Web anbelangt, können wir gegenwärtig ein überaus faszinierendes Phänomen beobachten. Vergleichbar mit dem neuronalen Netzwerk unseres Gehirnes bilden sich auch im World Wide Web Instanzen aus, deren Aufgabe es ist, besonders abstoßende Inhalte aus dem öffentlichen Raum (ein Äquivalent für das Bewusstsein) in den Untergrund zu verdrängen. Wie in den Träumen beginnen sich diese anstößigen Inhalte zu maskieren. Seiten mit grausamen Kinderpornos verschaffen sich zum Beispiel Zugang ins virtuelle Bewusstsein, indem sie sich hinter der Tarnung „Kinder, das Licht der Welt“ verstecken.
Vergleichbar zur Frühzeit der psychischen Entwicklung des Menschen vollzieht sich auch im Internet gerade die Instanzenbildung. Differenzieren sich aus der virtuellen Ursuppe jene Funktionen, die Freud mit Ich, Es und Über-Ich umschrieben hat. Hier wie dort treten diametral zu den „sexuellen Erregern“ verdrängende Kräfte auf den Plan und bilden sich Instanzen aus, die zwischen den beiden Bereichen vermitteln.

Psychosexuelle Entwicklung. Es kommt nicht von ungefähr, dass die sexuellen Wünsche, die weite Teile des Internets prägen, auch das Bild der Perversion bestimmen. Freilich haben all diese Wünsche mit der erwachsenen Sexualität nur wenig zu tun. Die Lust, mit den Exkrementen zu spielen, zu schlagen, zu peitschen, zu quälen, gequält zu werden, zu dominieren oder dominiert zu werden, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen oder umgekehrt, andere bei sexuellen Handlungen zu beobachten, die Faszination an erotischen Bemächtigungsspielen, Leder und Latex, sie alle sind Ausdruck einer Fixierung an kindliche Triebwünsche.
Im Laufe seiner psychosexuellen Entwicklung durchläuft das Kind verschiedene Phasen, die orale (null bis eineinhalb Jahre), die anal-sadistische (eineinhalb bis drei Jahre), die phallisch-narzisstische (drei bis fünf Jahre) und die genitale (fünf bis sechs Jahre). In den ersten beiden Phasen wird Lust hauptsächlich in Anlehnung an lebenswichtige Körperfunktionen gewonnen – im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme (Lutschen, Schlucken, Beißen; Hunger führt zum Spannungsanstieg; Sättigung zum Spannungsabfall) oder der Ausscheidung (Spannungsanstieg durch Zurückhalten der Ausscheidungsprodukte; Spannungsabfall durch Loslassen).

Traumatisierungen in der oralen Entwicklungsphase begünstigen die Ausbildung von Trennungsängsten. Sie können die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit und die Fähigkeit zur Impulskontrolle bleibend beeinträchtigen. Ein gestörter Ablauf erhöht gleichzeitig die Suchtgefährdung (Drogensucht, Alkoholismus, Essstörungen).
Eine Fixierung an die Befriedigungsmuster der anal-sadistischen Phase stellt die Weichen in Richtung Sadomasochismus. Aktivität und Passivität, Macht und Ohnmacht, Herrschen und Beherrschtwerden, Quälen und Gequältwerden sind die Gegensatzpaare, um die sich das Sexualleben dann in späteren Jahren dreht. Charakteristisch für dieses Zeitalter ist die Ausbildung von primitiven Schuldgefühlen und das Reinwaschen von Schuld.
In der phallisch-narzisstischen Phase stehen exhibitionistische Wünsche im Vordergrund. Es geht fast ausschließlich um die narzisstische Selbstinszenierung, die eigene Großartigkeit und Überlegenheit. In seiner Vorstellungswelt ist das Kind der Held, der Rest der Welt das Publikum. Die Lust, von der es beherrscht wird, lässt sich unschwer aus seinen Spielen erraten. Jungen spielen bevorzugt mit Gegenständen, die sich zur Repräsentation ihres Phallus eignen (daher auch die Bezeichnung „phallisch-narzisstische“ Phase), bevorzugt mit Schwertern und Schießprügeln. Es zählt nur, wer stärker, besser, mächtiger ist, wer wen besiegt. Dementsprechend stark ist auch die Angst zu unterliegen. Niederlagen werden von beiden Geschlechtern als äußerst beschämend wahrgenommen.
Bei weiblichen Kindern liegt die Lustquelle, die Klitoris, im Verborgenen. Ihre Anatomie schließt eine Verwendung als „Kampforgan“ aus. Stattdessen besetzen Mädchen ihren gesamten Körper narzisstisch. Das Aussehen ist beim weiblichen Geschlecht das Äquivalent zur Stärke des männlichen. Je schöner sich ein Mädchen im Alter von drei bis vier Jahren vorkommt, umso großartiger fühlt es sich. Im Gegensatz zu Jungen ist für Mädchen „schöne“ Bekleidung schon sehr früh von Bedeutung, liegt doch ihre Macht im Gegensatz zum männlichen „Eroberer“ mehr in der Anziehungskraft, der Verführung und Verweigerung.
Erst nach dem vierten Lebensjahr bricht der narzisstische Kokon allmählich auf. Das Kind ist sich nicht mehr selbst genug. Sein Triebinteresse orientiert sich zunehmend an Sexualobjekten in der Außenwelt. In Anlehnung an den Mythos vom griechischen König Ödipus, der im Kampf seinen Vater tötete und seine Mutter zur Frau nahm, wird dieses Entwicklungsstadium „ödipale Phase“ genannt. Das sexuelle Begehren des Sohnes gilt der Mutter. Der Vater wird zum Rivalen.
Töchter hingegen rivalisieren mit ihren Müttern um die Gunst des Vaters. Alles dreht sich um die Frage, welche „die Schönste im ganzen Land ist“. Eine Frage, die schon die griechischen Göttinnen im Olymp entzweite und zum Trojanischen Krieg führte. In der Sprache des Kindes heißt das: „Wen hat Papa lieber, mich oder die Mama?“ Nachdem Kinder ihre gleichgeschlechtlichen Elternteile aber nicht nur als „Feinde“ sehen, sondern sie gleichzeitig auch lieben, sind Gewissensbisse und Schuldgefühle unvermeidlich. Sofern sie nicht aufgelöst wird, zieht sich diese innere Zerrissenheit wie ein roter Faden durch das spätere Beziehungsleben.
Üblicherweise werden die lustvollen (prägenitalen) Aktivitäten aus den frühkindlichen Lebensphasen als Vorspiel ins erwachsene (genitale) Sexualleben integriert. Nur dort, wo die infantilen Triebziele mit den allgemein akzeptierten Werten und Normen einer Gesellschaft nicht konform gehen, unterliegen sie der Verdrängung. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen drängenden und verdrängenden Kräften zugunsten der geächteten Triebregungen verschiebt, spitzt sich die psychische Situation zu. Sobald der Spannungsanstieg einen kritischen Wert erreicht hat, wird der drohende Triebdurchbruch im Bewusstsein durch Angst angezeigt.

Gefährliche Gier. Isabelle ist ein 16-jähriges Mädchen. Jeden Freitag nach der Schule trifft sie sich mit ihren Freundinnen zu einer Shopping-Tour. Einmal besuchten sie dabei auch eine Parfümerie. Sie schlenderten durch die Gänge und nahmen von dem einen oder anderen Produkt eine Probe. Beiläufig fiel Isabelles Blick auf ein Lipgloss. Als sie es in der Hand hielt, begann ihr Herz wie wild zu schlagen. „Steck es ein“, zuckte es ihr durch den Kopf. „So etwas macht man nicht. Das ist viel zu gefährlich“, meldete sich eine andere innere Stimme zu Wort. Isabelles Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. Sie wurde von Panik erfasst. Der Konflikt zwischen den versuchenden und abwehrenden Kräften wurde zu einer inneren Zerreißprobe.
Nicht anders wie bei Erik, der vor einem halben Jahr mit dem Rauchen aufgehört hatte. Auf einer Firmenfeier wurde ihm unbedacht eine Zigarette angeboten. „Nimm sie“, suggerierte die Gier. „Es ist doch ohnedies nur die eine. Danach hörst du gleich wieder auf.“ „Finger weg“, warnte die Vernunft. „Bei der einen bleibt es nie.“ Noch im selben Augenblick überflutete ihn die Angst.
Anders als bei Erik und Isabelle entziehen sich psychische Konflikte üblicherweise dem bewussten Zugang. Einer Frau, die angesichts eines Nachtfalters in Panik gerät, ist nicht einmal ansatzweise bewusst, dass der äußere Auslöser einen inneren Konflikt berührt.
Während es ohne Weiteres möglich ist, sich einer realen Gefahr durch Flucht zu entziehen, lässt sich dieser Fluchtmechanismus auf innere Gefahren nicht so leicht anwenden. Wer kann schon vor sich selbst davonlaufen? Daher musste der Fluchtmechanismus bei psychisch verursachten Bedrohungen durch Abwehrmechanismen ersetzt werden. Diese werden immer dann mobilisiert, wenn die Versuchung, die vom verdrängten Triebimpuls ausgeht, ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Dieser Vorgang läuft nicht anders ab als bei realen Gefahren: Zunächst wird Alarm geschlagen. Diese Aufgabe übernimmt das Angstsignal. Danach wird die Abwehr auf den Plan gerufen und abhängig von der Stärke des Triebimpulses wird dieser entweder zurückgedrängt – in diesem Fall handelt es sich um eine erfolgreiche Verdrängung – oder es kommt zum Triebdurchbruch, was in Isabelles Fall zum Diebstahl und bei Erik zu einem Rückfall geführt hätte.
Bei annähernd gleicher Kräfteverteilung zwischen Triebregung und Abwehr entsteht eine Pattstellung, die einen Kompromiss zwischen den Konfliktparteien notwendig macht und zur Symptombildung führt. Das wäre dann der Fall, wenn Isabelle beim Betreten einer Parfümerie plötzlich eine nervöse Unruhe verspürte, ohne sich deren Ursache bewusst zu sein. In der Folge könnte die Unruhe sogar zu einem Vermeidungsverhalten führen, mit der Konsequenz, dass Isabelle Parfümeriebesuche immer schwerer fallen und sie bereits beim Gedanken an eine Parfümerie Angst verspürt.

Ängste haben eine Geschichte

Bei nahezu allen schweren Angsterkrankungen im Erwachsenenalter lassen sich schwere Traumatisierungen in der frühen Kindheit nachweisen. Der Ablauf der ersten Lebensjahre entscheidet weitgehend darüber, ob ein Kind im späteren Leben angstfrei auf die Umwelt zugehen kann, Selbstvertrauen und Kontaktsicherheit im Umgang mit anderen Menschen erwirbt, oder ob eine ängstlich-misstrauische, verschlossene Haltung sein weiteres Schicksal bestimmt. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsstufe unterscheidet die Psychoanalyse drei Formen der Angst: die Trennungsangst, die Kastrationsangst und die Gewissensangst.

Trennungsangst. Trennungsängste sind meist die Folge von Traumatisierungen in der frühesten Kindheit. Üblicherweise haben sie den Verlust der wichtigsten Bezugspersonen zum Inhalt (in der Regel ist das die Mutter). Harte, lieblose Erziehung, mangelnde Fürsorge und häufiger Wechsel der Bezugspersonen während des ersten Lebensjahres begünstigen die Entstehung von Trennungsängsten. Ein befriedigender Ablauf der oralen Phase, intensiver Körperkontakt und einfühlsames Eingehen auf die Bedürfnisse eines Kindes stärken sein Urvertrauen und mindern das Ausmaß seiner natürlichen Trennungsangst.
Trennungsängste können aber auch als Reaktion auf feindselige, aggressive Regungen eines Kindes seinen Eltern gegenüber entstehen. Ein Kleinkind, das seiner Mutter gegenüber Zerstörungswünsche entwickelt, kann als Reaktion auf seine destruktiven Impulse im Bewusstsein heftige Trennungs- und Verlustängste entwickeln. In diesem Fall bestätigt sich die Faustregel, was ein Mensch fürchtet, wünscht er insgeheim herbei.

Kastrationsangst. Kaum ein Begriff der Psychoanalyse wurde so missverstanden wie der Begriff der Kastrationsangst. Die Kastrationsangst entsteht mit der Bewusstwerdung des Geschlechtsunterschiedes. Für das Mädchen besteht die Kastration in der Anerkennung ihrer biologischen Beschaffenheit, die verhindert, dass sie als Frau ihre sexuellen Wünsche direkt gegen den Willen des Mannes durchsetzen kann.
Eine Möglichkeit, die dem männlichen Geschlecht umgekehrt sehr wohl gegeben ist, weil es als das stärkere Geschlecht gleichzeitig über das eindringende Sexualorgan verfügt. Hingegen muss der Junge anerkennen, dass seinem Luststreben durch die Macht des (realen oder symbolischen) Vaters Grenzen gesetzt sind.
Bei beiden Geschlechtern besteht die Kastration also in der Unterwerfung unter die Realität. Die Kastrationsangst entsteht überall dort, wo es um Rivalität geht. Wenn drei im Namen der Liebe zusammenkommen, ist immer einer zu viel. Der Umstand, in der Rivalität zu unterliegen, wird von den meisten als Kastration erlebt. In diesem Zusammenhang spielt der Ausgang der ersten „ödipalen“ Dreiecksbeziehung eine entscheidende Rolle. Erst das Anerkennen der Realität und damit auch der eigenen Begrenztheit führt zur Auflösung der Kastrationsangst.

Gewissensangst. In den ersten Lebensjahren hat ein Kind noch kein Gewissen. Es wird zur Gänze von seinem Luststreben beherrscht. Wie ein Kind sein soll, was es darf und was nicht, wird von seinen unmittelbaren Bezugspersonen vorgegeben. Ein Kind folgt seinen Eltern aber nicht, weil ihm Bravsein so viel Freude macht, sondern auch aus Angst, deren Liebe verlustig zu gehen. Im übertragenen Sinn verliert es die gute Mutter auch dann, wenn diese sauer ist, weil es etwas angestellt hat. Nur dass die Trennung dann nicht räumlich, sondern emotional erfolgt.
Das Gewissen (psychoanalytisch eine Funktion des Über-Ichs) entsteht, sobald ein Kind in der Lage ist, die regulative Funktion seiner Eltern zu verinnerlichen. Wie es ursprünglich auf seine Eltern gehört hat, lässt es sich von diesem Zeitpunkt an von den Vorgaben seines Über-Ichs leiten, um sich Schuldgefühle und Gewissensbisse zu ersparen. Auch bei der Gewissensangst geht es letztlich um die Angst vor Liebesverlust. Wann immer wir als Erwachsene etwas Schlechtes denken, tun oder wünschen, fühlen wir uns genauso schlecht wie in der Kindheit, wenn wir etwas ausgefressen hatten.

 

Gesichter der Angst

Hemmungen

Daniel hatte unbeschreibliches Glück. Fast könnte man es schon Bestimmung nennen. Die Frau, die mit ihm seit Wochen um dieselbe Zeit in der U-Bahn fuhr, saß wieder im Waggon. Vor freudiger Erregung begann sein Herz schneller zu schlagen. Schräg gegenüber von ihr war sogar noch ein Platz frei. Als er sich setzte, blickte sie kurz auf und musterte ihn ...
Stunden später lag er auf der Couch seiner Analytikerin und schwieg. Es gibt in der Analyse viele Arten zu schweigen. Sein Schweigen aber war gespannt und feindselig. Erneut hatte er es nicht geschafft, die Frau in der U-Bahn anzusprechen. Schon letzte Woche hatte ihn beim Versuch, sie kennenzulernen, der Mut verlassen. Enttäuscht, wie er jetzt war, gab er der Analyse die Schuld für sein Scheitern. Warum half ihm seine Analytikerin nicht bei der Überwindung seiner Hemmungen? Er hatte auch das Gefühl, sich vor beiden Frauen bis auf die Knochen blamiert zu haben. Gegen Ende der Stunde begründete er sein Unvermögen mit der Angst vor Zurückweisung. Das hörte sich zwar überzeugend an, ging nach Ansicht seiner Analytikerin aber am eigentlichen Problem vorbei.
Natürlich ist es dem Narzissmus eines Mannes nicht gerade zuträglich, wenn er von einer Frau einen Korb erhält. Aber um eine Körperreaktion zu verstehen, wie sie Daniel hervorbrachte, als er versuchte die Frau in der U-Bahn anzusprechen, greift diese Erklärung jedenfalls viel zu kurz. Immerhin schlug sein Herz wie wild im Brustkorb und seine Knie wurden weich. Im selben Atemzug trocknete sein Gaumen aus und seine Kehle war wie zugeschnürt. Er spürte, wie seine Nackenmuskulatur zu zittern begann. Voll Panik senkte er darauf seinen Blick und ließ es bleiben.
Seiner Analytikerin war klar, dass eine solche körperliche Reaktion Folge eines gewaltigen Adrenalinausstoßes war. Rein biologisch wird das Hormon Adrenalin ausgeschüttet, um einen Organismus in einer lebensbedrohlichen Situation auf Kampf oder Flucht einzustellen und die notwendigen Energien dafür bereitzustellen. Daniel hat in der U-Bahn nicht gekämpft. Er ist geflüchtet. Nur, worin bestand die lebensbedrohliche Gefahr, vor der er flüchtete? Welchem gefährlichen Gegner hätte er sich stellen müssen? Real war weit und breit kein Rivale in Sicht, der ihm die Frau streitig machte. Also konnte der angsteinflößende Gegner nur in seiner Fantasie existieren. Im Unbewussten, wo innere, imaginierte und äußere, beobachtbare Realität noch nicht getrennt sind, muss Daniel der an und für sich harmlosen Situation des Ansprechens eine lebensbedrohliche Bedeutung zugeschrieben haben.
Seiner Analytikerin ging ein Buch über Schimpansen durch den Kopf. Schimpansen sind die nächsten Verwandten des Menschen. Sie leben in losen Gruppen mit strenger sozialer Rangordnung. Bei ihnen ist die Paarung ausschließlich dem Alpha-Männchen, dem ranghöchsten Affen, vorbehalten. Bevor sich ein männliches Jungtier paaren kann, muss es zuerst den Alpha-Affen im Kampf besiegen. Dazu braucht es viel Mut. Denn wenn das Jungtier im Kampf unterliegt, wird es aus der Gruppe gejagt oder brutal getötet. Mit einem Mal verstand sie das Verhalten ihres Schützlings. In der realen Welt ging es bloß ums Ansprechen. In seinem Unbewussten bedeutete die Werbung jedoch, dass er dem Alpha-Affen sein Revier streitig machte und ihn zu einem tödlichen Zweikampf herausforderte.

Alphatier. Menschen werden wie Affen in Gruppen sozialisiert. Innerhalb der menschlichen Primärgruppe, der Familie, heißt das Alphatier „Vater“ und das dominante Weibchen wird „Mutter“ genannt. Wie bei allen Primaten rivalisieren die Geschwister um die Ressourcen der Eltern. Geschwisterrivalität kennt wohl jeder. Ältere Geschwister fühlen sich von jüngeren verdrängt, jüngere von älteren unterdrückt und bevormundet. Letztlich geht es immer um die Rolle des Lieblingskindes. Schon Kain erschlug Abel, weil er es nicht ertragen konnte, dass „Gott“ Vater den Rivalen bevorzugte.
Wie alle männlichen Kinder machte auch Daniel dem väterlichen Alphatier seine privilegierte Position streitig. Solange er noch nicht in der Lage war, das Kräfteverhältnis realistisch einzuschätzen, warb er sogar offen und ungeniert um die sexuelle Gunst der weiblichen Familienmitglieder. Er schlief bei der Mutter im Bett und rieb sein erigiertes Glied gerne an ihrem Körper, was sie lange Zeit mit sich geschehen ließ, so als wäre ihr die Bedeutung seines Verhaltens nicht einsichtig.

Der König ist tot. Es lebe der König. Sobald Daniel die Machtverhältnisse in der Familie jedoch verstand, gab er aus Furcht vor der Rache des Vaters, einem einfachen Mann und unberechenbaren Choleriker, seinen offenen Anspruch auf die Alpha-Position auf. Das heißt aber nicht, dass er gänzlich auf seine rivalisierenden Wünsche verzichtete. Im Unbewussten bestand die ursprüngliche Rivalität bis in die Gegenwart fort. Insgeheim wartete er noch immer auf den Augenblick, wo er den „Alten“ vom Thron stürzen und seine Position einnehmen konnte. Sobald der Augenblick der Entscheidung aber in der mit Fantasie durchsetzten Realität herannahte, machte sich die ursprüngliche Panik vor dem übermächtigen Gegner breit und er unterwarf sich – so wie in der U-Bahn.
Anders als bei Affen spielen sich die Machtkämpfe beim Menschen nur selten auf der körperlichen Ebene ab. Bei der Überwindung des Vaters handelt es sich gewöhnlich um einen innerpsychischen Reifungsprozess, bei dem der Heranwachsende die Überlegenheit des väterlichen „Alphatieres“ zuerst einmal anerkennt und sich mit seinen hervorstechenden Eigenschaften – Stärke, Mut, Schläue, Imponiergehabe – identifiziert. Später wird er diese Eigenschaften auf der sozialen Ebene erfolgreich gegen seine Rivalen im Kampf um die gesellschaftlichen Ressourcen einsetzen. Bis die Machtfrage geklärt ist, bleiben der Sohn der Herausforderer und der Vater der Revierverteidiger. Sobald ein „Vater“ zu schwach ist, sein Revier erfolgreich zu verteidigen, fällt es an denjenigen Sohn, der sich im Kampf um die Nachfolge nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die Rivalen aus der eigenen Generation erfolgreich durchsetzen kann. Um zu verhindern, dass sich die Söhne bei blutigen Nachfolgekämpfen zerfleischen, wurde die Erbfolge beim Menschen gesetzlich festgelegt. In vielen Kulturen tritt bis heute noch der älteste Sohn die Nachfolge des Vaters an. Der König ist tot, es lebe der König.
Auch die Reviere haben sich im Laufe des menschlichen Zivilisationsprozesses gewandelt. An den Revierkämpfen selbst hat sich hingegen wenig geändert, gleichgültig ob diese in den Wäldern und Savannen Afrikas oder in den Chefetagen von Industrieunternehmen ausgetragen werden. Damals wie heute geht es um dieselben Ziele: Nahrung und Fortpflanzungserfolg. Auch in der menschlichen Gesellschaft verfügen Alpha-Männchen über mehr „Nahrung“ – Macht, Geld, Sicherheit – und sind für Frauen als Paarungspartner wesentlich interessanter als devote Männchen.
Wenn Psychologen heute oft von Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen als positiven menschlichen Eigenschaften sprechen, ist ihnen die aggressive, mitunter sogar tödliche Bedeutung dieser Eigenschaften oft nicht bewusst. In keiner Gruppe wird einem Männchen die Alpha-Rolle kampflos zugestanden. Ein Mann, der sich in seiner Gruppe durchsetzt, kann dies nur auf Kosten seiner Rivalen tun, indem er sie geschickt ausbootet, einschüchtert oder unterwirft. Nur mutige, risikobereite Männer, die sich auch von einer möglichen Niederlage nicht abschrecken lassen, haben Chancen, in einer Gruppe die Alpha-Position zu erobern.
Wovon aber hängt es ab, ob jemand im Leben mutig seinen Mann stellt oder ängstlich verunsichert Revierkämpfen ausweicht, um sich dem jeweils Stärkeren zu unterwerfen? Darüber entscheidet beim Menschen nicht nur seine genetische Ausstattung. Genauso wichtig ist die psychosoziale Prägung durch die Dynamik in der Primärgruppe.
Daniels Vater, ein einfacher Mensch und gewaltbereiter Choleriker schüchterte seinen Sohn nicht nur ein, sondern verstärkte gleichzeitig auch dessen feindselige Impulse ihm gegenüber. Je unerbittlicher und grausamer der Vater seine Macht gebrauchte, umso intensiver wurde er von seinem kindlichen Widersacher gehasst. Wäre Daniel als Kleinkind dazu in der Lage gewesen, hätte er seinen Vater genauso vertrieben oder getötet, wie es herangewachsene Jungaffen mit einem alternden Alphatier tun, wenn sie es im Kampf besiegt haben.

Unterwerfung. In Ermangelung der realen Machtmöglichkeiten unterdrückte er seine Hassimpulse gegenüber dem Vater nicht nur, sondern verkehrte sie aus Angst vor Entdeckung und der befürchteten Rache ins Gegenteil. Damals gab er vordergründig seine männliche Identität auf und verhielt sich dem Vater gegenüber so, als wäre er geschlechtsneutral. Gleichzeitig spaltete er die sexuelle, weibliche Komponente von der Mutter ab und idealisierte sie zu einer asexuellen Heiligen.
Unterwürfiges, devotes Verhalten bei Männern entspringt immer einer Aggressionshemmung. Eine starke Hemmung weist auf starken Hass. Es kommt nicht von ungefähr, dass gehemmte Menschen Blickkontakt vermeiden. Auch viele Tiere tragen, um Verletzungen zu vermeiden, ihre Revierkämpfe durch beharrliches gegenseitiges Anstarren aus. Wer als Erster den Blick senkt und sich zurückzieht, hat den Kampf ums Revier verloren. Auch unter Menschen wird der direkte Blickkontakt oft noch als offene Herausforderung gewertet und das Vermeiden als Zeichen von Unsicherheit und Schwäche. Gerade beim Paarungsverhalten des Menschen spielt der Blickkontakt, der wortlose Flirt mit den Augen, eine entscheidende Rolle.
Ein Mann wie Daniel, der Hemmungen hat, einer Frau offen in die Augen zu blicken, hat das Werbungsspiel meist schon verloren, noch ehe es richtig begonnen hat. Indem er den Blick zu Boden richtet, unterwirft er sich dem imaginären väterlichen Rivalen aus der Kindheit. Dieser lebt im Unbewussten der begehrten Frau genauso fort wie in seinem.
Ein Mann, dem es hingegen gelungen ist, seine Angst vor dem Vater zu überwinden, wird es im späteren Leben leichter fallen, um die Rolle des Alphatieres zu konkurrieren. Er wird Mut an den Tag legen und unvermeidlichen Rivalitätskämpfen nicht ausweichen. Die Art und Weise, wie er sein Revier verteidigt oder das seiner Widersacher angreift, wird potenziellen weiblichen Sexualpartnern imponieren. Er signalisiert damit seine Bereitschaft, seine Frau und ihren gemeinsamen Nachwuchs gegenüber Feinden zu verteidigen.
Das, was einem Mann das Erobern einer Frau erschwert, ist seine Urangst, in der Rivalität um das Sexualobjekt von einem anderen Mann unterworfen zu werden. Dieser Unterwerfungsakt wird von den meisten Männern als Kastration erlebt. „Fuck or get fucked“, heißt die Devise nicht nur in amerikanischen Gefängnissen. Männer, die sich zur Wehr setzen und sich von einem männlichen Artgenossen nicht zur „Frau“ machen lassen, haben beim anderen Geschlecht einfach die besseren Karten. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, sind Männer, die weinen statt zu kämpfen, selbst bei Frauen unten durch, die lieber pfeifen, statt mit Puppen zu spielen.
Grundsätzlich lassen sich zwei Gruppen von Hemmungen unterscheiden: sexuelle Hemmungen und Aggressionshemmungen. Aggressionshemmungen äußern sich meist in Form von sozialen Ängsten, Kontaktängsten, Schüchternheit, erhöhter Neigung zu Erröten und betont aggressionsloser Sexualität. Sie können die gesamte Persönlichkeit (dann spricht man von einer gehemmten Persönlichkeit) oder nur einzelne Verhaltensweisen, zum Beispiel die Kontaktaufnahme oder die Fähigkeit, Nein zu sagen, betreffen. Sexuelle Hemmungen sind meist Folge einer sexuellen Fixierung an frühkindliche Bezugspersonen, die im späteren Leben mit dem Inzesttabu belegt wurden. (Daher erlebt jedes Kind seine Eltern als asexuell.) Beim Mann führen Hemmungen oft zu Erektions- oder Potenzstörungen, bei Frauen können sie die Orgasmusfähigkeit wesentlich beeinträchtigen. Auch sexuelle Lustlosigkeit – die beide Geschlechter in gleicher Weise betrifft – kann Ausdruck einer Hemmung sein.

  • Insgesamt leiden 14,6 % der Menschen an Hemmungen. Männer als das aggressivere Geschlecht sind häufiger davon betroffen.
  • Nicht immer leben Menschen deswegen allein, weil sie es so möchten. Jeder fünfte Single hat Hemmungen und vermutlich aus diesem Grund Schwierigkeiten, einen Partner zu finden.
  • Was die Persönlichkeitsstruktur anbelangt, so haben gehemmte Menschen ein schwaches Selbstbewusstsein. Sie agieren im Leben eher defensiv und leiden häufiger an Depressionen und Zwängen.
  • Ein Ergebnis, das die psychoanalytische Theorie empirisch bestätigt: Menschen mit Hemmungen haben signifikant mehr sexuelle Wünsche, die sie ihrem Partner nicht zumuten können.
  • Beim Mann gehen Hemmungen gehäuft mit Potenzstörungen und vorzeitigem Samenerguss einher. Gehemmte Frauen, die beim Sex nicht loslassen können, haben häufiger Orgasmusstörungen.
  • Allen Hemmungen ist eines gemeinsam: Die Hemmung einer psychischen Funktion weist auf einen unbewussten Wunsch, dessen Befriedigung durch den Hemmungsvorgang unterbunden wird.

Zulassen oder kontrollieren? Markus, 34, ist seit sieben Jahren verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes. In den letzten Jahren war das sexuelle Interesse in ihrer Beziehung zwar abgeflaut, aber Markus fand trotzdem, dass er und seine Frau eine gute Ehe führten. Markus war durch und durch ein glücklicher Familienvater. Bis er eines Tages von seiner Firma zu einer einwöchigen Fortbildung geschickt wurde. Dort lernte er Sabine kennen, in die er sich auf der Stelle verliebte. Sabine war einem Flirt mit Markus durchaus nicht abgeneigt. Das machte die Sache für ihn nicht gerade leichter.
Seit er mit seiner Frau zusammen war, hatte er sie noch kein einziges Mal betrogen. Jetzt aber wusste er nicht, wie er der unglaublichen Anziehung von Sabine widerstehen konnte. Im Laufe der Tage kamen sich die beiden immer näher. Bis zum vorletzten Abend hielt Markus tapfer durch, dann aber war es um seine Standhaftigkeit geschehen. Er verbrachte die ganze Nacht mit Sabine. Aber es war alles andere als eine rauschende Liebesnacht. Schon das gemeinsame Abendessen verlief schweigsamer als sonst. Als Markus kurz darauf Sabines Zimmer betrat, machte sich bei ihm ein mulmiges Gefühl im Bauch bemerkbar. Seine Finger und Zehen wurden eiskalt. Obwohl Sabine eine außergewöhnlich attraktive Frau war, fühlte er sich plötzlich nicht mehr zu ihr hingezogen. Stattdessen verspürte er Heimweh, nicht anders wie mit neun Jahren auf einem Schulskikurs.
Mechanisch entledigte er sich seiner Kleidung. In den Tagen davor konnte er es gar nicht erwarten, Sabine nackt zu sehen. Jetzt aber, wo es gleich so weit war, schien sie ihn nicht mehr zu interessieren. Mit einem Mal fühlte er sich unendlich einsam und verlassen. Hastig leerte Markus ein Glas Rotwein und goss sofort wieder nach. Der Wein verfehlte seine Wirkung nicht. Schon nach wenigen Minuten fühlte Markus, wie die Erregung zurückkam und sein Blut in Wallung geriet. Es folgten leidenschaftliche Umarmungen. Doch als sich ihre nackten Körper endlich rhythmisch aneinanderschmiegten und Markus in Sabine eindringen wollte, passierte für ihn etwas Unvorstellbares.
Von einem Augenblick auf den anderen erschlaffte seine prall gespannte Männlichkeit wie ein Luftballon, dem man die Luft ausgelassen hatte. So sehr sich Sabine auch bemühte, sein Ding wieder hochzubekommen, es ging nicht. Ein weiterer Versuch nach einigen Stunden scheiterte genauso wie der am darauffolgenden Morgen. Sobald Markus sich mit Sabine vereinigen wollte, schwand seine Erektion.
Es bedarf keiner psychologischen Meisterleistung, um den Konflikt zu erkennen, der durch Markus’ widersprüchliche Wünsche hervorgerufen wurde. Auf der einen Seite begehrte er Sabine leidenschaftlich, auf der anderen wollte er seiner Frau treu bleiben. Ohne es bewusst angestrebt zu haben, wurde er so zum Diener zweier Herrinnen. Die Hemmung seiner Sexualfunktion entspricht der Kompromissbildung, wie sie für neurotische Symptome typisch ist. Er hat sich auf das sexuelle Abenteuer mit Sabine eingelassen und seiner Frau die Treue gehalten. Niemand kann es Markus verdenken, dass er mit dieser Lösung nur wenig Freude hatte.

Unbestimmte Ängste

Solche Angstzustände entstehen scheinbar völlig unabhängig von realen Auslösersituationen. Sie haben keine bestimmten Inhalte, werden vielmehr als diffuse, nicht näher bestimmte Angstzustände wahrgenommen und machen sich oft über einen längeren Zeitraum hin bemerkbar. Meist gehen sie mit Ein- oder Durchschlafstörungen einher, führen zu Muskelverspannungen und Ruhelosigkeit und beeinträchtigen die Aufmerksamkeitsfähigkeit. Ängstliche Menschen wirken oft fahrig und unkonzentriert.
Üblicherweise treten diese Ängste als Reaktion auf belastende Lebensumstände auf oder sind ein Hinweis auf ungelöste, verdrängte psychische Konflikte.
Das Ausmaß der Angst kann aber auch ein Gradmesser für den Schweregrad einer psychischen Störung sein. So beginnen Psychosen oft mit schweren Angstzuständen, Verfolgungs- oder Weltuntergangsängsten.

  • Unbestimmte Ängste treten bei 18,6 % der Frauen, aber nur bei 13 % der Männer auf
  • Zwischen unbestimmten Ängsten und Bildung besteht ein signifikanter linearer Zusammenhang. Menschen mit geringer Bildung sind ängstlicher.
  • Unbestimmte Ängste gehen Hand in Hand mit Panikattacken, unbestimmten Spannungszuständen, sexuellen Problemen, erhöhtem Blutdruck und einer auffallenden Tendenz zu Zwängen.

Beatrix wird von unbestimmten Ängsten geplagt. Sie hat sich trotz einer schweren Kindheit vom Leben nicht unterkriegen lassen. Ihre Mutter war eine psychisch kranke Frau, ihr Vater Alkoholiker. Seit dem 17. Lebensjahr steht sie mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Die Matura absolvierte sie mit Auszeichnung, danach wandte sie sich mit Elan dem Medizinstudium zu. Alles in allem war sie eine junge, lebenslustige Studentin. Zu Beginn des zweiten Studienabschnittes lernte sie Paul kennen, der gerade mit dem Turnus begonnen hatte. Schon nach kurzer Zeit heirateten sie und bald darauf stellte sich Nachwuchs ein. Neben der Kinderbetreuung fand Beatrix genug Zeit, um ihr Studium fortzusetzen. Als ihre Tochter fünf Jahre alt war, schloss sie es erfolgreich ab.
Obwohl ihre Ehe harmonisch verlief – Beatrix stellte ihrem Mann ein hervorragendes Zeugnis aus, er sei ihr Mutter und Vater in einer Person gewesen –, traten bei ihr knapp vor Studienende zum ersten Mal unerklärliche Angstsymptome auf. Die Angstzustände hatten keinen bestimmten Inhalt, waren eher diffus und fühlten sich dumpf an. Es dauerte nicht lange und Beatrix zog sich immer mehr zurück. Am liebsten war es ihr, wenn sie sich zu Hause mit einem Buch in ihrem Ohrenfauteuil vergraben und die Welt rund um sich vergessen konnte. Es fiel ihr immer schwerer, die Wohnung zu verlassen. Bald ging sie nur mehr außer Haus, um ihre Tochter vom Kindergarten abzuholen und notwendige Einkäufe zu erledigen.
Beatrix fiel auf, dass ihre Ängste immer dann nachließen, wenn ihr Mann anwesend war. In seiner Begleitung konnte sie auch problemlos das Haus verlassen. Gleichzeitig hatte sie Träume, die sie beunruhigten. Sie träumte von einem nächtlichen Friedhofsbesuch mit ihrem Mann. Andächtig verweilten sie eine Zeit lang vor einem unbekannten Grab. Dann entfernte sie sich ein paar Schritte und stand plötzlich vor einem verwilderten Kindergrab. Auf dem verwitterten Holzkreuz war ein Name eingraviert, der sie an einen Kosenamen ihrer Tochter erinnerte, als diese noch ein Kleinkind war. Sie schreckte hoch. Im Aufwachen verspürte sie, wie ihr Herz heftig klopfte.
In einem anderen Traum befand sie sich wieder im Sezierkurs. Sie musste die Leiche eines jüngeren Mannes sezieren. Beiläufig fiel ihr Blick auf seinen rechten Unterschenkel. Dort fiel ihr eine große Narbe auf, so wie auch ihr Mann eine hatte, als Folge eines Motorradunfalls. Im Laufe der Analyse, die Beatrix wegen ihrer Angstzustände begonnen hatte, wurde klar, dass sie sich mit ihrem Mann zwar von jeher gut verstanden, ihn aber nie wirklich geliebt hatte. Ihr Sexualleben bezeichnete sie als durchschnittlich. Zum Orgasmus wäre sie bei ihrem Mann noch nie gekommen, doch sei ihr Sexualität nicht so wichtig. Viel wichtiger sei ihr das Kuscheln und das könne sie mit ihm nach Herzenslust.
Tatsächlich unterhielt sie zu ihrem Mann mehr eine freundschaftliche als eine Liebesbeziehung. Ihre sexuellen Zusammenkünfte waren für sie mehr Pflichterfüllung denn Lusterlebnis. Noch bevor sich die Angstzustände bei Beatrix bemerkbar machten, hatte sie eine Zeit lang das Gefühl, dass ihr nach Beendigung des Studiums die Welt offenstünde. Umso bewusster nahm sie die Einschränkungen wahr, die ihr aus Ehe und Familie erwuchsen. Doch maß sie diesem Umstand keine besondere Bedeutung bei. Im Gegenteil, so schnell es ging verscheuchte sie diese trüben Gedanken aus ihrem Kopf.
Es dauerte lange, bis sich Beatrix die Bedeutung ihrer Träume eingestehen konnte. Nach und nach fiel ihr ein, dass sie schon bald nach der Geburt ihrer Tochter immer wieder daran denken musste, wie traurig es wäre, wenn ihr etwas zustoßen würde. Aus der Kinderheilkunde wusste sie, an welch gefährlichen Krankheiten Kinder erkranken konnten. Immer wieder vermeinte sie an ihrer Tochter bedrohliche Symptome wahrzunehmen, die sich bald danach zum Glück als haltlos herausstellten.
Nach und nach wurde Beatrix bewusst, dass es in ihr einen Teil gab, der sich von der familiären Verpflichtung, die sie sich schon früh aufgebürdet hatte, erdrückt und überfordert fühlte. Beatrix liebte ihren Partner und ihre Tochter, aber gleichzeitig sehnte sie sich auch danach, einmal für niemanden mehr verantwortlich sein zu müssen.
Ohne dass es ihr bewusst war, wuchsen gleichzeitig mit ihrem Freiheitsdrang die Aggressionen gegen ihre Familie. In ihren Träumen löste Beatrix den Ambivalenzkonflikt auf sehr direkte Art, indem sie Mann und Tochter sterben ließ. Allerdings hätte Beatrix die Traumlösung im Wachen niemals akzeptiert und schon gar nicht herbeigesehnt.
Trotzdem wies ihr das Traumverständnis den richtigen Weg, indem es sie an ihre unterdrückten Aggressionen heranführte. Sobald Beatrix die widersprüchlichen Wünsche hinter ihren Angstzuständen erkennen konnte, war es ihr auch möglich, reale Änderungen in der Beziehung durchzuführen, die zu einer Entspannung ihrer Lebenssituation beitrugen.
Wie Beatrix leiden 43 % der Menschen mit unbestimmten Ängsten an sexueller Unlust in ihrer Partnerschaft. In der psychoanalytischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass solche Angstzustände häufig eine Reaktion auf unbewusste Trennungs- und Veränderungswünsche sind.
Dort wo Menschen bereit sind, sich ihren Ängsten und Befürchtungen zu stellen, sind ihre Inhalte ein ausgezeichneter Wegweiser zu den verdrängten Wünschen. Natürlich ist es nicht leicht anzuerkennen, dass Sorgen um das Wohl eines Menschen Ausdruck einer Reaktionsbildung auf unbewusste Todeswünsche sein können, die diesem gelten. Da der Hintergrund der Angstzustände meist im Verborgenen liegt, ist die Aufdeckung der am Konflikt beteiligten Kräfte der erste und wichtigste Schritt bei der Behandlung von unbestimmten Angststörungen.
Immer wieder machen sich Angstkranke die angstreduzierende, spannungslösende Wirkung von Alkohol oder anderen Substanzen zunutze. Solche Selbstheilungsversuche bergen allerdings ein hohes Suchtrisiko. Nicht selten ist die Angstneurose Ursache für Alkoholismus, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit.

Panikattacken

Panikattacken treten meist unerwartet, ohne erkennbaren Auslöser auf. Die Anfälle können zwischen wenigen Minuten und bis zu zwei Stunden dauern. Sie werden oft als Gefühl innerer Überschwemmung beschrieben, das sich von der Magengegend ausgehend über den Brustraum und in weiterer Folge über den ganzen Körper ausbreitet. Panikattacken werden meist von Herzrasen, leicht erhöhtem Blutdruck, Unruhe, Atemnot, Zittern, Schweißausbrüchen, Übelkeit, mitunter auch von heftigem Harndrang begleitet. Der Anfall selbst geht meist mit Todesangst einher. Sobald ein Arzt zugegen ist bzw. eine Einlieferung in ein Krankenhaus erfolgt, flaut der Anfall abrupt ab.

  • Jeder Zehnte im deutschsprachigen Raum bekommt Panikattacken. Davon 12,4 % Frauen und 8,2 % Männer.
  • Pflichtschulabsolventen haben häufiger Panikattacken (18,4 %).
  • Panikattacken treten oft in Verbindung mit unbestimmten Ängsten, unbegründeten Krankheitsängsten und Angst vor engen Räumen auf.
  • Wer unter Panikattacken leidet, führt diese vermehrt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück.

Es war ein drückend heißer Sommertag im Juli. Maria hatte sich schon früh von ihrem langjährigen Lebensgefährten verabschiedet, um zu einem Maturajubiläum in jene Stadt zu reisen, in der sie ihre Schulzeit verbracht hatte. Die lange Zugfahrt hatte sie ziemlich erschöpft. Die brütende Hitze tat ein Übriges. Jetzt war sie froh, im schattigen Garten eines Cafés Erholung zu finden. Es war vereinbart, dass Georg, ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit, sie mit dem Auto von dort abholen und zum Klassentreffen bringen sollte. Doch Georg verspätete sich. Plötzlich, aus heiterem Himmel, begann ihr Herz wie wild zu rasen. Sie glaubte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen. Voll Panik schlug sie Alarm.
Wenig später befand sie sich in einem High-Tech-Untersuchungsraum auf der Intensivstation der Universitätsklinik. Schon im Rettungswagen hatte sie gespürt, wie die Symptome nachließen. Jetzt, wo sie an die Geräte angeschlossen war, fühlte sie sich wieder völlig sicher und ruhig. Zu Marias Überraschung stellten die Ärzte fest, dass ihr körperlich nichts fehlte.
Maria ist ihren Ängsten auf den Grund gegangen. Der Weg, bis Maria den Sinn ihrer Angstanfälle verstand, war lang und beschwerlich. Zu ihrem Lebensgefährten unterhielt sie damals eine enge und vertraute Beziehung. Sie verstanden sich blind. Doch sexuell lief zwischen ihnen beiden schon lange nichts mehr.
Auslösend für ihre erste Panikattacke war Georgs Verspätung. Die Aussicht, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, verstärkte bei ihr die alte Leidenschaft. Ihr unerfülltes Liebesleben, ihre neu belebte Sehnsucht in Verbindung mit seiner Verspätung führten deswegen zum Angstanfall, weil sie sich den Gedanken, „wenn ich mich nicht bald von meinem Partner trenne, wird es für mich zu spät sein“, damals noch nicht eingestehen konnte. Unbewusst war er aber schon längst vorhanden. Je stärker ihr unterdrückter Trennungswunsch wurde, desto stärker wurden ihre Ängste. Schließlich war Maria ihr Partner schon sehr vertraut und sie wollte ihn nicht verlieren.
Oft tritt die erste Panikattacke als Reaktion auf unbewusste Trennungswünsche auf. Sie kann aber auch Folge einer Verlustsituation oder Liebesenttäuschung sein. Gelegentlich ist die Ursache eine psychische Überlastung. Vor allem bei längerer Dauer der Angststörung entwickeln Betroffene leicht eine ängstliche Erwartungshaltung (die Angst vor der Angst). Auf ihre unmittelbare Umgebung reagieren sie meist ungeduldig und gereizt. Bei besonders krassen Verläufen kommt es sogar zu einem völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit, was die Betroffenen zu Gefangenen in ihren eigenen vier Wänden macht. Im Endstadium der Angststörung getrauen sich diese Patienten dann nicht einmal mehr ihr Bett zu verlassen.
Da Panikattacken gehäuft bei Menschen mit unfreiwilliger sexueller Abstinenz oder einem unbefriedigenden Sexualleben auftreten, liegt die Vermutung nahe, dass es bei der Panikattacke zu einer Entladung der aufgestauten physiologischen Sexualspannung kommt. Da die Spannungsabfuhr sich der bewussten Kontrolle entzieht und auch nicht von sexuellen Empfindungen begleitet wird, ist die Angstreaktion auf den körperlichen Entladungsvorgang leicht nachvollziehbar.
Die überwiegende Mehrzahl der Angstkranken mit Panikattacken nimmt vorerst eine organische Ursache für die Anfälle an. Am häufigsten werden Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems befürchtet. Selbst wiederholte Versicherungen von medizinischer Seite, dass körperlich alles in Ordnung sei, ändern nichts an der Überzeugung der Betroffenen. Der ärztliche Ratschlag, es doch einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen, ruft beim Kranken meist heftige Widerstände hervor.
Viele fühlen sich von ihrem Arzt nicht mehr ernst genommen und wechseln zu einem anderen. Es ist daher schwer, Angstkranke mit Panikattacken für eine Psychotherapie zu motivieren. Dabei wäre eine rasche Aufnahme einer Psychotherapie – wenn möglich, gleich nach dem ersten Anfall – wichtig. Denn mit zunehmender Dauer der Störung verschlechtert sich die Behandlungsprognose.
Abhängig vom Schweregrad und der spezifischen Symptomatik ist eine aufdeckende psychoanalytische Psychotherapie oder eine stationäre Therapie in einer psychotherapeutischen Klinik mit längerfristig konzipierter ambulanter Nachbetreuung sinnvoll. Die Entscheidung sollte auf jeden Fall in Absprache mit einem psychotherapeutisch erfahrenen Arzt oder Psychoanalytiker getroffen werden. Zu Beginn der Psychotherapie kann eine unterstützende medikamentöse Behandlung sehr hilfreich sein. Bei Beruhigungsmitteln (Tranquilizern) ist allerdings Vorsicht geboten. Besonders bewährt haben sich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Phobien – objekt- oder situationsabhängige Furcht

Anders als bei diffusen, unbestimmten Angststörungen oder Panikattacken ist die Angst bei phobischen Angstzuständen an äußere Objekte (Insekten, Spinnen, Ratten, Schlangen, Hunde etc.) oder Situationen (enge Räume, öffentliche Plätze, Höhe etc.) gebunden. So sehr sich die einzelnen Krankheitsbilder nach außen hin unterscheiden, ist allen Phobien eines gemeinsam: die Angst vor dem Kontrollverlust. Dieser phobische Kern lässt sich für Höhenängste (bei der sich die Angst vor dem Kontrollverlust hinter der Angst vor dem Abstürzen verbirgt) genauso nachweisen wie für die Angst vor Tieren (bei der das bedrohliche Unkontrollierte vom Selbst ins Tier verlegt wird).
Kein Wunder also, dass phobische Ängste immer dann auftreten, wenn sich eine Person einer vermeintlichen Gefahr „ausgeliefert“ fühlt und die Situation, in der sie sich befindet, nicht mehr kontrollieren kann, wie es zum Beispiel bei Liftfahrten, in der U-Bahn oder im Flugzeug, wo die Ausstiegsmöglichkeiten eingeschränkt sind, der Fall ist.
Es sind vor allem zwei psychische Mechanismen an der Entstehung phobischer Angstattacken beteiligt: die Verschiebung und die Projektion. Zuerst wird eine innere Gefahrenquelle auf eine geeignete Ersatzvorstellung verschoben, danach wird sie nach außen projiziert. Die ursprünglich innere Gefahr wird durch diesen Vorgang in eine äußere umgewandelt. Zwar ist die Flucht vor der inneren Gefahrenquelle auch dann noch nicht möglich, aber durch die Projektion der Bedrohung nach außen kann sie nunmehr real vermieden werden.

Die Furcht vor engen Räumen und Eingeschlossenheit

Eine verdrängte Triebregung, die durch einen geeigneten Auslöser Verstärkung erfährt, führt zum Erregungsanstieg. Dieser Vorgang lässt sich gut mit der Ausdehnung eines Gases vergleichen, das in einem geschlossenen Behälter erhitzt wird. Der Wegfall jeglicher Abfuhrmöglichkeit steigert auch beim Menschen den inneren Druck und engt den psychischen Raum ein. Sobald man sich den inneren Vorgang der „Gefühlsausdehnung“ nach außen projiziert vorstellt, ergibt sich das Bild der Platzangst. In besonders schlimmen Fällen kann sich die Platzangst sogar bis zur Panik steigern und lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Besteht allerdings eine Fluchtmöglichkeit, flaut die Angst sofort wieder ab.

  • 8,8 % der Menschen haben Angst in engen Räumen. Zwischen Männern (6,3 %) und Frauen (11 %) bestehen signifikante Unterschiede.
  • Auch bei diesen Ängsten lässt sich wieder ein starker bildungsspezifischer Einfluss nachweisen. Während nur 4,4 % der Hochschulabsolventen in engen Räumen Angst haben, trifft dies auf 15 % der Pflichtschulabsolventen zu.
  • Von den Alleinstehenden leiden 12,8 % unter solchen Ängsten.
  • Angst in engen Räumen wird oft von Panikattacken und Schwindel begleitet. Die Betroffenen leiden vermehrt unter Konzentrationsstörungen.
  • Sie haben häufiger chronische Schmerzen und Schilddrüsenerkrankungen.
    Sexuelle Probleme treten gehäuft auf.

Die Angst vor Enge oder Eingeschlossenheit (Klaustrophobie) macht sich nicht nur in engen Räumen bemerkbar, sondern auch in U-Bahnen, Eisenbahnen, Flugzeugen und Aufzügen, wo die Kontrollmöglichkeiten des Angstkranken (zum Beispiel die Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können) erheblich eingeschränkt sind.
Die Analyse dieser Angststörung zeigt, dass die manifeste Angst häufig als Reaktion auf verdrängte (sexuelle) Gewaltwünsche entsteht. Eine Frau, die unter solchen Ängsten litt, wurde eine Zeit lang auch von der Zwangsvorstellung gequält, sie könnte ihrem Partner nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Küchenmesser den Bauch aufschlitzen.
Eine andere wiederum fürchtete, ihrem langjährigen Ehemann, während er schlief, die Kehle durchtrennen zu können. Beide waren sexuell frustriert und sehnten sich heimlich nach anderen Partnern.
Angst vor engen Räumen – dass etwas zu eng wird und keine Möglichkeit mehr besteht, herauszukommen – entwickeln auch Menschen mit Beziehungsängsten oder solche, die in einer Partnerschaft Nähe nicht ertragen können. Sobald eine Beziehung zu nahe wird, stellen sich die phobischen Symptome ein (als Folge des Wunsches, die Beziehung gewaltsam zu zerschlagen). Kaum wird sie beendet, verschwinden die Symptome. Solche Beziehungsängste haben oft eine schwere sexuelle Störung zur Ursache und sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Höhenangst

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der vom Dach eines Wolkenkratzers in die Tiefe schauen kann, ohne dabei ein mulmiges Gefühl zu empfinden. Menschen sind eben für ein Leben auf der Erde und nicht zum Fliegen bestimmt. Wer aber beim Betreten eines Balkons im zweiten Erdgeschoss in Panik verfällt, sollte diese Angstreaktion nicht mehr so selbstverständlich hinnehmen.
Das Angstgefühl, das manche angesichts großer Höhenunterschiede (im Gebirge, auf Aussichtswarten, Türmen, Wolkenkratzern) empfinden, geht meist mit starkem Schwindel einher. Manche fühlen sich wie durch einen unheimlichen Zwang in die Tiefe gezogen, sobald sie aus größerer Höhe irgendwo hinunterschauen. Manche verspüren sogar einen regelrechten Impuls zu springen. Andere wiederum werden von Panik geschüttelt, sobald sich jemand (in erster Linie Kinder) einem hoch gelegenen Balkongeländer nähert, weil sie fürchten, dieser könnte impulsiv springen. Daran ändert das Wissen, dass in Wirklichkeit keine Gefahr besteht, nicht das Geringste.

  • Von allen Ängsten kommen Höhenängste am häufigsten vor. Jeder Vierte leidet darunter. 28,3 % der Betroffenen sind Frauen, 21,4 % Männer.
  • Bei den Höhenängsten besteht ein starker altersspezifischer Einfluss. Vor allem junge Menschen unter 25 haben solche Ängste. Mit zunehmendem Alter werden sie kontinuierlich geringer.
  • Interessanterweise lässt sich der bildungsspezifische Effekt bei den Höhenängsten nicht nachweisen.
  • Wer Höhenängste hat, hat seltener Jobängste, ist im Alltag alles andere als ängstlich - eher draufgängerisch und optimistisch.
  • Im Beruf stehen solche Menschen oft unter Zeitdruck und fühlen sich überlastet.
  • In der Partnerschaft neigen sie zur Eifersucht.

Bevor Werner seine langjährige Lebensgefährtin heiratete, lebte er ein ziemlich unstetes Leben. Alkoholexzesse und wilde sexuelle Abenteuer in einschlägigen Clubs entsprachen seinem Lebensstil. Nach der Eheschließung wurde Werner beständiger. Gleichzeitig traten bei ihm jedoch unerklärliche Höhenängste auf. Wegen seiner Höhenängste konnte er nicht einmal eine niedrige Aussichtswarte besteigen. Fahrten mit Aufzügen, Sesselliften oder gar Flüge wurden für ihn zum Horrortrip. Stand er auf einem Balkon und schaute in die Tiefe, verspürte er den fast unwiderstehlichen Zwang, auf der Stelle hinabzuspringen. Er konnte es aber auch nicht ertragen, wenn ein anderer sich über das Balkongeländer beugte. Noch im selben Augenblick erfasste ihn die Panik, die andere Person könnte das Gleichgewicht verlieren und in die Tiefe stürzen.
Über die Assoziationskette abstürzen, stürzen, fallen, sich fallen lassen, loslassen, nachgeben, sich hingeben, keine Kontrolle mehr über das zu haben, was mit einem passiert (was man tut), stieß Werner auf das verborgene Motiv seiner Höhenangst. Im Unbewussten war die Höhe ein Äquivalent für seine aufgestaute sexuelle Spannung. Hinter dem Zwang zu springen steckte nichts anderes als der Wunsch, sich endlich fallen zu lassen (loszulassen, sich gehen zu lassen, die Kontrolle aufzugeben) und sich ungehemmt – im freien Fall – den Begierden zu überlassen, die Werner in der Ehe unterdrücken musste.
In Werners Fall handelte es sich bei der unterdrückten Versuchung um sadomasochistische Wünsche, die er in der Beziehung mit seiner Ehefrau nicht ausleben konnte und daher unter Kontrolle halten musste. Die Höhenangst entpuppte sich als Angst vor dem Kontrollverlust, wobei die Kontrolle seine sexuellen Wünsche betraf, die er bis zur Eheschließung bei sexuellen Spielen mit Gleichgesinnten ausleben konnte.
Werner ist kein Einzelfall. Viele Männer leiden an einer Angststörung, weil sie sich schämen, ihre homosexuelle Neigung offen auszuleben. Doch nicht nur sexuelle, auch unterdrückte aggressive Impulse können zu einer Angststörung führen.
Die Versuchung loszulassen, zu springen, besteht also wirklich. Wenn auch nur im übertragenen Sinn und in der inneren Realität. Die Höhe wäre demnach ein Äquivalent für das Ausmaß der Spannung, die vom verdrängten Impuls hervorgerufen wird. Die Angst vor dem Fallen würde sich dann auf den Augenblick des Kontrollverlustes beim Orgasmus (oder Wutanfall) beziehen.
Dort wo sich die Angst auf die Sicherheit einer anderen Person bezieht, könnte es sich unter Umständen um die Wiederkehr feindseliger (Todes)wünsche aus der frühen Kindheit handeln, die ursprünglich einer wichtigen Bezugsperson gegolten haben.
Es gibt aber auch noch andere Motive für die Entstehung der Höhenangst. Jeder kennt die Redewendung, „den Boden unter den Füßen verlieren“. Ein Patient mit Höhenängsten hatte einen stets wiederkehrenden Alptraum:
Im Traum war er wieder ein kleines Kind. Es war Nacht und er lag in seinem alten Bett im Kinderzimmer, als er dringend „auf die kleine Seite“ musste. Der Weg auf die Toilette führte ihn am Schlafzimmer seiner Eltern vorbei. Am Rückweg merkte er, dass durch den Türspalt aus dem Schlafzimmer warmes, gelbes Licht drang. Doch als er die Schlafzimmertür freudig aufriss, erlosch das Licht auf der Stelle. Die mysteriöse Angelegenheit wiederholte sich dreimal. Als er die Schlafzimmertür zum dritten Mal öffnete, war der Raum gleißend hell erleuchtet. Gleichzeitig verlor er den Boden unter den Füßen und stürzte in einen endlosen Schacht. Sein Sturz wurde von teuflischem Gebrüll begleitet. Noch im Fallen verspürte er eine starke sexuelle Erregung und die Gewissheit, dass ihn der Teufel geholt hatte.
Dieser Traum ermöglicht einen Einblick in die tiefe Konflikthaftigkeit, die sich hinter so mancher Höhenangst verbirgt. Bei dem Ereignis, das dem Kind „den Boden unter den Füßen weggerissen hat“, handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die Urszene, den Geschlechtsverkehr der Eltern, den der Junge damals vermutlich wirklich gestört hatte, und die Gefühle, die bei ihm durch das aufwühlende Schauspiel hervorgerufen wurden: eine Mischung höchster sexueller Erregung und bodenloser Angst.

Furcht vor Tieren

Menschen als angstkrank zu bezeichnen, weil sie angesichts eines Kampfhundes, der unangeleint und ohne Beißkorb frei auf der Straße herumläuft, Furcht empfinden, hieße, das Wesen der Angststörung gründlich zu verkennen. Eine solche Einschränkung gilt jedoch nicht für Personen, die panisch werden, bloß weil sich ein Nachtfalter in ihr Zimmer verirrt hat.
Wem allein schon der Anblick einer Spinne, einer Schlange, einer Maus oder einer Ratte den Schweiß aus den Poren treibt, muss davon ausgehen, an einer Tierphobie zu leiden. Doch auch übertriebene Angst vor Hunden, Katzen, Pferden kann ein Hinweis auf eine Angststörung sein.

  • Tierphobien haben insgesamt 15 % der Befragten. Jede fünfte Frau leidet darunter, aber nur jeder zehnte Mann.
  • Jüngere Menschen sind signifikant häufiger davon betroffen.
  • Tierphobien treten häufig bei Menschen mit sexuelle Wünschen auf, Angst verursachen.
  • Bei betroffenen Frauen treten gehäuft Orgasmusstörungen auf.
    Betroffene sind oft körperlich verspannt undstehen psychisch unter starkem Druck.

Bei kleinen Kindern ist es selbstverständlich, dass sie Mensch und Tier noch auf dieselbe Stufe stellen. Auch in der Welt der Märchen und Mythen denken, fühlen und handeln Tiere oft wie Menschen. Was liegt also näher, als davon auszugehen, dass auch bei der Tierphobie Tiere dafür verwendet werden, Menschen bzw. personifizierte menschliche Organe darzustellen. Dass sich die Schlange für die Repräsentation des männlichen Phallus gut eignet, ist mittlerweile schon zum psychologischen Allgemeingut geworden.
Auch die in der Karikatur bis zum Überdruss dargestellte, vermeintliche Reaktion einer Frau auf den Anblick einer Maus oder einer Ratte (das Zusammenpressen der Oberschenkel) verweist auf die assoziative Verknüpfung mit dem männlichen Sexualorgan. Weniger bekannt ist vielleicht die Beziehung der Spinne zur verschlingenden Mutter oder zum verschlingenden weiblichen Genitale. Hunde stehen im Unbewussten oft für den aggressiven, unberechenbaren, bedrohlichen Vater.
Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich Tiere hervorragend als Projektionsfläche eigener verdrängter aggressiver Triebimpulse eignen. Die Gefahr, die scheinbar vom Tier ausgeht, entspricht der Triebgefahr, die den Angstkranken von innen her bedroht. Bewusst wollen sie nicht mit dem Nachtfalter, unbewusst aber nicht mit der abgewehrten Erregung, die durch das „flatternde“ Tier (oder die „kribbelnde“ Spinne) repräsentiert wird, in Berührung kommen. Im Ekel zeigt sich die ursprüngliche Lust – nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Furcht vor sozialen Situationen

Zu Unrecht hat sich in der psychologischen Fachwelt die Überzeugung breitgemacht, Sozialphobien entstünden als Folge übertriebener Unsicherheit, sich vor anderen zu blamieren oder lächerlich zu machen. Das ist genau so, als würde man Höhenangst damit erklären wollen, dass der Betroffene eben fürchtet, der Turm, auf dem er steht, oder die Brücke, über die er geht, könne einstürzen. Tatsächlich unterscheidet sich die Sozialphobie in keiner Weise von den anderen Phobien. Auch bei ihr bildet die Angst vor dem Kontrollverlust in Verbindung mit dem Wegfall einer Fluchtmöglichkeit den Kern der Störung.

  • Unter sozialen Ängsten leiden 16,4 % der Befragten.
  • Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist ausgewogen.
  • Menschen mit geringer Bildung (22,4 %) leiden häufiger darunter.
  • Soziale Ängste treten oft in Verbindung mit Depressionen auf. Verständlicherweise ist die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen stark herabgesetzt.
  • Sie haben häufiger Schweißausbrüche und nervöse Unruhezustände. Im Leben verhalten sie sich eher passiv.

Sozialphobiker ertragen die Spannung nicht, die entsteht, wenn sie mit anderen Menschen zusammentreffen. Diese Spannung wird vor allem dann unerträglich, sobald in einer Gesprächs- oder Gruppensituation Schweigen entsteht. Bei einigen Sozialphobikern führt das zum Zwang, irgendetwas sagen zu müssen, um das Schweigen zu brechen. Denn das Schweigen steigert ihre Spannung, die ab einem gewissen Punkt außer Kontrolle zu geraten droht – was zu einer panischen und verständlicherweise auch peinlichen Fluchtreaktion führen würde.
Sozialphobiker mit aktiven Bewältigungsstrategien verfallen oft in einen ungehemmten Redefluss. Dieser „Rededurchfall“ hat mit normaler Kommunikation nicht mehr viel zu tun. Der Wortschwall und die vielen Fragen, mit denen der Phobiker sein Gegenüber eindeckt, dienen vor allem dazu, die bedrohliche Situation und den Gesprächsverlauf unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig wird durch die Wortwand auch die Distanz zum Gesprächspartner gewahrt. Es versteht sich, dass die unbewusste Angst vor Nähe bei dieser Störung eine wichtige Rolle spielt.
Eine andere Bewältigungsstrategie besteht darin, soziale Situationen, in denen solche Spannungen zwangsläufig entstehen, einfach zu meiden. Solche Menschen sind oft vereinsamt. Wird ihre Isolation zufällig einmal durch einen zwischenmenschlichen Kontakt durchbrochen, reagieren sie extrem gehemmt und schüchtern und wirken auf andere Menschen aus diesem Grund nicht sehr attraktiv.

Furcht vor Krankheiten

Menschen mit hypochondrischen Ängsten haben es nicht leicht. Trotz ihres hohen Leidensdrucks werden ihre Beschwerden kaum ernst genommen. Wenn sie mit ihren körperlichen Symptomen in der ärztlichen Praxis vorsprechen, heißt es meist nur lapidar: „Ihnen fehlt nichts.“ Das stimmt und es stimmt auch wieder nicht. Hypochondrischen Menschen fehlt rein organisch wirklich nichts. Ihre Störung liegt im psychischen Bereich. Doch davon wollen sie meist nichts wissen. Sie beharren auf einer körperlichen Verursachung und fühlen sich paradoxerweise nur von jenen Ärzten ernst genommen, die sie falsch, nämlich körperlich behandeln. Die Kunst besteht wohl darin, einem hypochondrischen Menschen die psychische Verursachung seiner Symptome vor Augen zu führen, ohne ihm dabei das Gefühl zu geben, dass er nicht ernst genommen wird und sich seine Symptome nur einbildet.

  • 13,5 % im deutschsprachigen Raum haben unbegründete Krankheitsängste. Der Anteil der Frauen ist mit 15,4 % leicht überrepräsentiert.
  • Ungebildete Menschen werden häufiger von hypochondrischen Ängsten geplagt.
  • Krankheitsängste treten in der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen mit 16,5 % vermehrt auf.
  • Hypochondrische Ängste werden häufig von Panikattacken und Schwindelgefühlen begleitet. Sehr oft gehen sie auch mit chronischen Schmerzen einher.
  • Betroffene finden schwerer Anschluss und sind im Sozialkontakt eher vorsichtig bis ängstlich.

Bei der Hypochondrie steht die unbegründete Überzeugung im Vordergrund, krank zu werden oder eine schwere Krankheit zu haben, wobei diese Überzeugung aus einer andauernden Beschäftigung mit körperlichen Missempfindungen erwächst. Die Hypochondrie zählt zu den somatoformen Störungen, deren wesentliches Merkmal körperliche Beschwerden sind, die eine körperliche Krankheit nahelegen, für die sich jedoch in den medizinischen Befunden kein Beleg finden lässt.
In der Regel besteht bei den Betroffenen ein erhebliches Misstrauen gegenüber ärztlichen Befunden, die ihnen hervorragende organische Gesundheit attestieren. Aus diesem Grund sind hypochondrische Menschen insgeheim davon überzeugt, nicht richtig behandelt zu werden. Kein Wunder also, dass es bei dieser Störung früher oder später zum „Doctor Shopping“ kommt. Dabei laufen sie von Arzt zu Arzt, bis sie einen finden, der ihre Beschwerden tatsächlich als Ausdruck einer körperlichen Erkrankung diagnostiziert.

Krebsängste. Von psychoanalytischer Seite wird Hypochondrie als Ausdruck narzisstischer Selbstbezogenheit verstanden. Die psychoanalytische Arbeit zeigt, dass hinter der Symptomatik oft unterschwellige Feindseligkeit lauert, zu der die Patienten selbst aber keinen Zugang haben. Ein Patient mit hypochondrischen Beschwerden hatte einen wiederkehrenden Traum, in dem er sich von einer Raubkatze bedroht fühlte. Beim Schwimmen im Meer fürchtete er einen Haiangriff. Dieser Patient litt unter der panischen Angst, sein Organe könnten vom Krebs zefressen werden. Unbegründete Herzängste stehen oft in Verbindung mit unterdrückter sexueller Erregung.
Auch in einem anderen Fall führten verdrängte sadistische Wünsche zu schweren Krebsängsten. Ein junger Mann verspürte einen ziehenden Schmerz im linken Hoden, der von Zeit zu Zeit auf den rechten überging und wieder verschwand. Sofort entwickelte er die Panik, an Hodenkrebs erkrankt zu sein. Er suchte eine ganze Reihe von Urologen auf, doch keiner konnte eine organische Verursachung für sein Leiden feststellen. Der psychoanalytischen Behandlung stand er ursprünglich sehr skeptisch gegenüber, weil er von einer organischen Verursachung seiner Schmerzen überzeugt war.
Im Laufe der Behandlung stellte sich heraus, dass seine Ehefrau ihm schon seit Jahren den Geschlechtsverkehr verweigerte. Als Folge ihrer Zurückweisung stellten sich bei ihm grausame Vergewaltigungsfantasien ein. Allerdings schämte er sich für diese Gedanken so sehr, dass er sie sofort wieder unterdrückte. Bald danach traten die ersten Symptome auf. Erst als er nach der Scheidung von seiner Frau eine sexuell erfüllende Ehe mit einer anderen einging, gab sich die Krebsangst.

Herzängste. Ein, wie sich in der Analyse später herausstellte, homosexueller Kirchenmann mit pädophilen Neigungen begab sich wegen einer Herzphobie in Behandlung. Immer dann, wenn er das Folgetonhorn eines Einsatzwagens vernahm, löste der durchdringende Ton bei ihm einen heftigen Angstanfall aus. Das anschwellende Signal stellte sich später als Symbol für seine sexuelle Erregung heraus, der Herzinfarkt, den er mit dem rasenden Rettungswagen in Verbindung brachte, als Ausdruck der Gefahr, die von seinen sexuellen Wünschen ausging. Es dauerte Jahre, bis er sich dazu durchringen konnte, seinen homosexuellen Neigungen auf eine sozial akzeptierte Weise nachzugeben. Erst dann verschwanden seine Herzsymptome endgültig.
Da sexuelle Erregung das Herz von Natur aus höher schlagen lässt, treten Herzängste bevorzugt in Verbindung mit oft sogar bewussten unterdrückten sexuellen Wünschen auf, die wegen ihres asozialen Charakters nicht ausgelebt werden können (wie bei der Pädophilie). Die Unterdrückung der sexuellen Wünsche führt regelmäßig zu einem Erregungsstau. Die vegetative Symptomatik führt zwar im Angstanfall zur Entladung, nur dass dabei die Lust gegen eine andere Währung getauscht wird – die Angst.

Die psychoanalytische Behandlung von hypochondrischen Ängsten lässt keinen aufkommen, das auch hier die Angst vor dem Kontrollverlust (vor bedrohlichen Vorgängen im Körper, die sich der eigenen Kontrolle entziehen) das zentrale Thema ist.

 

Die Zwangsstörung

Wie alle anderen Fantasieprodukte werden auch Zwangsgedanken durch Wünsche hervorgerufen. In der Regel verfolgen diese Wünsche niedere, mitunter sogar grausame Ziele, mit denen sich die Betroffenen bewusst nicht identifizieren, ja die sie sogar entschieden ablehnen. Oft handelt es sich dabei um Wünsche, die feindselige Regungen gegenüber geliebten Personen oder sexuelle Gewalthandlungen zum Inhalt haben. Ist die Triebregung zu stark, kann sie nicht einfach aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Vielmehr besteht die psychische Abwehr darin, die inkriminierte Wunschvorstellung vom übrigen Denken zu isolieren. Beim Vorgang der Isolierung wird die Vernetzung von Gedanken, Triebregungen, Wünschen mit anderen psychischen Inhalten im neuronalen Netz unseres Gehirns unterbunden. Danach führen sie im Unbewussten eine Art Eigenleben. Wann immer es einem isolierten Triebimpuls gelingt, sich Zugang ins Bewusstsein zu verschaffen, ruft er denselben Konflikt hervor, der schon einmal zu seiner Abspaltung und Isolation geführt hat, und er muss daher durch eine entgegengesetzte Vorstellung neutralisiert oder ungeschehen gemacht werden.
Allen Zwangsstörungen liegt eine hochgradige Ambivalenz gegenüber einer wichtigen Bezugsperson aus der Kindheit zugrunde: der Wunsch, eine Handlung zu setzen und sie im gleichen Atemzug wieder rückgängig zu machen. Im Aberglauben finden sich viele Beispiele, die diesen Zusammenhang unterstreichen. Eines davon ist die Redewendung „Verschrei es nicht“, um eine voreilig ausgesprochene Behauptung zurückzunehmen. Wie sich ersehen lässt, haben Zwangsgedanken dieselbe Grundlage wie der Glaube an die Wirksamkeit von Flüchen oder Zaubersprüchen: das magische Denken. Im magischen Denken eines Kindes wird zwischen Gedanken und Taten, zwischen Fantasie und Wirklichkeit noch nicht unterschieden. Böse Wünsche haben nur dann keine Folgen, wenn sie durch einen entsprechenden Gegenzauber aufgehoben oder ungeschehen gemacht werden. Dieser Vorgang der Verhinderung bzw. des Ungeschehenmachens liegt den meisten Formen der Zwangsstörung zugrunde. Die ganze Palette der Zwangsrituale sowie der zwanghaften Gedankenformeln lässt sich auf dieser Basis verstehen.

Reaktionsbildung. Auch übertriebene Sorgen um das Wohlergehen eines nahe stehenden Menschen können ein Hinweis auf die Existenz verborgener feindseliger Wünsche sein. Man spricht in diesem Fall von einer Reaktionsbildung. Dabei wird der ursprüngliche Impuls im Sinne des psychischen Abwehrvorganges durch das entgegengesetzte Bestreben ersetzt. Beim Ungeschehenmachen verhält sich eine Person in ihrem gesamten Verhalten so, als hätte ein bestimmtes Ereignis nie stattgefunden. Angstauslösende Gedanken sollen durch magische Formeln oder Handlungen ungeschehen gemacht werden. Allein die Formulierung „Seine Hände in Unschuld waschen“ genügt, um den tieferen Sinn des Waschzwanges zu begreifen: Jemand, der seine Hände „schmutzig“ gemacht hat, möchte damit die Schuld von seinen Händen waschen, um auf diese Weise die böse Tat ungeschehen zu machen.
Der Ordnungszwang, bei dem schon der kleinste Schritt in Richtung Unordnung rückgängig gemacht werden muss, kann der Vergewisserung dienen, dass nichts passiert, noch alles beim Alten, alles in Ordnung ist. Stets verhindert die eine Hand, was die andere tut, oder macht es wieder rückgängig. Die anstößigen Wunschvorstellungen sind den Betroffenen kaum jemals bewusst. Sie lassen sich aber leicht aus dem jeweiligen Abwehrvorgang erraten. Kognitiv wissen die Betroffenen zwar genau, dass es sich bei ihren Vorstellungen bloß um Einbildungen handelt. Emotional verhalten sie sich aber so, als wären diese real begründet.

  • Von einer Zwangsstörung sind 8,7 % im deutschsprachigen Raum betroffen.
  • Zwischen Frauen und Männern gibt es diesbezüglich keinen Unterschied.
  • In der Lebensmitte und unmittelbar nach der Pensionierung treten Zwänge und Ticks häufiger auf. Das sind auch jene Lebensphasen, in denen depressive Reaktionen (Midlife-Crisis und Pensionsschock) häufiger zu beobachten sind.
  • Wer Zwänge hat, leidet signifikant häufiger unter unbestimmten Angstzuständen, einem erhöhten Kontrollbedürfnis, Pessimismus. Zwiscehn Zwängen und Suchtverhalten besteht eine stark ausgeprägte Wechselwirkung.
  • Aus psychoanalytischer Sicht haben Zwänge die Funktion, unterdrückte Triebimpulse (Gier) zu kontrollieren. Tatsächlich wechseln sich bei Süchtigen Phasen der hemmungslosen Gier und der zwanghaften Abstinenz ab. Auch die Magersucht lässt sich aus dieser Warte als zwanghafte Abwehr der Fressgier deuten. So gesehen weisen Menschen, die zu Zwängen neigen, eine schwere Störung ihrer Trieb- und Impulsregulation auf.

Ein höherer Beamter stöberte gerne in Buchläden. Als er sich wieder einmal in einem aufhielt, kam ihm plötzlich der Gedanke an einen Ladendiebstahl. Er überlegte, wie er es anstellen könnte, Waren durch die elektronische Diebstahlssicherung beim Ausgang zu schmuggeln. Das erschien ihm als eine intellektuelle Herausforderung. Es vergingen Monate und der flüchtige Gedanke war längst in Vergessenheit geraten. Eines Tages suchte er zufällig dieselbe Buchhandlung auf. Völlig unvermutet fürchtete er, jemand könnte ihm unbemerkt ein Buch oder eine CD in seine Tasche gesteckt haben, sodass die Alarmanlage beim Hinausgehen anschlagen würde. Wie sollte er dann der Kassiererin erklären, dass er kein Ladendieb war? Sie würde ihm unmöglich Glauben schenken. Um sicherzugehen, kontrollierte er seine Tragtasche, bevor er den Laden verließ.
In den darauffolgenden Wochen wurden seine Ängste immer stärker. Er vermied es nach Tunlichkeit, Geschäfte mit elektronischer Diebstahlssicherung zu betreten. War er dennoch gezwungen, in einem solchen einzukaufen, überlegte er lange hin und her, ob er vor dem Passieren der Diebstahlsschranke nicht die Kassiererin über die Möglichkeit, dass ihm jemand ohne sein Wissen einen Artikel zugesteckt haben könnte, in Kenntnis setzen sollte. In weiterer Folge dauerte es immer länger, bis er es wagte, durch die elektronische Schranke zu gehen, weil er fürchtete, der Alarm könnte allein schon durch seine Angstspannung ausgelöst werden.
Dem Mann war natürlich die Absurdität seiner Befürchtungen bewusst. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf die Idee kam, gerade ihm und noch dazu unbemerkt ein Buch zuzustecken, war verschwindend klein. Trotzdem schützte ihn dieses Wissen nicht. Sobald er sich der elektronischen Diebstahlssicherung näherte, reagierte er gefühlsmäßig so, als würde er Sekunden später vor der ganzen Welt als Ladendieb entlarvt sein. Dieses und auch die nächsten Beispiele zeigen, dass unsere Realitätssicht weniger vom kognitiven Wissen als von unserem Empfinden abhängt. In vielen Bereichen sehen wir die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sie sehen wollen oder aus einer unbewussten Bedingtheit heraus sehen müssen. Dem Geschehen auf der realen Handlungsebene liegt dabei stets eine unbewusste Dynamik zugrunde, die sich der Kenntnis des Betroffenen üblicherweise entzieht. Auch die nächsten Beispiele handeln von Menschen, bei denen unbewusst motivierte Fantasien Realitätscharakter erhalten und Angstzustände hervorrufen.
Eine Studentin, deren Vater aus beruflichen Gründen oft fliegen musste, kam eines Tages der Gedanke, dass sein Flugzeug abstürzen könnte. Bald wurde die Vorstellung zur fixen Idee. Gleichzeitig kämpfte sie gegen ihre Befürchtungen an, weil sie davon überzeugt war, erst der Gedanke an den Absturz würde die Katastrophe herbeiführen. Jedes Mal, wenn sie die Geräusche eines Flugzeuges am Himmel vernahm und zwangsläufig an den Absturz des Flugzeuges dachte, wurde sie von panischer Angst ergriffen, dass sie die Schuld träfe, wenn ihr Vater nun wirklich verunglückte.
Ein junger Vater brachte seinen siebenjährigen Sohn zu einer befreundeten Familie, mit der das Kind aufs Land fahren sollte. Er half beim Verstauen der Gepäcksstücke und bedankte sich noch einmal recht herzlich dafür, dass seine Freunde den Jungen über das Wochenende mitnahmen. Als das Auto wegfuhr, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er sich von seinem Sohn nicht „richtig“ verabschiedet hatte. Mit einem Mal überfiel ihn die Befürchtung, sein Versäumnis könnte dazu führen, dass er seinen Sohn nie wieder sehen werde. Schreckliche Dinge gingen ihm durch den Kopf. Einmal sah er das Kind bei einem Autounfall tödlich verunglücken, dann wieder ertrank es beim Baden in einem Teich. Das ganze Wochenende plagten ihn schwere Ängste und Schuldgefühle. Er gelobte, für den Fall, dass die erwartete Katastrophe ausbliebe, seinem Sohn nie wieder zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken.
Eine im realen Leben äußerst liebevolle Mutter wiederum überfiel panische Angst, sobald sich ihre Vierjährige einem Brücken- oder Balkongeländer näherte. Sie fürchtete stets, das Geländer könnte nachgeben und ihre Tochter zu Tode stürzen. Das kognitive Wissen um die Irrationalität ihrer Befürchtungen half ihr nicht im Geringsten.

Wahn. Bei vielen Menschen gehen Fantasien mit einem Gefühl der subjektiven Gewissheit einher, ohne dass ihre Inhalte durch die Realität begründet wären. Man spricht in diesem Zusammenhang von Einbildungen. Gelegentlich organisieren sich Fantasien sogar zu komplexen Wahnsystemen, ein Umstand, der für die Ausbildung von Glaubenssystemen nicht unerheblich ist.
Eine alleinstehende, enthaltsam lebende Frau Mitte vierzig engagierte sich seit vielen Jahren in ihrer Pfarrgemeinde. Nachdem der alte Pfarrer von einem jungen, gut aussehenden Priester abgelöst wurde, kamen ihr plötzlich Bedenken, ob ihr Engagement nicht missverstanden werden könnte. Die Befürchtung wurde allmählich zur fixen Idee. Wo immer sie hinkam, fühlte sie die Blicke auf sich gerichtet. Sie glaubte zu spüren, dass die Leute die Unterhaltung einstellten, sobald sie in die Nähe kam. Der Gesichtsausdruck anderer erschien ihr mit einem Mal höhnisch und verächtlich. Es dauerte nicht lange und sie war davon überzeugt, dass hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wurde, weil man ihr ein Verhältnis mit dem neuen Pfarrer nachsagte. Als Reaktion zog sie sich immer mehr zurück, um dem vermeintlichen Gerede zu entgehen. Besorgte Anfragen, was mit ihr los sei, quittierte sie mit einem überlegenen, wissenden Lächeln, was so viel hieß wie: „Mir könnt ihr nichts vormachen, ich habe euch durchschaut.“
In ihren Tagträumen beschäftigte sie sich fortwährend mit den vermeintlichen Unterstellungen, um diese „ungeheuren Verdächtigungen“ im selben Atemzug entrüstet von sich zu weisen. Als sie einmal nach der Sonntagsmesse an einer Gruppe von Kirchgängern vorbeiging, war sie sich sicher, die Beschimpfung „Pfarrershure“ vernommen zu haben. Nun geriet sie vollends in Panik. Sie traute sich oft tagelang nicht aus dem Haus. Überall witterte sie Feinde. Sogar in den Gebüschen rund um die Kirche schienen sich ihre Verfolger zu verstecken, um sie beim Vorbeigehen zu beschimpfen. Die Stimmen, die sie mit Obszönitäten bedachten, wurden dabei immer dreister und aufdringlicher. Zu guter Letzt höhnten sie sogar schon aus den Wänden ihrer Wohnung. Das Wahnsystem uferte aus.
Es gehört nicht viel dazu, um den Hintergrund dieses Wahnsystems zu erraten. Es ist keine Seltenheit, dass sich einsame, sexuell unbefriedigte Frauen in Pfarrer verlieben. Solche Dinge passieren einfach im kirchlichen Dunstkreis. Noch dazu, wo in der katholischen Kirche die hochwürdigen Herren den Nimbus der Unerreichbarkeit vor sich her tragen.
In diesem Fall führte die Verliebtheit der Frau zu einem argen Konflikt zwischen ihren Triebwünschen und ihrem jungfräulichen Ideal. Sie konnte sich unmöglich eingestehen, dass sie den jungen Geistlichen sexuell anziehend fand und mehr von ihm wollte als bloß religiösen Beistand. Ihr sexuelles Verlangen stand diametral zu ihrem moralischen Anspruch. Als sie dem inneren Druck nicht mehr standhalten konnte, wurden die Pfarrmitglieder zur Projektionsfläche ihrer Schuld- und Schamgefühle. All das, was sie sich selbst vorwarf, vermeinte sie nun aus dem Munde anderer zu hören. Ihr Umfeld wurde für sie zur Personifikation ihres schlechten Gewissens, das sie auf diesem Wege unerbittlich verfolgte.
Der Umstand, dass sie einen Priester begehrte, war ihr so unerträglich, dass sie diese Realität auf keinen Fall anerkennen konnte. Umgekehrt war es ihr aber auch nicht möglich, ihr Verlangen zum Verstummen zu bringen. Blieb also nur noch die Möglichkeit, es vor sich selbst zu leugnen. Im selben Maße änderte sich ihr Realitätsbezug. In ihrer Realität war nicht mehr sie es, die so schmutzige Dinge wollte, sondern es waren die anderen, die sie ihr unterstellten. Die ursprüngliche Verfolgerin, die dem Priester mit ihren Wünschen heimlich nachstellte, wurde durch die Verleugnung und Projektion ihres Begehrens selbst zur Verfolgten. Mit einem Mal war sie nicht mehr „Täterin“, sondern Opfer. Die Scheinwelt, die sie unbewusst errichtete, diente lediglich dazu, sie vor der schmerzhaften Wahrheit zu schützen, dass sie dieselben Wünsche hatte wie die von ihr so verachteten „Huren“, die sich Männern an den Hals schmissen.

Allmacht der Gedanken. Nicht nur, dass beim Menschen die Grenzen zwischen Fantasie und Realität mitunter verschwimmen, versteht er sich oft genug auch als Urheber der Realität. Wir stoßen hier auf ein Phänomen, dass in der Psychoanalyse unter der Bezeichnung „Allmacht der Gedanken“ bekannt ist. Schon weiter oben war vom magischen Denken des Kindes die Rede.
Tatsächlich unterscheidet sich der Weltbezug eines Kindes grundlegend von dem eines Erwachsenen. Aus der Sicht des Kindes war es schon immer da. Es existierte schon lange bevor sich sein Bewusstsein bildete und auch lange bevor sich seine Innen- von der Außenwelt differenzierte. Im Mutterleib und unmittelbar nach der Geburt besteht für den Fötus bzw. das Neugeborene nichts, außer ihm selbst.
Es und die Welt sind zu diesem Zeitpunkt noch eins. Nach und nach erfährt der Säugling jedoch, dass nicht er selbst es ist, der seinen Hunger stillt, sondern irgendetwas vage Empfundenes, das immer dann auftaucht, wenn bei ihm die Not am größten ist. Seine frühkindlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Pflegeverhalten führen allmählich zu einem Paradigmenwechsel.
Zu welcher Überzeugung sollte er denn gelangen, wenn nicht zu der, dass die Welt seinen Wünschen gehorcht? Das Verhältnis zwischen Säugling und Mutter ist in diesem Stadium noch höchst einseitig ausgerichtet. Was der Säugling braucht, geschieht. Ist er hungrig, kommt Nahrung, ist er nass, wird er trockengelegt, fühlt er sich einsam, wird er in den Arm genommen.
Auf diese Weise entsteht in der Frühzeit der kindlichen Entwicklung die Vorstellung von der Allmacht der eigenen Wünsche. Im Laufe des Lebens relativiert sich die infantile Überzeugung zwar, dass alles möglich ist, wenn „man es nur ganz fest will“. Gänzlich überwunden wird sie aber nie. Im Wunschdenken des Erwachsenen ist noch immer das Bestreben, durch Leugnung der Realität an der ursprünglich empfundenen Allmacht festzuhalten, sichtbar.
Während die liebevolle Fürsorge beim Säugling ein Hochgefühl hervorruft, führen übermäßige Entbehrungen zu Stress und Hilflosigkeit. Die positiven Erfahrungen in dieser Zeit sind die Grundlage für die spätere Liebesfähigkeit. Hunger und Vernachlässigung fördern hingegen die Zunahme von Hass und Zerstörungswünschen. In Anlehnung an die lustvollen und unlustvollen Affekte spaltet sich auch die Welt des Säuglings in eine der „guten“ und eine der „bösen“ Mächte. In diesem frühen Lebensstadium ist die äußere Welt aufgrund der fehlenden Grenzen zwischen Subjekt und Objekt noch ein Spiegel der emotionalen Befindlichkeit des Kleinstkindes. Befindet es sich in einer Hochstimmung, gleicht die Welt einem Paradies. Ist es voll Wut, wandelt sich das Paradies zur Hölle.
Hand in Hand mit der allmählichen Spaltung des frühkindlichen Universums in eine innere und eine äußere Welt differenzieren sich auch die Affekte nach dem Lust-Unlust-Schema. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich in der Frühphase der kindlichen Entwicklung die Grenzen der inneren Welt noch nicht mit den Körpergrenzen decken. Zunächst sind das Kind und das Universum – sämtliche Objekte, mit denen es in Beziehung steht – identisch.
Außen- und Innenwelt fallen zu diesem frühen Zeitpunkt noch zusammen. Die Mutter ist zugleich Objekt der äußeren und inneren Welt des Kindes. Der ganze Kosmos ist von den Eindrücken und Empfindungen des Kindes beseelt. Vom Subjekt abgegrenzte äußere Objekte gibt es noch keine. Erst allmählich bildet sich die Innenwelt durch Verinnerlichung der lustvollen Empfindungen aus, während die unlustvollen Empfindungen durch Abspaltung und Projektion zur Außenwelt werden.
Ganz nach dem Prinzip „die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen“. Selbst im Erwachsenenalter empfinden viele Menschen das von außen kommende Fremde als Bedrohung. Im Zuge des Reifungsprozesses erfolgt zwar eine Differenzierung zwischen inneren und äußeren Objekten sowie eine Integration der unlustvollen Affekte, aber die ursprüngliche Gleichsetzung zwischen Innen- und Außenwelt prägt auch noch das Welterleben des Erwachsenen.
Der tief verwurzelte Glaube an die Allmacht der eigenen Wünsche ist ein Ergebnis dieser frühesten Lebensphase. Im Optimismus des Erwachsenen spiegelt sich dieses kindliche Vertrauen in die nährenden, wohlwollenden und unterstützenden Kräfte aus der Frühzeit der eigenen Entwicklung. Umgekehrt ist eine allzu pessimistische Einstellung gegenüber der Welt meist ein Hinweis auf übermäßige Entbehrungen in dieser frühen Lebensphase.
Wenn Erwachsene Überlegungen über kleinkindhafte Wünsche anstellen, denken sie als Erstes an die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Natürlich sehnen sich Kinder nach einem wohligen, geborgenen Zustand. Doch heißt das noch lange nicht, dass sich die kindliche Emotionalität auf „unschuldige“ Gefühlsregungen beschränkt. Man braucht bloß den Gesichtsausdruck eines rasenden, wild um sich schlagenden Säuglings zu betrachten, um das Ausmaß des Hasses und der Zerstörungswut zu erahnen, die in seinem Inneren toben. Ein Erwachsener in einem vergleichbaren Affektzustand würde für seine Umgebung eine akute Gefahr bedeuten.
Allmachtsfantasien, die sich auf gute Wünsche beziehen, führen zu keinem psychischen Konflikt. Was aber, wenn ein Dreijähriger seine Mutter anbrüllt: „Ich hab dich nicht mehr lieb. Ich möchte, dass du gehst, dass du für immer fort bist!“ Solange er von seiner Wut beherrscht wird, wird ihn sein Wunsch nicht sonderlich aufregen. Sobald der Zorn aber verraucht, wird der hasserfüllte Wunsch Schuldgefühle hervorrufen. Das Kind hat seine Mami doch lieb. Würde jetzt wirklich das eintreten, was es in seiner Wut gewünscht hat, liefe es Gefahr, seine Mami für immer zu verlieren. Verständlich, dass ein Kind in einer so prekären Situation alles daransetzt, um seinen bösen Wunsch ungeschehen zu machen.
Frei nach dem Motto: Gift und Gegengift, Zauber und Gegenzauber. Je stärker die Beziehung zu einer wichtigen Bezugsperson aus der frühen Kindheit von widersprüchlichen Gefühlen – Liebe und Hass – geprägt ist, umso eher wird ein Kind auch als Erwachsener am magischen Denken festhalten.

Gebetszwang. Ein elfjähriger Junge litt unter der panischen Angst, dass seine Eltern sterben könnten. Jeden Abend vor dem Schlafengehen kniete er im Kinderzimmer vor seinem Bett und sprach ein Schutzgebet für seine Eltern. Immer wenn er bei der Stelle angelangt war: „Lieber Gott, beschütze Mama und Papa und mach, dass sie recht lange leben“, ging ihm ein „schlimmer“ Gedanke durch den Kopf.
Nach einiger Zeit stellte sich bei ihm die Befürchtung ein, dass die störenden Gedanken seine Gebete unwirksam machten, ja sogar die Gefahr erhöhten, dass den Eltern etwas zustoßen könnte. Um dem entgegenzuwirken, beschloss er, Gebete, die durch „schlechte“ Gedanken entweiht wurden, zu wiederholen. Aber nicht einmal, sondern zweimal. Das erste Mal, um die besudelten Gebete ungeschehen zu machen, das zweite Mal, damit der Schutz für die Eltern wirksam würde. Bald kniete der Verzweifelte jede Nacht bis drei, vier Uhr morgens vor seinem Bett, um die drohende Gefahr von seinen Eltern abzuwenden, bis er dann irgendwann erschöpft in den Schlaf fiel.
Für ihn ging es nicht bloß darum, Gott um ein langes Leben für seine Eltern zu bitten. Der Junge fühlte sich höchstpersönlich für deren Wohlergehen verantwortlich. Er fürchtete, durch seine „schlechten“ Gebete das Unheil, welches er von ihnen abwenden wollte, erst recht heraufzubeschwören. In seiner Vorstellung hing das Schicksal seiner Eltern allein von ihm ab. Nicht Gott, sondern er war der Herr über deren Leben und Tod. Ein schlechter Gedanke, ein nicht gesühntes Gebet und schon war es um seine Eltern geschehen.
Seine Aggressionen gegen die Eltern, welche die störenden Gedanken hervorriefen, waren dem Jungen nicht zugänglich. Obwohl sie ein Außenstehender leicht nachvollziehen konnte. Seine Eltern gerieten häufig aneinander und das Familienklima war dementsprechend gespannt. Er erfüllte in der Familie die Rolle eines Blitzableiters, an dem beide Elternteile ihre Frustrationen abreagierten. Je stärker er seine Eltern hasste, umso mehr fürchtete er, sie zu verlieren. Er befand sich immer im Kampf mit sich selbst. Jeder böse Gedanke musste durch ein gutes Gebet ungeschehen gemacht werden.

Zwangsimpulse

Zwanghafte Impulse führen zwar ebenfalls zu Handlungen, sind aber trotzdem noch keine Zwangshandlungen im engeren Sinn, weil der „Befehl“ zur Handlung stets unbewusst erfolgt. Die Grenzen zum Tick sind fließend. Menschen, die unter zwanghaften Impulsen leiden, merken immer erst im Nachhinein, dass sie dem Impuls nachgegeben haben.
Einem Patienten rutschten zum Beispiel während eines Gespräches immer wieder peinliche Schimpfwörter über die Lippen, die mit dem Inhalt des Gespräches in keinerlei Zusammenhang standen. Ein anderer wiederum musste sein Gegenüber während des Gespräches anspucken. Obwohl sich beide der Symptomatik bewusst waren, gelang es ihnen nicht, sie unter Kontrolle zu bringen. Im Gegenteil, je stärker sie versuchten, die Symptome zu unterdrücken, umso heftiger traten sie in Erscheinung.

Zwangshandlungen

Zum besseren Verständnis der Zwangshandlungen empfiehlt sich der Vergleich mit einem beliebten Gesellschaftsspiel, bei dem komplexe Handlungen mit Hilfe von Gebärden dargestellt werden müssen. Im Grunde ist eine Zwangshandlung nichts anderes als die (verdichtete) pantomimische Darstellung eines unbewussten Konfliktes. Eine Rückübersetzung des szenischen Ausdruckes in die abgewehrten Inhalte, die ihm zugrunde liegen, ist in den meisten Fällen ohne größeren Aufwand möglich. Ein einfaches Beispiel für eine Zwangshandlung ist das dreimalige Auf-Holz-Klopfen, damit Unheil vermieden wird.
Der Waschzwang ist ein Hinweis, dass die betroffene Person in ihrer Fantasie mit „schmutzigen“ Dingen in Berührung gekommen ist. Allein die Redewendung, sich nach einem Bad wie „neugeboren“ (daher auch unschuldig) zu fühlen, beweist, dass es dabei nicht nur um die körperliche Reinigung geht.
Ein Patient litt unter dem Zwang, dass er auf einem Zebrastreifen immer nur die weißen Flächen, niemals aber die schwarzen betreten durfte. War er sich nicht vollkommen sicher, dass er seinen Fuß im weißen Bereich aufgesetzt hatte, musste er umkehren und die ganze Prozedur von Anfang an wiederholen. Es war keine Seltenheit, dass er zur Überquerung eines Fußgängerüberganges auf diese Weise mehrere Stunden benötigte.
Erst als die Analyse die unbewusste Bedeutung des „Fehltrittes“ enthüllte, gab sich die Symptomatik allmählich. Anhand dieses Beispiels lässt sich auch erkennen, wie sehr Zwangsgestörte bemüht sind, die „dunkle“ Seite ihrer Psyche (symbolisiert durch die schwarzen Streifen) von der unschuldigen (die weißen Flächen) zu isolieren. Die Zwangsneurose wird demnach stets vom „Alles-oder-nichts“-System beherrscht, aber niemals vom reiferen „Sowohl als auch“.

Zwanghaftes Zweifeln

Unentschlossenheit und Zweifeln gehören zu den durchgängigen Symptomen der Zwangsstörung. Sie sind Ausdruck der Ambivalenz, die dieser Störung eigen ist. Es wurde schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Mechanismen der analsadistischen Phase das Bild der Zwangsstörung prägen. Für diesen Entwicklungsabschnitt ist charakteristisch, dass er von Gegensätzen beherrscht wird: Hass – Liebe, Macht – Ohnmacht, Aktivität – Passivität etc. Diese grundlegende Gegensätzlichkeit ist auch für die notorischen Zweifel Zwangskranker verantwortlich. Vereinfacht ausgedrückt kann sich der Zwangskranke nicht entscheiden, ob er das Objekt lieben und bewahren oder hassen und zerstören möchte. In besonders schweren Fällen kann dieses Symptom bis zur völligen Entscheidungsunfähigkeit führen, weil jeder Versuch, eine Entscheidung zu treffen, von heftigen Zweifeln begleitet wird, ob diese auch die richtige ist.

Zwanghaftes Grübeln

Grübler haben ein strengeres Gewissen (in der Psychoanalyse „Über-Ich“) als die meisten und sind daher auch selbstkritischer. Sie sind natürlich alles andere als leichtlebig. Im Gegenteil, der Zwang zum Grübeln führt eher zur Antriebslosigkeit und Lustlosigkeit.
Zwanghaftes Grübeln und die damit in Verbindung stehenden Selbstvorwürfe sind meist die Folge von Schuldgefühlen, die schon früh in der Kindheit als Reaktion auf feindselige Wünsche gegenüber einem Elternteil (meist der Vater) entstanden sind. Tatsächlich lassen sich solche frühkindlichen Todeswünsche bei den meisten Zwangsgestörten nachweisen. Diese Schuldgefühle und Selbstbezichtigungen gehen in schweren Fällen manchmal so weit, dass Zwangskranke sich schwerer Verbrechen bezichtigen, die sie nachweislich gar nicht begangen haben können.

 

Depressionen

Im Alltag wird bald jemand als „depressiv“ bezeichnet, nur weil er einmal nicht gut „drauf“ ist. Auch gelegentliche Lustlosigkeit oder Traurigkeit, wenn einem das Leben wieder einmal so richtig übel mitgespielt hat, sollten mit dem klinischen Krankheitsbild der Depression nicht verwechselt werden. Im Gegensatz zu anderen psychischen Störungen verändern Depressionen die gesamte Persönlichkeit. Sie wirken sich auf das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen aus.
Im Bereich der Emotionalität rufen Depressionen Gefühle der Traurigkeit, Leere, Leblosigkeit, aber auch der existenziellen Auslöschung hervor. Angstzustände, allen voran Zukunftsängste bzw. Existenzängste gehören ebenfalls zum Bild der Depression. Was ihren Antrieb anbelangt, so fühlen sich Depressive oft völlig kraftlos, passiv, lustlos, desinteressiert und zu keiner Entscheidung fähig. Oft wird der Selbstmord als einzige Lösung fantasiert. Zu den klassischen depressiven Symptomen gehören die Neigung zu erhöhter Selbstkritik, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, die Neigung zum Grübeln sowie Denk- und Konzentrationsstörungen. Im vegetativen Bereich führen Depressionen zu Schlafstörungen (vor allem zu Durchschlafstörungen) und Appetitlosigkeit. Vor allem bei endogenen Depressionen leiden Patienten am Morgen oft unter Mundtrockenheit. Die Stimmung ist am Morgen am schlechtesten und bessert sich im Laufe des Tages. Viele Patienten berichten, dass es ihnen nach Einbruch der Dunkelheit besser geht. In besonders schweren Fällen kann es auch zu depressiven Wahnvorstellungen kommen.

  • 27,4 % der Befragten geben an, unter Depressionen zu leiden. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Begriff „Depression“ oft missbräuchlich für depressiv gefärbte Stimmungen verwendet wird, ist der Prozentsatz dennoch beachtlich.
  • Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
  • Mit dem Alter nehmen auch die Depressionen zu. In der Pension leiden bereits 36 % der Menschen daran.
  • Erschreckend hoch ist der Anteil der Depressiven auch unter den Pflichtschulabsolventen (42,1 %).
  • Bei den Akademikern leiden im Vergleich dazu lediglich 24 % unter depressiven Verstimmungen
  • .Depressive geben signifikant häufiger an, antriebslos zu sein. Sie leiden verstärkt an Gefühlen der emotionalen Leere, Lustlosigkeit und Langeweile.
  • Sie leiden oft unter diffusen körperlichen Beschwerden und Durchschlafstörungen.
  • In der Sexualität Depressiver steht die chronische Unlust im Vordergrund..

Es gibt unterschiedliche Einteilungen der Depressionen. Am verbreitetsten ist noch immer die, die zwischen endogener und neurotischer Depression unterscheidet. Bei der endogenen Depression wurde lange Zeit eine körperliche Verursachung angenommen. Doch konnten auch im Vorfeld vieler als endogen diagnostizierter Depressionen lebensgeschichtliche Ereignisse nachgewiesen werden, die zur Erklärung der Entstehungsursache ausreichen.
Endogene Depressionen unterscheiden sich von neurotischen vor allem durch ihren phasenhaften Verlauf. Die depressiven Phasen sind zeitlich begrenzt und gehen manchmal in manische Phasen über. In diesem Fall spricht man von einem bipolaren Verlauf. Weiters kommt es bei endogenen Depressionen zu Verschiebungen des Tagesrhythmus (Schlafen am Tag und Wachzustände in der Nacht), zu morgendlichen Stimmungseinbrüchen, schwacher oder fehlender emotionaler Resonanz auf andere, Hemmungszuständen und vegetativen Symptomen: Mundtrockenheit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen.
Bei der neurotischen Depression steht eine neurotische Persönlichkeitsstruktur im Vordergrund. In letzter Zeit nimmt man jedoch von dieser Einteilung immer mehr Abstand und unterscheidet nur mehr zwischen primären Depressionen und sekundären Depressionen. Die sekundäre Depression ist ein Folgesymptom auf eine schwere körperliche oder psychische Erkrankung. Primäre Depressionen entstehen unabhängig von psychischen oder somatischen Erkrankungen.

Entstehung und Verlauf. Als Ursache der Depression werden schwerwiegende Traumatisierungen (fehlende Zuwendung, Lieblosigkeit, Gewalt, Verwahrlosung) in der frühsten Kindheit angenommen. Die Welt, in die das Kind hineingeboren wurde, ist reizarm, düster und leer, mitunter sogar ablehnend und feindselig. Die Menschen in ihr verhalten sich so, dass das Kind keine stabile Liebesbeziehung zu ihnen aufbauen kann. Aus enttäuschter Liebe wird Hass. Über den Prozess der Verinnerlichung wird der Hass zum Selbsthass, die Aggression zur Depression.
Depressionen können in jedem Alter entstehen. Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Manche Studien sprechen auch von einem Geschlechterverhältnis von 3:1. Möglicherweise hat das damit zutun, dass Frauen einfach offener über ihre seelischen Probleme sprechen. Es können aber auch hormonelle Faktoren dafür verantwortlich sein. Sehr wahrscheinlich verbergen sich Depressionen bei Männern hinter hohem Alkoholkonsum.
Alleinstehende und Menschen ohne soziale Unterstützung erkranken ebenfalls öfter an Depressionen. Darüber hinaus erscheinen aber auch bestimmte Lebensereignisse (Tod einer geliebten Person) oder Lebensphasen (Midlife-Crisis) geeignet, eine Depression auszulösen. Man geht davon aus, dass insgesamt 10 bis 15 % der Gesamtbevölkerung an depressiven Symptomen leiden. Von Depressionen im engeren Sinn sind ca. 4 % der Männer und 8 % der Frauen betroffen.
Depressionen können unipolar oder bipolar verlaufen. Unter bipolar versteht man einen Wechsel von depressiven und manischen Phasen, deren Dauer meist zeitlich beschränkt ist. Depressive Phasen können in regelmäßigen Abständen immer wieder auftreten. Neurotische Depressionen haben meist keinen phasenhaften Verlauf. Sie bestehen so lange, als der ihnen zugrunde liegende psychische Konflikt ungelöst bleibt.
Was die Behandlung anbelangt, so hat eine besonders umfangreiche Studie des amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH) gezeigt, dass depressive Symptome am besten auf eine medikamentöse Behandlung ansprechen. Was die psychotherapeutische Behandlung anbelangt, so schnitt die psychoanalytische Therapie besser ab als die kognitive Therapie.
Sollte die Lebensqualität unter der depressiven Symptomatik leiden, ist professionelle Hilfe auf jeden Fall angezeigt. Vor allem dann, wenn Selbstgefährdung besteht, ist dringend eine medikamentöse Behandlung angeraten. (Achtung: Antidepressiva, die zuerst antriebssteigernd und erst danach antidepressiv wirken, können die Selbstmordgefahr erhöhen.)
Eine Kombination von psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung ist sicher am wirkungsvollsten.

 

Abhängigkeit und Sucht

Noch nie zuvor ist es den Menschen in der westlichen Welt materiell so gut gegangen wie in den letzten 20, 30 Jahren. Niemals zuvor vermochte das Leben dem Durchschnittsbürger so viel Wohlstand – ja sogar Überfluss – zu bieten wie in diesem Zeitraum. Der Erwerb von teuren Luxusgütern ist für viele zur Selbstverständlichkeit geworden. Jetzt, so sollte man meinen, müsste eigentlich die glücklichste, zufriedenste Generation aller Zeiten leben.
Dem ist aber nicht so. Kosumdiktat, Berufsstress und Zeitmangel haben zu einer Entfremdung der menschlichen Beziehungen geführt. Ängste, innere Spannungszustände, Depressionen, Gefühle der Sinnlosigkeit, Leblosigkeit, Einsamkeit und Isolation sind im Steigen begriffen. Ebenso der Alkohol-, Drogen- und Psychopharmakakonsum zur Linderung der Ängste und Betäubung der inneren Leere.
Wie es scheint, ist die Zunahme der Süchte in unserer Zeit das Spiegelbild einer immer sterileren, immer synthetischeren, immer gefühlloseren, kälteren, vorwiegend auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft. Die Überfluss- und Konsumgesellschaft hat zwar zu einer Übersättigung im materiellen Bereich geführt, aber die Menschen dabei nicht glücklicher und zufriedener gemacht.
Das kommt nicht überraschend, denn aus der Warte der Psychoanalyse lässt sich jede Form des Konsums, also auch die Sucht, als Ersatzbefriedigung ursprünglicherer Bedürfnisse deuten. Vergleichbar mit anderen Formen der Ersatzbefriedigung etwa durch Nikotin, Alkohol oder Drogen ist auch gesteigertes Konsumverhalten (Kaufsucht) nur eine Ausformung allgemeinen Suchtverhaltens.

Wunschlos unglücklich. Dort wo alles im Überfluss vorhanden ist, wo der Wunschentstehung die unmittelbare Erfüllung folgt, besteht für das menschliche Wesen keine Veranlassung zur Entfaltung von Fantasien, Denkleistungen oder Aktivitäten. Im Gegenteil fördern solche Bedingungen die Passivität, hemmen die Kreativität und erzeugen eine bleibende Abhängigkeit von der wunscherfüllenden Umwelt. Oft bleibt nur wunschloses Unglück. Darüber hinaus sind die Befriedigungserlebnisse dann, wenn Menschen alles haben können, was sie wollen und wann sie es wollen, aufgrund der fehlenden Vorlust flach und unzulänglich. Die Vorlust oder auch die Vorfreude ist jene Phase im Befriedigungsvorgang, in der – im sicheren Wissen um die spätere Erfüllung – die Spannung durch Hinauszögern der Triebabfuhr erhöht wird. Je intensiver die Vorlust, desto durchdringender wird schließlich der Akt der Entladung selbst erlebt.
Jedes Kind kennt diesen Vorgang aus eigenem Erleben. Wenn es sich zum Beispiel schon Wochen vor seinem Geburtstag auf die Geschenke freut, die es sich wünscht und die es zu bekommen hofft. Bis der kaum zu erwartende Festtag endlich da ist, hat der kleine Mensch die herbeigesehnten Spielsachen in seinen Träumen bereits unzählige Male erstehen lassen, sich das Glück ausgemalt, welches ihn überkommen wird, wenn diese endlich in seinen Besitz gelangt sind. Die dem Befriedigungsakt vorgeschobene Wartezeit und die damit einhergehende Vorlust sind deswegen so bedeutend, weil sie die Fantasietätigkeit des Kindes anregen und die Spannung, die dem nachfolgenden Befriedigungserlebnis vorangeht, erheblich steigern, sodass die Spannungsabfuhr beim Überreichen der Geschenke ungemein intensiviert wird.
Die unerfüllten Wünsche und die daraus erwachsenden Fantasien sind der Motor jeglicher Weiterentwicklung. Nur dann, wenn die Bedürfnisspannung des Menschen durch die ihm zur Verfügung stehenden inneren und äußeren Möglichkeiten nicht herabgesetzt werden kann, ist er genötigt, aktiv zu werden, Denkleistungen zu erbringen und effektive Schritte zur Veränderung seines aktuellen, unlustvollen Zustandes zu setzen.
So wird ein Kind den Wert (= Reizintensität) eines Spielzeuges, auf das es monatelang warten musste, höher einschätzen als ein anderes, dessen Wünsche von seinen Eltern immer sofort erfüllt werden. Dabei ist zu bemerken, dass die Reizintensität des begehrten Objektes im Empfinden des Kindes mit jeder Wiederholung sinkt. Neue, noch unbekannte Spielsachen erzeugen eine weitaus größere Reizintensität als schon bekannte. Daraus folgt, dass bei verringerter Vorlust immer neue, immer intensivere Reize geboten werden müssen, um die Entladung (Befriedigung) konstant hoch zu erhalten.
Heute, wo wir in einer Zeit leben, in der Wunscherfüllung sehr rasch herbeigeführt werden kann, wo überspitzt formuliert alle alles haben können, wo Überfluss, wenn nicht schon Übersättigung herrscht, müssen die Reize immer intensiver und die Tabugrenzen immer weiter hinausgeschoben werden. Dementsprechend stark ist die Faszination, die von Extremsex, Extremsport, Extremunterhaltung (Big Brother), aber natürlich auch von Komasaufen und Designerdrogen ausgeht. Der Erfindungsgeist des Menschen, gepaart mit der unserer Kultur zugrunde liegenden Wirtschaftswachstumsideologie, führt zur Erzeugung immer neuer Angebote.
Dieser Vorgang kann bis ins Kleinstkindalter zurückverfolgt werden, wo die primäre Lust des Säuglings am Saugen, Lutschen und Beißen von der mütterlichen Brust auf den Plastikschnuller verschoben wird. Im Verlauf der späteren Entwicklung nimmt der „Schnuller“ immer neue Gestalt an. So entsprechen ihm im Erwachsenenalter die unterschiedlichsten Konsumgüter – die Drogen für den Süchtigen genauso wie Farbfernseher, Videorekorder und das schnellere Auto für den Normalbürger. Die Funktion des Schnullers, zu beruhigen und zu entängstigen, ist aber die Gleiche geblieben.
Eines ist all diesen Formen der Ersatzbefriedigung jedoch gemeinsam: Die Triebbedürfnisse werden von lebendigen Objekten – anderen Menschen – auf leblose, materielle abgelenkt. Doch wie schon der Schnuller dem Säugling nicht die Lust zu spenden vermag wie die Brust, sind auch die Konsumgüter für Jugendliche und Erwachsene nur ein inadäquater Ersatz für den eigentlichen Bedarf. So verspricht jeweils die nächste Zigarette, das nächste Glas Wein, die nächste Droge, das nächst teurere Produkt die Befriedigung, die der Konsum des Vorhergegangenen nicht gehalten hat.
Beziehungslosigkeit, Passivität, Leere, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Isolation sind die Kehrseite dieser Entwicklung. Depressionen, Süchte und Gewalt die sichtbaren Symptome einer immer materieller orientierten Gesellschaft.

Nicht jeder ist suchtgefährdet

Weltweit ist es bisher keinem einzigen Land gelungen, die Zahl der Süchtigen zu senken. Weder die rigorose Verbotspolitik noch der Ausbau entsprechender Therapieeinrichtungen zeitigten im Kampf gegen Alkohol und Drogen den gewünschten Erfolg. Trotz intensivster Kampfmaßnahmen, Behandlung, Aufklärung und Antipropaganda wurden die Einsteiger immer jünger, die Drogen immer härter und die Beschaffungsdelikte immer brutaler. Zur Zeit der 68er-Bewegung waren die auf einem Trip nach „Bewusstseinserweiterung“ Suchenden noch integrierter Teil der Subkultur. Die Auflehnung gegen die allzu sehr an Leistung, Konsum und Wirtschaftswachstum orientierte Welt der Erwachsenen sowie der Kampf gegen die bürgerliche Moral und Kultur führten zur Entstehung des „Undergrounds“ und motivierten viele Jugendliche zum experimentellen Gebrauch bewusstseinsverändernder Mittel wie Cannabisprodukten, LSD und Opium.
Jetzt, wo die Blumenkinder längst verblüht sind und es nicht mehr um künstlich herbeigeführte, ideologisch oder religiös verbrämte Bewusstseinserweiterung geht, sondern nur mehr um die Flucht in die Betäubung, haben sich auch die Drogen geändert. Halbsynthetische Stoffe wie Heroin statt Opium und synthetischer Koks statt Kokain avancierten, der intensiveren Wirkung wegen, zu absoluten Hits in der Szene und sprengten alle bisherigen Umsatzrekorde.
Die hohen Schwarzmarktpreise, die „Fixer“ und „Kokser“ für den benötigten Stoff zahlen müssen, haben die Drogenszene schon längst in eine kriminalisierte, verelendete Randgruppe verwandelt. Gäbe es Alkohol nur am Schwarzmarkt, wären die Beschaffungskriminalität und die soziale Desintegration der nach ihm Süchtigen mindestens ebenso hoch – man denke nur an die Zeit der Prohibition in den Vereinigten Staaten.
In unserer Kultur stellt es der Gesetzgeber seinen Bürgern frei, im Alkohol ihr Hirn aufzuweichen, ihre Leber zu verhärten, besoffen Autounfälle zu bauen, Frauen und Kinder zu verprügeln, zu vergewaltigen, im Rausch andere umzubringen, und spricht ihnen bei genügender Promillehöhe vor Gericht sogar mildernde Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit zu.
Zu vergleichbaren Gewaltakten kommt es weder im Cannabis- noch Opiatrausch. Zudem ist nachgewiesen, dass der Gesundheitszustand nach 20 Jahren Opiatkonsum wesentlich besser ist als nach 20 Jahren Alkoholmissbrauch. Trotzdem sind diese Substanzen verboten. Zu Recht? Tatsächlich unterscheidet die Gesetzgebung ziemlich willkürlich, weil weder medizinisch noch psychologisch, sondern rein ideologisch begründet, zwischen erlaubten „Genussmitteln“ (Alkohol, Nikotin) und verbotenen Suchtmitteln, obwohl allen neben einer lusterzeugenden auch eine zerstörende Wirkung innewohnt.

Selbstbehandlung. Vielfach wird übersehen, dass der Konsum von Suchtmitteln auch die Bedeutung eines Selbstbehandlungsversuches haben kann. Es ist doch kein Zufall, dass gerade Menschen mit Angststörungen auf abhängigkeitserzeugende Substanzen besonders anfällig sind. Darunter fallen vor allem bestimmte legale Drogen wie angst- und spannungslösende Medikamente (Tranquilizer), von denen Patienten nach einiger Zeit des Gebrauchs abhängig werden.
Zu Recht weisen Antiraucher-, Antialkohol- und Antidrogenkampagnen auf die gesundheitsgefährdenden Risiken dieser Mittel hin, vergessen dabei aber regelmäßig, darauf hinzuweisen, dass diese Stoffe für psychisch belastete Menschen auch eine heilsame Wirkung besitzen. Erst dieser Umstand macht sie ja so gefährlich.
Schon im Jahre 1911 kritisierte der ungarische Psychoanalytiker Sándor Ferenczi die Unausgewogenheit in der Argumentation der damaligen Alkoholgegner, indem er sich auf die Untersuchung des deutschen Oberstabsarztes Dr. Drenkhan betog: „Die einseitig agitatorische Tätigkeit der Antialkoholisten sucht die Tatsache, dass der Alkoholismus in den allermeisten Fällen eine, allerdings unheilvolle Folge und nicht die Ursache der Neurosen ist, zu verschleiern. Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus kann nur die Analyse heilen, die die Ursache der Flucht in die Narkose aufdeckt und neutralisiert.
Oberstabsarzt Dr. Drenkhan hat aus der Morbiditätsstatistik der deutschen Armee nachgewiesen, dass infolge der antialkoholischen Propaganda der letzten Jahre die Zahl der ,Alkoholerkrankungen‘ in der Armee von 4,19 % auf 0,7 % von 10.000 gesunken ist, dass aber dafür die Zahl der Erkrankungen an sonstigen Neurosen und Psychosen in demselben Maße gestiegen ist. Die Ausrottung des Alkoholismus ist also nur eine scheinbare Verbesserung der Hygiene. Der Psyche, wenn ihr der Alkohol entzogen wird, stehen zahlreiche andere Wege der Flucht in die Krankheit zu Gebote. Und wenn dann die Psychoneurotiker statt an Alkoholismus an Angsthysterie oder Dementia praecox (eine Form der Schizophrenie) erkranken, bedauert man den riesigen Aufwand an Energie, der gegen den Alkoholismus an unrechter Stelle in Gang gesetzt wurde.“ (Ferenczi, 1911)
Was für den Alkoholismus gilt, trifft in gleicher Weise auch für alle anderen Formen der Abhängigkeit zu. Nicht selten kommt es im Anschluss an Entzugsbehandlungen, bei denen die der Abhängigkeit zugrunde liegende psychische Störung unbehandelt bleibt, zur Ausbildung mitunter auch sehr schwerer psychosomatischer Erkrankungen, akuter psychotischer Zustandsbilder oder quälender Angstzustände.

Spannungsregulation. Das kommt nicht von ungefähr, denn Alkohol und Drogen greifen ganz massiv in den Spannungshaushalt der Konsumenten ein, ja regulieren diesen bis zu einem gewissen Grad sogar. Bei Entzug der psychotropen (auf die Psyche einwirkenden) Stoffe muss der psychische Apparat neue Wege zur Spannungsabfuhr beschreiten. Das kann genauso zur Ausbildung neurotischer oder psychotischer Symptome führen wie zur Entstehung bösartiger, psychosomatischer Erkrankungen.
Doch soll hier keinesfalls der Eindruck erweckt werden, bei den gebräuchlichen Suchtgiften handle es sich um harmlose „Heilmittel“. Die gesundheitsgefährdenden Eigenschaften von Drogen wie etwa Haschisch, Opium oder Kokain, um nur einige zu nennen, sind hinlänglich bekannt. Regelmäßiges Kiffen (Haschischrauchen) erhöht im Vergleich zum Tabakrauchen die Wahrscheinlichkeit von Karzinomen an den Atmungsorganen um ein Vielfaches.
Und die Risiken etwa der Opiate sind in jedem Medikamentenverzeichnis nachzulesen: Tod durch Überdosis, hohe körperliche und psychische Abhängigkeit – allerdings keine körperlichen Neben- und Spätfolgen. Die biologische Suchtentwicklung bei Opiaten erklärt sich folgendermaßen: Die körpereigene Produktion von Endorphinen, das sind opiatähnliche Stoffe, die bei Stress und Schmerz reflexartig ausgeschüttet werden, wird durch die Zufuhr auch nur geringer Mengen von außen reduziert. Darauf stellt sich das biologische System relativ schnell ein. Bei Entzug der körperfremden Substanzen benötigt der Organismus bei Heroin drei bis fünf, bei Methadon bis zu 20 Tage, um die eigene Endorphinversorgung wieder zu gewährleisten. Der Mangel in dieser Zeit äußert sich in Schmerzen, Durchfall, Darmkrämpfen, Kreislauflabilität und Schlaflosigkeit.
Während Opiate sowohl euphorisieren als auch beruhigen, ja sogar betäuben können, wirkt Kokain dagegen nur stimulierend. Eine Droge, wie sie unserem hochtourigen Leistungs- und Freizeitstress maßgeschneidert scheint. Sie beflügelt dazu, körperlich und geistig mehr zu leisten, als es der natürlichen Konstitution entspricht. Kein Wunder, dass heute nicht nur die „Punker“, sondern auch die „Banker“ und Popstars so gerne zu dieser Droge greifen. Gesundheitsfördernd ist allerdings auch sie nicht. Abgesehen davon, dass sich die „sniffenden User“ die Nasenschleimhäute zerstören, führt der regelmäßige Konsum zu einer starken psychischen Abhängigkeit, Übererregbarkeit, Herzrhythmusstörungen und Verfolgungsängsten.
Zwar bestimmen die dem Organismus zugeführten Stoffe bis zu einem gewissen Grad den Suchtverlauf, die Ursachen für süchtiges Verhalten liegen aber woanders. Nicht die Droge sucht den Menschen, sondern der Mensch sucht die Droge. Die Ansicht, Abhängigkeit entstünde durch Leichtsinn oder Verführung, ist weit verbreitet. Einmal Droge, immer Droge. Diese Schlussfolgerung trifft, wenn überhaupt, nicht auf jede Droge und sicher nicht auf jeden Menschen zu. Erst das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, individueller, sozialer, kultureller, führen in Wechselwirkung mit der toxischen Qualität der Droge zum Vollbild der Sucht. Nur dort, wo eine defizitäre Persönlichkeitsentwicklung vorliegt, kann die suchterzeugende Wirkung der Droge zur vollen Entfaltung kommen.

Hintergründe der Sucht

Nicht jeder, der gelegentlich Drogen, Alkohol oder Nikotin konsumiert, wird davon abhängig. Warum? Die Antwort findet sich in der Psychoanalyse: Weil „Abhängige“ niemals wirklich unabhängig waren. Sie konnten ihre Abhängigkeit von den versorgenden Bezugspersonen der frühesten Kindheit niemals lösen, sondern haben sie nur verschoben. Die Individuation ist ein kontinuierlicher Ablösungsprozess, in dem der Mensch vor Erreichen seiner Selbständigkeit nach und nach jene Überlebensfähigkeiten ausbildet, deren Fehlen ihn vorher abhängig sein ließ. Verschiedenste Einflüsse können diese Entwicklung bremsen, vorzeitig zum Stillstand bringen oder auf eine frühere Stufe zurückwerfen.
Wie jeder Neurotiker versucht auch der Süchtige, Triebwünsche und Über-Ich-Anforderungen in einem zu befriedigen. Suchtmittel scheinen hierfür besonders geeignet, weil sie einerseits triebhaften Tendenzen zum Durchbruch verhelfen, indem sie Angst, Hemmungen, Unsicherheiten, Spannungen, Frustrationen und depressive Verstimmungen kurzfristig beseitigen, gleichzeitig aber auch durch ihre zerstörende Wirkung unbewusst wirksamen Schuldgefühlen und Selbstbestrafungswünschen Rechnung tragen. Auf diese Weise werden Triebwünsche und die aus den Schuldgefühlen erwachsenden, selbstaggressiven Neigungen in der süchtigen Handlung gleichermaßen befriedigt und ermöglichen so eine scheinbare Lösung des unbewussten Konfliktes.
Dieser hat seine Wurzeln in der frühen Kindheit und bewirkt die Fixierung vorwiegend oraler Befriedigungsmuster weit über den normalen Entwicklungszeitraum hinaus. Auf der Stufe der oralen Triebentwicklung ist das menschliche Individuum noch nicht in der Lage, Bedürfnisse aufzuschieben oder Spannungen längerfristig zu ertragen. Auftauchende Spannungszustände, etwa in Form von Hunger oder Sehnsucht nach Körperkontakt, Wärme und Geborgenheit, verlangen nach sofortiger Beseitigung durch die versorgenden Bezugspersonen.

Lustaufschub. Es ist die Aufgabe der Erziehung, das Kind im Laufe seiner Entwicklung nach und nach daran zu gewöhnen, dass es Lustaufschub zu ertragen lernt. Intensive schmerzliche Erlebnisse (Versagungen, Trennungen), übermäßige Verwöhnung oder eine ständige Alternation von beiden können das Kind auf seinem Weg in die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit schwer behindern. Vor allem eine hohe Widersprüchlichkeit und Diskontinuität in den frühesten Erlebnissen – abrupte Wechsel von Phasen der Zuwendung und Ablehnung, häufiger Wechsel der Bezugspersonen – führen zu einer Spaltung der inneren und äußeren Welt des Kindes in „gute“ (Befriedigung, Sicherheit, Wohlbehagen) und „böse“ Objekte (Entbehrung, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Leere), die vom unentwickelten Ich des Kindes noch nicht integriert werden können.
Die Mutter, die anwesend ist, die auf die körperlichen und emotionellen Bedürfnisse des Kindes mit Einfühlungsvermögen reagiert und diese befriedigt, ist das „gute“ Objekt, das beim Kind positive Affekte (Geborgenheit, Hochgefühl) hervorruft. Die nicht anwesende, versagende Mutter wird zum „bösen“ Objekt. Ihm gegenüber wird der kleine Mensch ohnmächtigen, hilflosen Hass und Zerstörungswünsche entwickeln.
Dieser Spaltungsvorgang im frühen Lebensalter führt zu einer erheblichen Schwächung des kindlichen Ichs, seiner integrativen Funktionen und seiner Fähigkeit zur Konfliktbewältigung. Diese Ich-Schwäche manifestiert sich später in der Unfähigkeit, Triebaufschub zu leisten, zu sublimieren, in mangelnder Impuls- oder Affektkontrolle, in herabgesetzter Spannungs- und Frustrationstoleranz sowie in der Unfähigkeit, Beruhigung ohne Einnahme äußerer Hilfsmittel herbeizuführen – Eigenschaften, die sich nahezu bei allen Süchtigen nachweisen lassen.
Im realen Verhalten äußern sich diese früh erworbenen inneren Defizite im Unvermögen, warten zu können, in ungemein heftigen, zumeist aggressiv gefärbten Affektausbrüchen als Reaktion auf Versagungen, in erhöhter Selbstbezogenheit und Egozentrik. Es versteht sich, dass die Beziehungsfähigkeit dieser Menschen als Folge ihrer frühkindlichen Störung ebenfalls stark beeinträchtigt ist.

Schnuller des Erwachsenen. Im Grunde sind Menschen mit einer frühen Störung außerstande, erfüllende, tief gehende Partnerschaften oder gefühlsmäßige Abhängigkeiten einzugehen. Dementsprechend einseitig gestalten sich auch ihre Beziehungen. Wie einst in den ersten Lebensjahren befindet sich der eine immer in der Rolle des bedürftigen, fordernden, auf äußere Unterstützung angewiesenen, hilflosen Säuglings, während der andere als stellvertretender Ersatz für die verloren gegangenen Bezugspersonen der frühesten Kindheit deren ursprüngliche Funktionen übernehmen soll: zu versorgen, zu schützen, zu wärmen, zu beruhigen, immer verfügbar zu sein und – wenn nötig – für Anregung und Unterhaltung zu sorgen. So wird der Partner des Süchtigen selbst zur „Droge“ gemacht, die schmerzhafte Gefühle der inneren Leere, der Sinn-, Wert- und Leblosigkeit, an denen der Süchtige leidet, wenigstens eine Zeit lang lindern soll.
Das Suchtmittel ist der entängstigende, beruhigende „Schnuller“ des erwachsenen Säuglings. Doch wie einst der Schnuller in der frühen Kindheit nicht einmal annähernd eine so allumfassende Befriedigung wie die Brust spenden konnte, sind auch Alkohol, Nikotin und Drogen nur ein unzureichender Ersatz für die eigentlichen Bedürfnisse des dahinsiechenden „suchenden“ Süchtigen.
Daher wird die Droge zwangsläufig nur denjenigen stimulieren oder beruhigen, mit Ersatz-Wärme, Ersatz-Sicherheit, Ersatz-Geborgenheit und Ersatz-Größe ausstatten, dessen Hunger nach den Urbedürfnissen ungestillt geblieben ist. Das gilt für Alkohol genauso wie für Heroin und Koks.
Solche defizitären Persönlichkeitsentwicklungen haben in unserem Kulturkreis alarmierend zugenommen und motivieren viele junge Menschen zum Drogenkonsum. Warum? Weil Suchtmittel dem Konsumenten nicht nur auf direktem Weg Lust spenden können, sondern aufgrund ihrer besonderen Eigenschaft, die Psyche zu verändern, auch dann Erleichterung verschaffen, wenn ungelöste psychische Konflikte Ursache für das gestörte seelische Gleichgewicht sind. Darüber hinaus vermögen die meisten der bei uns gebräuchlichen Rauschmittel, wenn auch nur für wenige Stunden, Persönlichkeitsdefizite auszugleichen und dadurch den psychischen Apparat vorübergehend zu entlasten.
So ist zum Beispiel der Genuss des durchblutungsfördernden, wärmenden, spannungslösenden Alkohols für viele an sich schon ein Vergnügen. Seine enthemmende Wirkung kann jedoch zusätzlich – etwa bei schüchternen Menschen – zu einer vorübergehenden Zunahme der psychischen und sozialen Fähigkeiten und damit zu einer spürbaren Entlastung führen. Man denke nur an den gehemmten jungen Mann, der in der Disco erst dann Mädchen anzusprechen wagt, wenn er sich „einen hinter die Binde gegossen hat“. Menschen also, die über ausreichende innere und äußere Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung und Spannungsabfuhr verfügen, werden daher kaum jemals Gefahr laufen, Süchte zu entwickeln. Suchtentstehung und Suchtverlauf hängen demnach nicht nur von der spezifischen Wirkungsqualität des Stoffes, sondern selbstverständlich auch von der Persönlichkeitsstruktur der Konsumenten, der Triebentfaltung, den daraus erwachsenden Bedürfnissen sowie den im nüchternen Zustand gegebenen Befriedigungsmöglichkeiten ab.

 

Stress - Angst im neuen Kleid

In einer Gesellschaft, in der sich alles um Leistung, Produktivität, Effizienz und Profit dreht, ist Angst out und Stress in. Nur „loser“ haben Angst. Workaholics haben Stress. Stress ist zu einem Synonym für Engagement und Leistungsbereitschaft geworden. Stresskrankheiten sind anständige Krankheiten. Das Stressausmaß einer Person ist ein Indikator für ihren Stellenwert in der Arbeitswelt. Wer viel arbeitet, hat viel Stress. Wer viel Stress hat, ist wichtig. Wer sehr viel Stress hat, unabkömmlich. Kein Wunder also, dass der Begriff Angst aus der Arbeitswelt verbannt wurde. Welche Führungskraft würde von sich schon behaupten, Angst zu haben, die in sie gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen? Stattdessen spricht man vom Erfolgsdruck. Durchaus berechtigte Ängste werden vor anderen verleugnet. Schließlich will sich niemand nachsagen lassen, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
Intuitiv spüren viele, dass der Nimbus, unter Stress zu stehen, den eigenen Stellenwert im Unternehmen stärkt und über die eine oder andere Schwäche hinwegtäuscht. Wer wird in einem Betrieb bei Rationalisierungsmaßnahmen eher seinen Job verlieren – jemand, der vor lauter Stress nicht mehr zum Schnaufen kommt, oder jemand, der sich in der Arbeit auch Zeit für einen Plausch mit Kollegen nimmt oder sich hin und wieder eine Kaffeepause gönnt? Nicht immer sind Zeitdruck und Arbeitsüberlastung ein Gradmesser für die Effizienz der Arbeitsleistung.

Stress am Arbeitsplatz

Profitdenken, Wirtschaftswachstum und Konsum bestimmen heute das Denken in der globalisierten Welt. Die Globalisierung hat nicht nur neue Märkte eröffnet, sondern auch dafür gesorgt, dass Unternehmen unter immer stärkerem Konkurrenzdruck stehen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, muss effizienter gewirtschaftet werden. Letztlich muss es im wirtschaftlichen Interesse eines Unternehmens liegen, das gesamte Arbeitsaufkommen auf möglichst wenige Mitarbeiter zu verteilen.
Was die Belastbarkeit von Menschen anbelangt, so drängt sich der Vergleich mit einem Gummiband auf. Manche Bänder reißen schon bei geringer Spannung, andere haben eine höhere Spannungstoleranz und sind belastbarer. Auch beim Menschen gibt es keine objektive Grenze, wie viel Arbeit einem zumutbar ist, bevor er Schaden erleidet. Das kann gerade leistungsmotivierten Mitarbeitern leicht zum Verhängnis werden, die oft gar nicht spüren, wenn sie die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit überschreiten.
Die Rationalisierungen in den Betrieben haben mit Sicherheit dazu geführt, dass der Druck am Arbeitsplatz heute höher ist als vor 50 Jahren. So leiden 39,8 % der Arbeitnehmer unter Zeitdruck, 36,4 % fühlen sich überlastet, 32,8 % fehlt die Anerkennung, 29,6 % stehen unter Erfolgsdruck und 24,8 % haben ein Burn-out-Syndrom.

Jungens, macht rascher ...

Der enorme Druck in der heutigen Arbeitswelt führt zwangsläufig zur Entstehung von Konflikten und Ängsten. Ängste, die ängstlich verleugnet werden. Vor anderen und vor sich selbst. Was folgt, sind innere Einsamkeit und Isolation. Ein idealer Nährboden für psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen.
Alle Stress- und Angstzustände – gleichgültig ob sie real begründet sind oder von unbewussten psychischen Konflikten hervorgerufen werden, wirken sich negativ auf das Leistungsvermögen aus. Neurophysiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass kognitive Gehirnleistungen wie Lernen, Erinnern und Kombinieren unter dem Einfluss von Angst und Stress erheblich herabgesetzt werden. Auch die Assoziationsfähigkeit unseres Gehirns ist stressabhängig. Unter den Stressfolgen leidet nicht nur unsere Denkfähigkeit. Auch unser kreatives Potenzial und unsere Entscheidungsfähigkeit werden davon in Mitleidenschaft gezogen. Hier eine Übersicht über die wichtigsten Stressoren, die Menschen in der Arbeit belasten.

Zeitdruck. Das Arbeitsleben hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend beschleunigt. Der Boom in der Informationstechnologie hat uns immer schnellere Computer, E-Mail, Fax und Internet beschert. Die elektronische Nabelschnur, das Handy, sorgt dafür, dass wir zu jeder Zeit an jedem Ort erreichbar sind. Die Rückzugsräume im elektronischen Zeitalter sind verdammt knapp geworden. Auch das Kommunikationsvolumen hat extrem zugenommen. Wie viel Post musste ein durchschnittlicher Mensch vor einem Vierteljahrhundert beantworten? Heute quillt bei vielen die Mailbox über, unzählige SMS wollen beantwortet werden und auf den Anrufbeantwortern häufen sich die Nachrichten. Selbst wer sich einmal den Luxus leistet, das Handy abzuschalten, muss sich hinterher für seine „Kommunikationsverweigerung“ rechtfertigen.

  • Singles, die ihre Zeit zumindest außerhalb der Arbeit frei einteilen können, haben auch weniger Zeitdruck.
  • Gemessen an der Bildung steht der Mittelbau (Maturanten, Handwerker mit Meisterprüfung) am stärksten unter Zeitdruck, während es Pflichtschulabsolventen und Akademiker diesbezüglich besser haben.
  • Besonders hoch ist der Zeitdruck für Menschen zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr. Kein Wunder, basteln doch in dieser Lebensphase viele gerade an ihrer Karriere und müssen sich alleine schon aus diesem Grund besonders ins Zeug legen.
  • Sobald die guten Jobs vergeben sind, flaut der Zeitdruck nach Erreichen des 45. Lebensjahres langsam wieder ab.

Überlastung. Die Überlastung scheint zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr am stärksten zu sein. Mit Mitte fünfzig lässt der Überlastungsdruck allmählich nach. Auffallend ist, dass sich Alleinstehende und Bezieher von Niedrigsteinkommen viel weniger überlastet fühlen.

  • Überlastete essen nicht nur ungesünder, sie reagieren auch ihre Spannungen vermehrt mit Essen und Trinken ab. Viele aus diesem Cluster essen und rauchen auch vor allem dann mehr, wenn sie sich belohnen wollen.
  • Wer überlastet ist, leidet viel häufiger unter chronischer Müdigkeit, Verspannungen, Migräne, häufigen Infekten und anderen, eher unbestimmten körperlichen Beschwerden. Sie weisen auch mehr Hauterkrankungen auf.
  • Im psychischen Bereich fühlen sich überlastete Menschen häufig erschöpft und reagieren in Alltagssituationen leicht gereizt.
  • Sie haben Durchschlafstörungen, neigen zu Hyperaktivität, Panikattacken und Schwindel.
  • Im familiären Bereich sind vor allem Frauen von der Doppelbelastung bzw. anderen familiären Belastungen (zum Beispiel Pflege eines Familienmitgliedes) betroffen. Darüber hinaus trüben Existenzängste und Geldsorgen den Haussegen. Überlastete leiden wie die meisten Stressgeplagten auch unter der Angst, sexuell nicht zu genügen.
  • In der Arbeit fühlen sie sich ausgebeutet und haben auch häufiger Konflikte mit Vorgesetzten. Die Klassiker wie Zeitdruck, Erfolgsdruck und Burn-out machen auch ihnen zu schaffen. Sie haben sehr oft das Gefühl, dass ihr Einsatz nicht geschätzt wird. Mitunter kommen sie aus dem Staunen nicht heraus, wie viel sie leisten können, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Als Folge der Überlastung finden sie kaum Zeit, zum Arzt zu gehen.
  • Von der Persönlichkeit her beschreiben sie sich als eher labil, antriebslos, kalt und verschlossen. Im Großen und Ganzen sind sie sehr ordentlich.


Anerkennung. Von Kindheit an verleihen Lob und Anerkennung Flügel. Auch am Arbeitsplatz motiviert Anerkennung die Mitarbeiter zu Höchstleistungen. Jeder will in der Arbeit gut sein und wünscht sich, dass seine Leistungen auch gesehen werden. Nur Menschen, die resigniert haben, sind faul. Eigentlich läge es im Interesse der Betriebe, ihre Mitarbeiter durch Anerkennung zu motivieren.

  • Trotzdem leiden 32,8 % der Mitarbeiter unter fehlender Anerkennung. Ihren Frust beruhigen sie mit Essen (wobei sie zu wenig Obst und Gemüse essen) und Alkohol in Spannungssituationen. Zur Zigarette greifen sie eher in Verbindung mit Alkohol.
  • Was ihre körperlichen Beschwerden betrifft, leiden sie häufig an Verspannungen und chronischer Müdigkeit. Öfter als andere leiden sie auch unter Störungen des Magen- und Darmtraktes.
  • Sie fühlen sich erschöpft und neigen zu unbestimmten Ängsten und Spannungszuständen. Vermutlich trägt die fehlende Anerkennung auch dazu bei, dass sie häufig schlechte Laune haben und gereizt sind.
  • Nicht nur am Arbeitsplatz, auch in der Familie erfahren sie nur geringe Wertschätzung. Sie leiden unter Existenzängsten, Doppelbelastung und fürchten, sexuell nicht erfüllend zu sein.
  • Am Arbeitsplatz geraten sie häufig in Konflikt mit ihren Vorgesetzten und fürchten vielleicht auch deswegen häufiger als andere um ihren Job. Menschen, denen die Anerkennung fehlt, fühlen sich öfter ausgebrannt und demotiviert.
  • Was ihre Persönlichkeit anbelangt, so beschreiben sie sich als gefügig, phlegmatisch, mit einem Schuss Misstrauen. Sie fühlen sich schutzlos und ausgeliefert.
  • Im Großen und Ganzen kränken sie sich, dass ihr Einsatz nicht genügend geschätzt wird. Eine Veränderung am Arbeitsplatz würde sehr stark zu einer Verbesserung ihrer Befindlichkeit beitragen. So wollen sie jedenfalls nicht mehr länger weitermachen.

Erfolgsdruck. Natürlich motiviert der Kampf um gute Posten Menschen zu einem kompromisslosen Engagement am Arbeitsplatz. Wer nach oben will, gibt sein Letztes, um den Erwartungen seiner Vorgesetzten zu entsprechen. Doch nur so lange, als sich die Zielvorgaben in einem vernünftigen Rahmen bewegen. Ganz nach dem Kampf-und-Flucht-Schema werden sich Mitarbeiter nur so lange ins Zeug legen, als sie eine realistische Chance sehen, dass sich der Erfolgsdruck bezahlt macht. Sind die Anforderungen oder Zielvorgaben so überhöht, dass sie beim besten Willen nicht erreichbar sind, reagieren Arbeitnehmer mit Resignation. Sie treten den Marsch in die innere Emigration an.
Andy hat in einem angesehenen Geldinstitut eine Führungsfunktion inne. Jahrelang hat er die erfolgreich ausgeübt. Bis sein Unternehmen vor einem halben Jahr an einen ausländischen Investor verkauft wurde. Seither konnte er keine Nacht mehr durchschlafen. Schuld daran sind die neuen Zielvorgaben für seine Gruppe. Andy weiß, dass sie nicht zu erfüllen sind. Trotzdem hat er aus Angst um seinen Arbeitsplatz zugestimmt.
Obwohl die Umsätze seiner Gruppe immer mehr hinter den Vorgaben zurückbleiben, tut er seinen Vorgesetzten gegenüber so, als wäre er voll auf Kurs. Andy geht es wie dem Kaninchen vor der Schlange. Die Angst lähmt sein Handlungspotenzial. Um nur ja keinen Fehler zu machen, schiebt er wichtige Entscheidungen auf und verzettelt sich in Nebensächlichkeiten. Nach außen wirkt er so, als würde er unter Dauerstress stehen und vor lauter Arbeit zu nichts kommen. Innerlich fühlt er sich wie an Bord der Titanic. Während die Musikkapelle noch einen Walzer anstimmt, hat das Unheil längst seinen Lauf genommen.
Besser wäre es gewesen, Andy hätte seine Angst ernst genommen und sich mutig der Bedrohung in Gestalt der unrealistischen Zielvorgabe gestellt. Nicht immer ist das Motto „Hände falten, Goschen halten“ gesundheitsfördernd. Zumal Andy mit seinem Verhalten das Problem nicht lösen, sondern lediglich aufschieben konnte.

  • Was den Erfolgsdruck betrifft, so sind davon mehr Männer als Frauen betroffen. Warum? Geben wir uns bloß keinen Illusionen hin. Trotz teurer Aufklärungskampagnen und gut gemeinter Halbe-Halbe-Initiativen sind die Chefposten in Unternehmen nach wie vor dem männlichen Geschlecht vorbehalten. Während Männern der Erfolgsdruck im Nacken sitzt, stöhnen Frauen unter der Doppelbelastung.
  • Wer unter Erfolgsdruck steht, ernährt sich ungesünder, isst zu viel Junkfood und zu viel Fleisch. Die Spannung, der diese Menschen ausgesetzt sind, reagieren sie häufiger als andere mit Alkohol ab.
  • Die Rechnung für diesen ungesunden Lebensstil bleibt ihnen nicht erspart. Hohes Cholesterin und Spannungskopfschmerzen sowie chronische Müdigkeit in der Freizeit sind die Kehrseite.
  • Auch auf die Partnerschaft und Sexualität wirkt sich der Erfolgsdruck negativ aus. Im Privatleben fühlen sich die Betroffenen häufig erschöpft, ausgelaugt und leiden in der Folge unter Langeweile und Lustlosigkeit. Dazu kommt es zu häufigen Konflikten in der Partnerschaft gepaart mit der Angst, sexuell nicht zu genügen.
  • Am Arbeitsplatz leiden sie unter Zeitdruck und Überlastung. Vor allem Menschen in der Lebensmitte leiden in dieser Gruppe vermehrt am Burn-out-Syndrom und unter Mobbing. Auch der Anteil derjenigen, die um ihren Job fürchten, ist signifikant erhöht.
  • Von der Persönlichkeit her beschreiben sie sich als innerlich angetrieben, schnell und im Umgang mit anderen verschlossen. Sie geraten leicht aus dem Gleichgewicht. Im Vergleich zu anderen weisen sie weniger Arztbesuche auf, weil sie glauben, dass für die eigene Gesundheit keine Zeit mehr übrig ist. Sie spüren, dass es so nicht mehr länger weitergehen kann, und sehnen sich nach einer Entlastung am Arbeitsplatz und mehr Freizeit.

Burn-out. Das Burn-out-Syndrom kommt schleichend. Viele (vor allem im Mittelbau der Unternehmen) leiden darunter, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst sind. Immerhin ist jeder Vierte davon betroffen – Männer häufiger als Frauen. Zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr ist sogar jeder dritte Mann „reif für die Insel“.

  • Das Burn-out-Syndrom ist durch folgende Symptome charakterisiert: Die Betroffenen fühlen sich erschöpft und ausgebrannt, leiden häufig unter Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Gedanken an die Arbeit lösen Angst aus. Das Verlangen nach einer Auszeit nimmt immer konkretere Formen an. Es kostet jeden Tag neue Überwindung, in die Arbeit zu gehen. Die Befürchtungen, den Anforderungen am Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen zu sein, nehmen zu. Schon geringfügige Anlässe führen zu schweren Schuldgefühlen. Der Körper scheint nicht mehr richtig zu funktionieren.
  • Aus nachvollziehbaren Gründen verringert das Burn-out-Syndrom nicht nur die Lebensqualität eines Menschen, sondern auch seine Leistungsfähigkeit. Das ist für Betriebe umso schlimmer, weil oftmals Mitarbeiter betroffen sind, die bis zu diesem Zeitpunkt als Stütze des Unternehmens galten.
  • Wird das Burn-out-Syndrom nicht behandelt, kann das zu einer Verstärkung der Rückzugstendenzen führen, was häufigere und längere Fehlzeiten in den Betrieben nach sich zieht. Die verbreitete Somatisierung des Konfliktes entspricht meist einer Flucht in die Krankheit (und damit auch in den Krankenstand). Krank sein bedeutet für viele Patienten ja gleichzeitig auch eine vorübergehende, in manchen Fällen sogar dauerhafte Erlösung von der unerträglich gewordenen Arbeitsrealität.
  • Das Burn-out-Syndrom hat für die Essgewohnheiten gravierende Folgen. Betroffene essen mehr und ungesünder als andere. Sie nehmen vor allem zu wenig Obst und Gemüse und zu viel Fleisch und Junkfood zu sich. In Spannungssituationen beruhigen sie sich durch Essen. Ihre innere Einsamkeit bekämpfen sie mit Zigaretten.
  • Körperlich leiden Betroffene unter chronischer Müdigkeit, vegetativ verursachten körperlichen Beschwerden, Verspannungen und erhöhtem Blutdruck.
  • Psychisch stehen Erschöpfungszustände und Depressionen im Vordergrund. Häufig wird das Burn-out-Syndrom auch von Durchschlafstörungen begleitet. Meist kommt es zu einem sozialen Rückzug, die Stimmungslage ist angespannt und gereizt.
  • Im Privatleben führt das Burn-out-Syndrom neben sexueller Unlust oft zu innerer Einsamkeit und Isolation. Dazu kommen die Angst, sexuell nicht zu genügen, und Existenzängste.
  • Am Arbeitsplatz sind Menschen mit Burn-out-Syndrom häufiger Mobbing ausgesetzt. Sie fühlen sich ausgebeutet und überfordert und erhalten zu wenig Anerkennung. Nicht selten kommt mit dem Erfolgsdruck noch ein zusätzlicher Belastungsfaktor hinzu.
  • Sie haben das Gefühl, sehr wenig zu ihrem Schutz beitragen zu können. Bei ihnen handelt es sich häufig um eher labile, antriebslose, pessimistische Menschen mit einem starken Hang zur Ordnung.

Mehrfachbelastung hat ein Geschlecht

Nahezu 40 % der Frauen, die in einer festen Beziehung leben, sind hoffnungslos überlastet. Ihnen geht es psychisch und somatisch schlechter als Alleinstehenden. Die Bedürfnisse der Frauen mit Familie stehen diametral zu den realen Gegebenheiten der Arbeitswelt und Familie.
Zur Gewissensberuhigung wird zwar ständig über die Beteiligung des Mannes im Haushalt und bei der Kinderbetreuung geredet. Die Realität sieht jedoch anders aus. 83 % der Hausarbeit wird laut einer ifat-Studie (2007) nach wie vor von Frauen geleistet. Auch von der Kinderbetreuung wird nur ein Fünftel von den Männern geleistet. Die Mehrfachbelastung erhöht das Stressrisiko bei Frauen um ein Vielfaches. Die Zeiten, in denen der „Herzinfarkt“ als reine Männersache galt, sind vorbei. Mittlerweile stirbt schon jede zweite Frau an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Neben den Klassikern, Überlastung am Arbeitsplatz, Zeitdruck, Erschöpfungszuständen und Burn-out, sind es vor allem Lernschwierigkeiten des Kindes, von denen sich Frauen belastet fühlen.
Wie sehr auch Männer davon profitieren würden, wenn sie ihre Partnerin bei der Hausarbeit und der Kindererziehung entlasten, belegt der Umstand, dass Frauen mit Mehrfachbelastung in der Partnerschaft signifikant häufiger sexuell unter chronischer Unlust leiden.
Doch es muss auch im Interesse der Unternehmungsführung liegen, die Stressbelastung der weiblichen Mitarbeiterinnen herabzusetzen, um sich ihre Arbeitskraft zu erhalten. Dazu Ist es notwendig, Frauen im Betrieb flexiblere Rahmenbedingungen zu bieten, ihnen aber auch mit dem geeigneten Support (Stärkung des Selbstbewusstseins) im privaten Bereich den Rücken zu stärken. Unbelastete Frauen, die gelernt haben, sich von den unmäßigen Ansprüchen ihrer Umwelt besser abzugrenzen, können ihre Ressourcen effizienter im Arbeitsalltag einsetzen.
Weil das Problem der Mehrfachbelastung der Frauen in den letzten Jahren so dramatisch zugenommen hat, gibt es mittlerweile spezielle Programme, wo Frauen sich einer hochwertigen Stressprophylaxe unterziehen können und gleichzeitig lernen, sich gegenüber unmäßigen Forderungen konstruktiv abzugrenzen.

Unordnung ist hier gleichbedeutend mit Kontrollverlust, Triebdurchbruch.

Weil die Adrenalinausschüttung unter Stress eine Blockade der Transmittersubstanzen in den Synapsen der Neuronen zur Folge hat. Synapsen sind Brückenköpfe an den Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen, Transmittersubstanzen chemische Substanzen, „Botenstoffe“, die für die Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle verantwortlich sind.

Schattenliebe. Senger, G., Hoffmann W. (2007)

Informationen erhalten Sie unter office@ifat.at

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Politik & Consult

Politdiagramm
 
 

Chrom

 
 
 

Spezielle Tools für die Politik

Seit 15 Jahren arbeitet das ifat im Auftrag politischer Interessenvertretungen. Hier unser Leistungskatalog:

Zielgruppen- und Motivforschung

  • Analyse gesellschaftlicher & politischer Entwicklungen
  • Strategische Analysen und Beratung
  • Coaching für politische Funktionäre & Kandidaten(innen)
  • Persönlichkeitsbildende Angebote auf psychoanalytischer Basis
  • Medientrainings, Vorbereitung auf Diskussionsgespräche

Anfrage: office@ifat.at

 

Politik & Consult

Personal Coaching

Bei diesem Tool für Politiker und Manager geht es um die individuelle Analyse unerwünschter Verhaltensweisen im Berufsleben. Gemeinsam mit erfahrenen Experten(innen) aus dem Bereich der Psychoanalyse werden die Ursachen für Probleme oder leistungsmindernde Faktoren erkannt und individuelle Lösungen und Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet.
Mit Coaching auf der Grundlage psychoanalytischer Erkenntnisse verbessern Sie Ihre (Selbst-)Reflexionsfähigkeit und steigern dadurch Ihre psychische Leistungsfähigkeit und sozialen Kompetenzen

Kosten pro Einzelsitzung: € 120,-

Anfrage: office@ifat.at

 

Team Reflection

Ein Tool, bei dem vor allem unbewusste Prozesse innerhalb einer Organisation oder eines Teams sichtbar gemacht, und analysiert werden. Konfliktpotenzialen wird dabei ebenso auf den Grund gegangen wie dem Kommunikationsfluss und der Rolle der einzelnen Teammitglieder. 

Seminarmodul

8 Arbeitseinheiten in der Gruppe á 45 Minuten pro Tag
  • 1 Analyse von Kommunikation, Beziehung, Konflikten im Team mit dem Tool „Neurolizer“
  • Catering inklusive

 € 180,- pro Teilnehmer(in) und Tag, maximal 12 Teilnehmer(innen) *)

*) Bei einer Teilnehmerzahl unter 8 Personen wird eine Seminarpauschale von € 1400,- /Tag verrechnet

Anfrage: office@ifat.at

Jeder Mensch wiederholt in seinen Arbeitsbeziehungen Teile seiner infantilen Lebensgeschichte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Motor dieser Reinszenierungen sind Wünsche, Gefühle, Erwartungen oder auch komplexe Verhaltensmuster, die ursprünglich in der Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen in der frühen Kindheit entstanden sind.
Der bewussten Handlungsebene liegt somit immer eine unbewusste Bedeutungsebene zugrunde. Kein menschliches Verhalten, keine zwischenmenschliche Interaktion, ist frei von unbewussten Anteilen.
Gerade die Bedingungen am Arbeitsplatz, die vorgegebene Rangordnung, die Konkurrenzsituation, laden dazu ein, verdrängte Emotionen in einer aktuellen zwischenmenschlichen Beziehung erneut in Szene zu setzen.
Mit dieser „Erkundungsreise" durch die bewussten und unbewussten Anteile der Seelenlandschaft werden nicht nur die Verhaltensweisen anderer, sondern auch die eigenen verständlicher. Das erleichtert den Umgang mit anderen Menschen und stärkt die eigene Persönlichkeit, das Selbstbewusstsein und die Leistungsfähigkeit.
Politiker oder Mitarbeiter eines Unternehmens, denen die unbewussten Beweggründe ihres Verhaltens nicht bewusst sind, laufen stets Gefahr, sich selbst und andere in ihre neurotischen Konflikte zu verstricken. Nur vordergründig geht es in diesen Fällen um sachlich begründete Anliegen oder Meinungsverschiedenheiten. Dahinter finden sich meist feindselige Gefühle wie infantile Machtansprüche, Neid, Missgunst, Eifersucht, die das Arbeitsklima vergiften.
Spannungen in Teams sind oft Neuinszenierungen von verdrängten Konflikten aus der kindlichen Lebensgeschichte. Das Verständnis für die unbewusste Bedeutung dieser Auseinandersetzungen ist der erste und gleichzeitig wichtigste Schritt zu deren Auflösung. Die Einsicht in die unbewussten Prozesse erleichtert es den Teilnehmern, sich in Zukunft nicht mehr in neurotische Konflikte ihrer Umgebung verstricken zu lassen.

 

Consult

Mehr Information zu den folgenden Angeboten unter office@ifat.at

Organisationsentwicklung

Im Gegensatz zur klassischen Organisationsanalyse, die auf Effizienzsteigerung durch Rationalisierung der Arbeitsabläufe abzielt, zielt die vom ifat angebotene Organisationsentwicklung zwar auch eine Effektivitätssteigerung ab, aber bei gleichzeitiger Verringerung der gesundheitlichen Risikofaktoren durch Auflösung neurotischer Strukturen im Unternehmen.
Der organisationsanalytische Ansatz des ifat beruht auf den gruppenpsychoanalytischen Konzepten von S.H. Foulkes. Individuum, Team und Gesamtorganisation werden als ein Netzwerk verstanden, dessen Knotenpunkte durch Emotion und Kommunikation verbunden sind. Die Analyse bezieht sich nicht nur auf die reale Arbeitsebene sondern auch auf die unbewusste Bedeutungsebene. Erst wenn die oft unbewusste Bedeutung von vermeintlich realen Arbeitskonflikten allen Beteiligten einsichtig ist, kann eine nachhaltige Lösung der Probleme erfolgen.
Die angestrebte Organisationsentwicklung ist mit einem psychoanalytischen Reifungsprozess vergleichbar, der durch Einsicht und Verständnis, sowie die Auflösung neurotischer Konflikte und Strukturen im Team und Unternehmen, nicht nur die Spannungen am Arbeitsplatz verringert sondern auch die Arbeitsfähigkeit der Organisationseinheiten deutlich verbessert.

Betriebliche Gesundheitsförderung

Das ifat hat auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Bereichen betriebliche Gesundheit, Stressprophylaxe, psychosomatische Vorsorgemedizin, Psychoanalyse, Psychotherapie und Coaching ein auf den betrieblichen Bedarf abgestimmtes, hochwertiges Angebot erstellt, das in seinem breiten Spektrum - beginnend beim Support vor Ort, einer Telefonhotline, ambulanter Psychotherapie bis hin zur Möglichkeit stationärer Aufenthalte bei psychischen, psychosomatischen Problemen (inklusive Substanzabhängigkeiten) und anschließender Nachbetreuung - in ganz Europa unübertroffen ist.
Alle Dienstleistungen werden von qualifizierten Spitzenkräften aus den Bereichen psychosomatische Medizin, Psychoanalyse, Psychotherapie, komplementär-medizinischen Therapie und Coaching erbracht.
Das Konzept beruht auf einer elementaren Trias: Analysieren Verstehen Verändern. Sämtliche Werkzeuge und Behandlungstools dieser Einrichtung beruhen auf empirischen Untersuchungen.
Abhängig von der vorliegenden Problemstellung erfolgt die Analyse mit standardisierten Fragebögen, psycho- oder soziometrischen Verfahren oder mit Hilfe psychoanalytischer Einzel- oder Gruppenexplorationsmethoden.
Das Verstehen durch Reflexion der Analyseergebnisse führt zur Erstellung eines individuellen, ganz auf den Bedarf des Unternehmens abgestimmten Masterplans. Die Umsetzung dieses Masterplans schafft die Voraussetzung zur individuellen und strukturellen Veränderung.

Gesunde Mitarbeiter – erfolgreiche Unternehmen“ eine Initiative des ifat
Wenn Du es eilig hast, gehe langsam

Die Anforderungen der Arbeitswelt haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Die ständige geforderte Effizienzsteigerung lebenslanges Lernen, Einstellen auf immer neue Situationen, die ständige Erreichbarkeit über E-Mail, Handy und die Notwendigkeit darauf zu reagieren, haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen unter Dauerdruck stehen.
Der Stress ist längst nicht mehr auf die Arbeitswelt beschränkt, Partner und Kinder sind genauso davon betroffen. Wohin unbehandelter Stress führt, ist bekannt: DiStress (negativer Stress) schwächt das Immunsystem und erhöht das Herzinfarktrisiko um ein Vielfaches. Herz, Kreislauferkrankungen als Folge von beruflicher Überlastung, Zeitdruck, Stress bedingter Sekundärschädigungen durch Nikotin, Alkohol und Übergewicht sind schon jetzt die häufigste Todesursache in den westlichen Industriestaaten. Gemeinsam mit der Stressbelastung nehmen auch die Ängste und Depressionen zu.

Eine vom ifat 2007 durchgeführte repräsentative Befragung zur Feststellung der Stressbelastung berufstätiger Menschen in Österreich ergab, dass sich 49,3% der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz hoher Stressbelastung ausgesetzt fühlen. 23,9% leiden unter Ängsten, 28,3% haben Depressionen.

Stress am Arbeitsplatz geht alle an

Stress am Arbeitsplatz, Ängste und Depressionen verursachen nicht nur individuelles Leid. Sie führen auch zu vermehrten Fehlzeiten und sind für Unternehmen und Steuerzahler mit hohen Kosten verbunden. Menschen mit erhöhter Stressbelastung sind jährlich durchschnittlich um 2 Tage länger in Krankenstand. Wer unter schweren Ängsten leidet, ist sogar doppelt so oft im Krankenstand wie der durchschnittliche Arbeitnehmer und braucht auch mehr Arztbesuche. Bei Depressionen ist die durchschnittliche Krankenstandsdauer um 2,3 Tage länger. Auch die Arztbesuche sind signifikant höher.
Werden Krankenstände auch als „Fluchtverhalten“ verstanden,ist die Zahl der Krankenstände ein guter Indikator für Überlastung und Konflikte im Unternehmen. Wer unter erhöhter Stressbelastung am Arbeitsplatz leidet, ist darüber hinaus für selbstschädigendes Verhalten anfälliger. Die Sekundärfolgen von erhöhter Stressbelastung - Nikotin-, Alkohol- Drogen-, Medikamentenmissbrauch, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung - belasten Unternehmen und Staat zusätzlich.

Eine Reduktion der Belastung in Unternehmen bringt allen etwas

Eine signifikante Reduktion der Stressbelastung am Arbeitsplatz kommt Mitarbeitern und Betrieben in gleicher Weise zugute. Die Bahn brechenden Erkenntnisse der Gehirnforschung in den letzten Jahrzehnten lassen keinen Zweifel aufkommen: Negativer Stress und Angst beeinträchtigen die menschliche Leistungsfähigkeit. Die kognitiven Gehirnleistungen, die Entscheidungsfähigkeit und Kreativität werden unter dem Einfluss von Stress und Angst signifikant herabgesetzt.
Die Ursachen dafür ist eine Blockade der Transmittersubstanzen in den Synapsen der Nervenzellen. Wer Angst hat, kann nicht mehr richtig denken. Sein Verhalten wird von einem primitiven Vermeidungs- oder Angriffsmechanismus bestimmt. Die meisten Konflikte in Unternehmen gehen auf bewusste und unbewusste Ängste zurück. Angst vor falschen Entscheidungen, Angst den Erwartungen nicht zu entsprechen, Angst vor Unterlegenheit, Angst vor fehlender Anerkennung, Angst vor Neuem, Angst vor Jobverlust. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis chronischer Stress oder Ängste am Arbeitsplatz zu bekannten Krankheitssymptomen wie dem „Burnout“ führen. Ängste führen auf der körperlichen Ebene leicht zu psychosomatischen Beschwerden. Bleiben diese unbehandelt, wirken sie sich auf die Krankenstandsbilanz und die damit verbundenen Kosten drastisch aus.
Ein Angst freieres Arbeitsklima hingegen stärkt das Selbstbewusstsein der Mitarbeiter. Es verbessert die die Teamzusammenarbeit, die Problemlösungs-, und Entscheidungskompetenz. Darüber hinaus schafft es die atmosphärische Voraussetzung, dass sich alle Beteiligten viel lebendiger in den Arbeitsprozess einbringen.

 

 

Die aktuelle Studie

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  Zwischen Auspuff und Kastrationsängsten - Der Standard, Kurzfassung
   
  Wer nichtsweiß, muss alles glauben - ungekürzte Fassung
  Wer nichts weiß, muß alles glauben - Der Standard, Kurzfassung
  Wunsch und Wirklichkeit
 

Arbeit ohne Angst und Stress

Arbeit
 
 

Chrom

 
 
 

 

Auszug aus "Arbeit ohne Angst und Stress". Hoffmann, W. Ueberreuter 2008

 

Geht es der Wirtschaft gut, geht es allen gut?

Nie zuvor ist es so vielen Menschen in der westlichen Welt materiell so gut gegangen wie heute. Niemals zuvor vermochte das Leben dem Durchschnittsbürger so viel Wohlstand, ja sogar Überfluss zu bieten. Der Erwerb von teuren Luxusgütern ist für viele zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir geben Unsummen für teure Autos, schicke Handys, Unterhaltungselektronik, Computer, Schmuck, Designerkleidung aus. Jetzt, so sollte man meinen, müsste eigentlich die glücklichste, zufriedenste Generation aller Zeiten leben. Dem ist aber nicht so.    
Ungeachtet der hervorragenden ökonomischen Bedingungen, ungeachtet der zahllosen Möglichkeiten zur Wunscherfüllung leiden immer mehr Menschen an Gefühlen wie Sinnlosigkeit, Lustlosigkeit und Langeweile. Eine wachsende Zahl lebt in Einsamkeit und Isolation. Obwohl immer neue Konsumparadiese wie Pilze aus dem Boden schießen, sind Ängste und Depressionen im Vormarsch. Ebenso die Bereitschaft, die innere Leere mit Alkohol und Drogen auszufüllen.
Weltweit gehört die EU zu den wirtschaftlich reichsten Gebieten, trotzdem zählt sie zu den Regionen mit dem höchsten Alkoholmissbrauch. Pro Kopf werden in Europa jährlich rund 11 Liter reiner Alkohol konsumiert (mehr als dreieinhalb Milliarden Liter insgesamt). Jeder dritte Europäer spricht mindestens einmal im Monat exzessiv dem Alkohol zu. Die deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren geht davon aus, dass jeder Zehnte in Deutschland stark alkoholgefährdet ist. In Österreich ist die Situation nicht anders.
Überall in Europa trinken sich junge Menschen ins Koma. Die Zahl der Jugendlichen, die wegen exzessiven Alkoholmissbrauchs eine stationäre Behandlung benötigten, ist in den letzten 15 Jahren dramatisch gestiegen. Dazu die kontinuierlich wachsende Zahl Drogenabhängiger. Allein was den Kokainverbrauch betrifft, hat die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht eine Steigerung von 3,5 Millionen Konsumenten im Jahr 2006 auf 4,5 Millionen im Jahr 2007 festgestellt. Damit noch nicht genug: Im deutschsprachigen Raum sterben jährlich doppelt so viele Menschen durch Suizid wie bei Verkehrsunfällen. Der Psychopharmaka-Konsum hat sich im letzten Jahrzehnt vervielfacht. Die Kosten für Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlafmittel etc. machen mittlerweile bereits zehn Prozent der Gesamtkosten für Medikamente aus.
Es stimmt, der Wirtschaft geht es besser denn je. Materiell geht es den meisten Menschen ebenfalls besser als früheren Generationen. Wir leben im Wohlstand, das stimmt, aber geht es uns deswegen wirklich gut? Betrachtet man die Ergebnisse der ifat Langzeitstudie, ist diese Frage schlicht zu verneinen. 64% der Befragten leiden unter Verspannungen, 44% unter nervösen Unruhezuständen, 42% an Durchschlafstörungen, 40% haben Erschöpfungszustände. Obwohl wir heute angeblich weniger arbeiten als in früheren Zeiten, steht jeder zweite Arbeitnehmer unter Zeitdruck oder fühlt sich hoffnungslos überlastet. Jeder vierte ist vom Burn-out-Syndrom betroffen.
Ohne Zweifel hat sich die Belastung durch Arbeit in den letzten hundert Jahren von der körperlichen auf die psychische Ebene verschoben. Nicht nur, dass sich das Leben durch die Erfindung neuer Kommunikationstechnologien insgesamt rasant beschleunigt hat, trägt auch die verschärfte Konkurrenzsituation in der globalisierten Welt stark dazu bei, dass Angst und Stress in der Arbeit ständig zunehmen. Für einen guten Job nehmen heute viele Menschen Überstundenpauschalen, eingeschränkte Freizeit, hohe Mobilität, Flexibilität, ständiges Anpassen an neue Situationen, lebenslanges Lernen und mehr in Kauf. Auch für Gutverdiener ist das Leben wieder zum Überlebenskampf geworden. Wer den hochtourigen Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft nicht entspricht, ist out. So einfach ist das.
In einem deutschsprachigen Telekommunikations­unternehmen wurde von Führungskräften selbstverständlich erwartet, dass sie so viele Überstunden leisteten, wie der Betrieb es erforderte. Die Frage, ob jemand wirklich mehrmals in der Woche von sieben Uhr Früh bis neun, zehn Uhr am Abend arbeiten wollte und was das für die Familie bedeutete, stellte sich erst gar nicht. Wem es nicht passte, der konnte ja gehen. Der „freiwillige“ Arbeitseinsatz wurde immerhin sehr gut entlohnt. Was spielte es da noch für eine Rolle, wenn Partner und Kinder auf der Strecke bleiben, wenn man sich stattdessen mit dem tollen „Income“ die neuesten und teuersten Produkte leisten konnte?
Doch allem Anschein nach macht Shopping allein auch nicht so happy, wie es die Werbung suggeriert. Offensichtlich gehört zum Wohlbefinden mehr dazu als möglichst uneingeschränkter Konsum von Wirtschaftsgütern. In einer Gesellschaft, die sich mit Haut und Haaren der Konsumideologie verschrieben hat, in der wirtschaftliche Wertvorstellungen immer stärker das Leben bestimmen, kommt all das zu kurz, was man nicht mit Geld kaufen kann.
In einer solchen Welt ist für Zeit und Zuwendung erfordernde Partnerschaften oder Kinder – die noch dazu viel kosten – kaum Platz. Kein Wunder also, dass mit der Gier nach Konsum das Interesse an familiären Strukturen schwindet. Wer will schon teilen, wenn er alles allein haben kann? Immer häufiger ziehen junge Menschen ein Single-Dasein dem Leben in einer Familie vor und erfreuen sich an Konsumgütern statt an ihrem Nachwuchs. Vor allem Frauen stehen heute vielfach vor der Frage, ob sie sich für ein Kind oder eine berufliche Karriere entscheiden, weil sich Männer, wenn es um Kinder geht, nach wie vor aus der Verantwortung stehlen. Noch immer ist die Arbeitswelt so ausgerichtet, dass die Betreuung eines Kindes mit einer beruflichen Karriere nur schwer vereinbar ist. Ob die beste Lösung wirklich darin besteht, für Säuglinge Kinderkrippen zu errichten, damit die Eltern möglichst rasch wieder arbeiten gehen können, sei dahingestellt.
Wo Profitdenken und Konkurrenzstreben herrschen, bleibt auch die Solidarität auf der Strecke. Wer nur sein eigenes Fortkommen im Auge hat, den lässt das Schicksal anderer unberührt. Erst recht, wenn es sich dabei um Menschen handelt, die – aus welchen Gründen auch immer – mit den hochgezüchteten Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr mithalten können.
Solche Menschen stehen heute schnell im Verdacht, Leistungsverweigerer und Sozialschmarotzer zu sein. Was dabei jedoch gerne übersehen wird, ist, dass es in den meisten Fällen ja gar nicht um das „Nicht-Wollen“, sondern um das „Nicht-Können“ geht. Viele Betroffene sind aufgrund ihrer genetischen Konstitution oder lebensgeschichtlicher Umstände nicht in der Lage, ihr Leistungspotenzial so auszuschöpfen wie andere, mit denen es das Leben besser gemeint hat.
Um im Arbeitsleben heute bestehen zu können, müssen neben den intellektuellen auch die emotionalen Persönlichkeitsfunktionen ausreichend entwickelt sein. Menschen mit mangelnder Impulskontrolle oder mit herabgesetzter Frustrations- und Spannungstoleranz sind beim besten Willen nicht fähig, über einen längeren Zeitraum den Anforderungen der modernen Arbeitswelt gerecht zu werden.
In einer Welt, in der die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Ideale mehr und mehr durch die realitätsverleugnende, simplifizierende Sicht der Werbung geprägt werden, geraten Menschen, die nicht jung, fit und dynamisch sind, immer häufiger ins Abseits. Wer mit dem Tempo der anderen nicht mithalten kann, muss selber schauen, wo er bleibt. C’est la vie.
Wie anders sollten Menschen reagieren, die fürchten, den immer höheren Ansprüchen der Wirtschaft nicht mehr gerecht werden zu können, als mit Angst und Stress? Je stärker sich eine Gesellschaft an den wirtschaftlichen Notwendigkeiten orientiert, desto härter werden ihre Selektionskriterien. Wenn in der globalisierten Welt der Konkurrenzdruck immer stärker wird, haben sich die Menschen – von der Führungskraft bis zum Portier – eben diesem Druck zu beugen. Nur wer effizienter, schneller, besser ist als die Konkurrenz, hat in dieser Wirtschaftswelt noch eine Chance.
Aus evolutionärer Sicht war die Niederlage der sozialistischen Planwirtschaft vorhersehbar, sagen die Vertreter der Marktwirtschaft. Ein System, bei dem die freien Kräfte des Marktes durch Dogmatismus ersetzt werden, handle sich zwangsläufig einen Selektionsnachteil ein: Es könne sich den laufend ändernden Bedingungen schwerer anpassen. Systeme hingegen, die auf das freie Spiel der Kräfte vertrauten, hätten langfristig bessere Überlebenschancen, weil sie ganz einfach anpassungsfähiger seien. Der darwinistische Variations- und Selektionsmechanismus gelte in gleicher Weise für biologische Organismen wie für wirtschaftliche Systeme.
Es stimmt, alles in unserem Universum beruht auf Evolution, doch hat der Mensch die für seine Spezies gültigen biologischen Selektionskriterien schon längst um kulturelle erweitert bzw. die biologischen Gene durch kulturelle Meme ersetzt.
Nicht einmal die eingefleischtesten Verfechter der Marktwirtschaft würden ernsthaft behaupten, dass der Markt ohne vom Menschen gesetzte Regulative auskommt. Wo wären denn die Börsen ohne die gesetzlichen Beschränkungen des Aktienrechts? Der ungeheure Konkurrenzdruck als Folge einer ungezügelten Marktwirtschaft würde in kürzester Zeit zum wirtschaftlichen Faustrecht und damit zu anarchischen Zuständen führen.
Doch geht es auch ohne jeglichen Konkurrenzdruck?
Würden Menschen tatsächlich arbeiten, wenn sie nicht müssten? Eine heikle Frage. Wenn wir uns am Beispiel der Kinder orientieren, die ja bekanntlich zum Spielen nicht gezwungen werden müssen, scheint es tatsächlich noch andere Beweggründe zu geben, warum Menschen tätig werden. Worin aber unterscheidet sich das Spiel des Kindes von der Arbeit des Erwachsenen?
Auf den ersten Blick durch den Grad der Freiwilligkeit. Kinder spielen, weil sie wollen, und Erwachsene arbeiten, weil sie müssen. Aber kann man dieses Argument uneingeschränkt gelten lassen? Gibt es nicht auch Erwachsene, die sich auf ihre Arbeit freuen, obwohl sie ein Zwang ist? Der Grad der Freiwilligkeit greift allem Anschein nach als Erklärung zu kurz. Offensichtlich kommt es auf den Anreiz an, der von einer Tätigkeit ausgeht. Schließlich muss es einen Grund haben, warum so viele Mädchen von einer Karriere als Model oder Sängerin träumen und Jungen Rennfahrer oder Piloten werden wollen.
Es bedarf keiner besonders tiefschürfenden psychologischen Analyse, um festzustellen, dass der Anreiz einer Arbeit abgesehen vom Einkommen vor allem vom sozialen Status abhängt, der mit dieser verbunden ist. Zur narzisstischen Befriedigung kommt noch die Lust, die aus der Tätigkeit bezogen wird. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit, die dem Menschen die Möglichkeit einräumt, sein intellektuelles und kreatives Potenzial zu nutzen,  wird ohne Zweifel reizvoller erlebt.
Ich erinnere mich, wie ich früher auf Auslandsreisen immer wieder bei einer Fastfood-Kette eingekehrt bin, die sich auf Sandwiches spezialisiert hatte. Ursprünglich war es so, dass die Angestellten die Sandwiches nach Anweisungen des Kunden allein fertigstellten. Sie schnitten das Brot, belegten es, füllten die Saucen ein und wickelten es in eine Serviette. Irgendwann muss das Unternehmen dann einen Organisationsentwickler beauftragt haben, um die Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Seither stehen die Mitarbeiter aufgefädelt in einer Reihe hinter der Theke. Der Erste schneidet das Brot auf, der Zweite belegt es mit Fleisch, Wurst oder Käse, der Dritte mit Salat und der Vierte gibt die Saucen dazu. Immer einer hinter dem anderen und immer derselbe Handgriff. Konnten die Angestellten bis zum Zeitpunkt der Umstellung zumindest darauf stolz sein, selbst ein schönes Sandwich zu produzieren, wurde ihnen danach auch noch diese bescheidene Befriedigung genommen. Selbst wenn die Stoppuhr des Organisationsberaters richtig tickte, hatte der Anblick der sandwichbelegenden Menschenkette etwas zutiefst Entwürdigendes. Mir ist der Appetit auf Sandwiches dabei jedenfalls gründlich vergangen.
Auch wenn dieses Beispiel vielen von ihnen vielleicht als banal erscheinen mag, zeigt es doch, wie nebensächlich die menschlichen Bedürfnisse in einer Welt  geworden sind, die nur mehr den wirtschaftlichen Profit vor Augen hat.

 

Die Zerstörung der Gefühle

Angesichts einer Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht, muss man unweigerlich an den phrygischen König Midas denken, der in seiner grenzenlosen Gier und Dummheit danach verlangte, dass sich alles, was er mit seinen Finger berührte, in Gold verwandle. Nur der Gnade des griechischen Gottes Dionysos war es zu verdanken, dass Midas dem Hungertod entkam, da ihm nach der Erfüllung seines Wunsches auch Essen und Trinken zu Gold wurden.
Wohin hat uns die einseitige Orientierung an der wirtschaftlichen Denkungsart geführt? Nicht genug, dass die Folgen der Profitgier bereits unsere Lebensgrundlage bedrohen, ist auch der psychische Zustand der Menschen in der Konsumgesellschaft desaströs. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Den meisten ist der Zustand der Entfremdung von ihren ureigensten Bedürfnissen mittlerweile so vertraut, dass sie sich überhaupt keine Gedanken mehr darüber machen.
Es kommt den meisten völlig normal vor, dass sich das Hamsterrad auf der Gier nach noch mehr Geld immer schneller dreht. Nicht einmal dann, wenn wir merken, dass uns bei diesem Hasardspiel die Luft ausgeht, stellen wir die Spielregeln in Frage. Im Grunde geht es uns nicht anders als den Gästen auf der Titanic. Während die Kapelle im luxuriösen Ballsaal noch Walzer anstimmt, hat das Unglück schon längst seinen Lauf genommen.
Die permanente Reizüberflutung durch Fernsehen, Werbung und ständig neue Konsumangebote hat zu einer emotionalen Abstumpfung geführt. Die emotionale Leere, unter der viele Menschen in der Konsumgesellschaft leiden, hat mit der Funktionsweise unseres Nervensystems zu tun. 
Der von den Nationalsozialisten aus Wien vertriebene Nobelpreisträger Eric Kandel konnte mit seinen Untersuchungen an der Meeresschnecke Aplysia nachweisen, dass eine ständige Reizung des Nervensystems mit belanglosen Reizen zu einer biochemischen Veränderung in den Endigungen der Nervenzellen (den Synapsen) führt. Mit jeder neuerlichen Reizung wird die Reaktion in den Synapsen schwächer. Man nennt dieses Phänomen Habituations- oder Gewöhnungseffekt. Eine permanente Reizüberflutung führt zur Ermüdung unseres Nervensystems, bis dieses auf eintreffende Reize überhaupt nicht mehr reagiert.
Die Wirtschaft lebt vom Verkauf. Wer verkaufen will, muss werben. Damit eine Werbung bei all dem Überangebot an Information überhaupt wahrgenommen wird, muss sie beim Rezipienten eine starke emotionale Resonanz hervorrufen. Dasselbe Prinzip gilt natürlich auch für Spielfilme, Fernseh- und Unterhaltungsproduktionen, die ja auch Aufsehen erregen und sich von denMitbewerbern abheben müssen, um die Kassen zu füllen.
Was aber, wenn die Neuronen wegen des Reizüberangebotes auf gewohnte Reize einfach nicht mehr wie gewünscht reagieren? Dann hilft nur eines: die Reizdosis zu erhöhen. Aber wie? Die stärkste emotionale Resonanz ruft immer noch der Bruch eines Tabus hervor. Wer mit Bildern von Leichen wirbt (was tatsächlich schon geschehen ist), löst in der Öffentlichkeit zunächst eine sehr heftige emotionale Resonanz aus. Das Gleiche gilt für pornografische Inhalte oder Gewaltszenen in Filmen oder rassistische Tabubrüche rechtspopulistischer Parteien.
Je häufiger das Erfolgsrezept imitiert wird, desto schwächer wird auf Grund des Habituationseffektes die emotionale Reaktion, bis sich unser Nervensystem an die ursprünglich schockierenden Reize gewöhnt hat und überhaupt nicht mehr darauf reagiert. Im Laufe der Zeit kommt es auf diese Weise zu einer Reiznivellierung. Das Gehirn reagiert dann selbst auf extreme Reize aus Werbung und TV wie auf etwas völlig Alltägliches. Die emotionale Abstumpfung folgt auf dem Fuß. Tragisch, dass diese emotionale Unberührbarkeit im realen Leben auch vor Situationen nicht haltmacht, in denen Anteilnahme und Mitgefühl sehr wohl angebracht wären. Tatsächlich leidet heute schon jeder Fünfte an innerer Leere und Gefühlsmangel.
Die emotionale Verflachung als Folge der medialen Reizüberflutung erklärt, warum die Reizdosis ständig erhöht werden muss, um beim Rezipienten überhaupt noch eine emotionale Reaktion hervorzurufen. Das Ergebnis sind Extremdarstellungen, wie sie heute gang und gäbe sind. Sie macht auch verständlich, warum wir in einer Gesellschaft leben, in der es keine Tabus mehr gibt. Alles ist erlaubt, alles ist möglich, es gibt kaum noch etwas, mit dem man heute noch schockieren kann.
Die Zerstörung der Gefühle ist zwar ein überaus schwerwiegendes, aber bei Weitem nicht das einzige Problem der modernen Konsumgesellschaft. Die technischen Errungenschaften im letzten Vierteljahrhundert – allen voran Handy, E-Mail, Internet – haben das Leben enorm beschleunigt. Der Druck, immer und überall erreichbar zu sein, der unausgesprochene Zwang, auf jede Nachricht möglichst unmittelbar zu reagieren, die Notwendigkeit, mit dem gesellschaftlichen Wandel Schritt halten zu müssen, haben unseren Stresspegel zusätzlich erhöht und sind an der menschlichen Psyche nicht spurlos vorübergegangen. 

 

Die süchtige Gesellschaft

Die einseitige Konsumorientierung, die heute weitgehend das Leben der Menschen in den westlichen Industriestaaten prägt, legt den Gedanken an ein kollektives Suchtverhalten nahe. Tatsächlich hat es den Anschein, als wüsste eine wachsende Anzahl von Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Leben nicht mehr anzufangen, als ihre simpelsten Bedürfnisse zu befriedigen, ihre Leere im Gehirn mit Fernsehen, Alkohol oder Drogen auszufüllen, vor dem Computer zu versacken oder shoppen zu gehen. Immer verspricht der Erwerb des nächsten Konsumgutes jene Befriedigung, die die Anschaffung des vorigen nicht gehalten hat.
Genau genommen entsprechen Süchtige dem Prototyp des idealen Verbrauchers, weil sich ihr Leben ausschließlich um den Konsum dreht. Im Grunde wissen Konsumjunkies mit ihrem Leben genauso wenig anzufangen, wie Drogenjunkies. Nur dass sie sich den Kick eben nicht durch eine Droge, sondern durch das „Einziehen“ von Konsumgütern holen. Ohne die Möglichkeit, „shoppen“ zu gehen, fühlen sie sich genauso leer wie Junkies ohne Stoff.
Natürlich gibt es auch Unterschiede. Während Drogenjunkies zu einer geächteten Randgruppe zählen, sind Konsumjunkies gleichzeitig die Leistungsträger unserer Gesellschaft. In vielen Fällen sogar ausgesprochene Workaholics. Sie arbeiten um zu konsumieren. Kann sich die Wirtschaft da noch mehr wünschen? Konsumjunkies dürfen sogar mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, durch ihr gesteigertes Konsumverhalten den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Denn ohne Konsum kein Wirtschaftswachstum.
Wie brüchig der Boden ist, auf dem sich Menschen bewegen, deren Existenz sich hauptsächlich im Konsum erschöpft, zeigt ein Blick auf die Statistik. Gerade um die Lebensmitte, wenn die Kinder langsam flügge werden oder es sich umgekehrt abzeichnet, dass das eigene Dasein kinderlos bleibt, sind viele plötzlich mit dem Gefühl der Leere konfrontiert. Mit einem Mal stellt sich die Frage, ob die einseitige Ausrichtung an der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse wirklich die richtige Entscheidung gewesen ist oder ob es über deren Erfüllung hinaus nicht auch andere lohnenswerte Inhalte gegeben hätte. Das Streben nach Einsicht und Erkenntnis, das Erlangen persönlicher Reife, die Steigerung der Selbstreflexionsfähigkeit und die Erweiterung des Bewusstseins. Den Jahren des Konsumrausches folgt die Ernüchterung.
Früher verlief das Leben gewiss nicht einfacher als heute. Das käufliche Freizeitangebot war geringer und der Lohn reichte gerade für das tägliche Leben, keine Rede vom Erwerb von Luxusgütern. Auch die wenigen für alle zugänglichen Vergnügungen waren oft mit größerem Aufwand, längeren Vorbereitungen und Anstrengungen verbunden. Und doch hat es den Anschein, als hätten die Menschen früher mit ihrem Leben mehr anzufangen gewusst als heute.
Noch in den 1960er-Jahren drängten viele junge Menschen auf einen umfassenden kulturellen Wandel. Sie waren politisch aktiv und setzten sich kritisch mit den gesellschaftlichen Grundlagen auseinander. Auch wenn es heute ein wenig naiv anmutet: Sie hatten die Hoffnung, die Welt verbessern zu können.
Die Jugend in der Konsumgesellschaft ist brav. An einer Gesellschaftsanalyse ist sie nicht interessiert. Eher schon an einem designten Outfit, schicken Klamotten, Handys, MP3-Playern, Computerspielen. Sie will keine tiefschürfenden Gespräche führen, sondern sich in der Disko oder bei Clubbings amüsieren. Nach geistigen Höhenflügen steht ihr nicht der Sinn. Selbst die Studenten, früher der Motor der gesellschaftlichen Veränderung, verfolgen heute nur ein Ziel: möglichst schnell mit dem Studium fertig zu werden und einen gut bezahlten Job zu finden. Gleichzeitig haben überall in den westlichen Industrienationen mit dem materiellen Wohlstand Desinteresse, Ignoranz und Gleichgültigkeit zugenommen.
Jeder weiß, wofür eine bestimmte Marke steht, aber wenn es um politische oder gesellschaftliche Zielsetzungen geht, ist das Wissen begrenzt. Eine solche Haltung kann der Wirtschaft nur recht sein. Wer verkaufen will, braucht keine kritischen Denker, sondern willige Konsumenten. Zu viel Denken schafft nur Probleme.
Aus wirtschaftlicher Sicht beantwortet sich auch die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz von selbst: fleißig arbeiten und fleißig ausgeben. Nur dann klingeln die Kassen und die Wirtschaft wächst. Gar nicht daran zu denken, welche Konsequenzen es hätte, beschränkten sich die Massen tatsächlich darauf, nur Konsumartikel zu erwerben, die sie fürs tägliche Leben benötigen. Allen Ernstes würde dieser Meinungsumschwung zu einer schweren Krise des Systems führen. Doch wir können ganz beruhigt weiterschlafen: Eine solche Schubumkehr ist allein schon aufgrund der Wahrscheinlichkeitsgesetze nicht zu erwarten.
Aus evolutionärer Sicht ist es allerdings nur schwer nachzuvollziehen, warum der Mensch mehr Arbeit leistet, als für sein Überleben notwendig ist. Denken Sie doch nur einmal selbst daran, was Sie wirklich benötigen um zu überleben und wie viele Güter sich darüber hinaus in ihrem Besitz befinden, für die Sie gearbeitet haben, ohne sie zu brauchen? Die Lust am Besitz hat auch eine narzisstische Komponente. Der Status einer Person steht und fällt mit den Objekten, die sich in ihrem Besitz befinden. In seiner Fähigkeit, sich an „schönen“ Dingen zu erfreuen und dafür zu „arbeiten“, unterscheidet sich der Mensch grundlegend vom Tier, das nie mehr für die Lebenserhaltung tut als notwendig.
Anders als beim instinktgesteuerten Tier, dessen Spannungsregulation (z. B. Hunger und Sättigung) weitgehend an genetisch festgelegte Verhaltensmuster gebunden ist, findet sich beim Menschen – der statt neben Instinkten auch über Triebe verfügt – keine unmittelbare biologische Bindung des Triebbedürfnisses an ein bestimmtes Ziel oder Objekt. Auch ist der Vorgang, der zur Spannungsabfuhr führt, genetisch nicht verankert. Man denke nur an die Variationsbreite des menschlichen Sexualverhaltens im Vergleich zum Tier.
Erst dem Wegfall der fixen Verknüpfung der Triebbedürfnisse mit dem Modus der Triebbefriedigung verdanken wir die Entwicklung unserer Intelligenz und Kultur. Wir hängen zwar auch an der Leine der Gene, aber anders als beim Tier hat uns die Evolution die Möglichkeit eingeräumt, auf unmittelbare Befriedrigung der Triebe zu verzichten und diese auf kulturelle Ziele zu lenken; ein Vorgang, den man Sublimierung nennt. Dadurch erst ist es dem Menschen möglich, der Triebbefriedigung Denk- und Arbeitsleistungen vorangehen zu lassen. 
Das Tier kann die Nahrung seiner direkten Umwelt entnehmen, während der Kulturmensch an die Erfüllung verschiedener, von der Gesellschaft vorgegebener Aufgaben gebunden ist, bevor er seinen Hunger stillen kann. Solange er noch Jäger und Sammler war, unterschieden sich die Leistungen, mit denen er sein Überleben sicherte, noch nicht sonderlich von denen des Tieres.
Heute, in der industrialisierten Welt,  ist der Mensch darauf angewiesen, die benötigten Nahrungsmittel zu kaufen. Wer etwas kaufen will, muss über ein entsprechendes Einkommen verfügen. In der Regel ist das Einkommen das Äquivalent für erbrachte Arbeitsleistungen. Jegliche Form von Arbeit in unserer Kultur setzt wiederum eine mehr oder minder qualifizierte Ausbildung voraus.
Damit ein Mensch in der zivilisierten Welt überleben kann, muss er eine Vielfalt von sozialen Fähigkeiten erwerben. Er muss seine asozialen Triebregungen unter Kontrolle bringen, lernen, seine Bedürfnisse aufzuschieben, Wissen erwerben, arbeiten und Geld verdienen, bevor er sich im nächsten Supermarkt versorgen kann.
Doch auch die Supermärkte und Lebensmittel fallen nicht vom Himmel, sondern erfordern das Vorhandensein von Kultur. Schließlich sind alle wichtigen Industriezweige an der Errichtung von Supermärkten und der Herstellung bzw. dem Transport von Lebensmitteln beteiligt. Neben der Bauwirtschaft, einer funktionierenden Landwirtschaft, der verarbeitenden Industrie sowie Handels- und Verkaufseinrichtungen bedarf es auch der Transportindustrie. Das wiederum setzt den Bau von Kraftfahrzeugen, Straßen, Eisenbahnanlagen, Schiffen, Flugzeugen usw. voraus. Diese Reihe ließe sich noch beliebig lange fortführen. Doch sollte damit lediglich dokumentiert werden, wie viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, ehe wir am Abend den Kühlschrank plündern können.
Im Gegensatz zum Tier hat sich beim Menschen auf Grund der fehlenden genetischen Verknüpfung zwischen dem Triebbedürfnis (Hunger) und der Triebbefriedigung (Sättigung) ein differenziertes, hochstehendes kulturelles System entwickeln können. Die nicht vorhandene Verkettung zwischen Triebbedürfnis und Triebbefriedigung erklärt jedoch nicht nur die Entstehung unserer Kultur, sondern auch deren beginnende Auflösung in der Konsumgesellschaft.
Zwar besitzt der Mensch die Fähigkeit, seine Triebspannung von den ursprünglichen Zielen und Objekten auf neue zu verschieben, doch suchen die Triebe nach Möglichkeit immer den direktesten, kürzesten Weg zur Befriedigung. Kein Mensch würde im Alltag freiwillig länger auf eine Befriedigung warten als nötig. Wann immer sich uns im Leben die Möglichkeit bietet zu wählen, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der schnelleren, einfacheren, bequemeren Variante zur Triebbe­friedigung den Vorzug geben. Allerdings erfolgt diese Entscheidung zur Gänze auf Kosten der Vorlust.
Die Vorlust oder auch die Vorfreude ist jene Phase im Befriedigungsvorgang, in der – im sicheren Wissen um die spätere Erfüllung – die Spannung durch Hinauszögern der Triebabfuhr erhöht wird. Je intensiver die Vorlust, desto durchdringender wird schließlich der Akt der Entladung selbst erlebt. 
Jedes Kind kennt diesen Hergang aus eigenem Erleben. Wenn es sich zum Beispiel schon Wochen vor seinem Geburtstag auf die Geschenke freut, die es sich wünscht und die es zu bekommen hofft. Bis der Festtag endlich da ist, hat der kleine Mensch die begehrten Geschenke in seinen Träumen bereits unzählige Male erstehen lassen, sich das Glück ausgemalt, welches ihn überkommen wird, wenn diese endlich in seinen Besitz gelangt sind. 

 

Überfluss macht weniger kritisch und interessiert

Die dem Befriedigungsakt vorgeschobene Wartezeit und die damit einhergehende Vorlust sind deswegen so bedeutend,  weil sie die Fantasietätigkeit des Kindes anregen und die Spannung, die dem nachfolgenden Befriedigungserlebnis vorangeht, erheblich steigern, sodass die Spannungsabfuhr beim Überreichen der Geschenke ungemein intensiviert wird.
In der Vergangenheit, als die Lebensbedingungen für viele noch schlechter waren und die Erfüllung luxuriöser Wünsche der niedrigen Einkommen wegen nur einigen wenigen Privilegierten vorbehalten war, boten Fantasien – man denke nur an die Dreigroschenromane – der großen Masse der Unterprivilegierten Ersatz für das Unerreichbare. Die unerfüllten Wünsche und die daraus erwachsenden Fantasien sind der Motor jeglicher Weiterentwicklung. Nur dann, wenn die Bedürfnisspannung des Menschen durch die ihm zur Verfügung stehenden inneren und äußeren Möglichkeiten nicht herabgesetzt werden kann, ist er genötigt, aktiv zu werden, Denkleistungen zu erbringen und effektive Schritte zur Veränderung seines aktuellen unlustvollen Zustandes zu setzen.
Die Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Kultur waren Mangelzustände und Entbehrungen, welche die Not des Lebens an uns herangetragen hat. Erst diese von Anfang an bestehenden unlustvollen Spannungen führten zur Entstehung adäquater, zur Spannungsabfuhr geeigneter Reaktionsmuster, deren Ablauf das ursprüngliche Spannungsgleichgewicht im Organismus wieder herstellte.
Dort, wo alles im Überfluss vorhanden ist, wo der Wunschentstehung die unmittelbare Erfüllung folgt, besteht für das heranwachsende menschliche Wesen keine Veranlassung zur Entfaltung von Fantasien, Denkleistungen oder Aktivitäten. Im Gegenteil, solche Bedingungen fördern die Passivität, hemmen die Entwicklung der Kreativität und erzeugen eine bleibende Abhängigkeit von der wunscherfüllenden Umwelt. Doch sind die Befriedigungserlebnisse dann, wenn Menschen alles haben können, was sie wollen und wann sie es wollen, auf Grund der fehlenden Vorlust flach und unzulänglich.
So wird ein Kind den Wert eines Spielzeugs, auf das es monatelang warten musste, höher einschätzen als ein anderes Kind, dessen Wünsche von seinen Eltern immer sehr rasch erfüllt werden. Dabei ist zu bemerken, dass die Reizintensität des begehrten Objektes im Empfinden des Kindes mit jeder Wiederholung sinkt. Neue, noch unbekannte Spielsachen erzeugen eine weitaus größere Reizintensität als schon bekannte. Daraus folgt, dass bei verringerter Vorlust immer neuere, immer intensivere Reize geboten werden müssen, um das Befriedigungserlebnis konstant hoch zu halten.
Heute, wo wir in einer Zeit leben, in der Wunscherfüllung im materiellen Bereich sehr rasch herbeigeführt werden kann, wo – überspitzt formuliert – jeder alles haben kann, wo Überfluss, wenn nicht schon Übersättigung herrscht, ist es nicht mehr nötig, durch Fantasien Ersatz zu schaffen. Dieser Mangel an Fantasie in der Konsumgesellschaft beeinflusst mittlerweile schon das Denken und die Kreativität unserer Kinder. Sie sind keinesfalls unintelligenter oder dümmer als vorhergehende Generationen und auch nicht fauler, doch scheinen sie im Vergleich zu diesen weniger kritisch und weniger an den Fragen interessiert, die diese Welt aufwirft. 

 

Der Schnuller des Erwachsenen

Der Erfindungsgeist des Menschen, gepaart mit der unserer Kultur zugrundeliegenden Wirtschaftswachstumsideologie, führt zur Erzeugung immer neuer Produkte. Produkte, die allerdings erst an den Mann gebracht werden müssen. Der ungeheure Wohlstand in den westlichen Industriestaaten ist eine Voraussetzung dafür, die psychische Möglichkeit, ursprüngliche, auf die Gemeinschaft gerichtete Triebbedürfnisse auf neue, künstlich hervorgebrachte Ziele zu lenken.
Dieser Vorgang kann bis ins Kleinstkindalter zurückverfolgt werden, wo die primäre Lust des Säuglings am Saugen, Lutschen und Beißen von der mütterlichen Brust auf den Plastikschnuller verschoben wird. Im Verlauf der späteren Entwicklung nimmt der „Schnuller“ immer neue Gestalt an. So entsprechen ihm im Erwachsenenalter die unterschiedlichsten Konsumgüter – die Drogen für den Süchtigen genauso wie Farbfernseher, Videorekorder und das schnellere Auto für den Normalbürger. Eines ist all diesen Formen der Ersatzbefriedigung jedoch gemeinsam: Die menschlichen Triebbedürfnisse werden ihrer ureigensten Ziele – Gemeinschaft, Sicherheit, Sexualität und Geborgenheit – entfremdet. Doch wie schon der Schnuller dem Säugling nicht dieselbe Lust zu spenden vermag wie die Brust der Mutter, sind auch die Konsumgüter nur ein inadäquater Ersatz für den eigentlichen Bedarf. So verspricht die jeweils nächste Zigarette, das nächste Glas Wein, die nächste Droge, das nächstteurere Produkt die Befriedigung, die der Konsum des Vorhergegangenen nicht gehalten hat.
Einhergehend mit dem ideellen Niedergang haben noch nie da gewesener Wohlstand, verlockende, leicht erreichbare Kredit- und Leasingvarianten in Verbindung mit einem reichhaltigen Konsumangebot zur Entfremdung der ureigensten menschlichen Bedürfnisse und zu einem abhängig machenden Konsumverhalten geführt, das nach immer neueren, immer intensiveren Reizen verlangt.
Beziehungslosigkeit, Passivität, Leere, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Isolation sind die Kehrseite dieser Entwicklung. Die Krise der Jugend, Drogenabhängigkeit, emotionale Leere und aufkeimende Gewalt sind die sichtbaren Symptome einer immer materieller ausgerichteten, immer süchtigeren, immer kälter werdenden Gesellschaft.

 

Arbeit – eine Strafe Gottes

Nur wenige arbeiten, weil sie wollen. Die meisten tun es, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber auch nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Kinder muss niemand dazu zwingen, tätig zu sein. Im Spiel imitieren sie sogar die Arbeit der Erwachsenen und haben Spaß daran. Beim Spielen sind sie zu großer Ausdauer und Hingabe fähig.
Wie anders nimmt sich da die Situation Erwachsener aus, die sich oft in die Arbeit schleppen und dort jede Sekunde zählen, bis sie wieder nach Hause können. Ein Vergleich der Arbeit des Erwachsenen mit dem Spiel des Kindes macht vor allem zwei große Unterschiede deutlich: Das Spiel des Kindes beruht auf Freiwilligkeit und es kann den Inhalt des Spiels nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten. Narzisstische Arbeitstätigkeiten, die – wie das künstlerische Schaffen – neben freier Zeiteinteilung auch das Ausleben von Fantasien erlauben, sind für Erwachsene daher noch genauso lustvoll wie das Spiel für Kinder. 
Abgesehen von der Bezahlung sind die Selbstbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten somit die entscheidenden Kriterien für die Arbeitszufriedenheit. Je weiter die Arbeit sich jedoch vom Spielerischen entfernt, desto stärker wird sie als Last empfunden.
Allein die Wortgeschichte spiegelt den emotionalen Bezug wider, den die meisten Menschen zur Arbeit haben. Rein etymologisch leitet sich der Begriff Arbeit von Folter, Knechtschaft, Sklaverei ab. Daran hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht viel geändert. Bis heute wird Arbeit im Empfinden der Menschen mit Mühsal und Zwang in Verbindung gebracht.
Wie sollte das auch anders sein, war der Mensch von Gott doch anfangs gar nicht zur Arbeit bestimmt. Vielmehr wurde ihm die Arbeit als Strafe auferlegt, weil er es einfach nicht lassen konnte, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Nach dem Sündenfall ging Gott mit dem Menschen hart ins Gericht:
„Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

 

Vom Wildbeuter zum Landbesitzer

Ausgehend vom Nahen Osten vollzog sich vor zehntausend Jahren ein fundamentaler Wandel in der menschlichen Kultur. Nach wie vor standen Ernährung und Fortpflanzung im Mittelpunkt des Überlebenskampfes. Aber anders als in den Jahrmillionen davor wandten sich plötzlich immer mehr Menschen, die bis dahin jagend, fischend, sammelnd und nomadisierend durch ihre Reviere gezogen waren, der Anbauwirtschaft und Viehhaltung zu.
Der Wechsel von der Wildbeuter- zur Pflanzerkultur ging mit einem raschen Wissensanstieg einher. Vor allem die Erkenntnis, dass nicht irgendeine geheimnisvolle Zeugungskraft, sondern der Mann für die Fortpflanzung verantwortlich war, und ein durch die Anbauwirtschaft bedingtes, völlig neues Besitzdenken revolutionierten das steinzeitliche Weltbild und läuteten das Zeitalter des Patriarchats ein.
Solange die Menschen als Jäger und Sammler lebten, gab es den Begriff „Arbeit“ im heutigen Sinn noch nicht. In der Wildbeuterkultur gab es auch keine Bezeichnung für Besitz, weil es für Nomaden unvorstellbar war, dass jemand Berge, Flüsse, Seen, Weiden als sein Eigentum beanspruchen könnte. Genauso wenig wurden Frauen als Besitz des Mannes gesehen. Die Geschlechter waren gleichgestellt und die Kinder wurden meist von der Gemeinschaft sozialisiert.
Wildbeuter besaßen nur das, was sie mit sich tragen konnten. Jeder weitere Besitz wäre hinderlich gewesen. Weil  Menschen in dieser Kultur noch viel stärker auf den Zusammenhalt der Gruppe angewiesen waren, wurden auch die unvermeidlichen zwischenmenschlichen Konflikte anders gelöst als in der nachfolgenden patriarchalischen Pflanzerkultur. Bei den Buschmännern in West- und Zentralafrika wird im Streitfall heute noch so lange verhandelt, bis der Konflikt für beide Seiten zufriedenstellend bereinigt ist. Es gibt weder Sieger noch Verlierer.
Eine solche Form der Konfliktregelung eignet sich jedoch nicht, um Fragen des Grundbesitzes zu regeln. Wem gehört zum Beispiel ein Stück Land? Dem, der als Erster darauf Anspruch erhebt, oder dem, der stark genug ist, es gegen andere zu verteidigen? War Besitz für Wildbeuter noch hinderlich, so wurde er in der Pflanzerkultur zur Existenzgrundlage. Wer Boden bebaute, war darauf angewiesen, dass dieser als sein Eigentum anerkannt wurde. Auf welcher Grundlage aber erfolgte die Entscheidung, wer welchen Grund in Besitz nehmen durfte?
Wir können mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Landbesitznahme ursprünglich stark von der Stärke einer Sippe abhängig war. Von Chancengleichheit konnte damals vermutlich noch weniger die Rede sein als heute. Der fruchtbare Boden fiel automatisch den Starken zu, während Schwächere sich mit dem begnügen mussten, was übrig blieb. Während für eine erfolgreiche Jagd noch Eigenschaften wie Schläue, Geschicklichkeit, Geschwindigkeit und Treffsicherheit von Bedeutung waren, kam es bei der Verteidigung von Grund und Boden vor allem auf die Stärke an. Aus evolutionärer Sicht hatten Gruppen aus schwächeren Individuen daher einen klaren Selektionsnachteil. 
Doch auch für eine starke Sippe gab es keine Garantie, dass nicht eine stärkere kam und ihr den Boden raubte, den sie mühselig bebaute. Um ihre Streitkraft zu vergrößern, mussten sich Familien zusammenschließen oder Zuwanderer aufnehmen. Natürlich gingen auch die Mitglieder unterworfener Sippen in den Besitz der siegreichen über und wurden dort als Sklaven gehalten.
Diese Entwicklung hatte gleich mehrere Konsequenzen. Um die neuen Mitglieder zu ernähren, brauchte es mehr Land. Daraus resultierte die Notwendigkeit zur Expansion. Innerhalb der Gruppe wiederum bildeten sich Strukturen und Hierarchien aus. Dabei entstanden neue Rollen mit unterschiedlicher Machtausprägung und Bedeutung: Landbesitzer und Besitzlose, Privilegierte und Unterprivilegierte. Die Aufgabenvielfalt in einer sich vergrößernden Gruppe veranlasste ihre Mitglieder, sich zu spezialisieren und eine komplexe Rangordnung auszubilden. Mit einem Mal gab es Machthaber, Spezialisten mit bestimmten Fähigkeiten und Menschen auf der untersten Schicht der Hierarchie, die ausschließlich über ihre Körperkraft verfügten.

 

Die Geburtsstunde der Arbeit

Arbeit, wie wir sie heute kennen, gibt es erst im Patriarchat. Sie steht im engen Zusammenhang mit der Anbauwirtschaft. Landherren, Priester, Krieger, ja selbst Handwerker wie Keramiker oder Kupferschmiede werden ihr Tun kaum als auferlegte Bürde oder Strapaze empfunden haben. Immerhin bezogen sie aus ihrer Tätigkeit gesellschaftliche Anerkennung und persönliche Befriedigung. Arbeit hingegen wurde von den Besitzlosen, den Unterprivilegierten, den Sklaven geleistet. Kein Wunder also, dass die Wortgeschichte des Begriffs in so enger Beziehung zu Folter, Knechtschaft, Sklaverei, Mühsal steht.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war es in feudalen Gesellschaften gang und gäbe, die meist landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zu versklaven. In den Vereinigten Staaten fand die Sklaverei erst durch den Sezessionskrieg (1861–1865) und in Europa durch die großen Revolutionen (1789 in Frankreich, 1848 in allen großen europäischen Staaten mit Ausnahme von England und Russland) ein offizielles Ende. An der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft hat sich durch deren offizielle Aufhebung jedoch nicht viel geändert. Die feudale Gewaltherrschaft wurde in den Industriestaaten lediglich durch die Geldherrschaft ersetzt. Auch der ursprüngliche Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen blieb weiterhin aufrecht – mit der wesentlichen Einschränkung allerdings, dass der Wohlstand, trotz aller kritischen Einwände, heute gerechter aufgeteilt ist als in früheren Zeiten.
Nach wie vor ist Arbeit aber das, was den sozial Schwachen von den Mächtigen aufgezwungen wird – auch wenn der Zwang heute subtiler erfolgt als in den Anfängen des Patriarchats. Daher bezieht sich der Begriff Arbeit gefühlsmäßig immer noch auf Tätigkeiten, die in einer Gesellschaft niemand gerne freiwillig ausführen möchte. Wer sonst sollte sie übernehmen, wenn nicht Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen und daher keine andere Wahl haben? Denken Sie doch nur an künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit. Diese hat einen ganz anderen Beigeschmack als zum Beispiel Pflegearbeit in einer Altenstation oder Fließbandarbeit in einer Fabrik. Je begehrter also ein Beruf ist, desto weniger fällt er in die Kategorie Arbeit.
Die meisten Tätigkeiten, denen Menschen in der industrialisierten Welt heute nachgehen, sind eine Art Kompromiss zwischen Arbeit im klassischen Sinn und dem, was man früher unter Berufung verstanden hat. Die Berufswahl erfolgt bei uns ja meist freiwillig, aber in starker Abhängigkeit von den bewussten und unbewussten Vorstellungen eines Berufssuchenden und der realen Situation. Wer gerne als Lehrer(in) Kinder unterrichten möchte, wird mit dieser Tätigkeit sicher andere Fantasien verbinden als jemand, der davon träumt, in einem schnittigen Jet durch die Lüfte zu sausen. Die hoffnungsvollen Erwartungen haben eher den Charakter einer Berufung. Das Gefühl der Arbeit kommt erst mit dem Zwang ins Spiel, wenn wir dieser Tätigkeit auch dann nachkommen müssen, wenn wir lieber etwas anderes täten.

 

Reich wird reicher

Schon den Autoren der Bibel war der Umstand, dass Reiche immer reicher werden, bekannt. Im Matthäus-Evangelium heißt es im Gleichnis von den anvertrauten Talenten:
„Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“
Der Volksmund hat dafür ebenfalls einen Spruch parat: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Auch die Wissenschaft hat diese uralte Lebensweisheit mittlerweile mehrfach bestätigt.
So konnten Albert-László Barabási und Réka Albert zeigen, dass im Internet Seiten mit vielen Links eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, mit einer neuen verlinkt zu werden, als andere. Das von Barabási und Albert entdeckte Prinzip wird „preferential attachment “ genannt. Die Verteilung der verlinkten Seiten wiederum gehorcht dem „power law“ oder auch Potenzgesetz. Dieses besagt, dass sowohl die Anzahl als auch die Größe der zu messenden Objekte exponentiell wächst. Wenn zum Beispiel eine Glasscheibe zu Bruch geht, wird sie in sehr viele kleine, mehrere größere und ganz wenige sehr große Bruchstücke zerspringen. Die zugrunde liegende Wahrscheinlichkeitsverteilung folgt dem Potenzgesetz.
Solche Verteilungskurven lassen sich überall in der Natur nachweisen. Wirtschaftliche Systeme machen da keine Ausnahmen. Man braucht nur die Börsencrashs seit Beginn des Börsenhandels zurückzuverfolgen um zu erkennen, dass deren Verteilung ebenfalls dem „power law“ unterliegt.
Wenn man nun nach Barabási und Albert einem System aus ganz wenigen Knotenpunkten längere Zeit hindurch immer neue Knoten hinzufügt, dann werden früher oder später rein zufällig Knoten entstehen, die über mehr Verbindungen verfügen. Sobald ein Knoten aber mehrere Verbindungen zu anderen unterhält, steigt seine Wahrscheinlichkeit, neuerlich verlinkt zu werden. Am Ende besteht das System aus ganz wenigen großen Knoten, mit ungeheuer vielen Verbindungen, mehreren durchschnittlichen Knoten mit weniger Verbindungen und vielen kleinen Knoten mit ganz wenigen Verbindungen. Wiederum entspricht die Wahrscheinlichkeitsverteilung dem Potenzgesetz.
Der Biologe und Ameisenforscher R. Becker und der Psychologe O. Holland kamen von einer ganz anderen Seite zum selben Ergebnis. Sie entwickelten ein Programm, mit dem einfach gebaute Roboter so gesteuert wurden, dass sie mit einer kleinen Schaufel beliebig im Raum verteilte Gegenstände sammeln und vor sich herschieben konnten. Ihre Kraft reichte gerade dazu aus, drei Gegenstände zu bewegen. Sobald sie auf ein weiteres Objekt oder ein Hindernis (z. B. eine Wand) trafen, fuhren sie kurz nach hinten und schlugen eine andere Richtung ein. „Beginnt man das Experiment der Übersicht halber mit einer relativ regelmäßigen Anordnung der Objekte, so werden nach kurzer Zeit Häufchen mit drei Objekten zu finden sein. Einige Zeit später bilden sich wenige größere Haufen. Lässt man die Roboter lange genug ‚arbeiten‘, so finden sich unerwarteterweise alle Gegenstände auf einem einzigen Haufen versammelt.“
Sobald sich also zufällig ein Haufen mit mehr Objekten gebildet hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass an ihn neue Objekte angelagert werden, signifikant höher als bei Haufen mit weniger Elementen.

 

Die Marktwirtschaft reguliert sich nicht selbst

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Experimente widersprechen dem Mythos von der sich selbst regulierenden Marktwirtschaft und beweisen, dass ein einmal gewonnener Marktvorteil die Wachstumschancen eines Marktanbieters erheblich verbessert. Nehmen wir an, in einem neuen Markt positionierten sich gleich mehrere Dienstleistungsanbieter, die exakt dieselben Leistungen zum selben Preis anbieten. Zufällige Marktfluktuationen führten jedoch bald dazu, dass einige Dienstleister mehr Kunden haben als andere. Schenkt man nun der Theorie des sich selbst regulierenden Marktes Glauben, so müsste sich diese Ungleichheit als Folge der Zufallsschwankungen bald wieder ausgleichen.
Warum das aber in Wirklichkeit nie geschehen wird, beweist das „preferential attachment “-Prinzip von Barabási. Der Marktvorteil, den ein Unternehmen durch die Zufallsfluktuation gewonnen hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sein weiteres Wachstum exponentiell beeinflussen. So wie es das „preferential attachment “-Prinzip vorhersagt: Neue Knoten werden sich leichter mit Knoten verlinken, die schon stark vernetzt sind. Ein Kunde wird umso leichter auf ein Unternehmen stoßen, je mehr Kunden dieses bereits hat, wobei der Prozess nur in eine Richtung läuft und ein eindeutiges Ergebnis hat: „rRch gets richer – poor gets poorer.“
Dass es sich in der Realität genauso verhält, zeigt ein Blick auf die Statistik. Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen im deutschsprachigen Raum die Hälfte des gesamten Privatvermögens. Mehr als jeder Zehnte lebt in bitterer Armut. Während die Hälfte der Beschäftigten weltweit unter der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag lebt, ist die Zahl der Dollarmilliardäre im Zeitraum von 1996 bis 2006 von 423 auf 946 Personen gestiegen. Obwohl die Profite der Unternehmen immer höher werden, liegt die allgemeine Kaufkraft noch immer auf dem Niveau der 1990er-Jahre. Die Schere zwischen Arm und Reich, Mann und Frau, Klein-, Mittel- und Großunternehmen wird ständig größer. Wird dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich bei diesem Polarisierungsprozess der Mittelstand auflöst und es bald nur mehr ganz wenige Reiche und viele ganz Arme gibt.

 

Jenseits der Feindbilder

Längst haben die traditionellen Feindbilder – hier die roten Arbeitnehmer, dort die schwarzen Arbeitgeber – ihre Gültigkeit verloren. Während viele kleine schwarze Arbeitgeber heute ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, verdienen leitende rote Angestellte in Großunternehmen vierzehn Mal pro Jahr dicke Gehälter, sind arbeitsrechtlich abgesichert und müssen sich keine Sorgen machen, wenn sie krank werden.
Rationalisierungsmaßnahmen in Großunternehmen haben darüber hinaus zu einer neuen Form der Selbstständigkeit geführt, die mit dem herkömmlichen Bild des „reichen“ Unternehmers rein gar nichts mehr zu tun hat. Diese neuen Selbstständigen sind in jeder Hinsicht arm dran. Selbstständige Journalisten zum Beispiel liefern hochwertige Arbeit für einen Bruchteil dessen, was ihre angestellten Kollegen in den Redaktionen für dieselbe Arbeit verdienen.
Ähnliche Probleme finden sich überall im Dienstleistungsbereich. Ein Gebrauchsgrafiker kann sich seine langjährige Ausbildung heute auf den Hut stecken, wenn ein angelernter Student mit einem besseren Textverarbeitungs­programm die Drucktexte um vieles billiger layoutet. Mittlerweile gibt es Zeitschriften, die von einer einzigen Person, die gleichzeitig auch „Chefredakteur/in“ ist, für ein lächerlich geringes Honorar hergestellt werden.
Früher, wie heute waren für die Datenanalyse in Unternehmen hochqualifizierte Fachleute notwendig. Heute werden die Statistiken von angelernten Mitarbeitern eigenhändig mit Tabellenkalkulationen gestrickt.
Während handwerkliche Tätigkeiten durch gesetzliche Bestimmungen geschützt sind, tummeln sich im Kultur- und Medienbereich, oder in der Kommunikations-, EDV & IT-Branche unzählige Freelancer, von denen der Gesetzgeber keine Gewerbeprüfung oder sonstigen Qualifikationsnachweis verlangt. Das Überangebot an selbstständigen Dienstleistungsanbietern hat in diesen Branchen die Einkommenssituation natürlich dramatisch verschlechtert. Abgesehen davon, muss sich diese Entwicklung früher oder später zwangsläufig auch auf die Qualität auswirken. Nicht immer sind die billigsten Anbieter auch die besten.
So wie die industrielle Revolution einen großen Teil der körperlich arbeitenden Menschen arbeitslos gemacht hat, sorgt die digitale Revolution im Dienstleistungsbereich zu einer neuen Form der Arbeitslosigkeit, nur das dieses Mal die denkenden und kreativen Berufe Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen.
Gerade die wirtschaftliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum, die vielen Gründungen von Einmann/Einfrau-Unternehmen, die Umschichtung der Arbeit von angestellten Lohnarbeitern zu neuen Selbstständigen zeigt, dass die alten politischen Klischees von rechts und links – Unternehmer und Arbeiter – heute zu kurz greifen. Was wir brauchen, sind vernunftorientierte politische Ansätze, die sich jenseits aller Ideologien an den wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren und auf dieser Grundlage auf die beste Problemlösung abzielen.

 

Der Markt frisst seine Kinder

Machen wir uns keine Illusionen: Der erhöhte Konkurrenzdruck in der globalisierten Welt betrifft alle. Selbstständige Unternehmer genauso wie Führungskräfte oder den oft zitierten kleinen Mann. Wir sitzen alle im selben Boot und müssen, wenn wir nicht auf der Strecke bleiben wollen, alle Interesse daran haben, dass der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung schleunigst gegengesteuert wird. Sonst ist es wirklich nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt wird und wenige große internationale Konzerne zur Gänze den Markt beherrschen. Genauso wie Microsoft heute den Markt der Betriebssysteme und Office-Anwendungen kontrolliert. Angesichts der Übermacht der Großkonzerne müssen Politiker wieder Mut zum Rebellentum haben. 
Wie genau das „preferential attachment “-Prinzip die wirtschaftliche Entwicklung vorhersagt, zeigt ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit in Österreich: 1999 gab es in Österreich ungefähr 100 Internet-Provider, heute gibt es zwar doppelt so viele Anbieter, aber nur mehr fünf, die sich den Löwenanteil des Marktes teilen.
Die Globalisierung hat das exponentielle Wachstum der Weltkonzerne noch zusätzlich beschleunigt. Mittlerweile sind die „big players“ drauf und dran, den gesamten Markt unter sich aufzuteilen. Letztlich führt dieses Szenario zu einer neuen Form des Zentralismus. Nur dass dieses Mal die Großkonzerne diktieren. Über die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt darf man sich diesbezüglich keine Illusionen machen.
Natürlich unterliegt auch die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Jobangebote dem „power law“. Bald wird es neben ganz wenigen Spitzenjobs eine etwas größere Anzahl von besseren Jobs, aber sehr viele schlechte Jobs und Arbeitslose geben. Auch in Europa wird es zwangsläufig zu dieser Entwicklung kommen, wenn sich die Politik nicht endlich mutig dazu durchringt, stärker regulierend auf den Markt Einfluss zu nehmen. Eine solche Marktregulation ist dringend notwendig, weil die Evolution des Marktes im Gegensatz zu den biologischen Systemen eben keiner ausreichenden Selbstregulation unterliegt.
Was glauben Sie, würde mit einem Menschen passieren, der ständig Nahrung aufnimmt, weil ihm die natürliche Sättigungsgrenze fehlt? Ohne Frage würde dieser Mensch mit der Zeit immer mehr Fett ansetzen, bis er eines Tages an den Folgen seiner Fettleibigkeit stirbt. Wie sieht derselbe Sachverhalt bei einem Wirtschaftsunternehmen aus, dass statt Kalorien Geld einnimmt? Hier sind der Gier nicht nur keine Grenzen mehr gesetzt, sondern das „preferential attachment “-Prinzip sagt voraus, dass dieses Unternehmen sogar umso reicher wird je mehr Fett (Reichtum) es bereits angesammelt hat.
Wenn wir heute davon sprechen, dass immer mehr Arbeitnehmer, Führungskräfte, Angestellte, Arbeiter, neue Selbstständige, aber natürlich auch Unternehmer in der Arbeit unter krank machendem Stress stehen, dann kommt man nicht umhin, diese Entwicklung vor dem Hintergrund der vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen zu sehen. Der ungeheure Konkurrenzdruck, dem Unternehmen in der globalisierten Welt heute ausgesetzt sind, schlägt von den Führungskräften bis zur kleinsten Angestellten durch. Keiner kann sich diesem Druck mehr entziehen. Daher muss von vornherein eines klargestellt werden: Egal ob und welche Maßnahmen ein lokales Unternehmen ins Auge fasst um die Stressbelastung seiner Mitarbeiter zu verringern, es wird uns erst dann wieder dauerhaft besser gehen, wenn marktregulierende politische Maßnahmen den Konkurrenzdruck, der auf den Unternehmen lastet, auf ein erträgliches Maß herabgesetzt haben.

 

Individuum, Gruppe, Unternehmen

Mit der Entdeckung des dynamischen Unbewussten, der Relativierung des freien Willens und der Erkenntnis, dass erwachsenes Verhalten weitgehend von kindlichen Wünschen und Emotionen gesteuert wird, revolutionierte Sigmund Freud vor mehr als hundert Jahren das vorherrschende Menschenbild. Der Widerstand gegen seine psychoanalytische Theorie ist bis heute ungebrochen.
Die narzisstische Kränkung, die Freud der Menschheit nicht einmal fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionstheorie zugefügt hatte, war groß. Kein psychologisches Verfahren hat den Menschen bislang stärker verunsichert als die Psychoanalyse. Ihre ernüchternden Erkenntnisse ließen keinen Raum mehr für infantiles Wunschdenken. Der Traum von der unsterblichen Seele war genauso ausgeträumt wie die Illusion vom freien Willen. Hatte Darwin den Menschen mit dem Affen auf denselben Ast der Evolution gesetzt, war dieser nach Freud jetzt nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus. Bei Anhängern ideologisch gefärbter Weltbilder rief die Psychoanalyse besonders heftige Ablehnung hervor, weil diese in ihrem kritischen Anspruch, alles schonungslos zu hinterfragen, Dogmen ganz einfach nicht akzeptierte.
Nach wie vor ist das psychoanalytische Menschenbild so weit vom subjektiven Empfinden entfernt, dass die meisten es emotional nicht einmal ansatzweise nachvollziehen können. Die unbewussten Kräfte, die den Menschen steuern, sind weder direkt erlebbar noch zugänglich. Sie lassen sich lediglich aus Fehlleistungen, Träumen, neurotischen Symptomen erschließen oder mit Hilfe der psychoanalytischen Technik bewusst machen. Die Analyse der Übertragung, auf die ich später noch genauer eingehen werde, ermöglicht es, die infantilen Anteile am erwachsenen Verhalten sichtbar zu machen.
Wie sehr die Psychoanalyse mit ihrer neuen Sicht vom Menschen ins Schwarze getroffen hatte, lässt sich aus den heftigen emotionalen Reaktionen auf ihre Erkenntnisse ableiten. Selbst von wissenschaftlicher Seite erfolgt die Kritik an den psychoanalytischen Konstrukten polemisch, oft genug mit sachlich unbegründetem Schaum vor dem Mund.
Warum aber die stürmischen Gefühle, wenn die Psychoanalyse ohnedies falsch ist? In der Psychoanalyse bezeichnet man solche irrationalen Gefühlsreaktionen als Widerstand. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, das sich in der psychoanalytischen Behandlung genauso wie im Alltag der Aufdeckung verdrängter (peinlicher) Inhalte entgegenstellt. Wenn Sie auf die Feststellung ihres Vorgesetzten: „Ich möchte nicht sagen, dass Sie daran schuld sind …“ kontern: „Natürlich wollen Sie genau das sagen, aber Sie trauen sich nicht, es offen auszusprechen“ und eine wütende Reaktion ernten, so handelt es sich bei der irrationalen Reaktion ihres Vorgesetzten um einen Widerstand.
Aus psychoanalytischer Sicht ist ein Großteil der gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Kritik als Widerstand gegen deren enthüllende, desillusionierende Einsichten zu deuten. Das idealisierende Selbstbild, das der Mensch von sich selbst entworfen hat, verleugnet seine wahre Identität. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, auch nicht das Ebenbild Gottes, sondern sitzen gemeinsam mit den Schimpansen auf irgendeinem Ästchen der Evolution. In unserer Bedeutung unterscheiden wir uns nicht von Insekten. Im Gegenteil, diese haben aus evolutionärer Sicht sogar wesentlich bessere Überlebenschancen. Wer es wagt, diesen Selbstbetrug in Frage zu stellen, erntet aus verständlichen Gründen nur wenig Applaus.
Als Gegenreformation auf die radikalen, Angst machenden Thesen der Psychoanalyse entstand bald eine Vielzahl neuer psychologischer Richtungen, die sich zum Teil als „Weiterentwicklung“ der Psychoanalyse ausgaben – wie die analytische Psychologie nach C. G. Jung bzw. die Individual­psychologie Alfred Adlers – oder als deren Widerpart – wie die humanistische Psychologie –, ohne der Psychoanalyse auch nur annähernd gerecht werden zu können.
Vor allem die Konzepte der humanistischen Psychologie dienten dazu, die Triebnatur des Menschen zu verschleiern. So geht die humanistische Psychologie davon aus, dass der Mensch von Geburt an gut sei. Die Quelle ihres Wissens gibt sie nicht an. Auch bleibt sie uns die Antwort schuldig, wer bestimmt, was gut ist. Aus der Natur des Menschen jedenfalls lässt sich das Gute nicht ableiten, denn die menschlichen Werte sind nicht ja nicht unumstößlich wahr, sondern unterliegen ebenfalls der Evolution – und diese verläuft bekanntlich nicht zielgerichtet. Wurde die Pädophilie in der Antike von Philosophen (siehe Platos Gastmahl) z. B. noch zur höchsten Form der Liebe idealisiert, gilt sie heute als Krankheit oder abscheuliches Verbrechen.
Nach der humanistischen Psychologie soll es auch ein menschliches Selbst geben, das die Tendenz zur Selbstverwirklichung bis hin zur Erleuchtung in sich trägt. Unschwer kann man dahinter das religiöse Konzept von der unsterblichen menschlichen Seele erkennen. Tatsächlich handelt es sich bei der humanistischen Psychologie um keine psychologische Theorie im engeren Sinn, sondern um ein Sammelsurium philosophischer und religiöser Inhalte, die ihre Anziehungskraft auf die Menschen bis heute nicht eingebüßt haben.
Was an den behavioristischen, kognitivistischen und humanistisch-psychologischen, systemischen Konzepten am meisten erschreckt, ist die Naivität, mit der sie dynamische Prozesse des Unbewussten wie Übertragung, Widerstand oder die Wirkungsweise der Abwehrmechanismen aus Unkenntnis nicht berücksichtigen oder leugnen.
All diese Verfahren setzen mit ihren Interventionen auf der bewussten Ebene an. Sie gehen davon aus, dass Menschen auch wirklich wollen, was sie sagen, und verstehen nicht, dass eine bewusste Aussage oder Haltung im Unbewussten eine ganz andere Entsprechung haben kann.
Während der radikale Behaviorismus seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kontinuierlich an Bedeutung verloren hat, erfreut sich die humanistische Psychologie nach wie vor großer Beliebtheit. Vor allem im Bereich der Unternehmensberatung und Organisationsentwicklung sind humanistisch-psychologische Verfahren sehr verbreitet. Ganz egal, ob es sich dabei um systemische Ansätze, Familienaufstellungen, NLP (Neurolinguistische Programmierung) oder andere Konzepte der humanistischen Psychologie handelt, sie alle lassen sich unter einem Titel zusammenfassen: Viel Geld für nichts. 
Einigermaßen entwaffnend sind auch die geistigen Ergüsse, die aus dieser Szene kommen: „Glück macht froh!“ – so die gar nicht unfrohe Erkenntnis eines Coaches für Führungskräfte, die er aber immerhin fünf Millionen Mal aufgelegt hat. Dieser Erfolg wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand von Führungskräften, die sich von solchen Weisheiten beeindrucken lassen. Wer denkt, dass verantwortungsvolle Manager oder Politiker gegenüber dieser Coaching- und Beratungsszene immun seien, wird rasch eines Besseren belehrt.
Wie im Märchen Des Kaisers neue Kleider schneidern Beratungsgurus bis heute ihrer Klientel ungeniert unsichtbare Kleider. Anders als im Märchen gibt es in der Realität leider kein Kind, das aufsteht und sagt: „Die sind ja alle nackt!“
Warum Konfliktmanagement oder Konfliktlösungsseminare die das Unbewusste der Menschen unberücksichtigt lassen, nicht hilfreich sind, bringt Stephan Büttner, alleiniger Geschäftsführer der Ybbstaler Fruchtsaft GmbH, auf den Punkt: „Die Konflikte entstehen ja nicht, weil einer dem anderen den Bleistift weggenommen hat. Die Ursachen liegen wesentlich tiefer und manifestieren sich oft genug in schrecklichen Hassbeziehungen. Da werden Dinge ausgefochten, die mit der unmittelbaren Arbeitssituation nicht das Geringste zu tun haben. Die Leute leben im Unternehmen ihre Störungen voll aus. Oft ist es den Betroffenen gar nicht mehr möglich, zwischen ihren Projektionen und der Wirklichkeit zu unterscheiden. Was nützt es da, die Kommunikation zu verbessern, wenn beide Parteien die Probleme, um die es wirklich geht, leugnen.“
Psychologische Ansätze in der Organisationsentwicklung, die nicht die unbewussten Widerstände, die fehlende Bereitschaft zur Konfliktlösung sichtbar machen und die eigentlichen Hintergründe der Konflikte bearbeiten, nützen da gar nichts.
Natürlich hat Büttner Recht, wenn er darauf hinweist, dass Seminare, die nicht auf die eigentlichen Wurzeln der Konflikte eingehen, reine Geldverschwendung sind. Psychologische Ansätze, die die unbewusste Dynamik in Gruppen unbearbeitet lassen, bleiben zwangsläufig wirkungslos.
Unbearbeitete Konflikte trügen nach Büttner stets die Tendenz zur Eskalation in sich. Wenn zum Beispiel zwei Führungskräfte in einem Unternehmen verfeindet seien, würde sich der Konflikt oft genug auch auf deren Mitarbeiter übertragen. „Da werden dann richtige Armeen aufgebaut, mit der Konsequenz, dass sich dann auch die Mitarbeiter aus den Abteilungen feindlich gegenüberstehen.“ In manchen Fällen sei die Kündigung einer der beiden Konfliktparteien der letzte Ausweg.
Konflikte zwischen Mitarbeitern entstehen nicht aus heiterem Himmel. Kaum jemals haben sie einen rationalen Hintergrund. Oft genug sind sie in der Psyche der Beteiligten begründet. Wer am Arbeitsplatz selbst schon einmal in einen solchen Konflikt hineingezogen wurde oder es mit einem(r) schwierigen Arbeitskollegen(in) zu tun hatte, wird wissen, wie sehr manche Menschen mit ihrem Verhalten das Arbeitsklima beeinträchtigen.
Erstaunlicherweise gelingt es neurotischen Mitarbeitern spielend, andere in ihre Inszenierungen zu verstricken. Umso wichtiger ist es, über die reale Arbeitsebene hinaus ein tiefer gehendes Verständnis für die unbewussten Prozesse zu entwickeln, die sich am Arbeitsplatz so oft negativ bemerkbar machen. Wer einmal verstanden hat, worum es bei vermeintlichen Arbeitskonflikten tatsächlich geht, wird viel leichter in der Lage sein, sich aus neurotischen Konflikten mit Kollegen und Vorgesetzten herauszuhalten. Je besser einem das gelingt, desto weniger wird die Arbeit als Belastung empfunden. Angst und Stress am Arbeitsplatz sind leider nur allzu oft die Folge von irrationalen neurotischen Inszenierungen, bei deren Auflösung kognitive Ansätze völlig unzureichend sind.
Bei den meisten Konflikten am Arbeitsplatz dient der reale Anlass dem Protagonisten nur als Aufhänger für eine Neuinszenierung unverarbeiteter Konfliktsituationen aus der Kindheit. Was man solchen Mitarbeitern bei all dem Schaden, den sie anrichten, zugestehen muss, ist, dass sie keinesfalls vorsätzlich handeln, ja dass sie in den meisten Fällen gar nicht anders können. Die wahre Bedeutung ihres Tuns verschließt sich ihrem Bewusstsein.

 

What a piece of work is man …

Es dauerte Milliarden von Jahren, bis die Evolution ein Lebewesen hervorbrachte, das sich selbst in Frage stellen konnte. Im Laufe der Geschichte wurden die unterschiedlichsten Vorstellungen darüber entwickelt, was das Wesen des Menschen ausmacht. Erst seit einem Jahrhundert wird die Persönlichkeitsforschung vorwiegend von Psychologen, Psychoanalytikern und Neurowissenschaftlern wissenschaftlich betrieben.
Die Persönlichkeit eines Menschen kann nie „rein an sich“ beobachtet oder gar gemessen werden. Sie ist nur indi­rekt erschließbar. Die auseinandergehenden und zum Teil sogar widersprüchlichen Ergebnisse der Persönlichkeitsforschung erklären sich so aus den unterschiedlichen theoretischen  Ausgangsbedingungen der Forscher sowie aus den ungleichen Methoden, die dabei angewandt wurden.
Die bunte Vielfalt der Persönlichkeitstheorien reicht von der Typenlehre des griechischen Arzt Hippokrates (460– ca. 370 v. Chr.) – die Persönlichkeit sei angeboren und durch soma­tische „Säfte“, z. B. Gallensekret bedingt – bis zu den ra­dikalen behavioristischen Ansätzen J. B. Watsons – die Persönlichkeit sei erlernt und nur auf äußere Einflüsse zu­rückzuführen. Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl anderer Konzepte, etwa die humanistischen, sozialpsychologischen, rollenpsychologischen, kognitiven, gruppendynamischen oder systemischen Persönlichkeitstheorien.
Die erste umfassende Persönlichkeitstheorie jedoch, die zunehmend auch von den Neurowissenschaften Bestätigung erfährt, stammt von Sigmund Freud. Nicht anders wie Darwins Evolutionstheorie ruft Freuds psychodynamisches Persönlichkeitsmodell in Fachkreisen bis heute heftige Widerstände hervor. Allein dass Freud die Bedeutung des freien Willens relativierte und dem erwachsenen Verhalten infantile Motive zugrunde legte, war nicht nur für seine Zeitgenossen eine schwer verdauliche Kost.
Für den aus Wien vertriebenen Nobelpreisträger Eric Kandel, einen der bedeutendsten Neurowissenschaftler der Gegenwart, ist Freuds Entwurf dennoch „die immer noch kohärenteste und intellektuell befriedigendste Theorie des Geistes“.
Ähnlich urteilt der amerikanische Doyen der Sozialpsychologie Philip G. Zimbardo: „Trotz der gegen sie [die psychoanalytische Theorie Freuds, Anm.] erhobenen Einwände, hat eine neuere kritischere Bewertung viele seiner Vorstellungen über die Entwicklung der Persönlichkeit und über Psychopathologie bestätigt. Was Picasso in Bezug auf die bildende Kunst getan hat, hat Freud in Bezug auf die menschliche Psyche geleistet: Er hat unsere Art und Weise, über ihre Möglichkeiten nachzudenken, für immer verändert.“
Tatsächlich entwarf Freud ein gänzlich neues Bild vom Menschen, indem er die Dimension eines dynamischen Unbewussten einführte. Nach Freud wird der Mensch von Kräften gesteuert, die sich seinem Bewusstsein und damit auch seinem direkten Zugriff entziehen. Als einer der Ersten erkannte er, dass der freie Wille des Menschen eine Illusion ist. Es verging fast ein ganzes Jahrhundert, bis Neurowissenschaftler wie Benjamin Libet, Álvaro Pascual-Leone, Gerhard Roth, Wolfgang Singer, Henrik Walter experimentell Freuds Relativierung des freien Willens bestätigten.
Die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Forschung lassen keinen Zweifel aufkommen: Der freie Wille ist tatsächlich eine Illusion. Der bewusste Willensakt löst die neuronalen Prozesse im Gehirn nicht aus, sondern folgt ihnen. Das Empfinden, frei entschieden zu haben, ist nichts anderes als eine Begleiterscheinung willkürlicher Gehirnaktivität.
Den Trick, den unser Gehirn bei dieser Umkehrung anwendet, kennen die meisten aus ihren Träumen, wenn wir zum Beispiel überrascht feststellen, dass der Weckreiz am Ende eines langen Traumes den Traum nicht beendet, sondern hervorgerufen hat. Wenn es unser Gehirn schafft, das Zeiterleben im Traum umzukehren, warum sollte das für die Empfindung des freien Willens nicht genauso zutreffen?

 

Der Mensch, ein wunschgesteuertes Wesen

Wenn Sie sich in der Arbeit über einen Menschen ärgern, unterlassen Sie es daher, an seinen Willen zu appellieren. Er wird sich dadurch nicht ändern. Das Einzige was sie mit solch gut gemeinten Versuchen erreichen, ist, dass Sie sich beim nächsten Vorfall noch mehr ärgern.
Vielleicht werden Sie sich jetzt fragen, wieso Menschen Entscheidungen treffen können, wenn sie doch keinen freien Willen haben, und warum sie sich im Großen und Ganzen doch recht vernünftig verhalten? Diese Fähigkeit hat mit unseren bewussten und unbewussten Wünschen zu tun. Wie die Psychoanalyse zeigen konnte, sind psychisch immer mehrere Wünsche gleichzeitig aktiv. Diese können einander entweder verstärken oder blockieren, wobei immer der stärkste Wunsch die Oberhoheit über das menschliche Verhalten erlangt.
Ob ein Wunsch zur Befriedigung zugelassen wird oder nicht, regelt das Lustprinzip. Dieser Algorithmus hat sich im Laufe der Evolution ausgebildet und steuert das menschliche Verhalten so, dass er die Lust maximiert, Unlust und Schmerz aber möglichst vermieden werden. Die Fähigkeit des Menschen, die Zukunft im Geiste vorwegzunehmen, macht es ihm möglich, dann auf die Wunscherfüllung zu verzichten, wenn die daraus resultierenden Spätfolgen schwerer wiegen als das unmittelbare Befriedigungserlebnis selbst.
Was die psychoaktiven Wünsche anbelangt, so lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Zum einen solche, die direkt im Körperlichen verankert sind und auf möglichst unmittelbare Befriedigung drängen. Dabei handelt es sich um selbsterhaltende, aggressive, sexuelle Triebregungen (durchaus auch egoistischer, asozialer Natur). Dort, wo sie mit den gesellschaftlichen Zielen und Wertvorstellungen nicht vereinbar sind, müssen sie im Laufe des Sozialisierungsprozesses aufgegeben oder zumindest verdrängt werden. 
Demgegenüber gibt es kulturell bedingte Wünsche, die ebenfalls im Dienste der Selbsterhaltung stehen, aber nur auf indirektem Wege Befriedigung erlangen. Zum Beispiel der Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz, der nur durch den Verzicht auf gesellschaftlich geächtete Verhaltensweisen befriedigt werden kann.
Doch selbst dort, wo die Angst vor den negativen Konsequenzen zu einer Unterdrückung der meist infantilen Triebregungen führt, ist der Konflikt zwischen den „drängenden“ und „verdrängenden“ Kräften nicht wirklich gelöst. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sobald sich im späteren Leben eine gefahrlose Gelegenheit zur Befriedigung des infantilen Begehrens bietet, wird dies über unser Verhalten Oberhand gewinnen.
Nicht anders als beim freien Willen maskieren die bewussten Motive lediglich die unbewussten und verschleiern auf diese Weise die wahren Beweggründe des menschlichen Handelns. Daher liegt der bewussten Handlungsebene immer eine unbewusste Bedeutungsebene zugrunde. Kein menschliches Verhalten, keine zwischenmenschliche Interaktion ist frei von unbewussten Anteilen. Das gilt für unsere privaten Beziehungen genauso wie für jene in der Arbeit.
Gerade die Bedingungen am Arbeitsplatz, die vorgegebene Rangordnung, die Konkurrenzsituation, laden dazu ein, verdrängte Emotionen aus der Vergangenheit in einer aktuellen zwischenmenschlichen Beziehung erneut in Szene zu setzen. Hat Arbeitsstress meist einen realen Hintergrund, so sind Ängste (z. B. etwas falsch zu machen, von anderen abgelehnt zu werden) oft unbegründet und eine Folge von verdrängten Konflikten, die durch geeignete Ereignisse am Arbeitsplatz berührt werden. Eine genaue Analyse der aktuellen Situation vermag sehr schnell, deren verborgene unbewusste Bedeutung aufzuzeigen.
Menschen, denen die eigentlichen Beweggründe ihres Verhaltens nicht bewusst sind, laufen stets Gefahr, sich selbst und andere in ihre neurotischen Konflikte zu verstricken. Nur vordergründig geht es in diesen Fällen um sachlich begründete Anliegen oder Meinungsverschiedenheiten. Dahinter finden sich meist feindselige Gefühle wie infantile Machtansprüche, Neid, Missgunst, Eifersucht, die das Arbeitsklima vergiften.

 

Der Arbeitsplatz – das Kinderzimmer der Erwachsenen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Psychoanalyse war, dass jeder Mensch auch in seinen Arbeitsbeziehungen Teile seiner infantilen Lebensgeschichte wiederholt. Motor dieser Reinszenierungen sind Wünsche, Gefühle, Erwartungen oder auch komplexe Verhaltensmuster, die ursprünglich in der Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren (Mutter, Vater, Geschwister …) entstanden sind.
Diese Neuinszenierung infantiler Wünsche und Erwartungen im späteren Arbeitsleben darf nicht mit einer Erinnerung verwechselt werden. Das, was mit dem geflügelten Wort „Du erinnerst mich an meine Mutter, meinen Vater …, Du bist wie ...“ gemeint ist, hat nichts mit der Übertragung komplexer frühkindlicher Beziehungsmuster zu tun. Die Übertragung verläuft unbewusst und wird von den handelnden Personen daher auch nicht als solche wahrgenommen.
Warum die frühsten Interaktionsmuster auch für den Erwachsenen noch bestimmend sind, hat mit der Beschaffenheit unseres Gehirns zu tun. Die menschliche Gehirnrinde enthält etwa zehn Milliarden Neuronen (Nervenzellen), die alle miteinander ein gewaltiges Netzwerk – das neuronale Netzwerk – bilden. Dieses Netzwerk ist skaleninvariant, das heißt, dass die einzelnen Knoten unterschiedlich stark miteinander vernetzt sind. Es gibt Knoten mit ungeheuer vielen Verbindungen, Schaltzentren, bei denen die Information zusammenläuft, und Neuronen mit geringfügiger Vernetzung.
Jedes Neuron besteht aus einem Inputbereich, einem Informationsverarbeitungszentrum und einem Outputbereich. Den Inputbereich bilden Zehntausende Dendriten, über die Informationen von anderen Neuronen in den Zellkörper gelangen, wo sie verarbeitet werden. Über den Outputbereich, den Axon, wird die Information zu anderen Neuronen weitergeleitet.
Nach der Hebbschen Regel wird die Verbindung zwischen zwei Neuronen umso stärker, je öfter sie gemeinsam aktiviert werden. Je stärker die Verbindung zwischen zwei Neuronen aber ist, desto schneller wird dort die Information weitergeleitet. Denken Sie an einen frischen Pfad im Schnee. Je mehr Personen ihn benutzen, desto ausgetretener wird er und desto schneller kommt man auf ihm voran.
Im Gehirn einlangende Reize lösen jedoch nicht nur bei zwei, sondern bei ungeheuer vielen miteinander in Verbindung stehenden Neuronen eine Reaktion aus. Auf diese Weise korreliert jeder Reiz mit einem charakteristischen neuronalen Muster, das immer dann, wenn der Reiz eintrifft, aktiviert wird. Durch die Veränderungen in den Synapsen der zeitgleich aktivierten Neuronen wird dieses Muster in das neuronale Netz unseres Gehirns gleichsam eingraviert. Solche neuronalen Muster liegen allen unseren Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen zugrunde.
Was wir im späteren Leben kaum bedenken, ist der Umstand, dass die frühesten und stärksten Muster in unserem Gehirn in der Interaktion mit den primären Bezugsobjekten, allen voran der Mutter (oder einem Mutterersatz), entstanden sind.

  • Der emotionale Verlauf der frühkindlichen Beziehungen zu den primären Bezugsobjekten ist die Grundlage für unser späteres Beziehungsleben. Auch als Erwachsene werden wir immer wieder mit Gefühlen konfrontiert, die zu Objekten in dieser frühen Lebensphase entstanden sind.
  • Die Psychoanalyse kennt reale Objekte (Mutter, Vater, Geschwister) und fantasierte Objekte (z. B. das Symbolbild der verschlingenden Mutter), ganzheitliche Objekte und Teilobjekte (etwa das Bild der nährenden Brust). Am Objekt kann das Begehren sein Ziel verwirklichen und Befriedigung erlangen. Die Beziehung zu den primären Objekten ist sowohl durch positive Liebes- als auch durch negative Hassgefühle charakterisiert. Einfach deswegen, weil kein Elternteil vollkommen ist und das Kind in seiner Sozialisierung zwangsläufig frustriert wird. Daher sind alle Beziehungen ambivalent. Das heißt: Jedes Objekt wird gleichzeitig geliebt und gehasst.
  • Weil die positiven Empfindungen die negativen, feindseligen im Normalfall überlagern, sind die Liebesgefühle meist bewusst, während die dunkle Seite der Ambivalenz, die Hassgefühle im Unbewussten lauern. Abhängig von der erlebten, fantasierten oder ersehnten Eigenschaft des Objektes ergeben sich verschiedene Formen der Objektbeziehung. 
  • In der archaischen Beziehung zur Mutter geht es hauptsächlich um Gefühle des Hungers und der Sättigung, der Nähe und Distanz, der Wärme, Geborgenheit und Verlassenheit, des Vertrauens und der Unsicherheit.
  • Später, wenn das Kind aufgrund seiner psychomotorischen Entwicklung schon aktiv in das Leben eingreifen kann, stehen die unvermeidlichen Machtkämpfe und die daraus resultierende Gefühle der Macht und Ohnmacht, des Zurückhaltens (Verweigerns) und des Loslassens, der Aktivität und Passivität im Vordergrund.
  • Um das dritte, vierte Lebensjahr spielen narzisstische Allmachtsvorstellungen eine wichtige Rolle. Kinder fantasieren sich als großartige Helden und wollen von aller Welt bewundert werden. Vermeintliches Versagen führt zu heftigen Schamgefühlen.
  • Auf der nächsten Entwicklungsstufe stehen beim Kind Gefühle des sexuellen Begehrens, der Rivalität und Eifersucht im Mittelpunkt des Geschehens. Aber auch Schuldgefühle bilden sich aus.
  • Das Schicksal dieser kindlichen Gefühle entscheidet, wie sich ein Mensch in seinem späteren Leben verhält. Oft genug werden Erwachsene noch von ihren kindlichen Gefühlen gesteuert, ohne dass es den Betroffenen selbst oder ihrer Umgebung bewusst wird. Im Gegensatz zu Erinnerungen, die man aufgrund bestimmter Details zeitlich festmachen kann, unterscheiden sich kindliche Gefühle nicht von denen Erwachsener.
  • Reagiert ein/e Mitarbeiter/in zum Beispiel mit beleidigtem Rückzug, so kann es sich dabei um ein realitätsgerechtes Verhalten als Folge einer realen Kränkung handeln oder die vermeintliche Kränkung wird nur vorgeschoben um eine infantile Trotzreaktion in Szene zu setzen. Diese hat mit der aktuellen Arbeitssituation dann aber herzlich wenig zu tun, sondern bezieht sich vielmehr auf eine nur lebensgeschichtlich relevante Konfliktsituation. Die Person reagiert auf ihr gegenwärtiges Umfeld wie ein trotziges Kind auf seine Eltern. Die Gefühlsempfindung ist in beiden Fällen aber die gleiche und auch anhand des sichtbaren Verhaltens kann man keine zuverlässigen Schlüsse über seine Verursachung ziehen.

 

Menschen in Gruppen

Der Mensch lebt sozial nicht im luftleeren Raum. Von Beginn an ist er Teil eines Netzwerkes, seiner Primärgruppe, die ihrerseits wieder Teil eines größeren Netzwerkes ist. Sobald mehrere Menschen miteinander interagieren, entsteht ein Spannungsfeld. Im Alltag spricht man in diesem Zusammenhang von Klima oder Atmosphäre – Arbeitsklima, Betriebsklima, Abteilungsklima, Teamatmosphäre ...
Auch in Gruppen ohne vorgegebene Hierarchie und Aufgabenstellung bilden sich, gewöhnlich schon nach kurzer Zeit, Strukturen und Rollen aus. Die Strukturbildung und Rollenaufteilung in einer Gruppe ist jedoch nicht vom Zufall abhängig, sondern folgt bestimmten Gesetzen.
Das Interesse für Gruppen- oder Massenphänomenen hat in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg stark zugenommen. Die Beschäftigung mit der Gruppe hat die psychoanalytische Theoriebildung im Bereich der Arbeitspsychologie entscheidend vorangetrieben.
S. H. Foulkes, einer der Pioniere der Gruppenanalyse, betrachtet den Einzelnen als Bestandteil seines Milieus, das nur in abstrakter Weise von ihm getrennt werden könne. Er sieht die Gruppe als ein „Interaktionsnetzwerk“ an, in dem die Mitglieder zueinander in Beziehung stehen, wobei jeder das Netz seiner Primärgruppe zu etablieren versucht.
Foulkes versteht die psychische Störung eines Menschen als Ausdruck von Spannungen und Konflikten in seiner Primärgruppe, meist seiner Familie. Die Primärgruppe vergleicht er mit einem Netzwerk, dessen Mitglieder – seine Knotenpunkte – durch Kommunikation und Beziehung miteinander verbunden sind. Die Interaktionsmatrix, die auf diese Weise entsteht, ist nach Foulkes „die Basis, die letzten Endes Sinn und Bedeutung aller Ereignisse bestimmt und auf die alle Kommunikation, ob verbal oder nicht verbal, zurückgeht“.
Das bedeutet freilich auch, dass jedes Mitglied einer Arbeitsgruppe oder eines Teams das aktuelle Geschehen am Arbeitsplatz im Sinne seiner verinnerlichten Interaktionsmatrix interpretiert. Entscheidend ist daher nicht, was wirklich ist, sondern welche Bedeutung den Interaktionen vom Einzelnen zugeschrieben werden. Eine Anregung, die vom Vorgesetzten durchaus positiv gemeint war, kann vom Mitarbeiter im Lichte seiner vergangenen Erfahrungen trotzdem als Entwertung erlebt werden.
Ohne dass es den Mitarbeitern bewusst ist, errichten sie am Arbeitsplatz ein Netzwerk, das die charakteristischen Merkmale ihrer Primärgruppe abbildet. Vorgesetzte und Kollegen stehen für frühere Bezugspersonen, Eltern oder Geschwister. Die Gruppe als Ganzes steht für das gute oder böse Primärobjekt (Mutter). Ob sich die Mitglieder in der Gruppe (Abteilung, Team ...) wie bei der guten Mutter geborgen, sicher aufgehoben, unterstützt, „gut genährt“, versorgt, beschützt oder allein gelassen, bedroht, verfolgt fühlen, hängt nicht nur von den realen Bedingungen, sondern vor allem von den unbewussten Zuschreibungen der Beteiligten auf der Grundlage ihrer subjektiven Interaktionsmatrix ab.  
Nach Raoul Schindler konstituiert sich jede Gruppe über ihre Gegner. Mit seinem gruppendynamischen Ansatz hatte Schindler mehr die Rangordnung innerhalb der Gruppe im Auge. In seiner „soziodynamische Grundformel“ unterschied er in der Gruppe zwischen Alpha-, Beta-, Gamma- und Omega-Position. Übertragen auf die Arbeitsgruppe deckt sich die Alpha-Position normalerweise mit der Führungsposition. Das Gruppenalpha muss ein Gefühl für die Wünsche und Vorstellungen der Mitglieder haben und deren Ideale in sich verkörpern. Narzisstische Alpha-Persönlichkeiten instrumentalisieren die Gruppe gewöhnlich für ihre eigenen Ziele.
Den Experten der Gruppe schreibt Schindler die Beta-Rolle zu. Ihre Aufgabe ist es, den Anführer der Gruppe (Alpha) zu beraten und mit Sachinformationen zu versorgen, damit dieser die richtigen Entscheidungen treffen kann. Die Mitläufer befinden sich in der Gamma-Rolle. Die Omega-Rolle bleibt dem „Sündenbock“ vorbehalten. Er ist der eigentliche Gegenspieler des Gruppen-Alphas, die „Opposition“ im Betrieb. Sobald sich der Führer der Gruppe eine Blöße gibt, besteht für das Omega die Chance, die Machtverhältnisse in der Gruppe auf revolutionärem Weg zu kippen.
In jedem Unternehmen finden sich Alpha-Tiere, Betas und Omegas. Erst die psychoanalytische Organisationsanalyse vermag diese Rollen aufzuzeigen und in modifizierter Form in die Arbeitsgruppe überzuführen.
Sowohl Foulkes als auch Schindler gehen in ihren Gruppennetzwerkmodellen von einer die Dynamik am Arbeitsplatz bestimmenden Grundstruktur aus. Bei Foulkes ist es die verinnerlichte Interaktionsmatrix aus der Primärgruppe (also die Identifikation der Vorgesetzten und Kollegen mit der Mutter-, Vater-, Schwester-, Bruderrolle), bei Schindler eine komplexe hierarchische Grundstruktur mit phylogenetischer Dimension.
Während in einem Team oder in einer Arbeitsgruppe alle Mitglieder miteinander vernetzt sind, trifft dies auf das gesamte Netzwerk eines mittleren oder größeren Unternehmens nicht mehr zu. Solche Netzwerke sind skalenfrei. Das bedeutet, dass sie keine typische Anzahl von Verbindungen pro Knoten aufweisen und Mitarbeiter gleichzeitig mehreren Sub-Netzwerken angehören können.
Trotzdem gibt es auch in skalenfreien Netzwerken fest vorgegebene Rollen, die von den Gruppenmitgliedern erst im Laufe der Gruppenentwicklung besetzt werden. Mit diesen Rollen sind aber keinesfalls die Funktionen gemeint, die Mitarbeiter im Unternehmen ausüben. Es handelt sich dabei vielmehr um psychologische Rollen und die dazugehörigen Attribute.
Am Arbeitsplatz treten die persönlichen Beziehungen meist in den Hintergrund und werden von den Rollenbeziehungen überlagert. Die Rollenzuschreibungen haben aber nur mehr wenig mit den persönlichen Eigenschaften des Rollenträgers zu tun; ähnlich wie die Persönlichkeit des Schauspielers bei einem Theaterstück zugunsten der Rolle, die er spielt, in den Hintergrund tritt. Sobald das Verhalten aber zu sehr von der Rollenerwartung abweicht, kommt es zu Dissonanzen (korrupte Richter, pädophile Lehrer ...). Gerade für Vorgesetzte ist es wichtig, sich mit der an sie gerichteten Rollenerwartung zu identifizieren und sich im Alltag so zu verhalten, wie man es von einer guten Mutter oder einem guten Vater erwarten würde.
Die Rollenaufteilung im Unternehmen entspricht exakt jener im Familienmodell. Neben mütterlichen und väterlichen Rollen gibt es auch die Geschwisterrollen. All diese Rollen laden förmlich dazu ein, unbewusste Beziehungsmuster aus der Vergangenheit auf die gegenwärtige Situation zu übertragen. Die Übertragung kann dabei positiv, idealisierend oder negativ, entwertend gefärbt sein. Sie kann Geschwisterrivalität und Eifersuchtsgefühle zum Ausdruck bringen oder aber mit der Überzeugung einhergehen, man sei das Lieblingskind, dem es zusteht, von allen verwöhnt und bevorzugt zu werden.
Auf der Geschwisterebene geht es bei der Übertragung gefühlsmäßig vor allem um die Konkurrenz. Wer bekommt von den Vorgesetzten (Eltern) mehr Zuwendung, wer wird bevorzugt und wer benachteiligt? Schon Kain hat Abel erschlagen, weil er diesen von Gott bevorzugt wähnte. Die infantile Eifersucht beeinträchtigt die Effizienz von Teams natürlich erheblich. Da die Rivalität meist nicht direkt, sondern auf der Sachebene ausgetragen wird, ist im Berufsalltag davon vordergründig oft nicht viel zu merken. Viele sinnlose Grundsatzdiskussionen in Teams aber erklären sich aus dieser unbewussten Dynamik.
Um den Gruppenzusammenhalt nicht zu gefährden, werden die durch die Konkurrenzsituation hervorgerufenen Aggressionen meist kanalisiert und auf einen Sündenbock gelenkt. An dieser Person wird all das Negative festgemacht, das die anderen bei sich verleugnen müssen. Jede Gruppe braucht einen solchen Blitzableiter, damit die restlichen Mitglieder (Geschwister) die Illusion aufrechthalten können, sie seien gut. Dieser Prügelknabe wird dann tatsächlich für all das verantwortlich gemacht, was in der Abteilung oder im Team nicht funktioniert. Auf kultureller Ebene wird diese undankbare Rolle von der Gesellschaft den Fremden zugeschrieben.

  • Während auf Kollegen häufig Gefühle der realen (oder fantasierten) Geschwisterbeziehung übertragen werden, eignen sich Führungskräfte aufgrund ihrer hierarchischen Position gut als Übertragungsfläche für Wünsche, Gefühle und Einstellungen, die ursprünglich den Eltern gegolten haben.
  • Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Führungskräften, die unterschiedlichen Übertragungen der Mitarbeiter anzunehmen, ohne diese auf sich persönlich zu beziehen oder sich darin verstricken zu lassen. Solange ein Vorgesetzter seinen Mitarbeitern gegenüber eine wohlwollend distanzierte, neutrale Haltung einnimmt, gibt er ihnen weder Grund für besonders liebevolle noch für feindselige Gefühle.

Im Berufsalltag ist bei Vorgesetzten von einer solch wohlmeinenden, abstinenten Haltung gewöhnlich nicht viel zu merken. Im Gegenteil, die Übertragung der Mitarbeiter ruft bei den meisten eine starke emotionale Gegenreaktion hervor, die in der Psychoanalyse Gegenübertragung genannt wird. Darunter werden die unbewussten Gefühlsreaktionen eines Vorgesetzten auf das Übertragungsangebot seiner Mitarbeiter verstanden. Ein Beispiel dafür: eine Mitarbeiterin, dsie sich als arm und völlig hilflos präsentiert und damit bei ihrem Vorgesetzten das Gefühl auslöst, sie vor der Ungerechtigkeit der Welt beschützen zu müssen.
Auch bei Führungskräften führt die Gegenübertragung dazu, dass sie ihre kindlichen Wünsche (narzisstische Größenwünsche, Machtfantasien, Erlösungsfantasien, Rachewünsche, sexuelle Wünsche) und Konflikte in die zwischenmenschliche Beziehung einfließen lassen.
Dass narzisstische Größenfantasien einer Führungskraft nicht nur das Betriebsklima negativ beeinflussen, sondern sogar ein ganzes Unternehmen in den Abgrund reißen können, zeigt das Beispiel von LIBRO.


Anderson, P., Baumberg, Ben 2006

Die Bibel, Moses, Buch Genesis, 3,16ff.

Die Bibel, Matthäus-Evangelium, 25, 29

BARABÁSI, A. 1999, 2006

H. Cruse, J. Dean, H. Ritter 1998

Kandel 2006

Zimbardo 2004

Hebb 1949

Foulkes, S. 1974

Schindler 1957